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Das „Einfa­che Maßnah­men­kon­zept“ der BAuA – jetzt auch für GHS

Auswahl von Schutzmaßnahmen beim Umgang mit Gefahrstoffen – Teil 1
Das „Einfa­che Maßnah­men­kon­zept“ der BAuA – jetzt auch für GHS

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Das „Einfa­che Maßnah­men­kon­zept Gefahr­stoffe“ (EMKG) der Bundes­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin (BAuA) gibt es jetzt seit etwa fünf Jahren. Ursprüng­lich nur für „normale“ Gefahr­stoffe ohne Toten­kopf auf dem Kenn­zeich­nungs­schild gedacht, wurde es im Laufe der Jahre immer weiter verfei­nert und erwei­tert. In der (vorerst) letz­ten Aktua­li­sie­rung wurde im Septem­ber 2009 ein Modul für die Einbe­zie­hung von Stof­fen hinzu­ge­fügt, die nach der neuen CLP-Verordnung der Euro­päi­schen Union (GHS) gekenn­zeich­net sind.

Herrn Dr. Ulrich Welz­ba­cher Kleist­straße 18 53757 Sankt Augus­tin

Die Einfach­heit ist auf diesem langen Weg viel­leicht etwas „auf der Stre­cke“ geblie­ben, aber das EMKG ist immer noch ein geeig­ne­tes Hilfs­mit­tel zur Durch­füh­rung der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung in Betrie­ben, die sich ansons­ten mit den Para­gra­fen des Chemi­ka­li­en­rechts nicht unbe­dingt so gut ausken­nen.
Die wesent­li­chen Elemente des Konzepts werden nach­fol­gend erläu­tert. Der erste Teil dieses Beitrags beschreibt die Ermitt­lung der Gefähr­lich­keits­gruppe mit Hilfe des EMKG, der zweite Teil im nächs­ten Heft erläu­tert die Auswahl der Schutz­maß­nah­men.
1. Grund­la­gen des EMKG
Das „Einfa­che Maßnah­men­kon­zept Gefahrstoffe“(EMKG) der BAuA hilft bei der Auswahl von Schutz­maß­nah­men bei Tätig­kei­ten mit gesund­heits­ge­fähr­den­den Gefahr­stof­fen. Es macht Vorschläge zur Gestal­tung des Arbeits­ver­fah­rens und beschreibt Modell­lö­sun­gen für häufig vorkom­mende Tätig­kei­ten. Darüber hinaus lässt es erken­nen, bei welchen Tätig­kei­ten ein beson­de­rer sicher­heits­tech­ni­scher und arbeits­me­di­zi­ni­scher Bera­tungs­be­darf besteht, um eine ausrei­chende Sicher­heit bei Tätig­kei­ten mit Gefahr­stof­fen zu errei­chen.
Das „Einfa­che Maßnah­men­kon­zept“ rich­tet sich an Verant­wort­li­che in Klein- und Mittel­un­ter­neh­men (KMU), Sicher­heits­fach­kräfte, Betriebs­ärzte und über­be­trieb­li­che Bera­tungs­dienste. Ange­spro­chen sind auch Aufsichts­per­so­nen, Erstel­ler von Sicher­heits­da­ten­blät­tern, Perso­nal­ver­tre­tun­gen und inter­es­sierte Beschäf­tigte.
Seit vergan­ge­nen Herbst ist es auch unter den Kenn­zeich­nungs­re­geln der neuen CLP-Verordnung (GHS) [1] anwend­bar. Hier ist es vor allem geeig­net für Stoffe der Gefah­ren­klas­sen
  • Akute Toxi­zi­tät
  • Ätzung/Reizung/Schädigung der Haut und der Augen
  • Sensi­bi­li­sie­rung beim Einat­men und durch Haut­kon­takt
  • Keimzell-Mutagenität, Kanze­ro­ge­ni­tät und Repro­duk­ti­ons­to­xi­zi­tät
  • Spezi­fi­sche Zielorgan-Toxizität (STOT, einma­lige und wieder­holte Expo­si­tion)
  • Aspi­ra­ti­ons­ge­fahr.
Das Konzept ist nicht anwend­bar bei
  • 1. Gefähr­dun­gen durch physikalisch-chemische Eigen­schaf­ten von Stof­fen, (z.B. bei stoff­be­ding­ten Brand- und Explo­si­ons­ge­fah­ren). Hier­für ist eine geson­derte Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung erfor­der­lich, was aber tech­nisch vorge­bil­de­ten Sicher­heits­fach­kräf­ten sicher meist leich­ter fallen dürfte als bei den Gesund­heits­ge­fah­ren;
  • 2. Tätig­kei­ten, bei denen Gefahr­stoffe entste­hen oder aus Erzeug­nis­sen frei­ge­setzt werden, z.B. Löten und Schwei­ßen, bei der Entste­hung von Pyro­ly­se­pro­duk­ten, Abga­sen oder chemi­schen Reak­tio­nen und Zerset­zungs­vor­gän­gen;
  • 3. Tätig­kei­ten mit Gefahr­stof­fen, die beson­dere Maßnah­men erfor­dern, z.B. Abbruch‑, Sanierungs‑, Reinigungs- oder Recy­cling­tä­tig­kei­ten mit unbe­ab­sich­tig­ter Frei­set­zung von Gefahr­stof­fen;
  • 4. der indus­tri­el­len und gewerb­li­chen Hand­ha­bung von Gasen sowie
  • 5. bei stoff­be­ding­ten Umwelt­ge­fähr­dun­gen.
2. Voraus­set­zun­gen zur Anwen­dung des Konzepts
Zur Anwen­dung des Konzep­tes braucht man – ähnlich wie bei der Ersatz­stoff­be­wer­tung nach dem Wirk­fak­to­ren­kon­zept in Anlage 2 Nr. 2 der TRGS 600 [2] – nur wenige Infor­ma­tio­nen, die mit dem Stoff oder Gemisch gelie­fert werden oder die im Betrieb bereits vorlie­gen (soll­ten), nämlich
  • Infor­ma­tio­nen über die (gefähr­li­chen) Eigen­schaf­ten des Gefahr­stof­fes;
  • Anga­ben zum Frei­set­zungs­ver­mö­gen (Siede­punkt, Neigung zur Staub­ent­wick­lung),
  • Anga­ben zu den verwen­de­ten Mengen.
Die Infor­ma­tio­nen über die Eigen­schaf­ten des Gefahr­stof­fes können dem Kenn­zeich­nungs­schild oder dem Sicher­heits­da­ten­blatt [3] (Kapi­tel 15) entnom­men werden. Siede­punkt und Dampf­druck finden sich eben­falls – soweit rele­vant – im Sicher­heits­da­ten­blatt (Kapi­tel 9). Aus einem gut ausge­füll­ten Sicher­heits­da­ten­blatt (SDB) kann man eben­falls Anga­ben zum „Stau­bungs­ver­hal­ten“ ablei­ten; mögli­cher­weise liegen hier aber auch schon betrieb­li­che Erfah­run­gen vor.
In die Kate­go­rie „Frei­set­zungs­ver­mö­gen“ gehö­ren auch Infor­ma­tio­nen zur Art und zum Umfang eines mögli­chen Haut­kon­tak­tes, der nach dem EMKG aller­dings geson­dert betrach­tet wird.
Die Anga­ben zu den verwen­de­ten Mengen sind im betrieb­li­chen Gefahr­stoff­ver­zeich­nis aufge­führt.
Unab­ding­bare Voraus­set­zung für die Anwen­dung des EMKG (wie für jede korrekte Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung!) sind natür­lich zuver­läs­sige und aktu­elle Infor­ma­tio­nen: Der erste Schritt bei der Anwen­dung des EMKG stellt daher eine Prüfung des Sicher­heits­da­ten­blat­tes auf offen­sicht­lich unvoll­stän­dige oder fehler­hafte Anga­ben dar. Fehler­hafte oder veral­tete Einstu­fun­gen der Gefahr­stoffe führen zu falschen Schutz­maß­nah­men! Es sollte daher immer auf aktu­elle Infor­ma­tio­nen geach­tet und ggf. beim Herstel­ler des Gefahr­stof­fes ein aktu­el­les SDB ange­for­dert werden. Bei Unklar­hei­ten fragen Sie bei Ihrem Liefe­ran­ten nach!
Hinweis:
Die Kenn­zeich­nung von Gefahr­stof­fen weist aller­dings nur die gefähr­li­chen Eigen­schaf­ten aus, die dem Herstel­ler bekannt sind oder über die in der Euro­päi­schen Union offi­zi­ell entschie­den wurde („Legal­ein­stu­fung“ nach Anhang I der Richt­li­nie 67/548/EWG [4] bzw. Anhang VI der EG-CLP-Verordnung [GHS, [1]). Über die schäd­li­chen Wirkun­gen chemi­scher Stoffe bestehen nach wie vor große Wissens­de­fi­zite, die sich erst im Laufe der Entwick­lung von REACH verrin­gern werden.
Insbe­son­dere soll­ten die Anga­ben zur Toxi­ko­lo­gie, zur Einstu­fung und Kenn­zeich­nung sowie zum Arbeits­platz­grenz­wert (soweit zutref­fend) auf Plau­si­bi­li­tät geprüft werden.
Bei den Daten, die im Betrieb selbst ermit­telt werden – z.B. bei der Erstel­lung des Gefahr­stoff­ver­zeich­nis­ses – kommt es darauf an, dass alle Tätig­kei­ten mit Gefahr­stof­fen berück­sich­tigt sind.
3. Anwen­dung des Konzep­tes
Das „Einfa­che Maßnah­men­kon­zept“ beruht darauf, dass die vorste­hend beschrie­be­nen rele­van­ten Beur­tei­lungs­kri­te­rien in nur wenige abge­stufte Kate­go­rien einge­teilt werden; daher rührt auch der Name „Einfa­ches“ Maßnah­men­kon­zept.
Die Grund­idee des Konzepts entspricht einer Empfeh­lung der Euro­päi­schen Union [5]. Im inter­na­tio­na­len Sprach­ge­brauch werden solche „groben“ Abstu­fun­gen von Para­me­tern auch als „control banding“ bezeich­net.
Bei der Einstu­fung von Gefahr­stof­fen bildet das „Einfa­che Maßnah­men­kon­zept“ verschie­dene Gefähr­lich­keits­grup­pen, die zwischen inha­la­ti­ver und derma­ler Gefähr­dung unter­schei­den. Bei inha­la­ti­ver Gefähr­dung wird außer­dem zwischen Stof­fen und Gemi­schen mit und ohne Arbeits­platz­grenz­wert unter­schie­den.
  • 3.1 Gefähr­lich­keits­gruppe Einat­men
  • 3.1.1 Gemi­sche und Stoffe ohne Arbeits­platz­grenz­wert
Entspre­chend den zuge­ord­ne­ten R- oder H‑Sätzen nach der Richt­li­nie 67/548/EWG [4] bzw. der EG-CLP-Verordnung [1] werden die einzel­nen Gefahr­stoffe den Gefähr­lich­keits­grup­pen A bis E zuge­ord­net, wobei die Gefähr­lich­keit mit aufstei­gen­dem Buch­sta­ben zunimmt; sind einem Stoff oder einem Gemisch mehrere R- bzw. H‑Sätze zuge­ord­net, ist immer derje­nige Satz maßge­bend, der zu der jeweils höchs­ten Gefähr­lich­keits­gruppe führt:
Wenn bei einem verwen­de­ten reinen Stoff im Sicher­heits­da­ten­blatt (Abschnitt 11 „Toxi­ko­lo­gie“) nicht alle grund­le­gen­den toxi­ko­lo­gi­schen Prüfun­gen oder Bewer­tun­gen vorlie­gen und diese Daten­lü­cken trotz Nach­frage beim Herstel­ler nicht gefüllt werden können, muss aufgrund der Vorga­ben im Tech­ni­schen Regel­werk (TRGS 400 [6]) eine Zuord­nung mindes­tens in die Gefähr­lich­keits­gruppe B vorge­nom­men werden. Bei fehlen­der Prüfung auf erbgut­ver­än­dern­des Poten­zial ist die Gefähr­lich­keits­gruppe C zu wählen.
Hinweise zu Tabelle 1:
*) Wenn ein Expo­si­ti­ons­weg (Verschlu­cken, Einat­men oder Haut­kon­takt) ange­ge­ben ist, kann man davon ausge­hen, dass die Gefahr nur bei den ange­ge­be­nen Expo­si­ti­ons­we­gen besteht. Entschei­dend für die Zuord­nung der Gefähr­lich­keits­gruppe ist die Expo­si­tion durch Einat­men und Verschlu­cken.
**) Giftige Stoffe der Kat. 3 können wie gesund­heits­schäd­li­che Stoffe der Kat. 4 bewer­tet werden, wenn die
LD50 oral in einem Bereich von 200–300 mg/kg,
LD50 dermal in einem Bereich von 400‑1000 mg/kg,
LC50 für Dämpfe in einem Bereich von 2–10 mg/l ange­ge­ben ist.
Sie finden diese Werte im Sicher­heits­da­ten­blatt in Kapi­tel 11. Die höchste zutref­fende Gefähr­lich­keits­gruppe bestimmt die Bewer­tung des Stof­fes oder des Gemi­sches.
Für dieje­ni­gen Leser, die mit den neuen H‑Sätzen noch nicht so vertraut sind, sind in der folgen­den Tabelle die bishe­ri­gen R‑Sätze nach der EG-Richtlinie 67/548/EWG [4] und die neuen H‑Sätze nach der EG-CLP-Verordnung (GHS) [1] einan­der gegen­über­ge­stellt, soweit sie in Tab. 1 oder Tab. 4 (Seite 26) erwähnt sind; dabei sollte der Anwen­der daran denken, dass viele der bishe­ri­gen R‑Sätze auch in Kombi­na­tion mitein­an­der vorkom­men können.
Die Sätze sind – weil den meis­ten Lesern sicher­lich noch geläu­fi­ger – nach aufstei­gen­den R‑Satz-Nummern geord­net; daran erkennt man aller­dings die in Jahr­zehn­ten gewach­sene (Un)Ordnung des bishe­ri­gen Systems.
Außer­dem stimmt – natur­ge­mäß – der Wort­laut (und teil­weise auch der Inhalt) zwischen dem bishe­ri­gen EG-Recht und den (inter­na­tio­na­len) GHS-Formulierungen in der CLP-Verordnung nicht immer über­ein; bei wesent­li­chen Abwei­chun­gen ist in der folgen­den Tabelle zunächst der jewei­lige R‑Satz, danach der entspre­chende H‑Satz aufge­führt (siehe hierzu auch die „Über­tra­gungs­ta­belle“ in Anhang VII der EG-CLP-Verordnung [1]).
3.1.2 Stoffe und Gemi­sche mit Arbeits­platz­grenz­wert
Gibt es für einen Stoff einen Arbeits­platz­grenz­wert nach TRGS 900 [7], ist dieser – unab­hän­gig von den R- oder H‑Sätzen – maßge­bend für die Ermitt­lung der Gefähr­lich­keits­gruppe bei Gefähr­dun­gen durch Einat­men. Der jewei­lige Arbeits­platz­grenz­wert eines Stof­fes wird dem zutref­fen­den Luft­kon­zen­tra­ti­ons­be­reich der nach­fol­gen­den Tabelle 3 für Fest­stoffe (Stäube) oder Flüs­sig­kei­ten zuge­ord­net. Ein Luft­kon­zen­tra­ti­ons­be­reich defi­niert denje­ni­gen Bereich, der durch die Schutz­maß­nah­men mindes­tens erreicht werden muss.
Die höchste zutref­fende Gefähr­lich­keits­gruppe bestimmt die Bewer­tung des Stof­fes oder des Gemi­sches.
3.2 Gefähr­lich­keits­gruppe Haut­kon­takt
Bei Gefähr­dung durch Haut­kon­takt erfolgt die Zuord­nung von Stof­fen und Gemi­schen entspre­chend der nach­fol­gen­den Tabelle 4.
Hinweise zu Tabelle 4:
*) Wenn bekannt ist, dass ein Stoff nicht haut­re­sorp­tiv ist, kann die Zuord­nung zur Gefähr­lich­keits­gruppe entfal­len. Dabei soll­ten Sie aller­dings berück­sich­ti­gen, dass andere Stoffe mit Carrier-Effekt auch nicht haut­re­sorp­tive Stoffe durch die Haut trans­por­tie­ren können. Beispiele hier­für sind etwa Dimet­lyl­sul­foxid (DMSO), N,N‑Dimethylformamid (DMF) und Glykol­ver­bin­dun­gen.
**) Wenn ein Expo­si­ti­ons­weg (verschlu­cken, einat­men oder Haut­kon­takt) ange­ge­ben ist, kann davon ausge­gan­gen werden, dass Gefahr nur bei den ange­ge­be­nen Expo­si­ti­ons­we­gen besteht. Entschei­dend für die Zuord­nung ist die Expo­si­tion durch Haut­kon­takt.
***) Giftige Stoffe der Kat. 3 können wie gesund­heits­schäd­li­che Stoffe der Kat. 4 bewer­tet werden, wenn die
LD50 oral in einem Bereich von 200–300 mg/kg,
LD50 dermal in einem Bereich von 400‑1000 mg/kg,
LC50 für Dämpfe in einem Bereich von 2–10 mg/l ange­ge­ben ist.
Sie finden diese Werte im Sicher­heits­da­ten­blatt in Kapi­tel 11.
Liegen nicht alle grund­le­gen­den toxi­ko­lo­gi­schen Prüfun­gen oder Bewer­tun­gen vor, dann muss
  • bei fehlen­der Prüfung auf Haut­rei­zung mindes­tens eine Zuord­nung in die Gefähr­lich­keits­gruppe HB und
  • bei fehlen­der Prüfung auf akute Toxi­zi­tät oder Haut­sen­si­bi­li­sie­rung die Zuord­nung zur Gefähr­lich­keits­gruppe HC
vorge­nom­men werden.
Die Prüfung, ob alle toxi­ko­lo­gi­schen Prüfun­gen vorlie­gen, erfolgt bei der Plau­si­bi­li­täts­prü­fung des Sicher­heits­da­ten­blat­tes.
3.3 Mengen­gruppe bei Gefähr­dung durch Einatmen/Tätigkeitsdauer
Bei dem verwen­de­ten Mengen wird zwischen drei Grup­pen unter­schie­den (siehe Tabelle 5).
Nicht immer entschei­det die gesamte vorhan­dene Menge des Gefahr­stof­fes über die Mengen­gruppe. So ist z.B. das Abfül­len von 30 l einer Flüs­sig­keit aus einem Tank der Mengen­gruppe „mittel“ zuzu­ord­nen. Im Zwei­fels­fall sollte aller­dings die jeweils höhere Mengen­gruppe verwen­det werden. Bei flächi­ger Anwen­dung von flüs­si­gen Gefahr­stof­fen (z.B. beim Strei­chen oder bei Reini­gungs­ar­bei­ten) sollte die gehand­habte Menge pro Arbeits­tag, nicht pro Tätig­keit, zugrunde gelegt werden; dies bedeu­tet, dass z.B. bei der Mengen­gruppe „nied­rig“ die ange­wen­dete Menge 1 Liter/Arbeitstag nicht über­schrit­ten werden darf.
Bei der Anwen­dungs­dauer wird nur zwischen „kurz“ (bis zu 15 Minuten/ Tag) und „lang“ (mehr als 15 Minuten/Tag) unter­schie­den.
3.4 Frei­set­zungs­gruppe Einat­men
Zur Bestim­mung der Frei­set­zungs­gruppe werden folgende Anga­ben benö­tigt:
  • 1. Siede­punkt oder Siede­be­reich des Gefahr­stof­fes (bei Flüs­sig­kei­ten finden Sie diese Angabe im Sicher­heits­da­ten­blatt in Abschnitt 9),
  • 2. Das Stau­bungs­ver­hal­ten des Gefahr­stof­fes (bei Fest­stof­fen kann man eine orien­tie­rende Einschät­zung auch bei einer Betriebs­be­ge­hung vorneh­men).
  • 3.4.1 Flüs­sige Gefahr­stoffe
Bei flüs­si­gen Gefahr­stof­fen, die bei Raum­tem­pe­ra­tur (20 °C) verwen­det werden, ergibt sich die Frei­set­zungs­gruppe aus dem Siede­punkt (Sdp.) oder dem Dampf­druck des Gefahr­stof­fes. Ist ein Bereich ange­ge­ben, muss der nied­rigste ange­ge­bene Wert gewählt werden.
Für das Frei­set­zungs­ver­mö­gen gibt es drei Kate­go­rien, die bei Flüs­sig­kei­ten abhän­gig von der Anwen­dungs­tem­pe­ra­tur (AT) sind (s. Tabelle 6). Die Zusam­men­hänge sind in der nach­fol­gen­den Abbil­dung 1 grafisch darge­stellt. Wäss­rige Lösun­gen werden der Frei­set­zungs­gruppe „nied­rig“ zuge­ord­net, wenn die gelös­ten Kompo­nen­ten (z.B. Salze) nur wenig flüch­tig sind und nicht versprüht werden.
3.4.2 Verstau­bungs­ver­hal­ten von Fest­stof­fen
Das Verstau­bungs­ver­hal­ten von Fest­stof­fen lässt sich wie folgt beur­tei­len:
  • Liegt der Gefahr­stoff als Pellet, Wachs oder Granu­lat vor oder entsteht bei der Tätig­keit nur sehr wenig Staub, so ist die Stau­big­keit nied­rig;
  • Ist der Gefahr­stoff grob­pul­v­rig oder entsteht bei der Tätig­keit Staub, der sich nach kurzer Zeit wieder setzt und findet sich Staub auf umlie­gen­den Ober­flä­chen, so ist die Stau­big­keit mittel (z.B. Wasch­mit­tel­pul­ver, Zucker);
  • Ist der Gefahr­stoff fein­pul­v­rig oder entste­hen bei der Tätig­keit Staub­wol­ken, die einige Minu­ten in der Luft blei­ben können, so ist die Stau­big­keit hoch (z.B. Mehl, Drucker­to­ner, Zement)
3.5 Wirk­flä­che und Wirk­dauer bei Haut­kon­takt
Bei Haut­kon­takt unter­schei­det man
  • kleine Wirk­menge: klein­flä­chige Benet­zung (Sprit­zer)
  • große Wirk­menge: groß­flä­chige Benet­zung (Hände und Unter­arme).
Bei der Abschät­zung der Wirk­flä­che ist sowohl die Aufnahme des Gefahr­stof­fes durch direk­ten Haut­kon­takt, als auch durch eine Benet­zung der Haut über Gase, Dämpfe oder Aero­sole – indi­rek­ter Haut­kon­takt – zu beach­ten. Eine Benet­zung der Haut über verschmutzte Arbeits­klei­dung und Arbeits­mit­tel muss eben­falls berück­sich­tigt werden.
Belas­tun­gen durch indi­rek­ten Haut­kon­takt können nach Anhang 2 der TRGS 401 [8] z.B. bei Tätig­kei­ten mit 2‑Butoxyethanol, 2‑Methoxyethanol, 2‑Ethoxyethanol und poly­cy­cli­schen aroma­ti­schen Kohlen­was­ser­stof­fen (PAK) im heißen Zustand auftre­ten.
Tätig­kei­ten mit direk­tem Haut­kon­takt sind z.B. Verlege- und Klebe­ar­bei­ten von Boden­be­lä­gen. Hier­bei können sowohl die Hände als auch die Knie belas­tet sein.
Ist Haut­kon­takt grund­sätz­lich ausge­schlos­sen, müssen diese Infor­ma­tio­nen nicht ermit­telt werden, da kein zusätz­li­cher Maßnah­men­be­darf für den Schutz vor Haut­kon­takt besteht.
Bei der Anwen­dungs­dauer unter­schie­det das EMKG nur zwischen „kurz“ (bis zu 15 Minuten/Tag) und „lang“ (mehr als 15 Minuten/Tag).
Die glei­che Bewer­tung gilt bei der Wirk­dauer von Haut­kon­takt. Dabei beginnt die Wirkung mit der Verun­rei­ni­gung und endet mit der wirk­sa­men Besei­ti­gung. Bei wieder­hol­tem Haut­kon­takt sind die Zeiten mit Haut­kon­takt mit dem jewei­li­gen Gefahr­stoff über den Tag zu addie­ren. Bereits verwen­dete Schutz­hand­schuhe oder andere persön­li­che Schutz­aus­rüs­tun­gen blei­ben dabei außer Acht.
Im zwei­ten Teil dieses Beitrags im nächs­ten Heft lesen Sie mehr über die Auswahl der geeig­ne­ten Schutz­maß­nah­men. Dort finden Sie auch die erwähn­ten Fund­stel­len und Lite­ra­tur­hin­weise.
Autor
Dr. Ulrich Welz­ba­cher, Sankt Augus­tin Autor@Gefahrstoffinformation.de
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