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Alko­hol und Drogen am Arbeits­platz

Dem Missbrauch auf der Spur
Alko­hol und Drogen am Arbeits­platz

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Alko­hol und Drogen gehö­ren zur betrieb­li­chen Wirk­lich­keit. Schät­zun­gen zufolge lassen sich bis zu einem Vier­tel aller Arbeits­un­fälle auf Alko­hol­ein­fluss zurückführen.1 Dadurch entste­hen hier­zu­lande Kosten von zirka 1,7 Milli­ar­den Euro jährlich.2 Der wirt­schaft­li­che Scha­den, der auf Fehl­zei­ten sowie auf die vermin­derte Leis­tungs­fä­hig­keit und Produk­ti­vi­tät von unter Alkohol- und Drogen­ein­fluss stehen­den Mitar­bei­tern zurück­zu­füh­ren ist, liegt bei rund 20 Milli­ar­den Euro pro Jahr.

Vor allem alko­ho­li­sche Getränke werden heut­zu­tage von Menschen aller Alters­grup­pen und sozia­len Stel­lun­gen regel­mä­ßig konsu­miert. Aber auch psycho­ak­tive Medi­ka­mente (Psycho- und Neuro­phar­maka) spie­len zuneh­mend eine Rolle. Da Unter­neh­men immer auch ein Spie­gel der Gesell­schaft sind, blei­ben sie zwangs­läu­fig nicht von den Proble­men und Gefah­ren des Substanz­miss­brauchs verschont. Alko­hol gilt dabei als die Droge, die das betrieb­li­che Umfeld am häufigs­ten belas­tet: Fünf bis sieben Prozent der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung in Deutsch­land haben Schät­zun­gen zufolge ein Alko­hol­pro­blem, das mit einem deut­li­chen Sicher­heits­ri­siko für sie und andere verbun­den ist.4 Weitere gravie­rende Folgen resul­tie­ren aus der Einnahme ille­ga­ler Drogen. Diese führen häufig schon in nied­rigs­ten Konzen­tra­tio­nen zu unbe­re­chen­ba­ren und nicht vorher­zu­se­hen­den Konzentrations‑, Wahrnehmungs- und Denk­stö­run­gen und Fehl­ein­schät­zun­gen.
Doch nicht nur dieser inten­sive Konsum birgt Gefah­ren. „Die Verkür­zung der Thema­tik auf die rund drei Millio­nen Alkohol- und Drogen­süch­ti­gen in Deutsch­land wird dem Problem nicht gerecht“, erklärt Dr. Rolf Breit­stadt, Fach­arzt für Innere und Arbeits- und Umwelt­me­di­zin in der Chemi­schen Indus­trie während einer Diskus­si­ons­runde, die von der Firma Dräger initi­iert wurde. Dort such­ten Exper­ten aus Wissen­schaft, Wirt­schaft und Gewerk­schaft nach Möglich­kei­ten zum Umgang mit Substanz­miss­brauch am Arbeits­platz und zur Schaf­fung eines siche­ren, drogen­freien Arbeits­um­fel­des für die Beleg­schaft. Auch der eigent­lich unpro­ble­ma­ti­sche, nicht „süch­tige“ Konsum könne Folgen für Sicher­heit und Quali­tät haben, ergänzte Breit­stadt.
Für den Unfall unter Alko­hol­ein­fluss mache es keinen Unter­schied, ob der Rest­al­ko­hol vom Abend zuvor oder der Geburts­tags­sekt im Büro der Verur­sa­cher sei. Daher gelte: Um die Sicher­heit am Arbeits­platz signi­fi­kant zu erhö­hen, müsste das Aufneh­men der Tätig­keit unter Alko­hol und oder Drogen­ein­fluss grund­sätz­lich verbo­ten werden, ledig­lich den Konsum von Alko­hol und Drogen im Arbeits­um­feld zu unter­sa­gen, reiche nicht aus.
Neue Anfor­de­run­gen durch verän­derte Arbeits­or­ga­ni­sa­tion
„Das Erken­nen von Auffäl­lig­kei­ten wird im betrieb­li­chen Mitein­an­der immer schwie­ri­ger“, erläu­tert Breit­stadt. „Während Unter­neh­men vor rund zehn Jahren noch von einem rela­tiv fixen Perso­nal­be­stand in einem weit­ge­hend stabi­len Arbeits­um­feld ausge­hen konn­ten, sind heute eine erheb­li­che Fluk­tua­tion von Mitar­bei­tern, die Ausla­ge­rung von Arbeits­be­rei­chen und eine häufige Beschäf­ti­gung von Contrac­to­ren und Leih­ar­bei­tern die Regel. Das mindert die Verbun­den­heit der Mitar­bei­ter unter­ein­an­der und nicht zuletzt die soziale Kontrolle unter den Kolle­gen.“ Zudem hätten die Unter­neh­men keinen direk­ten diszi­pli­na­ri­schen Zugriff auf Mitar­bei­ter von Fremd­fir­men und auch die Durch­füh­rung eines soge­nann­ten „Drug Testings“ vor ihrer Einstel­lung sei meist nicht möglich.
Diese Situa­tion birgt unter Umstän­den ein großes Risi­ko­po­ten­zial für alle Betei­lig­ten – vor allem, wenn es um beson­ders gefahr­ge­neigte Tätig­kei­ten geht, bei denen eine unein­ge­schränkte psycho­phy­si­sche Verfas­sung Voraus­set­zung ist. „Wenn es zu Unfäl­len im Zusam­men­hang mit Substanz­miss­brauch kommt, kann neben dem Konsu­men­ten auch der Arbeit­ge­ber recht­lich belangt werden“, erklärt Prof. Peter Bengels­dorf, Arbeits­recht­ler und ehema­li­ger Geschäfts­füh­rer des Arbeits­ge­ber­ver­ban­des der Metall­in­dus­trie in Schleswig-Holstein. „Führungs­kräfte können sich scha­den­er­satz­pflich­tig oder sogar straf­bar machen, wenn sie es pflicht­wid­rig unter­las­sen, einzu­grei­fen oder wenn sie den Eintritt des Scha­dens hätten verhin­dern können.“
Verant­wort­lich­keit des Arbeit­ge­bers für Mitar­bei­ter und Betrieb
Arbeit­ge­ber haben gegen­über ihren Ange­stell­ten und Perso­nen, die sich im Betrieb aufhal­ten, recht­lich unter­schied­lich begrün­dete Schutz- und Fürsor­ge­pflich­ten zu erfül­len. „Zur Wahrung und Förde­rung der Arbeits­si­cher­heit ist es Aufgabe des Arbeit­ge­bers, die aus dem Alkohol- und Drogen­kon­sum des Mitar­bei­ters resul­tie­rende Gefähr­dung für ihn selbst, die übrige Beleg­schaft und Dritte früh­zei­tig zu erken­nen und nach Möglich­keit auszu­schlie­ßen“, fasst Bengels­dorf zusam­men.
Grund­sätz­lich steht Arbeit­ge­bern eine Reihe von Möglich­kei­ten zur Verfü­gung, um die Basis für ein alkohol- und drogen­freies Arbeits­um­feld zu schaf­fen. Hierzu zählen beispiels­weise
  • die Einfüh­rung eines allge­mei­nen abso­lu­ten Alkohol- und Drogen­ver­bots im Betrieb,
  • der Ausschluss der Verfüg­bar­keit von Alko­ho­lika im Betrieb, zum Beispiel in der Betriebs­kan­tine,
  • Vorsorge bei der Einstel­lung in Form einer ärzt­li­chen Gesund­heits­un­ter­su­chung,
  • die Durch­füh­rung von Aufklä­rungs­ak­tio­nen, Semi­na­ren und Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen,
  • die Durch­füh­rung von Alkohol- und Drogen­kon­trol­len vor oder während der Arbeits­zeit, die unten näher erläu­tert werden.
Wich­tige Voraus­set­zung für die Reali­sie­rung der beschrie­be­nen Maßnah­men ist laut Adi Brach­mann, Gewerk­schafts­se­kre­tär bei der IG Metall, die Akzep­tanz in der Beleg­schaft. „Eine Verord­nung von obers­ter Stelle ohne Einbe­zie­hung der Mitar­bei­ter ist wenig Ziel führend. Insbe­son­dere Verbote soll­ten Arbeit­ge­ber nicht ausspre­chen, wenn sie nicht von der Beleg­schaft gestützt werden“, so Brach­mann. „Außer­dem müssen sie für alle gelten – vom Kolle­gen am Band bis zur Vorstands­etage.“
Einsatz von Alkohol- und Drogen­kon­trol­len
Die Erfah­run­gen vieler Unter­neh­men zeigen jedoch, dass inner­be­trieb­li­che Sicher­heit und ein drogen­freier Betrieb nicht allein über Aufklä­rungs­kam­pa­gnen oder Verbote zu reali­sie­ren sind. „Zur Wahrung der Sicher­heit im Unter­neh­men könn­ten regel­mä­ßige Tests am besten beitra­gen – und zwar nicht nur verdachts­ab­hän­gige, sondern vor allem verdachts­un­ab­hän­gige, soge­nannte rando­mi­sierte Tests. Sie wären die logi­sche Folge, wenn man das Verbot des Arbei­tens unter Alko­hol und Drogen­wir­kung auch durch­zu­set­zen will“, erklärt Breit­stadt.
Schon jetzt zeigt die Praxis, dass sich Alkohol- und Drogen­kon­sum allzu selten per Augen­schein erken­nen lassen. Die Veri­fi­zie­rung der Vermu­tung bedürfe aber eben einer belast­ba­ren Über­prü­fung, auch um dem Mitar­bei­ter die faire Chance zu geben sich von einem Verdacht frei­zu­spre­chen. Laut Exper­ten­an­sicht sind profes­sio­nelle Alkohol- und Drogen­tests grund­sätz­lich das effek­tivste Instru­ment zur Fest­stel­lung von Substanz­miss­brauch. „Profes­sio­nelle Geräte zur Messung der Alko­hola­tem­kon­zen­tra­tion sind heute so weit entwi­ckelt, dass sie ebenso zuver­läs­sige Ergeb­nisse liefern wie eine aufwen­dige Blut­un­ter­su­chung im Labor – und das an Ort und Stelle“, erläu­tert Dr. Michael Vogel, Produkt­spe­zia­list für Alkohol- und Drogen­dia­gnos­tik im Unter­neh­mens­be­reich Sicher­heits­tech­nik bei Dräger. „Zudem erfor­dern sie keinen Eingriff in die körper­li­che Inte­gri­tät der Test­per­son.“
„Um bei vermu­te­tem Drogen­miss­brauch sicher zu gehen, sollte eine Analyse von Urin oder Spei­chel vorge­nom­men werden,“ meint Vogel. „Urin­tests geben dabei Aufschluss über lang­fris­ti­gen Konsum. Spei­chel­tests hinge­gen zeigen eine aktu­elle Beein­flus­sung des Proban­den durch bewusst­seins­ver­än­dernde Substan­zen an.“ Somit sei der Spei­chel­test das Mittel der Wahl, wenn es um die Ermitt­lung aktu­el­ler Gefähr­dung durch Konsu­men­ten gehe, so Vogel. Zudem berge die Proben­nahme von Urin die Gefahr der Verfäl­schung des Unter­su­chungs­ma­te­ri­als, da sie nicht oder nur sehr einge­schränkt unter Aufsicht statt­fin­den könne. Spei­chel dage­gen ließe sich einfach, orts­un­ab­hän­gig und unter Beob­ach­tung entneh­men. Das Ergeb­nis neues­ter Drogen­mess­ge­räte wie dem Dräger Drug­Test 5000 läge inner­halb weni­ger Minu­ten vor.
Betrieb­li­che Möglich­kei­ten zur Fest­stel­lung von Substanz­miss­brauch
In Unter­neh­men sind verschie­dene Szena­rien von inner­be­trieb­li­chen Alkohol- und Drogen­kon­trol­len denk­bar, die aus recht­li­chen Grün­den in Deutsch­land jedoch nicht immer zu reali­sie­ren sind.
1. Drogen­tests bei der Einstel­lung
Einige Unter­neh­men führen im Rahmen ihrer Einstel­lungs­un­ter­su­chun­gen Drogen­tests durch, um den Substanz­miss­brauch am Arbeits­platz einzu­däm­men. Betriebe brin­gen durch diese im Vorfeld ange­kün­digte Form der Kontrolle deut­lich zum Ausdruck, dass sie weder Drogen­kon­sum noch dessen Auswir­kung am Arbeits­platz akzep­tie­ren. Die Test­ergeb­nisse unter­lie­gen dabei der ärzt­li­chen Schwei­ge­pflicht und die Perso­nal­ab­tei­lung erhält im Fall eines posi­ti­ven Ergeb­nis­ses ledig­lich den Hinweis, dass der Bewer­ber aus medi­zi­ni­schen Grün­den nicht für die vorge­se­hene Stelle geeig­net ist.
Als Maßnahme, um grund­sätz­lich betrieb­li­che Sicher­heit herzu­stel­len, sind diese Tests jedoch unge­eig­net, da sie einma­lig statt­fin­den und die Beleg­schaft nicht einbe­zie­hen. „Schließ­lich,“ so Breit­stadt, „lassen sie sich auf eine Art Intel­li­genz­test redu­zie­ren, den derje­nige besteht, der ‚clever’ genug ist, seinen Konsum zu kontrol­lie­ren und „clean“ zur Einstel­lungs­un­ter­su­chung zu kommen.“
2. Verdachts­ab­hän­gige Kontrol­len
Gängig und in Deutsch­land erlaubt sind verdachts­ab­hän­gige Kontrol­len in den Betrie­ben. Torkeln, eine lallende Spra­che, ein glasi­ger Blick oder gewei­tete Pupil­len sind eindeu­tige Verdachts­mo­mente, die die Teil­nahme an einem Test ohne Blut­ent­nahme ange­mes­sen und für den Mitar­bei­ter zumut­bar machen. Auch im Falle eines Betriebs­un­falls sind Tests auf Alkohol- und Drogen­kon­sum zuläs­sig. Bengels­dorf erläu­terte die recht­li­che Seite: Das von den Betriebs­par­teien zu sichernde allge­meine Persön­lich­keits­recht des Mitar­bei­ters schützt diesen zwar grund­sätz­lich vor der Erhe­bung und Weiter­gabe von Befun­den eines Alkohol- bzw. Drogen­tests. Dennoch hat der Mitar­bei­ter grund­sätz­lich in einer Betriebs­ver­ein­ba­rung fest­ge­legte Kontroll­maß­nah­men zu dulden, die der Wahrung und Förde­rung der Arbeits­si­cher­heit dienen. Das bedeu­tet, dass er zwar in die konkrete Kontroll­maß­nahme einwil­li­gen muss. Weigert er sich aber, dürfen die Betriebs­par­teien diese Ableh­nung als erheb­li­ches Indiz für einen erfolg­ten Alkohol- bzw. Drogen­kon­sum werten.
3. Verdachts­un­ab­hän­gige Tests
Tests ohne konkre­ten Anlass beru­hen auf dem Zufalls­prin­zip und werden stich­pro­ben­ar­tig durch­ge­führt. „Eine durch­gän­gig klare Rechts­spre­chung gibt es bislang nicht, doch wird eine Verpflich­tung der für Mitar­bei­ter zur Teil­nahme an Stich­pro­ben an einem gefahr­träch­ti­gen, sicher­heits­emp­find­li­chen Arbeits­platz in der Regel gebil­ligt“, so Bengels­dorf. Hier­mit sind vor allem Tätig­kei­ten – zum Beispiel in der Luft­fahrt, der Perso­nen­be­för­de­rung oder im Gerüst- und Hoch­bau – gemeint, bei denen Alkohol- und Drogen­kon­su­men­ten die Sicher­heit des Betriebs, der Kolle­gen oder der eige­nen Person akut gefähr­den. Entspre­chend habe das Arbeits­ge­richt Hamburg verdachts­un­ab­hän­gige Sucht­mit­tel­kon­trol­len zur Über­prü­fung der Arbeits­fä­hig­keit bei solchen Tätig­kei­ten für zuläs­sig erklärt, bei denen eine alkohol- bzw. drogen­kon­sum­be­dingte Schlecht­leis­tung zu Gefah­ren für Leib und Leben Drit­ter führen können.
„Solche rando­mi­sier­ten Tests würden als eine konstruk­tive Verun­si­che­rung alkohol- und Drogen konsu­mie­ren­der Mitar­bei­ter wirken können. Dabei geht es nicht nur um Such­mit­tel­ab­hän­gige, sondern auch um solche Mitar­bei­ter mit „norma­lem“ bis proble­ma­ti­schem Konsum­ver­hal­ten, die durch diese imma­nente Verun­si­che­rung aufzu­fal­len und folgende diszi­pli­na­ri­sche Maßnahme zum Verzicht bewo­gen werden“, erläu­tert Breit­stadt. „Den Mitar­bei­tern muss von Betriebs­seite deut­lich gemacht werden, dass es bei der Arbeit unter Alko­hol und/oder Drogen­wir­kung um eine Regel­über­schrei­tung geht, die diszi­pli­na­ri­sche Konse­quen­zen hat. Die Durch­füh­rung der Tests sollte auch nicht primär in die Hände von Arbeits­me­di­zi­nern, sondern von Drit­ten gelegt werden. Das erleich­tert den diszi­pli­na­ri­schen Durch­griff bei posi­ti­vem Test, da beispiels­weise Ordnungs­dienste die die Tests durch­füh­ren, nicht der Schwei­ge­pflicht unter­lie­gen.“
Die Erfah­run­gen aus ande­ren Ländern zeig­ten: Rando­mi­sierte Tests sind ein proba­tes Mittel zur Wahrung und Förde­rung der Arbeits­si­cher­heit, da der anfäl­lige Mitar­bei­ter wegen des Risi­kos einer mögli­chen Entde­ckung im besten Fall auf Alko­hol und Drogen verzich­tet und nüch­tern an seinem Arbeits­platz erscheint. Gewerk­schafts­se­kre­tär Brach­mann mahnt an dieser Stelle dazu, die Ursa­chen für den Griff zur Droge nicht außer Acht zu lassen. „Die Einfüh­rung verdachts­un­ab­hän­gi­ger Kontrol­len löst das Problem nicht alleine, wenn betrof­fene Mitar­bei­ter und Arbeit­ge­ber nicht gemein­sam nach den Grün­den für das proble­ma­ti­sche Konsum­ver­hal­ten suchen und diese zu behe­ben versu­chen.“
4. Tests vor Arbeits­be­ginn
Eine weitere Möglich­keit für die Fest­stel­lung von Substanz­miss­brauch im betrieb­li­chen Umfeld stel­len Alkohol- und Drogen­kon­trol­len vor Arbeits­be­ginn dar. „Hier sind uns unsere euro­päi­schen Nach­barn weit voraus“, erklärt Breit­stadt. „In Schwe­den beispiels­weise sind in öffent­li­chen Verkehrs­mit­teln Geräte weit verbrei­tet, die dem Motor­start die Abgabe einer nega­ti­ven Atem­probe voran­stel­len, etwa Alkohol-Interlock-Systeme.“ Auch in der Indus­trie werden schon verein­zelt Inter­locks als Präventiv-Maßnahme genutzt, etwa, um das Star­ten einer Maschine nur im nüch­ter­nen Zustand zu erlau­ben. Als Teil einer inno­va­ti­ven Sicher­heits­stra­te­gie sei der Einsatz solcher analy­ti­scher Verfah­ren vor Arbeits­be­ginn auch in Deutsch­land denk­bar.
Fazit und Ausblick
Dimen­sion und Auswir­kung von Substanz­miss­brauch am Arbeits­platz erschei­nen in Deutsch­land bislang als unter­schätz­tes Problem. Es fehlt an belast­ba­ren Zahlen zum Konsum im betrieb­li­chen Umfeld, ohne die eine konstruk­tive Problem­lö­sung nur erschwert möglich ist. Statis­ti­ken können wiederum nicht erho­ben werden, solange sich Unter­neh­men mit der Durch­füh­rung von verdachts­un­ab­hän­gi­gen Alkohol- und Drogen­tests in einer recht­li­chen Grau­zone bewe­gen. Einma­lige Tests – etwa bei Einstel­lung – lösen nicht das Problem des Substanz­miss­brauchs am Arbeits­platz, sondern bilden ledig­lich eine Moment­auf­nahme. Verdachts­un­ab­hän­gige, rando­mi­sierte Tests hinge­gen wirken wie eine „inner­be­trieb­li­che Radar­falle“, die eine Über­prü­fung jeder­zeit möglich macht und Konsu­men­ten entspre­chend abschreckt. Noch weiter reichen hier Konzepte, die Alkohol- und Drogen­tests vor jedem Arbeits­be­ginn vorse­hen und so die Nüch­tern­heit – zumin­dest bei Arbeits­an­tritt – gewähr­leis­ten. Als Mess­me­tho­di­ken in der Diskus­sion sind derzeit v.a. die beschrie­be­nen Speichel- und Alko­hola­tem­tests, die schnell und einfach vor Arbeits­be­ginn ohne Einbe­zie­hung eines Arztes durch­ge­führt werden können. Moderne Mess­ge­räte gewähr­leis­ten eine exakte, zeit­nahe Vor-Ort-Analyse der aktu­el­len Beein­träch­ti­gung durch Alko­hol oder Drogen. Tests auf Basis von Blut­ent­nah­men und damit ein Eingriff in die körper­li­che Inte­gri­tät der Mitar­bei­ter sind damit nicht mehr notwen­dig.
Zur Umset­zung verdachts­un­ab­hän­gi­ger Kontrol­len in Unter­neh­men fehlen aller­dings bislang entspre­chende durch­gän­gige arbeits­recht­li­che Rege­lun­gen. Für die Zukunft sehen die Exper­ten vor allem die Notwen­dig­keit, ein öffent­li­ches Problem­be­wusst­sein für das Thema Substanz­miss­brauch am Arbeits­platz als ein Sicher­heits­ri­siko zu schaf­fen. Gefor­dert sind Zustän­dig­kei­ten für die Fest­stel­lung und den Umgang mit den Gefah­ren durch Alkohol- und Drogen­kon­sum im Betrieb, entspre­chend der Hand­lungs­mus­ter, die für Alkohol- und Drogen­kon­sum im Stra­ßen­ver­kehr bestehen. Nur so können nach Exper­ten­an­sicht die betrieb­li­che Sicher­heit garan­tiert und Mitar­bei­ter mit proble­ma­ti­schem Alkohol- und Drogen­kon­sum zu einem verän­der­ten Verhal­ten bewegt werden. red
1Deutsche Haupt­stelle für Sucht­fra­gen e.V., 2008 2 Berg­mann, E. und K. Horch (2002): Beiträge zur Gesund­heits­be­richt­erstat­tung des Bundes – Kosten alko­ho­las­so­zi­ier­ter Krank­hei­ten; Schät­zun­gen für Deutsch­land, Robert Koch-Institut, Berlin) 3 ebd. 4 Deut­sche Haupt­stelle für Sucht­fra­gen e.V., 2008

Fakten zum Substanz­miss­brauch
Zwar sinkt der Pro-Kopf-Verbrauch von reinem Alko­hol in Deutsch­land seit Jahren leicht, doch trin­ken die Deut­schen insge­samt zu viel: Mit rund zehn Litern reinem Alko­hol pro Einwoh­ner jähr­lich (111 Liter Bier, 20,7 Liter Wein, 4 Liter Schaum­wein und 5,5 Liter Spiri­tuo­sen) ist der Alko­hol­kon­sum des Einzel­nen im Vergleich zu ande­ren euro­päi­schen Ländern hoch und damit zugleich um etli­ches höher als die Grenz­werte, die die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion WHO für risi­ko­ar­men Konsum angibt (Quelle: DHS, 2008).
Laut Drogen- und Sucht­be­richt 2009 der Drogen­be­auf­trag­ten der Bundes­re­gie­rung konsu­mie­ren 9 Millio­nen Deut­sche Alko­hol in gesund­heit­lich riskan­ter Form. Etwa 1,3 Millio­nen Menschen gelten als alko­hol­ab­hän­gig. Nach neuen Berech­nun­gen ster­ben in Deutsch­land jähr­lich mindes­tens 73.000 Menschen an den Folgen ihres Alko­hol­miss­brauchs. Tabak ist gemäß dem Bericht das größte vermeid­bare Gesund­heits­ri­siko. 33,9 Prozent der Erwach­se­nen in Deutsch­land rauchen, das entspricht 16 Millio­nen Menschen. 140.000 ster­ben jedes Jahr vorzei­tig an den direk­ten Folgen des Rauchens, etwa 3.300 Menschen an den Folgen des Passiv­rau­chens. Die volks­wirt­schaft­li­chen Kosten des Rauchens für die Gesell­schaft werden auf 18,8 Milli­ar­den Euro geschätzt.
In Bezug auf Psycho­phar­maka geben rund 28 Prozent der Bevöl­ke­rung an, schon einmal Medi­ka­mente zur Verbes­se­rung der geis­ti­gen Leis­tungs­fä­hig­keit oder psychi­schen Befind­lich­keit einge­nom­men zu haben, und zwar ohne medi­zi­ni­sche Notwen­dig­keit (Quelle: DAK-Bevölkerungsumfrage, 2008). Die Drogen­be­auf­tragte der Bundes­re­gie­rung schätzt, dass 1,4 bis 1,9 Millio­nen Menschen hier­zu­lande medi­ka­men­ten­ab­hän­gig sind, davon 70 Prozent Frauen. Anders als bei der Drogen- und Alko­hol­sucht verläuft die Abhän­gig­keit von Medi­ka­men­ten unauf­fäl­lig, diskret und im Alltag kaum wahr­nehm­bar. Deshalb gilt sie als „Stille Sucht“.
Nach dem Bericht 2008 des natio­na­len REITOX-Knotenpunkts an die Euro­päi­sche Beob­ach­tungs­stelle für Drogen und Drogen­sucht (EBDD) ist Canna­bis nach wie vor die mit Abstand häufigste konsu­mierte ille­gale Droge. Der aktu­ell vorlie­gende Epide­mio­lo­gi­sche Sucht-Survey von 2006 geht davon aus, dass in Deutsch­land insge­samt etwa 600.000 Perso­nen zwischen 18 und 64 Jahren Canna­bis entwe­der miss­brau­chen (380.000) oder von Canna­bis abhän­gig sind (220.000). Zudem gehen Schät­zun­gen davon aus, dass 200.000 Menschen in Deutsch­land ille­gale Drogen, d.h. Opiate, Kokain oder Amphet­amine sehr riskant konsu­mie­ren, sprich inji­zie­ren. 2009 star­ben insge­samt 1.331 Menschen am Konsum ille­ga­ler Drogen, gab die Bundes­re­gie­rung bekannt.

Defi­ni­tion Droge
Unter der Bezeich­nung „Droge“ werden auf das zentrale Nerven­sys­tem (ZNS) wirkende natür­li­che, halb- oder voll­syn­the­ti­sche Stoffe verstan­den, die mit dem Ziel einge­nom­men werden, eine Bewusstseins- und/oder Erleb­nis­ver­än­de­rung herbei­zu­füh­ren. In: „Substanz­miss­brauch und Diagnos­tik“, heraus­ge­ge­ben von Dräger, Januar 2006.

Infos für Führungs­kräfte
Die Barmer GEK und die Deut­sche Haupt­stelle für Sucht­fra­gen e.V. haben für Perso­na­ler die Broschüre „Alko­hol am Arbeits­platz“ aufge­legt. Sie bietet Check­lis­ten, woran man Mitar­bei­ter mit hohem Alko­hol­kon­sum erkennt, Tipps zu Inter­ven­ti­ons­mög­lich­kei­ten sowie recht­li­che Hinweise. Down­load unter www.barmer-gek.de
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