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Der große Wurf oder mit Vorsicht zu genießen?

Einsatz von Multinormbekleidung
Der große Wurf oder mit Vorsicht zu genießen?

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Sechs, acht oder sog­ar zehn Nor­men erfüllen sie, die Alleskön­ner auf dem Markt der Schutzk­lei­dung. Mul­ti­funk­tion­sklei­dung, die ihre Träger gle­ich gegen mehrere Gefährdun­gen schützt, erobert den Markt. Das Ver­sprechen ist ver­führerisch, denn impliziert es doch den Schnell-und-ein­fach-Run­dum-gut-geschützt-Fak­tor. Doch wie in so vie­len Bere­ichen passt das Prinzip „Viel hil­ft viel“ auch hin­sichtlich Schutzk­lei­dung zwar manch­mal, aber in den meis­ten Fällen eben nicht.

Es stimmt! Schutzk­lei­dung kann mehr als noch vor weni­gen Jahren. Inno­v­a­tive Faser­mis­chun­gen ermöglichen Gewebe mit mul­ti­plen und höheren Schutz­funk­tio­nen. Die Kom­bi­na­tion von Hitze- und Flamm­schutzk­lei­dung mit Chemikalien­schutz und Anti­s­ta­tikeigen­schaften ist zum Beispiel keine Sen­sa­tion mehr. Den­noch es ist nicht rat­sam, zu ver­trauensvoll mit jedem ange­bote­nen Bre­it­band­schutz umzuge­hen. Wird er ohne Prü­fung auf Tauglichkeit für den Tätigkeits­bere­ich des Trägers einge­set­zt, kann er mehr Gefahr bergen, als Nutzen brin­gen. Wer seinen Mitar­beit­ern den richti­gen Schutz empfehlen möchte, muss zunächst die am Arbeit­splatz vorhan­de­nen Risiken in ein­er Gefährdungs­beurteilung zusam­men­stellen und bew­erten. Auch hier gilt: Die Möglichkeit­en guten Schutz zu bieten, sind so vielfältig wie es die Gefährdun­gen selb­st sind. Je bess­er man weiß, welche Risiken in welchem Aus­maß vorhan­den sind, je eher find­et man ein Gewebe, das den Anforderun­gen best­möglich entspricht.
The­o­rie mit Prax­is abgle­ichen
Grund­sät­zlich ist die Beze­ich­nung „Multi­normk­lei­dung“ für eine Schutzbek­lei­dung, die mehrere Nor­men erfüllt, tre­f­fend­er. Wenn eine Klei­dung die Zer­ti­fizierung nach ein­er Norm bestanden hat, heißt es eben ganz genau das: Sie erfüllt die Kri­te­rien dieser Norm. Wer aber die Inhalte der Norm und das, was sie bedeuten, nicht im Detail ken­nt, kann hin­sichtlich der Prax­is­tauglichkeit der Klei­dung falsche Vorstel­lun­gen entwick­eln. Ein Beispiel: Im Rah­men der Prü­fung ein­er Chemikalien­schutzk­lei­dung nach Typ 6 muss die Beständigkeit nur mit ein­er von vier Chemikalien nachgewiesen wer­den. Die Zer­ti­fizierung ein­er Klei­dung nach EN 13034 – Schutzk­lei­dung gegen flüs­sige Chemikalien Typ 6 sagt also noch nichts darüber aus, ob sie sich als aus­re­ichen­den Schutz gegen die Chemikalien eignet, die im eige­nen Betrieb einge­set­zt wer­den.
Darüber hin­aus gibt es eine große Var­i­anz der Schutz­funk­tion, die durch Konzen­tra­tion und Tem­per­atur ein­er Chemikalie bed­ingt wird. Welche Schutzk­lei­dung sich im konkreten Fall eignet, kann nur bezo­gen auf die am Arbeit­splatz eingesetzte(n) Chemikalie(n) unter Berück­sich­ti­gung ihrer Konzen­tra­tion und der Tem­per­atur abge­fragt wer­den. Die Aus­sagen der Nor­men müssen daher sehr dif­feren­ziert hin­sichtlich ihrer tat­säch­lichen Prax­is­tauglichkeit für den spez­i­fis­chen Bedarf am Ein­sat­zort der Klei­dung betra­chtet wer­den.
Wie viel Schutz ist notwendig?
Selb­stver­ständlich definiert sich Schutzbek­lei­dung erst ein­mal über das Erfüllen der har­mon­isierten Nor­men. Ob ein Gewebe tat­säch­lich für eine ganz bes­timmte real vorhan­dene spez­i­fis­che Expo­si­tion eignet ist, gewährleis­tet die Zer­ti­fizierung nicht. Die schöne Vorstel­lung, dass Multi­normk­lei­dung gegen vieles allerbestens schützt, bleibt lei­der eine Illu­sion. Hinzu kommt, dass bei genauerem Hin­se­hen kaum jemand sechs oder mehr Stan­dard-Schutz­funk­tio­nen benötigt. Multi­normk­lei­dung, die viele Nor­men erfüllt, umfasst dann eventuell einige Schutz­funk­tio­nen, die dort wo die Klei­dung einge­set­zt wird, nicht notwendig sind.
Pri­or­itäten her­ausar­beit­en
Dafür kann dann ein ander­er Schutz­fak­tor ins Hin­tertr­e­f­fen kom­men, der für den Mitar­beit­er bei sein­er Tätigkeit aber beson­ders wichtig wäre. Verzichtet man auf Funk­tio­nen, die höch­stens sekundär rel­e­vant sind, kön­nen die primär rel­e­van­ten Funk­tio­nen durch spezielle Gewebe sehr viel effek­tiv­er, sicher­er und beque­mer für den Träger erfüllt wer­den. Wer vorhan­dene Risiken am Ein­sat­zort analysiert und pri­or­isiert, schützt die Mitar­beit­er mit ein­er bess­er geeigneten PSA.
Eine Anforderungskom­bi­na­tion ist beispiel­sweise „gele­gentlich­es Schweißen“ plus „Umgang mit Chemikalien“. Inter­es­sant ist jet­zt, ob die bei­den Tätigkeit­en gle­ich häu­fig aus­geübt wer­den und mit welchen Chemikalien umge­gan­gen wird. Stellt sich bei der Analyse her­aus, dass der Mitar­beit­er sehr oft Schweißar­beit­en aus­führt und nur sel­ten Kon­takt mit ein­er Säure hat, ist ein anderes Schutzgewebe bess­er geeignet als in dem Fall, dass seine Expo­si­tion gegenüber Säuren sehr hoch ist, er dage­gen aber nur ab und an Schweißar­beit­en aus­führt. Je spez­i­fis­ch­er die Angaben über die Risiken sind, umso punk­t­ge­nauer kann ein deut­lich besseres Mate­r­i­al aus­gewählt wer­den.
Zweck­mäßiger Mehrfach­schutz
Das bedeutet nicht, dass es grund­sät­zlich falsch ist, Klei­dung anzuschaf­fen, die gegen mehrere Gefährdung schützt. Pro­duk­te, die zwei, drei oder vier Anforderun­gen miteinan­der kom­binieren, kön­nen den notwendi­gen Bedarf bestens abdeck­en. Doch man sollte sich über fol­gen­des bewusst sein: Je bunter der zu erfül­lende Anforderungsmix wird, desto schwieriger ist es, mit ein­er Klei­dung ein hohes Niveau bei den Einze­lan­forderun­gen zu erre­ichen. Hinzu kommt, dass die mech­a­nis­che Belast­barkeit viel­er Gewebe mit zunehmender Mul­ti­funk­tion­al­ität abn­immt. Im täglichen Gebrauch zeigt es schneller Abnutzungser­schei­n­un­gen und die Klei­dung wird schneller unbrauch­bar.
Ein Beispiel aus dem Sport ver­an­schaulicht gut den Unter­schied zwis­chen Gen­er­al­is­ten und Spezial­is­ten: Der im Jahr 1996 aufgestellte Män­ner-Wel­treko­rd im Speer­w­er­fen liegt bei 98,48 Metern. Der beste Zehnkämpfer erre­icht eine Weite von 77,47 Metern mit dem Speer. Die Quin­tes­senz lautet: Benötige ich eine Spitzen­leis­tung, dann muss ich mich auf eine Diszi­plin konzen­tri­eren. Will ich an mehreren Diszi­plinen teil­nehmen, muss ich mich in der Einzeld­iszi­plin gegebe­nen­falls mit einem schlechteren Ergeb­nis zufrieden geben. Mul­ti­funk­tion­sklei­dung kann also sehr sin­nvoll sein. Doch wo ihr Ein­satz Sinn macht und wen sie schützen soll, ist sehr dif­feren­ziert und auf den Einzelfall bezo­gen zu betra­cht­en.
Autor
Dipl.-Ing. Sil­via Mertens Abteilungslei­t­erin Pro­duk­ten­twick­lung bei der Mewa Tex­til-Ser­vice AG & Co. E‑Mail: silvia.mertens@mewa.de
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