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Umfrage des Verbandes Deutscher Sicherheitsingenieure

DGUV Vorschrift 2 im Praxis­test: Die Rich­tung stimmt

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Zum zwei­ten Mal in Folge hat der Verband Deut­scher Sicher­heits­in­ge­nieure (VDSI) seine Mitglie­der zur DGUV Vorschrift 2 befragt: Wie weit sind die Unter­neh­men und Verwal­tun­gen mit der Umstel­lung? Wo gibt es Probleme, wo ist noch Hilfe nötig? Hält die neue Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift zwei Jahre nach Inkraft­tre­ten, was sie verspricht? Die Ergeb­nisse stim­men posi­tiv, zeigen aber auch noch eini­gen Hand­lungs­be­darf auf.

Karl­heinz Kalen­berg

Die Kern­aus­sage der zwei­ten Befragung1 lautet: Die Umstel­lung der Betriebe ist deut­lich voran­ge­schrit­ten. War es 2011 noch die Hälfte, geben jetzt 68 Prozent aller befrag­ten Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit (Sifas) an, die DGUV Vorschrift 2 teil­weise oder ganz umzu­set­zen. Knapp 20 Prozent (2011: 27%) befin­den sich in der Planung, 14 Prozent (2011: 20%) haben die Umstel­lung noch gar nicht in Angriff genom­men.
Zuneh­mend geklärt sind auch beide Betreu­ungs­teile. 96 Prozent (2011: 77%) der Sifas besit­zen klar defi­nierte Aufga­ben in der Grund­be­treu­ung, mit Einsatz­zei­ten verse­hen und gegen­über dem Betriebs­arzt abge­grenzt. Bei 88 Prozent (2011: 63%) trifft dies auch für die betriebs­spe­zi­fi­sche Betreu­ung zu.
Gesprächs­klima nach wie vor gut
Die Umstel­lung auf die DGUV Vorschrift 2 erfor­dert Abstim­mung zwischen allen Betei­lig­ten im Betrieb. Das Gesprächs­klima ist nach wie vor gut. Die Mehr­heit der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit meldet konstruk­tive Gesprä­che mit Arbeit­ge­ber, Betriebs­arzt und Arbeit­neh­mer­ver­tre­tung zurück. Nur drei bis sieben Prozent bewer­ten die Abstim­mung als unsach­lich, ziel­los oder chao­tisch. Es über­rascht nicht, dass Betriebe mit posi­ti­vem Gesprächs­klima auch in der Umstel­lung weit voran­ge­schrit­ten sind.
Abstim­mung mit Betriebs­arzt erfolg­reich
Beson­ders hoch ist der Abstim­mungs­be­darf zwischen der Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit und dem Betriebs­arzt. Beide müssen für die Umstel­lung ihre Aufga­ben neu ermit­teln und den Arbeit­ge­ber entspre­chend bera­ten. Drei Vier­tel aller befrag­ten Sifas haben sich bislang mit dem Betriebs­arzt an einen Tisch gesetzt. Mit Erfolg: Rund 90 Prozent (2011: 85%) finden das Ergeb­nis „gut“ bis „zufrie­den­stel­lend“. Nur wenige halten die Quali­tät des gemein­sa­men Vorschlags für „schlecht“ oder konn­ten sich mit dem Betriebs­arzt gar nicht eini­gen.
Informations- und Unter­stüt­zungs­be­darf rück­läu­fig
Mit voran­schrei­ten­der Umstel­lung der Betriebe ist der Informations- und Unter­stüt­zungs­be­darf gesun­ken: Rund 80 Prozent der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit fühlen sich ausrei­chend über die DGUV Vorschrift 2 infor­miert (2011: 70%) und benö­ti­gen bei der Umset­zung keine Unter­stüt­zung mehr (2011: 64%)2. Nach wie vor gelten die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger als beste Infor­ma­ti­ons­lie­fe­ran­ten (66%), an zwei­ter Stelle rangiert unver­än­dert der VDSI (14%). Ähnlich sieht es bei der prak­ti­schen Unter­stüt­zung aus: Sehr hilf­reich waren die Ange­bote der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger (32%) und des VDSI (12%).
Einsatz­zei­ten zumeist unver­än­dert
Mit der Umstel­lung auf eine stär­ker bedarfs­ori­en­tierte Regel­be­treu­ung waren verän­derte Einsatz­zei­ten zu erwar­ten. Hier bestä­ti­gen sich die Ergeb­nisse von 2011: Für die Mehr­heit der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit (50%) und Betriebs­ärzte (40%) blie­ben die Einsatz­zei­ten gleich. Jeweils mehr als ein Drit­tel verzeich­nete eine Erhö­hung. Nur für eine Minder­heit der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit (12%) und Betriebs­ärzte (7%) redu­zier­ten sich die Einsatzzeiten3. Zumeist beweg­ten sich die Einsatz­zei­ten für Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit und Betriebs­arzt in dieselbe Rich­tung. Eine Umver­tei­lung findet offen­bar nicht statt.
Neuer Hand­lungs­spiel­raum verein­zelt genutzt
Die DGUV Vorschrift 2 verzich­tet bewusst auf einen Teil frühe­rer Vorga­ben, damit die Betriebe die Regel­be­treu­ung stär­ker am eige­nen Bedarf ausrich­ten können. Ein Drit­tel der Sifas nimmt den neuen Hand­lungs­spiel­raum tatsäch­lich wahr und empfin­det ihn mehr­heit­lich (83%) als „befrei­end“. Jeder Zehnte hat ihn bereits genutzt und neue Tätig­keits­fel­der aufge­grif­fen. Dazu gehö­ren insbe­son­dere das betrieb­li­che Gesund­heits­ma­nage­ment und der Brand- und Explo­si­ons­schutz, ferner auch Themen wie der Demo­gra­fi­sche Wandel oder die Präven­tion psychi­scher Belas­tung. Zudem zeigt sich, dass die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung an Bedeu­tung gewinnt.
Nutzen­ar­gu­mente immer wich­ti­ger
Der neue Hand­lungs­spiel­raum bietet der Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit die Chance, sich stär­ker als zuvor in die Präven­ti­ons­ar­beit einzu­brin­gen und den Arbeit­ge­ber über ihre Betreu­ungs­leis­tun­gen zu bera­ten. Voraus­ge­setzt, sie weiß um den Nutzen ihrer Tätig­keit und kann ihn kommu­ni­zie­ren. Mit einem Zuwachs von zwölf Prozent gelingt es mitt­ler­weile mehr als der Hälfte aller befrag­ten Sifas (58%), dem Arbeit­ge­ber den Mehr­wert ihrer Tätig­keit zu vermit­teln. Dazu gehö­ren insbe­son­dere jene, die bei der Umstel­lung auf die DGUV Vorschrift 2 schon weit voran­ge­kom­men sind.
Zusam­men­spiel in jedem zehn­ten Betrieb verbes­sert
Die DGUV Vorschrift 2 erfor­dert in der Praxis mehr Abstim­mung als zuvor und will so die Zusam­men­ar­beit im Betrieb fördern. Erste posi­tive Effekte sind bereits mess­bar: Ein Teil der Sifas meldet zurück, sich seit der Umstel­lung häufi­ger mit dem Betriebs­arzt (12%), Arbeit­ge­ber (11%) oder Betriebs-/Personalrat (8%) abzu­stim­men. Knapp zehn Prozent der Sifas stel­len fest, dass sich die Zusam­men­ar­beit quali­ta­tiv verbes­sert hat. Für rund 80 Prozent und somit die über­wie­gende Mehr­heit hat sich hinge­gen nichts verän­dert. Die Zusam­men­ar­beit funk­tio­niert „wie bisher“.
Kriti­sche Stim­men nehmen ab
In der Gesamt­be­ur­tei­lung der neuen Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift zeigt sich eine deut­li­che Ände­rung: Der Anteil der Kriti­ker ist im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent gesun­ken. Insge­samt aber bleibt das Meinungs­bild hete­ro­gen. Ein Drit­tel der Sifas (2011: 30%) sieht in der DGUV Vorschrift 2 eine Stär­kung der betrieb­li­chen Präven­ti­ons­ar­beit, zwölf Prozent (2011: 23%) eine Schwä­chung. Über die Hälfte (2011: 47%) glaubt an keine nennens­wer­ten Auswir­kun­gen der neuen Vorschrift.
Die Rich­tung stimmt
Die Ergeb­nisse der zwei­ten VDSI-Befragung zeigen, dass die DGUV Vorschrift 2 in den meis­ten Betrie­ben ange­nom­men wird und die Praxis mehr und mehr durch­dringt. Erste gewünschte Effekte deuten sich an. Doch bevor die neue Vorschrift ihre Wirkung voll­ends entfal­ten kann, muss der formale Umstel­lungs­pro­zess abge­schlos­sen sein. Zum Zeit­punkt der Befra­gung hatte jedoch jeder sechste Betrieb die Umstel­lung noch nicht in Angriff genommen4. Jeder Fünfte steckte mitten in der Planung. Beson­ders hier fehlt es noch an Infor­ma­tion und Unter­stüt­zung.
Nach wie vor Hand­lungs­be­darf
Insge­samt fühlen sich 20 Prozent aller Sifas nicht ausrei­chend über die DGUV Vorschrift 2 infor­miert und benö­ti­gen noch Unter­stüt­zung bei der Umset­zung. Sie wünschen sich weitere Infor­ma­ti­ons­an­ge­bote im Inter­net (44%) sowie Vortrags­ver­an­stal­tun­gen (33%). Indi­vi­du­elle Unter­stüt­zung erhof­fen sich die Sifas von Lehr­gän­gen und Semi­na­ren (38%), persön­li­cher Bera­tung (27%) sowie web- oder compu­ter­ba­sier­ten Tools (26%). In der Pflicht sehen sie insbe­son­dere den VDSI sowie die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger.
Vor allem bei der Klärung des betriebs­spe­zi­fi­schen Betreu­ungs­teils hinken die Betriebe hinter­her und benö­ti­gen noch Hilfe. Art und Umfang der Aufga­ben müssen hier selbst­stän­dig ermit­telt werden; 17 Prozent der Sifas empfin­den den größe­ren Frei­raum als „belas­tend“. Auch die neue Verhand­lungs­po­si­tion gegen­über dem Arbeit­ge­ber fordert die Sifas heraus: Gut 40 Prozent fällt es noch schwer, den Mehr­wert ihrer Tätig­keit zu vermit­teln.
Mehr Verständ­nis schaf­fen
Mit der forma­len Umstel­lung allein ist es noch nicht getan. Mehr als zuvor ist es an den Insti­tu­tio­nen und Verbän­den im Arbeits­schutz, den neuen Ansatz der DGUV Vorschrift 2 zu verdeut­li­chen. Der Geist der Vorschrift muss in den Betrie­ben gelebt und der neue Frei­raum genutzt werden. Es gilt, ein neues Präven­ti­ons­ver­ständ­nis zu entwi­ckeln – weg von der Erfül­lung tech­ni­scher oder medi­zi­ni­scher Vorga­ben hin zu einer selbst­ver­ant­wort­li­chen, situa­ti­ons­ge­rech­ten, inter­dis­zi­pli­nä­ren Arbeit. Dieser tief­grei­fende Prozess braucht Zeit. Der VDSI wird ihn weiter­hin beglei­ten und die Erfah­run­gen seiner Mitglie­der in die geplante Evaluation5 der DGUV Vorschrift 2 einbrin­gen.
  • 1 Nach einer ersten Befra­gung im Herbst 2011 wurden im Herbst 2012 erneut 4.864 VDSI-Mitglieder ange­schrie­ben. Von insge­samt 1.339 Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit nahmen 946 voll­stän­dig an der anony­men Online­be­fra­gung teil. Unter den Befrag­ten waren sowohl inner­be­trieb­lich als auch über­be­trieb­lich Tätige, die Unter­neh­men und Verwal­tun­gen aller Größen betreuen.
  • 2 Die Befra­gung unter­schied zwischen allge­mei­nen Infor­ma­tio­nen zur DGUV Vorschrift und unter­stüt­zen­den Ange­bo­ten, die betriebs­spe­zi­fisch im Dialog erar­bei­tet werden.
  • 3 Die Anga­ben für die Betriebs­ärzte gehen auf Schät­zun­gen der befrag­ten Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit zurück. Rund 16 Prozent konn­ten hierzu keine Anga­ben machen.
  • 4 Hier ist zu berück­sich­ti­gen, dass einzelne Unfall­kas­sen die DGUV Vorschrift 2 bislang noch nicht verab­schie­det haben.
  • 5 Die Deut­sche Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung (DGUV) plant, nach einer ersten Erpro­bungs­phase die DGUV Vorschrift 2 zu evalu­ie­ren. Ziel ist es, die neue Vorschrift zu opti­mie­ren und an die Bedürf­nisse der Anwen­der weiter anzu­pas­sen. Der VDSI wird an dem Evalua­ti­ons­pro­zess betei­ligt sein.
Autor
Karl­heinz Kalen­berg Verband Deut­scher Sicher­heits­in­ge­nieure (VDSI) Geschäfts­füh­rer E‑Mail: K.Kalenberg@vdsi.de
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