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„Die Panik im Griff …“

Umgang mit Panik in Krisensituationen
Die Panik im Griff …“

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Tragö­dien wie die Love-Parade 2010 in Duis­burg, Tribü­nen­ein­stürze in Fußball­sta­dien oder Groß­brände in Tunneln und Disko­the­ken haben das Phäno­men der Massen­pa­nik in das öffent­li­che Inter­esse gerückt. Die drama­ti­schen Bilder von flie­hen­den Menschen erlan­gen eine hohe mediale Aufmerk­sam­keit. Aber auch im betrieb­li­chen Umfeld können sich Krisen und Notfälle ereig­nen. Sie kommen plötz­lich und uner­war­tet vor und können über­all auftre­ten. Deshalb ist es sinn­voll, sich im Vorfeld mit diesen Ereig­nis­sen ausein­an­der­zu­set­zen. Nur so ist es im Ernst­fall möglich, gezielt und zügig zu reagie­ren.

Anne Gehrke

1. Panik in Krisen­si­tua­tio­nen
Das Wort Panik leitet sich aus der anti­ken grie­chi­schen Mytho­lo­gie ab. Es geht zurück auf den Hirten­gott Pan. Er ist der Gott des Waldes und der Natur, aber auch der Gott der Unbe­re­chen­bar­keit. Er hatte den Unter­leib eines Ziegen­bocks, Hörner auf dem Kopf und spitze Ohren. Der Mittags­schlaf soll Pan heilig gewe­sen sein und so soll er sehr unge­hal­ten gewor­den sein, wenn man ihn zu dieser Zeit störte. Er soll furcht­bare, durch­drin­gende Schreie ausge­sto­ßen haben, mit denen er ganze Ziegen­her­den so in „pani­schen“ Schre­cken verset­zen konnte, dass sie sich unbe­dacht in Fels­ab­gründe stürz­ten.
1.1 Kollek­tive Panik: Was passiert in der Masse?
Gefah­ren­si­tua­tio­nen wie Brände, Hava­rien oder Bomben­dro­hun­gen bergen nicht nur das Risiko von mate­ri­el­len Schä­den. Sie können auch (kollek­ti­ves) panik­ar­ti­ges Verhal­ten auslö­sen, das wiederum Gefah­ren mit sich bringt. Panik­ver­hal­ten entsteht, wenn Perso­nen aus lebens­be­droh­li­chen Situa­tio­nen flie­hen wollen. Die Angst vor der wahr­ge­nom­me­nen akuten Bedro­hung bringt die Menschen auto­ma­tisch dazu, dieser Situa­tion möglichst schnell entkom­men zu wollen. In einer Menschen­menge kann dieses über­stürzte Flucht­ver­hal­ten fatale Folgen haben. So zeigen Menschen in Panik­si­tua­tio­nen Fehl­re­ak­tio­nen, die deut­lich größere Schä­den und Opfer­zah­len nach sich ziehen können, als dies durch die ursprüng­li­che Gefahr der Fall gewe­sen wäre. Fehl­in­for­ma­tio­nen, gegen­sei­tige Behin­de­run­gen durch Schub­sen oder Drän­geln, Staus und Blockie­run­gen an Ausgän­gen (Flaschen­hals­ef­fekt) sowie die unzu­rei­chende Nutzung mögli­cher weite­rer (Not-)Ausgänge sind typisch für Panik­si­tua­tio­nen. Die Panik und das unkon­trol­lierte Verhal­ten des Einzel­nen kann andere anste­cken und zu einer Art Domi­no­ef­fekt führen. Verbun­den ist dies dann mit massi­ven Flucht­be­we­gun­gen der Menschen­menge. Die körper­sprach­li­che Kommu­ni­ka­tion, die zum Beispiel in engen Fußgän­ger­zo­nen norma­ler­weise ein fast kolli­si­ons­freies Bewe­gen bewirkt, kommt in Panik­si­tua­tio­nen nicht mehr unein­ge­schränkt zum Tragen.
Helbing et.al. [1] führen zusam­men­fas­send folgende Merk­male für pani­sche Flucht auf:
  • Perso­nen bewe­gen sich deut­lich schnel­ler als gewöhn­lich,
  • körper­li­che Inter­ak­tio­nen inner­halb der Perso­nen­menge, die sich zu gefähr­lich hohen Kräf­ten addie­ren,
  • unko­or­di­nierte Bewe­gung, vor allem beim Durch­que­ren von Engpäs­sen,
  • Stau­bil­dun­gen durch Blockie­run­gen an Ausgän­gen,
  • Flucht­ge­schwin­dig­keit wird verrin­gert durch hinge­fal­lene oder verletzte Perso­nen,
  • alter­na­tive Ausgänge werden über­se­hen oder nicht effi­zi­ent genutzt (Herden­ver­hal­ten).
1.2 Was passiert beim Einzel­nen in der Masse?
In solchen Krisen- und Notfall­si­tua­tio­nen tritt ein Verhal­tens­mus­ter zutage, dass seinen Ursprung im biolo­gi­schen Drang zur Selbst­er­hal­tung hat. Es ist eine klas­si­sche Stress­re­ak­tion. Der gesamte Orga­nis­mus wird akti­viert, um auf alles reagie­ren zu können, was als Bedro­hung, Scha­den oder Gefähr­dung wahr­ge­nom­men wird. Menschen in Panik können nicht mehr klar denken: Das Herz rast und das Blut wird in die Muskeln gepumpt, um schnel­ler flie­hen zu können. Der „Tunnel­blick“ stellt sich ein. Die Wahr­neh­mung ist auf die Gefahr fokus­siert, weshalb Lösun­gen wie andere Notaus­gänge über­se­hen werden. Die begrenzte Verar­bei­tungs­ka­pa­zi­tät des mensch­li­chen Gehirns wird in Panik­si­tua­tio­nen weit über­schrit­ten. Die Aufmerk­sam­keit, das Gedächt­nis sowie das Denk- und Entschei­dungs­ver­mö­gen sind über­for­dert.
Nach Unge­rer [2] sind drei Haupt­ur­sa­chen für die Stress­ent­ste­hung verant­wort­lich:
  • 1. ein Infor­ma­ti­ons­über­maß oder
  • 2. ein Infor­ma­ti­ons­ent­zug sowie
  • 3. die subjek­tive Bewer­tung dieser Zustände.
Ein Infor­ma­ti­ons­über­maß entsteht, wenn die anfal­lende Infor­ma­tion nicht mehr verar­bei­tet werden kann. In der Folge kommt es zu einer Über­las­tung und die Anfor­de­run­gen sind nicht mehr zu bewäl­ti­gen. Eine zu geringe Verar­bei­tungs­ka­pa­zi­tät und das damit einher­ge­hende Infor­ma­ti­ons­über­maß führen zur Akti­vie­rung des vege­ta­ti­ven Nerven­sys­tems, des Kreis­laufs und des bioche­mi­schen Haus­halts. Der Mensch befin­det sich in einer Art Alarm- oder Bereit­schafts­zu­stand, der dem Versuch dient, die Situa­tion doch noch zu kontrol­lie­ren.
Ein Infor­ma­ti­ons­ent­zug hinge­gen ist gekenn­zeich­net durch einen ersicht­li­chen Mangel an Infor­ma­tion. Dieser Infor­ma­ti­ons­man­gel löst Beun­ru­hi­gung aus. Ein Infor­ma­ti­ons­ent­zug führt daher zu einer Art Leer­lauf­zu­stand, denn die Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung ist intakt, aber es sind Wissens- bzw. Infor­ma­ti­ons­de­fi­zite vorhan­den. In diesem Fall versucht der Mensch Kontrolle zu gewin­nen, indem er versucht, Wissens­lü­cken zu mani­pu­lie­ren oder zu schlie­ßen. Fehl­in­for­ma­tio­nen und Gerüchte können so blitz­schnell entste­hen und durch die Menge getra­gen werden.
Die subjek­tive Bewer­tung der (Gefahren-) Situa­tion bzw. der beiden Zustände spielt eine entschei­dende Rolle bei der Stress­ent­ste­hung. Ist ein Infor­ma­ti­ons­über­maß mit der Bewer­tung verbun­den, dass die Situa­tion nicht zu bewäl­ti­gen ist, dann wird der Zustand als Bedro­hung empfun­den. Es entste­hen Gefühle der Hilf­lo­sig­keit und des Versa­gens. Bewer­tun­gen, die diesen Fall signa­li­sie­ren, sind z.B. „das schaffe ich nicht“, „ich habe die Über­sicht verlo­ren“ etc. Bei Vorlie­gen eines Infor­ma­ti­ons­ent­zugs ist die Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung voll funk­ti­ons­tüch­tig, daher werden Wissens­lü­cken beson­ders deut­lich. Wird der Infor­ma­ti­ons­man­gel als persön­li­cher Unsi­cher­heits­fak­tor bewer­tet, entste­hen Unge­wiss­heit und Unsi­cher­heit. In beiden Fällen ist die Angst das vorherr­schende Gefühl, das den star­ken Stress­zu­stand und somit den Drang zur Flucht auslöst.
2. Und nun? – Umgang mit Panik
Die Panik­re­ak­tio­nen gilt es zu vermei­den, bevor die Situa­tion eska­liert und das Verhal­ten der Betrof­fe­nen nur noch schwer zu kontrol­lie­ren ist. Es ist natür­lich nicht vertret­bar, eine Massen­pa­nik zu Übungs­zwe­cken auszu­lö­sen. Möglich ist jedoch, sich gedank­lich sowie anhand von Simu­la­tio­nen mit Schadens- und Krisen­si­tua­tio­nen ausein­an­der zu setzen, um sich darauf vorzu­be­rei­ten und die eigene Belas­tungs­ver­ar­bei­tung zu schu­len. Viel geübte Denk­vor­gänge und Verhal­tens­wei­sen sind stress­sta­bi­ler.
Compu­ter­si­mu­la­tio­nen (z.B. Helbig et.al. [1]) und Schwarm­ver­su­che bei Tieren (z.B. Faria et.al. [3]) helfen, das Phäno­men des Massen­ver­hal­tens zu erfor­schen. So zeigt sich, dass Einzel­per­so­nen durch­aus in der Lage sein können, andere in ihrem direk­ten Umfeld zu beru­hi­gen und unkon­trol­lierte Bewe­gun­gen der Masse in eine Rich­tung (z.B. gezielt zu Ausgän­gen) zu lenken. Dies funk­tio­niert schlicht durch soziale Nach­ah­mung, also durch Anpas­sung an die Ande­ren. Die Simu­la­tio­nen können auch genutzt werden, um Vorher­sa­gen zu tref­fen, wie Menschen sich bewe­gen und wie eine Evaku­ie­rung ablau­fen kann. Gefah­ren­ma­nage­ment­sys­teme zeigen zudem an, ob Rettungs­wege versperrt und ob Türen bzw. Ausgänge nutz­bar sind. Archi­tek­to­ni­sche Gestal­tungs­maß­nah­men können das Risiko für gefähr­li­che Bewe­gun­gen der Massen zusätz­lich mini­mie­ren. So haben Unter­su­chun­gen gezeigt, dass eine asym­me­trisch plat­zierte Säule im Ausgangs­be­reich helfen kann, den Flaschen­hals­ef­fekt dadurch zu mini­mie­ren, dass die Menschen­menge aufge­bro­chen wird. Zudem soll­ten Rettungs­wege möglichst gleich­för­mig im Verlauf sein, das heißt zum Beispiel nicht erst brei­ter werden und sich dann wieder veren­gen.
Fazit
Um Massen­pa­ni­ken vorzu­beu­gen bedarf es also einer Viel­zahl von Präven­ti­ons­maß­nah­men, die aufein­an­der abge­stimmt sein müssen, um wirk­sam werden zu können. Ein Patent­re­zept gibt es nicht. Aber Möglich­kei­ten zur geziel­ten Vorbe­rei­tung auf solche Ernst­fälle sind inzwi­schen zahl­reich verfüg­bar.
Lite­ra­tur
  • 1. Helbing, D., Farkas, I. & Vicsek, T. (2000). Simu­la­ting dyna­mi­cal features of escape panic. Nature, 407, 487–490.
  • 2. Unge­rer, D. (1999). Stress und Stress­be­wäl­ti­gung im Einsatz. Stutt­gart: Kohl­ham­mer.
  • 3. Faria, J.J., Dyer, J.R.G., Clément, R. O., Couzin, I.D., Holt, N., Ward, A.J.W., Waters, D. & Krause, J. (2010). A novel method for inves­ti­ga­ting the collec­tive beha­viour of fish: intro­du­cing “Robo­fish”. Beha­vio­ral Ecology and Socio­bio­logy, 64,1211–1218
Autorin
Anne Gehrke Insti­tut für Arbeit und Gesund­heit der DGUV in Dres­den
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