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Ein durchaus kritischer Rundgang

Kunst in der DASA
Ein durchaus kritischer Rundgang

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Darf ein Inge­nieur Kun­st in der Deutschen Arbeitss­chutzausstel­lung (DASA) kri­tisieren? Jawoll, er darf, er muss es sog­ar, ins­beson­dere wenn er Mit­glied des Vere­ins der Fre­unde und Förder­er der DASA ist. Und ist nicht jed­er von uns ein Kün­stler und steckt nicht in vie­len von uns ein klein­er Kun­stkri­tik­er?

Dipl.-Ing. Thomas Bossel­mann

Dankenswert­er­weise hat mir der Kun­st­beauf­tragte der Ausstel­lung, Mar­cus Starzinger M.A. zum Konzept und eini­gen wichti­gen Fra­gen zur Zukun­ft Rede und Antwort ges­tanden. Also, los geht’s…
Dein Lebenslauf: Ist das Kun­st oder kann das weg?
Da fühlte ich mich schon an den Ausspruch des Komik­ers Mike Krüger erin­nert, als ich die Ausstel­lung „Dein Lebens- Lauf“ betrat. „In ein­er inno­v­a­tiv­en Ausstel­lungskonzep­tion und mit­tels kreativ­er Umset­zung zeigt die DASA ab März, wie das Leben so spielt“, so die DASA selb­st.
Ein großer, weißer Raum, Stell­wände und eine hüt­tenähn­liche Instal­la­tion mit der Auf­schrift „Sicher­heit“. „Hier kön­nen Sie rein­klet­tern und raus­guck­en; da drin ist auch ein Kas­set­ten­reko­rder…“, erk­lärte der etwas hil­flose Ausstel­lungsmod­er­a­tor. Beson­ders begeis­tert hat mich ein etwa drei Meter hoher Stahlzylin­der (Abb. 1) mit der Neonauf­schrift „Sinn des Lebens“. In Augen­höhe war ein Loch zu sehen – „Da kön­nen Sie mal rein­guck­en!“ – nur man sah eben nichts… „Sie kön­nen auch um die Instal­la­tion herumge­hen!“, meinte besagter Mod­er­a­tor. Ich war fasziniert.
Sym­bole auf dem Boden
Um die möglichen beru­flichen Gefährdun­gen zu verdeut­lichen, hat die DASA Boden­sym­bole aus Mess­ing entwick­elt, die an den jew­eili­gen Ausstel­lungssta­tio­nen auf die dort anzutr­e­f­fend­en Gefährdun­gen hin­weisen sollen. Lei­der sind die Plat­ten der­art abstrakt gestal­tet wor­den (s. Abb. 2), dass selb­st studierten DASA-Mod­er­a­toren bisweilen der Sinn der Sym­bole abhan­den kommt. Und so sieht sich der DASA-Besuch­er in der Ausstel­lung bisweilen am Boden mit hüb­schen Mess­ing­plat­ten kon­fron­tiert, die wohl irgen­deinen Sinn trans­portieren mögen. Anstatt von abstrak­ten Sym­bol­en hätte man hier vielle­icht Mess­ingtafeln mit Klar­text nehmen sollen…
Kun­st in der Weberei
„Guck mal, Mama. Da hän­gen Klei­der an der Wand!“ sagt die 6‑jährige Sara. Aber warum? Kein­er weiß es. Papa nicht, Mama nicht und Sara erst recht nicht. Hän­gen hier die DASA-Mitar­beit­er vor der Arbeit ihre Klei­dung auf? Fehlte der DASA für einen vernün­fti­gen Wand­schmuck – und sei es auch nur Rau­fas­er – der Etat? Nein es ist Kun­st (Abb. 3)! Das merkt aber kein­er, weil die Kun­st als solche nicht erkennbar ist, geschweige denn die hän­gende Ansamm­lung von ver­dreck­ten Anziehsachen von Seit­en der DASA als Kunst­werk definiert ist. Und so gehen Sara und ihre Eltern eben achselzuck­end weit­er.
Hier wäre vielle­icht eine kleine Erk­lärung ange­bracht. Die Idee, Klei­der in Massen aufzuhän­gen um zu verdeut­lichen, dass in der Zeit der Indus­tri­al­isierung die Men­schen vor Antritt der Arbeit Ihre Per­sön­lichkeit und Indi­vid­u­al­ität „abgeben“- sprich aufhän­gen mussten — ist ohne weit­eres als ausstel­lungsim­plizite Kun­st ohne weit­ere Infor­ma­tion vielle­icht ein wenig unver­ständlich.
Kun­st in der Stahlhalle
Gut gelun­gen ist den DASA-Kün­stlern der Gehör­gang (Abb. 4) in der Stahlhalle. Ein durch­wan­der­bar­er Tun­nel im Design eines überdi­men­sion­alen Gehör­ganges stellt ver­schiedene Lärm­si­t­u­a­tio­nen mit den dazuge­höri­gen dB(A)-Werten an. Jet­zt ist es natür­lich unge­mein schw­er, einen über­lebens­großen Gehör­gang anschaulich zu instal­lieren, und so wäh­nt sich bisweilen der Besuch­er im entzün­de­ten Anus eines Pri­mat­en. Generell aber gut gemacht, anschaulich und kün­st­lerisch ansprechend.
Als Pub­likums­mag­net kann man dur­chaus die „Geis­ter­bahn“ in der Stahlhalle beze­ich­nen. Hier wer­den im Stil ein­er echt­en Kirmes-Geis­ter­bahn Gefahren des inner­be­trieblichen Trans­portes verdeut­licht. Liebevoll gestal­tetes Interieur, echt­es inge­nieur­päd­a­gogis­ches Engage­ment mit einem Gespür für pub­likum­swirk­sames, kün­st­lerisches Gestal­ten. Klasse! Nicht umson­st ste­hen die Besuch­er regelmäßig an der „Geis­ter­bahn“ Schlange.
Prof. Fuchs in der DASA
In der Stahlhalle – dem spek­takulären Prunk­stück der Ausstel­lung – zeigt eine pris­men-rota­torische Wand Bilder (Abb. 5) von Pro­fes­sor Fuchs. Natür­lich sind diese Bilder „kün­st­lerisch ver­fremdet“; der tief­ere Sinn erschließt sich nur zöger­lich. Natür­lich macht ein Prof. Fuchs solche Instal­la­tio­nen nicht zum Null­tarif, und mit Sicher­heit hat man bei der Erstel­lung der Instal­la­tion den frag­würdi­gen Bekan­ntheits­grad und den akademis­chen Titel des Kün­stlers gle­ich mit­bezahlt. Sicher­lich wären solche Rota­tions­bilder durch einen Medi­en-Prak­tikan­ten der DASA eben­so „kün­st­lerisch wertvoll“ gestal­tet wor­den; der DASA-Kun­ste­tat wäre wohl dadurch weit­ge­hend geschont wor­den.
Über­haupt ist Prof. Fuchs in der DASA öfter anzutr­e­f­fen. Vor eini­gen Jahren gab es zum Beispiel eine bemerkenswerte Wech­selkun­stausstel­lung mit dem viel­sagen­den Namen „Atom­are Kratzer auf der Stirn der Madon­na“. Ein großer, leer­er Raum, abstrak­tes Gekritzel an den Wän­den und bemitlei­denswerte Ausstel­lungsangestellte, die den ganzen Krem­pel dann auch noch bewachen mussten (Abb. 6). Ich selb­st habe mich mit einem Fotografen des Fördervere­ins der DASA etwa eine Stunde in diesem kün­st­lerisch gestal­teten Saal aufge­hal­ten. Ein (!) Besuch­er betrat in dieser Stunde den Raum, aber auch nur, um den Angestell­ten nach dem Weg zur näch­sten Toi­lette zu fra­gen.
Schaman­is­mus in der DASA
Voll­mundig pries die DASA in diesem Jahr ihre kün­st­lerisch hap­pen­ing-ori­en­tierte Idee, weltweit zusam­menge­suchte Schama­nen in die Ausstel­lung zu einzu­laden, um an deren Welt­sicht, ihren fun­da­men­tal­en Ken­nt­nis­sen von der Natur und der darin ver­net­zt einge­bun­de­nen men­schlichen Exis­tenz zu prof­i­tieren. Hier ist der Bezug zu den namensgeben­den, eigentlichen Kern­the­men der Arbeitss­chutzausstel­lung nicht nur frag­würdig, son­dern über­haupt nicht herzuleit­en. Und so tre­f­fen sich aufwändig und kosten­in­ten­siv archais­che Natur­philosophen zu einem Hap­pen­ing in der DASA; befrucht­en die Inter­essierten mit Aspek­ten divers­er Natur­re­li­gio­nen; aktive und vielle­icht ver­di­ente Sicher­heitsin­ge­nieure oder Betrieb­särzte, also die Motoren deutschen Arbeits- und Gesund­heitss­chutzes, zu ein­er öffentlichen Diskus­sion einzu­laden, wäre natür­lich bei weit­em nicht so spek­takulär, fände aber in der Gemeinde der inter­essierten Arbeits- und Gesund­heitss­chützer wohl wesentlich mehr Anklang.
Jugend­kongress
Begeis­ternd hinge­gen ist die DASA-Idee, für Jugendliche in der Berufs­find­ungsphase einen Jugend­kongress, auf dem sich ver­schiedene Berufs- und Infor­ma­tion­s­grup­pen vorstellen, zu ver­anstal­ten. Diskus­sion­s­grup­pen, Infos­tände und Mit­machak­tio­nen run­den das Pro­gramm ab. Jugendliche sind in der Regel begeis­tert und freuen sich schon auf den näch­sten Jugend­kongress, den sie auch gerne besuchen, wenn sie schon im Beruf­sleben ste­hen. Als beson­deres Schmankerl gibt es inter­es­sante Live-Acts, so trat vor Jahren der bekan­nte Musik­er Xavier Naidoo mit sein­er Band „Söhne Mannheims“ auf. Infor­ma­tion und Unter­hal­tung; eine gelun­gene Mis­chung, die die DASA da entwick­elt hat.
Natür­lich ist auch auf dem Jugend­kongress austel­lungsim­plizite Kun­st anzutr­e­f­fen; Info- und Diskus­sion­sstände wer­den liebevoll arrang­iert, unauf­fäl­lig und ver­ständlich, eben gut gemacht.
„Nano“ – Eine kün­st­lerisch-wis­senschaftliche Ausstel­lung
Beson­ders hat mich die NANO Ausstel­lung fasziniert, in der die DASA das Wesen, die Erschei­n­ungs­for­men und die Gebrauchsmöglichkeit­en mod­ern­er Nano­ma­te­ri­alien kün­st­lerisch und päd­a­gogisch her­vor­ra­gend präsen­tiert hat. Auf großzügiger Ausstel­lungs­fläche wurde der Besuch­er mit­tels ein­er Schrump­fungs­mas­chine auf die Größe der Nan­oteilchen gebracht und kon­nte, geführt durch fachkundi­ge Mod­er­a­toren, die Nanow­elt detail­liert und wis­senschaft­späd­a­gogisch begleit­et erkun­den. Keine „abstrak­te Kun­st“, alles ver­ständlich, infor­ma­tiv und her­vor­ra­gend gestal­tet. Den Ausstel­lungs­mach­ern mein Lob für diese kun­stvolle Präsen­ta­tion.
Mod­erne Kun­st – selb­st gemacht
Herr Starzinger war so fre­undlich und hat mir eine CD mit Bildern der DASA-Kun­st­samm­lung mit­gegeben und ich wollte nun mal schauen, ob ich denn auch etwa zum „Kün­stler“ tauge. Ich habe daher ein – recht ein­fach­es – Kunst­werk aus der Kun­st­samm­lung als Gege­nen­twurf aus­ge­sucht und ver­suche mich nun mit einem eige­nen „kün­st­lerischen“ Werk. Das DASA-Kunst­werk stammt von ein­er Kün­st­lerin oder einem Kün­stler namens Vogel (ohne Abbil­dung).
Im Übri­gen würde mich mal inter­essieren, was die DASA, für ein solch­es Kunst­werk zahlt. Als Alter­na­tive für den Betra­chter habe ich hier als Abbil­dung 8 das von mir eben­falls recht ein­fach gestal­tete Kunst­werk „Fra­gen über Fra­gen“ einge­fügt. Ich habe es inner­halb von 20 Sekun­den mit dem sim­plen Mal­pro­gramm „Paint“ auf einem herkömm­lichen Win­dows-Rech­n­er erstellt. Lei­der fehlen mir sowohl eine gewisse Bekan­ntheit als auch ein wohlk­lin­gen­der Titel ein­er Kun­stakademie. Deshalb lässt sich das Bild auch nicht verkaufen, wed­er auf der Doku­men­ta in Kas­sel noch an die DASA.
Wie man sieht, kommt der Begriff Kun­st nicht von „Kön­nen“, das wis­sen wir spätestens seit der Fet­tecke von Pro­fes­sor Joseph Beuys. Kön­nte man also einen Großteil der heute anzutr­e­f­fend­en hochbezahlten, mod­er­nen Kun­st nicht lieber von preiswerten Medi­en­prak­tikan­ten erstellen lassen? Zumin­d­est, wenn diese teure Kun­st von öffentlichen Geldern finanziert wird?
Manip­u­la­tion­spro­gramme wie z.B. „Pho­to­shop“ lassen wun­der­bare Kunst­werke auf dem Rech­n­er inner­halb weniger Minuten entste­hen. Nicht umson­st wird z.B. dieses Pro­gramm von Fotoa­gen­turen genutzt, um auf Bildern die Kör­p­er divers­er Mod­ells zu ver­schön­ern bzw. der Natur etwas nachzuhelfen. „Gebrauch­skun­st“ ließe sich so von Low-Lev­el-Mitar­beit­ern am Fließband erstellen, auch die Kun­st­preise wür­den sich dann im Sinne der Ent­loh­nung ein­er Fließband­fer­ti­gung von selb­st nach unten kor­rigieren. Egal, solange wir die derzeit anzutr­e­f­fende Kun­st immer noch mit ein­er „Des-Kaisers-neue-Kleider“-Mentalität anhim­meln, wird sich wed­er an dem zweifel­haften Ruhm divers­er Kun­st­päp­ste noch an dem Salär hem­mungslos­er Hon­o­rar-Kün­stler etwas ändern.
Aus­blick
Herr Starzinger teilte mir mit, es fol­gt noch eine eher sozialpoli­tisch aus­gerichtete Ausstel­lung, danach ein Pro­jekt zum The­ma „Rück­enge­sund­heit“ sowie eine Fotoausstel­lung zu den oft geheimen Aspek­ten des „Glock­engießens“. Generell sollen Wech­selkun­stausstel­lun­gen aber zurück­ge­fahren wer­den um eine Fokussierung auf den Arbeits- und Gesund­heitss­chutz zu ermöglichen. Lei­t­ende Wis­senschaftler der DASA teil­ten mir mit, in Zukun­ft ver­stärkt mit der DASA als „forschen­dem Muse­um“ zusam­men­zuar­beit­en, um die Erken­nt­nisse der ver­schiede­nen Fach­bere­iche der Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedi­zin noch weit­er ver­stärkt und pub­likums­gerecht vorstellen zu lassen. Wollen wir hof­fen, dass die DASA ver­ant­wor­tungsvoll und vor­sichtig mit diesem neuen Wis­sen muse­um­späd­a­gogisch und kün­st­lerisch umge­ht. Es wäre schade, wenn – anson­sten ver­ständliche – wis­senschaftliche Erken­nt­nisse von mod­ern­er, unken­ntlich­er Kun­st am inter­essierten Besuch­er zwang­haft abstrakt vor­beiziehen wür­den.
Faz­it
Liebe DASA – ich darf Dich ja duzen… – Du bist eine tolle Ausstel­lung. Bei Dir kann man Arbeits- und Gesund­heitss­chutz und eben Kun­st sehen und erfahren. Mal ist es ver­ständliche Kun­st und mal unver­ständliche. Mal ist man begeis­tert von den Fähigkeit­en des Kün­stlers und mal irri­tiert von einem abstrak­tions­be­sesse­nen und prim­i­tiv-abge­hobe­nen Gebas­tel hon­o­rar­mo­tiviert­er Zeitgenossen mit kun­stakademis­chem Anspruch.
Ich habe in diesem Beitrag auch Aktio­nen beschrieben, die eigentlich nur sekundär etwas mit Kun­st zu tun haben (Schama­nen, Jugend­kongress, Nano). Trotz­dem ist hier auch eine Form der impliziten Kun­st anzutr­e­f­fen, und sei es auch nur die „Kun­st“ des Ausstel­lungs­machens“ und „Hap­pen­ing-Organ­isierens“.
Ich hoffe, Du bist mir nicht bös wegen mein­er kon­struk­tiv gemein­ten Kri­tik und erteilst mir Hausver­bot für den Rest meines Lebens. Denn wie mailte mir der Chefredak­teur: „Über Kun­st kann man tre­f­flich stre­it­en!“
Autor
Univ.-Dipl.-Ing. Thomas Bossel­mann, Diplom-Inge­nieur für Arbeitss­chutz, Wis­senschaft­sautor
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