Startseite » Sicherheit » Arbeitsschutzorganisation »

Ein zuweilen überstrapazierter Begriff?

Burnout
Ein zuweilen überstrapazierter Begriff?

Anzeige
Aus­ge­bran­nt und aus­ge­laugt – wie in der Arbeitswelt trotz äußerem Schein immer mehr Druck zu psy­cho­so­ma­tis­chen Erkrankun­gen führen kann.

In der Arbeitswelt mod­ern­er Indus­trie- und Wis­sens­ge­sellschaften ist zweifel­los vieles ein­fach­er als für die Men­schen beim Pyra­mi­den­bau vor vier­tausend Jahren. Durch tech­nis­chen Fortschritt ist die kör­per­liche Belas­tung für arbei­t­ende Men­schen immer geringer gewor­den. Schwere Plack­erei muss (fast) nir­gends mehr sein.
Soweit so gut. Trotz­dem gibt es immer mehr Kla­gen über emo­tionale und auch kör­per­liche Erschöp­fungszustände. Wie so vieles in der aktuellen Psy­cholo­gie und Arbeitswis­senschaft kommt auch der Begriff „Burnout“ aus dem amerikanis­chen. Als aus­ge­bran­nt (burned out) wird jemand beze­ich­net, der seine Kraft zum Weit­er­bren­nen ver­loren hat wie eine Kerze, bei der alles Wachs ver­bran­nt ist.
Die Fra­gen sind also: Wie kann man die Flamme wieder zum Leucht­en brin­gen? Stimmt es, dass das Gefühl der Aus­ge­bran­ntheit in der mod­er­nen Arbeitswelt gegenüber früher zugenom­men hat oder wird der Begriff infla­tionär gebraucht? Und wie viel Belas­tung verträgt der Men­sch? Was passiert, wenn er zu nichts her­aus­ge­fordert wird?
Blick in die Entwick­lungs­geschichte
Ein Blick in die Entwick­lungs­geschichte des Men­schen hil­ft. Wir waren früher Jäger und Samm­ler und daher viel unter­wegs. Anstren­gung und Anspan­nung gehörten zum All­t­ag. Wer über­leben wollte, war ständig auf der Hut vor über­all vorhan­de­nen Gefahren und kämpfte im wahrsten Sinne des Wortes täglich um genü­gend Essen und Trinken. Burnout hätte sich kein­er leis­ten kön­nen, es sei denn, er hätte bewusst seinen Tod in Kauf genom­men. Dem war aber in den aller­meis­ten Fällen durch den allen Arten der Lebe­we­sen eingepflanzten ure­ige­nen Trieb über­leben zu wollen ein Riegel vorgeschoben.
Hier nun soll der Zus­tand des Burnout in der Arbeitswelt betra­chtet wer­den. Dass Men­schen auch vor lauter Freizeit trotz­dem aus­ge­bran­nt sein kön­nen, ste­ht auf einem anderen Blatt. In erster Lin­ie ist nicht die rein kör­per­liche Über­las­tung gemeint. Im Vorder­grund ste­ht die emo­tion­al-geistige Erschöp­fung durch tat­säch­liche oder ver­meintliche beru­fliche Über­forderung.
Beru­fliche Über­forderung.
In den demokratis­chen Zivilge­sellschaften hat der Arbeitss­chutz in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten viel erre­icht. Unüberse­hbar ist aber auch, dass er in let­zter Zeit an etlichen Stellen zurückge­drängt wurde. Zwar kann er nicht jeden oder vielle­icht nicht ein­mal die wesentlichen Aus­lös­er für Über-Stress am Arbeit­splatz aus­löschen, wohl aber die Stress­menge reduzieren.
Der wesentliche Aus­lös­er ist die Angst um den Arbeit­splatz selb­st. Dieses Poten­zial ist in den ver­gan­genen Jahren erhe­blich gestiegen, weil immer mehr Zeitar­beitsverträge, Schein­selb­ständigkeit­en und Niedri­gent­loh­nun­gen immer mehr Men­schen objek­tiv Angst vor ihrer Zukun­ft machen. Die Lösung dafür sind feste, unbe­fris­tete Arbeitsver­hält­nisse, von denen jemand bei Voll­t­agsar­beit auch leben kann. Wären diese für die Aller­meis­ten gängige Prax­is, bräucht­en wir nicht in der Inten­sität über Angst und Burnout zu reden.
Burnout kann auch durch schlechte Vorge­set­zte in der Arbeitswelt aus­gelöst wer­den. Wenn ein Abteilungsleit­er als „gefürchteter“ Chef auftritt, muss sich das Unternehmen nicht wun­dern, wenn ein wesentlich­er Teil sein­er Inno­va­tions­fähigkeit ver­loren geht. Das lässt sich auch betrieb­swirtschaftlich nach­weisen. Wer meint mit Angst führen zu kön­nen, erzeugt ein Kli­ma des Mis­strauens und der Zurück­hal­tung und Läh­mung. Der Begriff Mob­bing (to mob= anpö­beln, bedrän­gen) gehört daher auch in den Kon­text des Burnout-Syn­droms. Er stammt von dem Ver­hal­tens­forsch­er Kon­rad Lorenz, der ihn auf das Abwehrver­hal­ten von Grup­pen auf Ein­drin­glinge (Fremde) bezog. Im heute ver­stande­nen Sinne wurde er von dem Psy­cholo­gen und Arbeitswis­senschaftler Heinz Ley­mann einge­führt.
Ver­trauen ist die beste Moti­va­tion
Auf jeden Fall entste­ht Moti­va­tion am besten durch ver­trauensvolle Zusam­me­nar­beit. Jede Per­son mit Führungsver­ant­wor­tung muss Mob­bing schon vom Ansatz her unterbinden. Aber selb­st, wenn der Arbeit­splatz einiger­maßen sich­er und das Führungsver­hal­ten in Ord­nung ist, kann es zum Burnout-Syn­drom kom­men. Ein nor­maler kör­per­lich­er und psy­chis­ch­er Belas­tungszu­s­tand in beson­deren Sit­u­a­tio­nen kann nicht als Burnout beze­ich­net wer­den. Hier wird der Begriff zuweilen über­stra­paziert.
Wesentlich sind Inten­sität und Dauer. Wer per­ma­nent alle Kraftre­ser­ven auf­braucht und Kör­p­er wie Geist keine Möglichkeit gibt – oder geben kann – sich zu erholen, ist irgend­wann am Ende. Die auch durch die mod­er­nen elek­tro­n­is­chen Kom­mu­nika­tion­s­mit­tel immer schwieriger wer­dende Tren­nung zwis­chen Beruf­sar­beit und Pri­vatheit kann einen Teil dazu beitra­gen. Wer selb­st beim Essen im Fam­i­lienkreis ständig auf sein Smart-Phone blickt, ist deshalb noch kein effizien­ter Mitar­beit­er, weil er dadurch zeigt, dass er/sie seine/ihre Kräfte nicht sin­nvoll ein­set­zen kann.
Natür­lich gibt es Aus­nah­men. Eifer ist gut – Übereifer schlecht. Ver­ant­wor­tungs­be­wußtheit ist gut, Egozen­trik schlecht. Genauigkeit ist gut, Per­fek­tion­is­mus nicht. Ein­mal etwas ganz anderes machen, ein inter­es­santes Hob­by, Schachspie­len in der Mit­tagspause, Sport und Kun­st fördern neue Kräfte für sich selb­st und auch für die Arbeitswelt.
Innere und äußere Ursachen
Wie bei der Moti­va­tion kann auch beim Burnout von intrin­sis­chen und extrin­sis­chen Ursachen gesprochen wer­den. Für die Behand­lung der intrin­sis­chen sind ab ein­er höheren Inten­sitätsstufe Psy­cholo­gen zuständig, zur Behe­bung der extrin­sis­chen Gesellschaft und Poli­tik.
Wie immer ist die Ver­mei­dung sin­nvoller als die nachträgliche Behe­bung. Deshalb kommt es darauf an, Warnze­ichen früh zu erken­nen. Oft fängt es damit an, dass die Empfind­ung vor­liegt, kaum noch richtig Zeit für etwas zu haben. Wie ein unab­trag­bar­er Berg ste­hen die Auf­gaben vor einem. Man wird nie fer­tig. Trost ist zumin­d­est schein­bar für viele Betrof­fe­nen, dass sie glauben, über­all gebraucht zu wer­den. „Nein“-Sagen, auch wenn sie kön­nten, gehört nicht zum Reper­toir. So kann sich ein Burnout langsam auf­bauen. Am Anfang kann sich dann zeitweilige Abges­pan­ntheit mit über­höhtem Taten­drang abwech­seln. Um schon die Anfänge zu ver­hin­dern, helfen eine gute zwis­chen­men­schliche Unternehmen­skul­tur und natür­lich eine sta­bile pri­vate Umge­bung.
Vor­sicht bei der Suche nach Hil­fe
Zu ver­mei­den sind das Ein­holen von Ratschlä­gen selb­ster­nan­nter Heils­bringer, Coach­es und Leben­shelferIn­nen. Der Umgang mit der men­schlichen Psy­che ist min­destens so kom­pliziert wie der mit dem men­schlichen Kör­p­er und daher in der Regel nur nach ein­schlägigem Studi­um zu leis­ten. Es gehört ein sehr hohes Maß an Ver­ant­wor­tung dazu.
Burnout äußert sich im fort­geschrit­te­nen Sta­di­um unter anderem durch anhal­tende Erschöp­fung, Kopf­schmerzen, Schlaf­störun­gen, Herzstörun­gen, Bluthochdruck, innere Unruhe und Tin­ni­tus. Die Nähe zur Depres­sion ist unverkennbar. Aber das wäre ein weit­er­er Artikel. Es kann sein, dass Betrof­fene in hohem Alkohol‑, Nikotin‑, Kaf­fee- oder sog­ar Dro­genkon­sum Lin­derung suchen. Das bewirkt natür­lich das Gegen­teil. Am Arbeit­splatz wächst die Antrieb­slosigkeit naturgemäß eben­falls. Sie kann bis zur total­en Ablehnung der Arbeit mit dann auch zunehmenden Fehlzeit­en führen.
Die men­schlichen Schä­den sind also enorm. Aber auch wirtschaftlich verur­sachen arbeits­be­d­ingte psy­chis­che Belas­tun­gen hohe Kosten. Nach ein­er Studie des Bun­desver­ban­des der Betrieb­skrankenkassen sind es in Deutsch­land zehn Mil­liar­den Euro an direk­ten Krankheit­skosten. Hinzu kom­men indi­rek­te Kosten wie Frühver­ren­tung in Höhe von bis zu 20 Mil­liar­den Euro.
Die IG Met­all hat jet­zt eine „Anti-Stress-Verord­nung“ gefordert. Diese würde sich in erster Line gegen die äußeren Ein­wirkungs­fak­toren am Arbeit­splatz wen­den. Rechtzeit­iges Gegen­s­teuern gegen den Burnout ist auf jeden Fall der wirk­sam­ste Weg. Stress gehört in gewis­sem Maße zum Leben, es kommt aber wie bei so vielem auf die Dosis an.
Eine Entrüm­pelung des per­sön­lichen Ter­minkalen­ders kann auch helfen. Betriebe, die ihren Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­ern ein Abo für ein Fit­nessstu­dio bezahlen oder Sport- und Entspan­nungsange­bote im Betrieb bere­i­thal­ten, kön­nen damit den Anfang eines ganzheitlichen Gesund­heits­man­age­ments machen. Dem Burnout kann damit ent­ge­gengewirkt wer­den. Auf jeden Fall ist er ein The­ma für den mod­er­nen Arbeitss­chutz.
Autor
Min­is­te­ri­al­rat Peter H. Niederelz E‑Mail: peter.h.niederelz @googlemail.com
Anzeige
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abon­nieren

Meistgelesen

Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 9
Ausgabe
9.2020
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 9
Ausgabe
9.2020
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de