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Einsatz von sicheren Produkten obligatorisch

Nadelstichverletzungen und die neue BioStoffV
Einsatz von sicheren Produkten obligatorisch

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Nadel­stichver­let­zun­gen zählen weltweit zu den häu­fig­sten Arbeitsunfällen.1 Mit Nadel­stichver­let­zun­gen sind vielfältige Risiken ver­bun­den. Zum Schutz der Beschäftigten gel­ten seit Juli dieses Jahres noch schär­fere Regeln, die auch Auswirkun­gen für Laborärzte und Lab­o­ra­to­rien haben.

Jegliche Stich‑, Schnitt- oder Kratzver­let­zung mit schar­fen oder spitzen Gegen­stän­den (Kanülen, Skalpellen oder ähn­lichen Gegen­stän­den), die durch Patien­ten­blut oder Kör­per­flüs­sigkeit­en verun­reinigt waren, unab­hängig davon, ob die Wunde geblutet hat oder nicht, wer­den als Nadel­stichver­let­zung (NSV) beze­ich­net. Mit Nadel­stichver­let­zun­gen ist regelmäßig eine Gefahr für die Betrof­fe­nen ver­bun­den, da durch der­ar­tige Ver­let­zun­gen Krankheit­ser­reger vom Patien­ten auf das medi­zinis­che Per­son­al über­tra­gen wer­den kön­nen. Arbeitsmedi­zinisch sind hier ins­beson­dere die Über­tra­gun­gen des Hepati­tis-C-Virus, des Hepati­tis-B-Virus und die des HI-Virus rel­e­vant.
Als beson­ders gefährlich gel­ten Ver­let­zun­gen an zur Diag­nose ver­wen­de­ten Medi­z­in­pro­duk­ten wie blut­ge­füllte Hohlnadeln oder mit Blut kon­t­a­minierte Lanzetten, da durch diese beson­ders große Blut­men­gen über­tra­gen wer­den kön­nen.
Angst vor Infek­tio­nen
Nadel­stichver­let­zun­gen kön­nen Infek­tio­nen zur Folge haben. Lei­der ist es in der Regel nicht möglich, sofort nach ein­er Stichver­let­zung jeglich­es Infek­tion­srisiko auszuschließen. Selb­st wenn inner­halb von kurz­er Zeit aus­geschlossen wer­den kann, dass der Spender der Nadel­stichver­let­zung infek­tion­srel­e­vante Erreger in sich trägt, bleibt den­noch ein Rest Unsicher­heit, da nicht alle arbeitsmedi­zinisch rel­e­van­ten Erreger jed­erzeit nach­weis­bar sind. Unsicher­heit herrscht erst recht dann, wenn der Spender unbekan­nt ist (beispiel­sweise beim Stich an ein­er liegen gebliebe­nen Kanüle unklar­er Herkun­ft) oder wenn nach der Unter­suchung des Spenders fest­ste­ht, dass dieser Träger gefährlich­er Viren wie z.B. HIV oder Hepati­tis C ist.
Hepati­tis C kann näm­lich erst behan­delt wer­den, nach dem die Infek­tion aufge­treten ist. Eine pos­t­ex­po­si­tionelle Pro­phy­laxe wie bei Hepati­tis B und HIV ist nicht möglich. Bis zu sechs Wochen beste­ht daher bei einem Betrof­fe­nen die Möglichkeit, dass sich eine Hepati­tis C‑Infektion ein­stellt.
Äng­ste vor eventuellen Infek­tio­nen spie­len daher nach ein­er der­ar­ti­gen Ver­let­zung bei den Betrof­fe­nen eine große Rolle:
  • 1. Bei Nadel­stichver­let­zun­gen mit unbekan­nten Spender­pa­tien­ten (d.h. es ist unklar, bei welchem Patien­ten die Nadel vorher ver­wen­det wurde) kann über das tat­säch­liche Risiko ein­er Infek­tion kein­er­lei Auskun­ft gegeben wer­den. Dies erzeugt bei den Betrof­fe­nen ver­ständlicher­weise Angst.
  • 2. Auch für bes­timmte häu­fige Ver­let­zungsmuster (Stich an ein­er s.c. Nadel) existieren bis heute keine genauen Dat­en zur tat­säch­lichen Gefährlichkeit eines der­ar­ti­gen Stichs. Sich­er ist nur, dass eine Infek­tion­s­ge­fahr nicht aus­geschlossen wer­den darf. Das erzeugt Angst.
  • 3. Das Prob­lem „Nadel­stichver­let­zung“ wird teil­weise von Vorge­set­zten nicht ernst genom­men und bagatel­lisiert. Äng­ste der Betrof­fe­nen wer­den dadurch jedoch eher ver­stärkt, da keine ern­sthafte Auseinan­der­set­zung mit den tat­säch­lichen Risiken erfol­gt und jegliche medi­zinis­che Beratung oder Behand­lung aus­bleibt.
Nadel­stichver­let­zun­gen kön­nen aber nicht nur bei den direkt Betrof­fe­nen Äng­ste aus­lösen, son­dern auch zu Angst und Verun­sicherung im famil­iären Umfeld führen. Oft sind es Äng­ste eines Part­ners, der beispiel­sweise Angst hat, indi­rekt infek­tion­s­ge­fährdet zu sein, oder den Äng­ste pla­gen, mit seinem Part­ner nun über Ver­hü­tung zu sprechen, bis hin zur Sorge um ein unge­borenes Kind, das eben­falls von Infek­tions­fol­gen betrof­fen sein kann.
Mit­tel gegen die Angst
Nadel­stichver­let­zun­gen sind (wie oben erwäh­nt) häu­fig. Aber auch wenn eine nicht zu ver­nach­läs­si­gende Gefahr für Infek­tio­nen in der Folge beste­ht, muss fest­ge­hal­ten wer­den, dass Infek­tio­nen in Zeit­en der Schutz­imp­fung gegen das Hepati­tis-B-Virus rel­a­tiv sel­ten sind.
Inter­es­sant ist daher in diesem Zusam­men­hang auf das Melde­v­er­hal­ten einzuge­hen: In Deutsch­land wer­den fast 90% der Nadel­stichver­let­zun­gen nicht gemeldet – offen­bar sind sich die Betrof­fe­nen dieses Risikos (Infek­tion durch keine oder zu späte Behand­lung) nicht bewusst und haben daher keine Angst vor den tat­säch­lich möglichen Fol­gen.
Betrof­fene, die Angst vor Infek­tio­nen haben, wer­den ihre Ver­let­zung in jedem Fall melden. Trotz der dann sehr guten Prog­nose – sofor­tige pos­t­ex­po­si­tionelle Ther­a­pie bzw. frühzeit­ige Behand­lung ein­er Infek­tion begren­zen die Fol­gen der Nadel­stichver­let­zung – bleiben aber bis zum endgülti­gen Auss­chluss ein­er Infek­tion Äng­ste beste­hen.
Äng­ste nach Nadel­stichver­let­zun­gen aber auch Äng­ste vor Nadel­stichver­let­zun­gen lassen sich in erster Lin­ie durch eine Aufk­lärung der Beschäftigten über die tat­säch­lichen Risiken min­imieren. Dies sollte Bestandteil der Risikokul­tur sein: In ein­er echt­en Risikokul­tur muss nicht nur über Sicher­heit gesprochen wer­den, son­dern es muss eben­so über die Schaden­er­wartung bzw. Fehlererwartung gesprochen wer­den. Grund­vo­raus­set­zung hier­für ist jedoch, zu akzep­tieren, dass Schä­den über­haupt ein­treten kön­nen. Im Falle ein­er Nadel­stichver­let­zung bedeutet das, zu akzep­tieren, dass der­ar­tige Ver­let­zun­gen jeden im Gesund­heits­di­enst betr­e­f­fen kön­nen. Aufk­lärung über Risiken, Schutz­maß­nah­men und Ver­hal­tens­maß­nah­men im Falle ein­er der­ar­ti­gen Ver­let­zung müssen also in Schu­lun­gen und Unter­weisun­gen, wie geset­zlich auch vorge­se­hen, vor Auf­nahme ein­er Tätigkeit mit dem Risiko ein­er Stich- und Schnittver­let­zung ver­mit­telt wer­den.
Aus­blick
Durch die seit 2003 gel­tende Tech­nis­che Regel für Biol­o­gis­che Arbeitsstoffe 250 und erst Recht mit der Neu­fas­sung der Biostof­fverord­nung 2013 ist die Ver­wen­dung dieser Sicher­heit­spro­duk­te in Deutsch­land für große Teile des Gesund­heits­di­en­stes verbindlich vorgeschrieben.2,3
Die neue Richtlin­ie enthält konkrete Vorschriften, um Arbeit­nehmer bess­er vor Ver­let­zun­gen durch scharfe oder spitze medi­zinis­che Instru­mente zu schützen. Sie ver­fol­gt einen inte­gra­tiv­en Ansatz und damit das Ziel, eine Arbeit­sumge­bung mit größt­möglich­er Sicher­heit für die im Gesund­heits­di­enst Beschäftigten durch Risikoab­schätzung, Risikover­mei­dung, Aus­bil­dung, Unter­rich­tung, Bewusst­seins­bil­dung und Überwachung zu schaf­fen.
Nadel­stichver­let­zun­gen wer­den den­noch weit­er­hin passieren. Inter­es­san­ter­weise sind es jedoch meist die Äng­ste Betrof­fen­er nach Nadel­stichver­let­zun­gen, die Prob­leme bere­it­en und nicht die Angst davor, dass sich der­ar­tige Ver­let­zun­gen ereignen oder wieder ereignen wer­den.
Betrof­fene soll­ten auf Nadel­stichver­let­zun­gen jedoch nicht mit Angst, son­dern mit Respekt reagieren. Hierzu bedarf es jedoch der umfassenden Infor­ma­tion über die tat­säch­lichen, mit Nadel­stichver­let­zun­gen ver­bun­de­nen Risiken.
Das Fachge­bi­et Arbeit­sphys­i­olo­gie, Arbeitsmedi­zin und Infek­tion­ss­chutz des Fach­bere­ich­es Sicher­heit­stech­nik der Uni­ver­sität Wup­per­tal hat in den ver­gan­genen Jahren in Zusam­me­nar­beit mit der Lan­desun­fal­lka­sse Nor­drhein-West­falen, dem Rheinis­chen Gemein­de­un­fal­lver­sicherungsver­band und dem Gemein­de­un­fal­lver­sicherungsver­band West­falen-Lippe zwei Informations-CD’s zum The­ma „Nadel­stichver­let­zun­gen ver­mei­den – Infek­tio­nen ver­hin­dern“ konzip­iert und veröf­fentlicht, die im Gesund­heits­di­enst vorgestellt und verteilt wurde. Die pos­i­tive Res­o­nanz im Hin­blick auf die wis­senschaftlich-päd­a­gogis­che Gestal­tung der CD’s sowie deren Anwend­barkeit bei den Betrof­fe­nen, haben die Autoren ver­an­lasst, dieses Pro­jekt weit­er­hin voranzutreiben.
Aktuelle nor­ma­tive Anforderun­gen an den Arbeitss­chutz
Seit der Ein­führung der Tech­nis­chen Regel für Biol­o­gis­che Arbeitsstoffe (TRBA) 2504 im Jahr 2003 gibt es in Deutsch­land Regelun­gen, die den Arbeit­ge­ber verpflicht­en, unter anderem soge­nan­nte Sichere Instru­mente zur Ver­mei­dung von NSV zu ver­wen­den. Die TRBA 250 wurde in mehreren Neu­fas­sun­gen immer schär­fer for­muliert. Seit dem Jahr 2008 ist in Deutsch­land die Ver­wen­dung sicher­er Pro­duk­te eigentlich immer dann oblig­a­torisch, wenn bei akzi­den­tellen Stichver­let­zun­gen mit der Über­tra­gung von infek­tion­srel­e­van­ten Blut- oder Kör­per­flüs­sigkeits­men­gen zu rech­nen ist. Nach herrschen­der Mei­n­ung ist dies aber bei nahezu allen Ver­let­zun­gen an perku­tan ver­wen­de­ten Instru­menten der Fall, nicht nur bei den in der TRBA 250 aus­drück­lich genan­nten Proze­duren der Blu­tent­nahme oder son­stiger Punk­tio­nen.
Die mit der TRBA 250 ver­fol­gten Präven­tion­san­sätze haben sich in der Ver­gan­gen­heit in einem Rück­gang der Anzahl von Nadel­stichver­let­zun­gen bemerk­bar gemacht haben. Allerd­ings gab es auch immer die Kri­tik, dass die TRBA 250 eben „nur“ eine tech­nis­che Regel sei und keine höher­w­er­tige Rechtsvorschrift.
Die Erfahrun­gen in nahezu allen Mit­glied­slän­dern der EU haben gezeigt, dass die beste­hen­den europäis­chen Regelun­gen und ihre Umset­zun­gen in nationales Recht nicht genügten, um die Gefahr von Nadel­stichver­let­zun­gen nach­haltig zu verringern.5 Aus diesem Grund wurde im Jahr 2010 die Richtlin­ie 2010/32/EU6 zur Verbesserung des Schutzes Beschäftigter im Gesund­heits­di­enst vor Nadel­stichver­let­zun­gen von Vertretern der Europäis­chen Gew­erkschaft des öffentlichen Dien­stes (EGÖD) für die Arbeit­nehmer und von HOSPEEM (Euro­pean Hos­pi­tal and Health­care Employ­ers’ Asso­ci­a­tion) für die Arbeit­ge­ber im Gesund­heitswe­sen („Sozial­part­ner“) unterze­ich­net. Die soge­nan­nte Nadel­stichrichtlin­ie (2010/32/EU) enthält konkrete Vorschriften, um Arbeit­nehmer vor Ver­let­zun­gen durch scharfe oder spitze medi­zinis­che Instru­mente zu schützen. Sie ver­fol­gt das Ziel, eine Arbeit­sumge­bung mit größt­möglich­er Sicher­heit für die im Gesund­heits­di­enst Beschäftigten zu schaf­fen. Die Rang­folge der zu ergreifend­en Schutz­maß­nah­men ist ver­gle­ich­bar mit der des Risiko­man­age­ments nach DIN EN ISO 14971: Prinzip­iell ist eine Gefahr an der Quelle zu bekämpfen. Gelingt dies nicht, sind tech­nis­che Schutz­maß­nah­men vorzuse­hen. Soll­ten auch diese nicht für das gewün­schte Schutzziel aus­re­ichen, ist durch eine geeignete Arbeit­sor­gan­i­sa­tion eine Tren­nung von Men­sch und Gefahr anzus­treben. Nachrangig zu diesen Maß­nah­men ist der Schutz der Arbeit­nehmer durch per­sön­lich wirk­same Maß­nah­men.
Die Richtlin­ie musste zum 10. Mai 2013 in das jew­eilige nationale Recht umge­set­zt wer­den. Dies ist im Rah­men der neuen Biostof­fverord­nung (Biostof­fV) in Deutsch­land zum 23. Juli 2013 geschehen.7
Der Arbeit­ge­ber ist nun aufge­fordert, die Belange des Arbeitss­chutzes in Bezug auf Tätigkeit­en mit Biostof­fen in seine betriebliche Organ­i­sa­tion einzu­binden und die hier­für erforder­lichen per­son­ellen, finanziellen und organ­isatorischen Voraus­set­zun­gen zu schaf­fen.
Neu gegenüber der Vorgänger­fas­sung sind unter anderem die nun sehr detail­lierten Vorschriften zur Gefährdungs­beurteilung und die deut­lich erweit­erten Doku­men­ta­tion­spflicht­en des Arbeit­ge­bers.
Im Rah­men der Gefährdungs­beurteilung ist nun zu prüfen, ob sichere Instru­mente mit inte­gri­erten Schutzmech­a­nis­men zur Ver­mei­dung von Nadel­stichver­let­zun­gen ver­füg­bar sind (Sub­sti­tu­tion­sprü­fung). Wenn sicherere Instru­mente ver­füg­bar sind, sind diese kon­se­quenter­weise bere­itzustellen.
Eine ökonomis­che Betra­ch­tung in Bezug auf die Beschaf­fungskosten sicher­er Instru­mente ist an dieser Stelle vom Geset­zge­ber nicht vorge­se­hen. Das Ziel ist, dass der unnötige Gebrauch spitzer bzw. schar­fer Gegen­stände ohne Sicher­heitsmech­a­nis­mus eingeschränkt und eine Erhöhung der Anwen­der­sicher­heit erre­icht wird.
Darüber hin­aus sind sichere Ver­fahren für den Umgang und die Entsorgung schar­fer bzw. spitzer Instru­mente und Abfälle festzule­gen. In diesem Rah­men ist das Wieder­auf­set­zen der Schutzkappe auf Kanülen (“Recap­ping“) grund­sät­zlich ver­boten.
Weit­er­hin ist der Ein­satz sicher­er Abwurf­be­häl­ter möglichst nahe am Ort der Ver­wen­dung der spitzen bzw. schar­fen Gegen­stände und das Ange­bot von Schutz­imp­fun­gen für poten­ziell exponierte Arbeit­nehmer vorzuse­hen.
Auch die Wichtigkeit von Schu­lungs­maß­nah­men wurde erkan­nt, denn Unter­suchun­gen von Abwurf­be­häl­tern zeigten, dass trotz vorhan­den­er Sicher­heitsmech­a­nis­men häu­fig ungesicherte Instru­mente entsorgt wurden.8
Die Schu­lung und Einar­beitung der Arbeit­nehmer, ins­beson­dere auch von neuen Mitar­beit­ern oder Lei­har­beit­nehmern,
  • in der richti­gen Ver­wen­dung scharfer/spitzer medi­zinis­ch­er Instru­mente mit inte­gri­erten Schutzmech­a­nis­men,
  • über Risiken durch die Expo­si­tion gegenüber Blut und Kör­per­flüs­sigkeit­en,
  • über Präven­tion­s­maß­nah­men und Sicher­heitsvorkehrun­gen, Arbeit­sregelun­gen und die Schutz­imp­fung,
  • über Ver­fahren zur Mel­dung von Nadel­stichver­let­zun­gen und über
  • die im Falle ein­er Ver­let­zung zu tre­f­fend­en Maß­nah­men,
ist daher nun verbindlich vorgeschrieben.
Arbeit­ge­ber, also Kranken­häuser, Pflege­heime, aber auch niederge­lassene Ärzte, müssen nun ihren abhängig beschäftigten Mitar­beit­ern daher heute Sichere Instru­mente zur Ver­fü­gung stellen, wenn sie diese mit perku­ta­nen Ein­grif­f­en wie Injek­tio­nen oder Blu­tent­nah­men betrauen.
Die Nichtver­wen­dung von Sicher­heit­spro­duk­ten kann gemäß der Biostof­fverord­nung eine Ord­nungswidrigkeit darstellen, die mit empfind­lichen Bußgeldern belegt wer­den kann. Aus­nah­men von der Ver­wen­dungspflicht beste­hen nur, wenn für den entsprechen­den perku­ta­nen Ein­griff keine Sicher­heit­spro­duk­te ange­boten wer­den (z.B. für die Punk­tion kle­in­ster Venen bei Säuglin­gen), oder die Ver­wen­dung eines Sicher­heit­spro­duk­tes mit ein­er Gefährdung des Patien­ten ver­bun­den wäre – was in der Regel eben­so wenig der Fall ist wie die dritte denkbare Aus­nahme, näm­lich der Auss­chluss ein­er Infek­tion­s­ge­fährdung. Let­ztere ist nie vol­lkom­men auszuschließen, da bere­its kle­in­ste Blut­men­gen, wie sie unter anderem bei NSV an sub­ku­tan ver­wen­de­ten Nadeln vorkom­men, genü­gend erregerhaltiges Blut über­tra­gen kön­nen und bei keinem Patien­ten jegliche Infek­tion­serkrankung von vorn­here­in aus­geschlossen ist.
Sichere Instru­mente
Mit­tler­weile bieten nahezu alle Her­steller Instru­mente für perku­tane Ein­griffe an, bei denen ein deut­lich gerin­geres Risiko für Stich- und Schnittver­let­zun­gen beste­ht. Diese Sicheren Instru­mente bedi­enen sich unter­schiedlich­ster Mech­a­nis­men, von ein­fachen klapp­baren Schilden, über aufwändi­ge Retrak­tion­ssys­teme, bei denen benutzte Kanülen durch Fed­erkraft in Gehäuse gezo­gen wer­den, bis zu Entschär­fungsmech­a­nis­men, die das benutzte Instru­ment direkt nach Gebrauch unschädlich machen.
Auf den ersten Blick sind die Sicher­heit­spro­duk­te im Ver­gle­ich zu den „nor­malen“ Pro­duk­ten aufwendi­ger und damit teur­er in der Her­stel­lung. Die sich daraus ergeben­den höheren Verkauf­spreise ste­hen vor dem Hin­ter­grund des Kos­ten­drucks auf die Gesund­heit­sein­rich­tun­gen, nicht im Ein­klang mit dem Inter­esse der erhöht­en Anwen­der­sicher­heit.
In vie­len Fällen haben die sicheren Instru­mente auch noch einen pos­i­tiv­en Neben­ef­fekt, denn häu­fig sind sie nicht nur sicher­er, son­dern erle­ichtern auch aus Anwen­der­per­spek­tive die Hand­habung und erlauben damit eine effizien­tere Anwen­dung der Pro­duk­te. Nur auf die Einkauf­skosten zu schauen ist, daher grund­sät­zlich zu kurz gegrif­f­en. Dies gilt natür­lich auch hin­sichtlich der mit Nadel­stichver­let­zun­gen im Zusam­men­hang ste­hen­den Fol­gekosten, die den Gesund­heit­sein­rich­tun­gen entste­hen, wenn mit der „Ressource Per­son­al“ nicht sicher­heits­be­wusst umge­gan­gen wird. So haben unter­schiedliche Stu­di­en gezeigt, dass Nadel­stichver­let­zun­gen –unab­hängig davon, ob es zu ein­er Infek­tion beim betrof­fe­nen Mitar­beit­er kommt – mit sehr hohen Fol­gekosten ver­bun­den sind. Für den Bere­ich der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land kon­nten von den Autoren beispiel­sweise durch­schnit­tliche Kosten in Höhe von 480 Euro ermit­telt werden.9
Um sichere Instru­mente im Sinne der Biostof­fverord­nung han­delt es sich dann, wenn diese Pro­duk­te fol­gende, unter dem Punkt 4.2.4 Zif­fer 7 der TRBA 250 genan­nten Eigen­schaften haben:
  • Der Sicher­heitsmech­a­nis­mus ist Bestandteil des Sys­tems und kom­pat­i­bel mit anderem Zube­hör.
  • Seine Aktivierung muss mit ein­er Hand erfol­gen kön­nen.
  • Seine Aktivierung muss sofort nach Gebrauch möglich sein.
  • Der Sicher­heitsmech­a­nis­mus schließt einen erneuten Gebrauch aus.
  • Das Sicher­heit­spro­dukt erfordert keine Änderung der Anwen­dung­stech­nik.
  • Der Sicher­heitsmech­a­nis­mus muss durch ein deut­lich­es Sig­nal (fühlbar oder hör­bar) gekennze­ich­net sein.
Zukün­ftig wird auch der Norm DIN EN ISO 23908 mit dem Titel „Schutz vor Stich- und Schnittver­let­zung – Anforderun­gen und Prüfver­fahren – Schutzein­rich­tun­gen für ein­ma­lig zu ver­wen­dende Kanülen zur sub­ku­ta­nen Injek­tion, Kathetere­in­führun­gen und Kanülen zur Blu­tent­nahme“ aus dem Jahr 201110 eine größere Bedeu­tung zukom­men (Anmerkung: Die Norm wird voraus­sichtlich vor Erscheinen diese Beitrages in aktu­al­isiert­er Ver­sion erscheinen, die Änderun­gen sind jedoch nicht inhaltlich­er Natur.). Unter anderem wird in dieser Norm eine Kat­e­gorisierung der sicheren Pro­duk­te in Abhängigkeit der tech­nis­chen Aus­führung des Sicher­heitsmech­a­nis­mus vorgenom­men.
Bei Mod­ellen mit „aktivem“ Schutzmech­a­nis­mus muss dieser nach der Ver­wen­dung durch den Benutzer selb­st aktiviert wer­den: Die weit ver­bre­it­eten Klapp­mech­a­nis­men für Spritzen und Kanülen sowie an vie­len Blu­tent­nahme-Sys­te­men sind typ­is­che Vertreter dieser Pro­duk­t­gat­tung. Bei „pas­siv­en“ Sicher­heit­spro­duk­ten wird der Nadelschutzmech­a­nis­mus ohne Zutun des Benutzers durch den nor­malen Arbeitsablauf aus­gelöst. Die meis­ten Sicher­heitsve­nen­ver­weilkatheter gehören dieser Pro­duk­t­gat­tung an. Das Her­ausziehen der Führungsnadel aus dem Katheter aktiviert hier automa­tisch die Kanülen­schutzein­rich­tung. Weit­er­hin find­en sich in dieser Kat­e­gorie Spritzen und Fer­tigspritzen mit Nadel­re­trak­tion­s­mech­a­nis­mus, bei denen ein voll­ständi­ges Ein­drück­en des Kol­bens das Zurückziehen der Nadel bewirkt, sowie eine Vielzahl an Lanzetten zur sicheren periph­eren Blu­tent­nahme.
Darüber hin­aus find­et sich noch eine dritte Gruppe, die eine Zwit­ter­stel­lung darstellt. Meist wird bei diesen Pro­duk­ten der Sicher­heitsmech­a­nis­mus mit­tels Knopf­druck aktiviert. Die eigentliche Sicherung erfol­gt dann vol­lau­toma­tisch, häu­fig unter­stützt durch vorges­pan­nte Fed­ern. Diese Art der Sicher­heitsmech­a­nis­men find­et sich beispiel­sweise bei Ver­weilkathetern ohne Zus­pritzven­til und bei soge­nan­nten But­ter­fly­kanülen für Kurzzeit­in­fu­sio­nen und Blu­tent­nah­men.
Hin­sichtlich der Gebrauch­stauglichkeit der sicheren Instru­mente ver­weist die Norm auf die IEC 62366 und schließt damit den Bogen auf dem Weg zu inte­gri­erten Sicher­heitsmech­a­nis­men unter Beach­tung der Anwen­der­fre­undlichkeit.
Es ist damit zu rech­nen, dass zukün­ftig viele Kun­den bei der Liefer­ung von sicheren Instru­menten die Ein­hal­tung der genan­nten Norm ein­fordern wer­den, allerd­ings ist wegen der sehr umfan­gre­ichen Prü­fun­gen nicht damit zu rech­nen, dass die Her­steller für alle Pro­duk­te inner­halb vertret­bar­er Fris­ten die entsprechen­den Prüfz­er­ti­fikate beib­rin­gen kön­nen wer­den: Obwohl aller Wahrschein­lichkeit die meis­ten heute liefer­baren Sicher­heit­spro­duk­te die Norm erfüllen, sind die weni­gen zuge­lasse­nen Prüf­stellen nicht in der Lage den momen­ta­nen Stau schnell abzuar­beit­en.
Recht­skon­forme Beliefer­ung
Für den Bere­ich der Blut­di­ag­nos­tik ist es auf Grund der Abrech­nungssys­teme üblich, dass ins­beson­dere niederge­lasse­nen Ärzten das gesamte Mate­r­i­al zur Diag­nos­tik vom kooperieren­den Lab­o­ra­to­ri­um zur Ver­fü­gung gestellt wird. Dies umfasst neben den Blu­tent­nah­meröhrchen in der Regel auch die dazu gehören­den Punk­tion­snadeln (Blu­tent­nah­me­nadeln, But­ter­fly­ka­theter, aber auch Lanzetten).
Regelmäßig wer­den in Arzt­prax­en aber Blu­tent­nah­men durch angestelltes Per­son­al (MFA) durchge­führt, das durch die gel­tenden Arbeitss­chutzge­set­ze vor Gefährdun­gen bei der Arbeit geschützt wer­den muss. Der (selb­st­ständi­ge) Prax­is­in­hab­er hinge­gen ist nicht an die Vorschriften des Arbeitss­chutzge­set­zes und der Biostof­fverord­nung gebun­den, so er die Tätigkeit­en selb­st aus­führt.
Arzt­prax­en wer­den daher in der Regel gezwun­gen sein, zukün­ftig auss­chließlich Sicher­heit­spro­duk­te für die Blu­tent­nahme zu beziehen. Allerd­ings sind mit Sicher­heit­spro­duk­ten meist auch höhere Kosten ver­bun­den, die das beliefer­nde Labor in der Regel an die Arzt­prax­is weit­ergibt. Da aber Kosten des Arbeitss­chutzes orig­inär Kosten sind, die vom Arbeit­ge­ber zu tra­gen sind, beste­ht hier offenkundig ein Kon­flikt zwis­chen regelkon­for­men Ver­hal­ten und der Abrech­nung der zusät­zlichen Kosten gegenüber den Krankenkassen.
Den­noch wer­den wohl die meis­ten niederge­lasse­nen Ärzte in Zukun­ft den Forderun­gen der BioStof­fV Rech­nung tra­gen und ver­stärkt eine Beliefer­ung durch Sicher­heit­spro­duk­te von ihren Ver­tragslab­o­ra­to­rien fordern. Nur so genü­gen sie ihrer Pflicht als Arbeit­ge­ber, die Beschäftigten nach dem aktuellen Stand der Tech­nik zu schützen. Darauf soll­ten auch die Laborärzte ihre Kun­den hin­weisen.
  • 1 Prüss-Ustün A, Rapi­ti E, Hutin Y. Esti­ma­tion of the glob­al bur­den of dis­ease attrib­ut­able to con­t­a­m­i­nat­ed sharps injuries among health-care work­ers. Am J Ind Med. Dezem­ber 2005;48(6):482–90.
  • 2 Tech­nis­che Regel für Biol­o­gis­che Arbeitsstoffe 250, Biol­o­gis­che Arbeitsstoffe im Gesund­heitswe­sen und in der Wohlfahrt­spflege (TRBA 250), Aus­gabe: Novem­ber 2003, Änderung und Ergänzung Juli 2006, )Bun­de­sar­beits­blatt 7–2006, S. 193), Ergänzung April 2007, GMBl Nr. 35 v. 27. Juli 2007, S. 720 Änderung und Ergänzung Novem­ber 2007, GMBl Nr.4 v. 14.02.2008, S. 83
  • 3 Biostof­fverord­nung vom 15. Juli 2013 (BGBl. I S. 2514)
  • 4 TRBA 250 „Biol­o­gis­che Arbeitsstoffe im Gesund­heitswe­sen und in der Wohlfahrt­spflege“ – TRBA-250.pdf [Inter­net]. [zitiert 27. August 2013]. Ver­füg­bar unter: http://www.baua.de/de/Themen-von-A‑Z/Biologische-Arbeitsstoffe/TRBA/pdf/TRBA-250.pdf?__blob=publicationFile&v=4
  • 5 Hugh­es S. DRAFT REPORT with rec­om­men­da­tions to the Com­mis­sion on pro­tectin g Euro­pean health­care work­ers from blood borne infec­tions due to needlest ick injuries [Inter­net]. Euro­pean Par­lia­ment; 2006 Feb. Report No.: 2006/2015(INI). Ver­füg­bar unter: http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//NONSGML+COMPARL+PE-367.952 +01+DOC+PDF+V0//EN&language=EN
  • 6 EU Kom­mis­sion. Richtlin­ie 2010/32/EU des Rates vom 10. Mai 2010 zur Durch­führung der von HOSPEEM und EGÖD geschlosse­nen Rah­men­vere­in­barung zur Ver­mei­dung von Ver­let­zun­gen durch scharfe/spitze Instru­mente im Kranken­haus- und Gesund­heitssek­tor [Inter­net]. Juni 1, 2010. Ver­füg­bar unter: http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2010:134:0066:01:DE:HTML
  • 7 Verord­nung über Sicher­heit und Gesund­heitss­chutz bei Tätigkeit­en mit Biol­o­gis­chen Arbeitsstof­fen [Inter­net]. BGBl S 2514 Juli 23, 2013. Ver­füg­bar unter: http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/biostoffv_2013/gesamt.pdf
  • 8 Wick­er S, Gottschalk R, Hof­mann F, Wittmann A, Kralj N, Rabenau HF. Effek­tiv­ität und Effizienz sicher­er Instru­mente… Arbeitsmedi­zin Sozialmedi­zin Umweltmed. 2010;45(7):428.
  • 9 A. Wittmann (2007). The cost-effec­tive­ness of pro­tec­tion sys­tems for sharps. Hos­pi­tal 3/2007;21–23
  • 10 Schutz vor Stich- und Schnittver­let­zung – Anforderun­gen und Prüfver­fahren – Schutzein­rich­tun­gen für ein­ma­lig zu ver­wen­dende Kanülen zur sub­ku­ta­nen Injek­tion, Kathetere­in­führun­gen und Kanülen zur Blu­tent­nahme (ISO 23908:2011); Deutsche Fas­sung EN ISO 23908:2013 [Inter­net]. Beuth; 2013. Kostenpflichtig ver­füg­bar unter: http://www.beuth.de/de/norm/din-en-iso-23908/191038507
Prof. Dr.-Ing. Andreas Wittmann Fach­bere­ich Sicher­heit­stech­nik Uni­ver­sität Wup­per­tal
Dipl.-Ing. Thomas Bossel­mann
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