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Ende ohne Schrecken oder Schrecken ohne Ende?

Sturz ins Auffangsystem
Ende ohne Schrecken oder Schrecken ohne Ende?

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Die häu­fig­ste Ursache aller tödlichen Arbeit­sun­fälle und die zwei­thäu­fig­ste für schwere Ver­let­zun­gen sind Stürze aus großer Höhe. Absturzge­fährdete Bere­iche kön­nen durch organ­isatorische und tech­nis­che Maß­nah­men wie Gelän­der oder Fangnet­ze gesichert wer­den. Ist dies nicht möglich, schreiben die geset­zlichen Unfal­lver­sicher­er für Arbeit­en in großen Höhen die Anwen­dung von PSA gegen Absturz vor.

Die meis­ten der ver­wen­de­ten Auf­fangsys­teme haben eines gemein­sam: Im Falle eines Absturzes fan­gen sie den Sturz auf und reduzieren die Sturzen­ergie, die auf den Fal­l­en­den wirkt. So schützen sie den Arbeit­er vor schw­eren Ver­let­zun­gen durch den Auf­prall auf den Boden. Sehr oft hat die gestürzte Per­son jedoch ihren fes­ten Stand ver­loren und hängt nun frei im Auf­fangsys­tem. Aus dieser neu ent­stande­nen Sit­u­a­tion kann sich der Arbeit­er in der Regel nicht selb­st befreien und ist auf die Ret­tung durch Dritte angewiesen. Und genau hier liegt das Problem.
Unternehmer in der Pflicht
Die BGR 198 regelt den Ein­satz von PSA gegen Absturz. In der BGR 199 wird die Benutzung von per­sön­lich­er Schutzaus­rüs­tung gegen Absturz zum Ret­ten aus Höhen und Tiefen beschrieben. Der Unternehmer hat im Rah­men ein­er Risiko­analyse über die richtige Auswahl der PSA gegen Absturz zu entschei­den. Auch die richti­gen Ret­tung­stech­niken sind zu definieren. Um ein möglichst effek­tives Arbeit­en zu gewährleis­ten wer­den in der Regel Sicherung­stech­niken gewählt, die eine größt­mögliche Bewe­gungs­frei­heit bieten aber auch ein­fach zu hand­haben sind.
Ein­fache Sicherungssys­teme bedür­fen im Sturz­fall jedoch unter Umstän­den aufwendi­ger Ret­tungssys­teme, worauf die Benutzer nicht immer vor­bere­it­et sind. Kom­men z.B. Arbeit­er ein­er Indus­triean­lage in der Höhe zum Ein­satz, kön­nen sie sich sehr oft mit ein­er Nah­sicherung (Verbindungsmit­tel mit Band­falldämpfer und Rohrhak­en) effek­tiv gegen Absturz sich­ern. Der Sturz auf den Boden wird ver­hin­dert, die Sturzen­ergie durch den Band­falldämpfer wirkungsvoll auf ein erträglich­es Maß reduziert. Hier­bei reißen die Nähte im Band­falldämpfer auseinan­der. Es wird Sturzen­ergie aufgenom­men. Als neg­a­tiv­er Neben­ef­fekt kommt es aber zu ein­er Ver­längerung des Verbindungsmit­tels, da der Band­falldämpfer sich je nach Her­steller um bis zu 1,75 m ver­längern kann.
Hängt der Arbeit­er nach dem Sturz nun in seinem Auf­fangsys­tem, kann er sich aus eigen­er Kraft nicht ret­ten, da er mit seinen Hän­den oder Füßen keinen Hal­tepunkt mehr erre­ichen kann. Ein ein­fach­es Hochziehen durch Kol­le­gen ist nicht möglich. Will man nun diese Per­son aus ihrer misslichen Lage befreien, muss ein zweites Sys­tem zum Ein­satz kom­men, mit dem man sie aus ihrem eige­nen Sys­tem ent­lastet, ins neue Sys­tem übern­immt und dann je nach Sit­u­a­tion ablässt oder hochzieht. Hier­für gibt es z.B. eine Vielzahl von automa­tis­chen Abseil­geräten mit Hub­funk­tion. Mit diesen Geräten kann der Abgestürzte aus seinem Sys­tem aus­ge­hoben und dann anschließend kon­trol­liert abge­lassen wer­den. Automa­tis­che Abseil­geräte bedür­fen ein­er inten­siv­en Schu­lung und müssen ständig am Arbeit­splatz in der Höhe bere­it­ge­hal­ten werden.
Höhen­sicherungs­geräte sind gefragt
Viele Handw­erk­er wie Dachdeck­er oder neuerd­ings auch Gerüst­bauer sich­ern sich häu­fig mit Höhen­sicherungs­geräten (HSG) gegen Absturz. Auch hier kommt es im Sturz­fall zu ein­er Ver­längerung des Verbindungsmit­tels da die Bremse im Gerät erst anspricht, wenn der Arbeit­er durch sein Stürzen Geschwindigkeit aufgenom­men hat. Wer­den diese Sicherungssys­teme hor­i­zon­tal ange­ord­net, wie es auf Flachdäch­ern üblich ist, kann der Arbeit­er auf Grund der Befes­ti­gung des Verbindungsmit­tels an der rück­seit­i­gen Auf­fangöse seines Auf­fang­gur­tes 1,5 m tief stürzen, bevor die Bremse des Höhen­sicherungs­gerätes ange­sprochen wird.
Ist der Arbeit­er über die Gebäudekante gestürzt, hängt auch er hil­f­los in seinem Sys­tem und ist auf die Hil­fe Drit­ter angewiesen. Han­delt es sich um Höhen­sicherungs­geräte mit Absenk ‑oder Ret­tung­shub­funk­tion, kann der Kol­lege den Abgestürzten sich­er zum Boden ablassen oder wieder zum Aus­gangspunkt hochziehen. Anson­sten muss auch dieser Arbeit­er in ein anderes Sys­tem über­nom­men wer­den, das ein Ablassen auf den Boden ermöglicht.
Stürze in ein Auf­fangsys­tem sind sehr sel­ten und stellen für alle Beteiligten eine Extrem­si­t­u­a­tion dar. Bei Stürzen in Falldämpfer ist bei Anprall an Gegen­stände mit Ver­let­zun­gen zu rech­nen. Für die anwe­senden Arbeit­skol­le­gen ist die Unfall­si­t­u­a­tion eine große psy­chis­che Belastung.
Ret­tung durch die Feuerwehr
Berück­sichtigt der Unternehmer im Rah­men sein­er Risiko­analyse all diese Fak­toren, sollte auch die Ret­tung durch die Feuer­wehr in Erwä­gung gezo­gen wer­den. Alle öffentlichen Feuer­wehren haben einen Brand­schutzbe­darf­s­plan aufzustellen. In diesem müssen sie gewährleis­ten, mögliche Ein­satzstellen in ihrem Ein­satzge­bi­et in ein­er definierten Zeit zu erre­ichen. Diese Ein­tr­e­f­fzeit nach der Alarmierung wird in der Regel mit 8 Minuten angesetzt.
Feuer­wehren ver­fü­gen über trag­bare Leit­ern mit denen Höhen von bis zu 12 m erre­icht wer­den kön­nen. Dies entspricht bei Wohnge­bäu­den der Höhe des 3. Obergeschoss­es. Drehleit­ern der Feuer­wehr erre­ichen nach Vor­gaben der Norm eine Ret­tung­shöhe von 23 m. Mod­erne Drehleit­ern erre­ichen mit­tler­weile Ret­tung­shöhen von über 30 m. Mit dem Ret­tungsko­rb kann man abgestürzte Per­so­n­en ein­fach ret­ten und auch ver­let­zte Arbeit­er kön­nen liegend auf ein­er Kranken­trage zum Boden gebracht werden.
Hier­für müssen aber bes­timmte Voraus­set­zun­gen geschaf­fen wer­den: Die Zufahrt zur Ein­satzstelle muss mit einem 15 Ton­nen schw­eren, 10 m lan­gen und 2,5 m bre­it­en Groß­fahrzeug möglich sein. Die Auf­stell­fläche bedarf ein­er Bre­ite von ca. 5 m, sollte sich in unmit­tel­bar­er Nähe der verun­fall­ten Per­son befind­en und muss aus­re­ichend befes­tigt sein.
Da Rasen­flächen und Grü­nan­la­gen nicht mit ein­er Drehleit­er befahren wer­den kön­nen, schei­det ihr Ein­satz an vie­len Arbeitsstellen von Dachdeck­ern und Gerüst­bauern aus. Beson­ders hohe Wohnge­bäude besitzen in der Regel nur definierte Stell­flächen für Drehleit­ern. Ist ihre Fas­sade eingerüstet, kön­nen selb­st diese Flächen oft nicht ange­fahren wer­den, da sie durch Bau­ma­te­ri­alien ver­stellt sind. In diesen Sit­u­a­tio­nen kann die Feuer­wehr jedoch auch ohne große Hubret­tungs­fahrzeuge tätig wer­den. Das Sich­ern der Ein­satzkräfte in absturzge­fährde­ten Bere­ichen gehört zu den Grundtätigkeit­en der Feuer­wehr. Per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung gegen Absturz wird in jedem Löschzug mit­ge­führt. Dies ermöglicht den Ret­tungskräften ein sicheres Bewe­gen in der Höhe. Tätigkeit­en an der Absturzkante kön­nen sich­er aus­ge­führt werden.
Leis­tungsstarke Feuer­wehren ver­fü­gen über Höhen­ret­tung­sein­heit­en. Hier­bei han­delt es sich um gut aus­ge­bildete Spezial­is­ten, die in Alpin­tech­nolo­gie arbeit­en und sehr flex­i­bel ein­set­zbar sind.
Relikt aus DDR-Zeiten
Den Ursprung hat­te die Höhen­ret­tung in der ehe­ma­li­gen DDR. Die dort entwick­elte „Spezielle Ret­tung aus Höhen und Tiefen“ kam anfangs vor allem in der Gebäud­erettung zum Ein­satz um den Man­gel an tech­nis­chen Ret­tungs­geräten zu kom­pen­sieren. Hier­aus ent­standen Tech­niken die sicheres Arbeit­en in großen Höhen ermöglichen wie sie die Ein­satzkräfte z.B. in Winden­ergiean­la­gen oder auf Däch­ern vorfind­en. Aber auch über­all dort, wo Drehleit­ern nicht zum Ein­satz kom­men, kön­nen Höhen­ret­ter schnell und unkom­pliziert einge­set­zt wer­den. Als Beispiel kann hier der Ein­satz in Hochre­gal­lagern oder hohen Indus­triean­la­gen genan­nt werden.
Die Arbeit mit umluftun­ab­hängigem Atem­schutz ermöglicht die Tätigkeit in Behäl­tern und Schächt­en. Die Ret­tung von abgestürzten Per­so­n­en, die in einem Auf­fangsys­tem hän­gen, wird regelmäßig trainiert und da Höhen­ret­ter in der Regel über eine ret­tungs­di­en­stliche Aus­bil­dung ver­fü­gen kann auch eine schnelle, kom­pe­tente Erstver­sorgung eventueller Ver­let­zun­gen durchge­führt werden.
Stürze in ein Auf­fangsys­tem sind immer als medi­zinis­ch­er Not­fall zu betra­cht­en. Wurde die abgestürzte Per­son zurück an den Aus­gangspunkt gerettet, bedarf es dort eventuell ein­er Ver­sorgung von Ver­let­zun­gen. Berück­sichtigt man auch die Ther­a­pie des Hänge­trau­mas, ist es nicht indiziert, dass der Arbeit­er aus eigen­er Kraft die Unfall­stelle verlässt.
Soll die Feuer­wehr in ein betrieblich­es Ret­tungskonzept einge­bun­den wer­den, ist dies mit der örtlichen Wehr abzus­tim­men. In einem Gespräch kön­nen Möglichkeit­en der Hil­fe und eventuelle Prob­leme erörtert wer­den. Unter Umstän­den sind im Rah­men ein­er Ein­satzübung die Ret­tungsmöglichkeit­en der Ein­satzkräfte zu erproben. Es ist als nicht aus­re­ichend anzuse­hen, sich erst im Schadens­fall auf die Feuer­wehr zu ver­lassen, wenn eige­nen Ret­tungsver­suche erfol­g­los geblieben sind.
Im Falle eines Absturzes muss ein durch­dachter Not­fallplan greifen und eine gut funk­tion­ierende Ret­tungs­kette aus sta­bilen Gliedern beste­hen. Wer­den diese Glieder zielo­ri­en­tiert zusam­menge­fügt, sind auch kom­plizierte Sit­u­a­tio­nen schnell und sich­er zu lösen – und für alle Beteiligten gibt es ein Ende ohne Schrecken.
Autor
Markus Hahne, Haupt­brand­meis­ter sowie Fachaus­bilder für Höhen­ret­tung und Hubret­tungs­fahrzeuge E‑Mail: m.hahne@gmx.net
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