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Erwei­terte Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion im Arbeits­schutz – die Umset­zung

Arbeitsschutz als Kulturproblem Teil III
Erwei­terte Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion im Arbeits­schutz – die Umset­zung

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Der vorlie­gende dritte Teil der Serie zum Thema „Arbeits­schutz als Kultur- problem“ zeigt, wie das in Ausgabe 06/2014 vorge­stellte Konzept der Risiko-kommunikation zur Über­win­dung der Dialog­un­fä­hig­keit zwischen dem technisch-administrativen und dem Wissen­schafts­sys­tem im Forschungs­be­reich prak­tisch umge­setzt werden kann.

Allen Verant­wort­li­chen und Entschei­dungs­trä­gern im Forschungs­be­trieb muss bewusst werden, dass Verän­de­rungs­pro­zesse in tradi­ti­ons­be­wuss­ten und erfolg­rei­chen Forschungs­or­ga­ni­sa­tio­nen ihre ange­mes­sene Zeit benö­ti­gen. Aus der Forschungs­pra­xis wird offen­sicht­lich, dass allein die einsei­tige Verän­de­rungs­be­reit­schaft des technisch-administrativen Subsys­tems im Forschungs­be­trieb nicht zur Über­win­dung der kultur­be­ding­ten Konflikte zwischen dem wissen­schaft­li­chen und dem technisch- admi­nis­tra­ti­ven System ausreicht. Dies entspricht auch der 20-jährigen Erfah­rung des Verfas­sers: Kultur­be­dingte Kommu­ni­ka­ti­ons­pro­bleme zwischen zwei sozia­len Grup­pen können nur durch Mitwir­kung beider Seiten und zwei­sei­ti­gen Bemü­hun­gen um Verstän­di­gung über­brückt werden. Diese notwen­dige Voraus­set­zung für einen Diskurs über Grenz­ri­si­ken und daraus abzu­lei­ten­den Maßnah­men im Arbeits­schutz und ande­ren sicher­heits­re­le­van­ten Berei­chen wird vom domi­nan­ten Wissen­schafts­sys­tem im Forschungs­be­trieb häufig entwe­der nicht wahr­ge­nom­men oder igno­riert.
Der Verfas­ser hat deshalb einen Weg einge­schla­gen, der die arbeits­schutz­be­zo­gene Dialog­un­fä­hig­keit im Forschungs­be­trieb allmäh­lich und syste­ma­tisch abbauen kann. Die Stra­te­gie umfasst fünf wich­tige Prozesse:
  • 1. Die Vertrau­ens­bil­dung durch System­leis­tun­gen für die Wissen­schaft
  • 2. Den Wissens­trans­fer an Führungs­kräfte
  • 3. Die Kommu­ni­ka­tion über Risi­ken des Forschungs­be­triebs
  • 4. Die Bereit­stel­lung von Werk­zeu­gen zur Risi­ko­be­wäl­ti­gung
  • 5. Die Einzel­fall­an­wen­dun­gen der erwei­ter­ten Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion
  • 6. Vertrau­ens­bil­dung durch System­leis­tun­gen für die Wissen­schaft
Die Vertrau­ens­bil­dung durch System­leis­tun­gen für die Wissen­schaft wurde vor allem durch drei Hand­lungs­stränge ge-fördert:
  • Durch die Abwehr von nicht inten­dier­ten Folgen der Recht­set­zung
  • Die Bemü­hun­gen um Parti­zi­pa­tion bei der Regel­bil­dung im Arbeits­schutz
  • Eine spezi­elle Ausrich­tung von Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit
In den 90er-Jahren war die mit einer zuneh­men­den Regu­lie­rungs­dichte im Arbeits- und Umwelt­schutz verbun­dene, vom Gesetz­ge­ber gar nicht beab­sich­tigte schlei­chende Bedro­hung der Entfal­tungs­fä­hig­keit in deut­schen Forschungs­or­ga­ni­sa­tio­nen nicht durch­ge­hend bewusst gewor­den. Im Rahmen der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion wurde Regu­lie­rungs­prä­ven­tion inner­halb der Arena als partei­ische Einfluss­nahme der Regel­in­stanz auf das rahmen­set­zende Arbeits­schutz­recht zur Erleich­te­rung der Dialog­fä­hig­keit wahr­ge­nom­men. Seit­her wurden, oft in guter Zusam­men­ar­beit mit gleich­ge­sinn­ten Sicher­heits­ex­per­ten aus ande­ren Forschungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Hoch­schu­len, einige bemer­kens­werte Erleich­te­run­gen für die deut­sche Forschung erreicht.
Im Laufe der Zeit wurde immer deut­li­cher, dass es bei den vielen exter­nen, verste­tigt verlau­fen­den Regu­lie­rungs­me­cha­nis­men einer dauer­haf­ten Reprä­sen­tanz des Inter­es­ses von Forschungs-organisationen bedurfte, um den im letz­ten Abschnitt beschrie­be­nen, nicht inten­dier­ten Folgen der Regel­set­zung bereits im Vorfeld wirk­sam entge­gen­tre­ten zu können. Im Rahmen der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion wurde Parti­zi­pa­tion an der Regel­bil­dung inner­halb der Arena als wich­tige prophylak- tische Maßnahme der Regel­in­stanz gegen zusätz­li­che Konfron­ta­ti­ons­li­nien zwischen den Akteu­ren wahr­ge­nom­men. Dabei agier­ten wiederum Sicher­heits­ex­per­ten aus Hoch­schu­len und Forschungs­or­ga­ni­sa­tio­nen als Regel­in­stanz, die den Akteu­ren, Inter­es­sen­grup­pen und sozia­len Grup­pen damit Regel-Kompetenz signa-lisierten und eine vertrau­ens­bil­dende Atmo­sphäre in der Arena schaff­ten.
Im Rahmen der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion wird die Orien­tie­rung von Akteu­ren zur Dialog­fä­hig­keit inner­halb der Arena als hilf­rei­che Maßnahme der Regel­in­stanz zur Herstel­lung der allge­mei­nen Dialog­fä­hig­keit zwischen den Akteu­ren wahr­ge­nom­men. Die Stabs­stel­len von Forschungs­be­trie­ben oder ‑orga­ni­sa­tio­nen versu­chen dabei als Regel­in­stanz, allen Akteu­ren, Inter­es­sen­grup­pen und sozia­len Grup­pen ein Verständ­nis für die jeweils ande­ren Akteure, Inter­es­sen­grup­pen und sozia­len Grup­pen in der Arena zu vermit­teln. Eine beson­dere Ziel­gruppe stel­len hier die Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit und Sicher­heits­in­ge­nieure an den Forschungs­be­trie­ben dar, die den beson­de­ren Anfor­de­run­gen an Fach­kräfte im Forschungs-betrieb gerecht werden müssen.
Die Ausrich­tung auf Forschungs­ziele soll die Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit zu forschungs­an­ge­pass­ten Beiträ­gen im Arbeits­schutz befä­hi­gen. Der Erfolg solcher Bemü­hun­gen ist zum Teil abhän­gig von der Vorqua­li­fi­zie­rung einer Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit. Von Sicher­heits­ex­per­ten des Arbeits­schut­zes im Forschungs­be­trieb wird mehr erwar­tet als Rechts­kunde und Routi­ne­ar­beit:
  • Für die reibungs­freie Einpas­sung gesetz­li­cher Rege­lun­gen in den Forschungs-betrieb müssen sie sowohl die Philo- sophie des „New Approach“ in der Praxis krea­tiv und flexi­bel umset­zen als auch die spezi­el­len Anfor­de­run­gen einer effi­zi­en­ten Grund­la­gen­for­schung nach­voll­zie­hen können.
  • Dazu müssen sie Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen und Risi­ko­ana­ly­sen als Grund­in­stru­mente so sicher beherr­schen, dass sie diese auch in schwie­ri­gen und völlig neuen, bestim­mungs­mä­ßig so gewoll­ten Gefähr­dungs­si­tua­tio­nen syste­ma­tisch und erfolg­reich einset­zen können.
  • Zu dieser allge­mei­nen Sicher­heits­kom­pe­tenz quali­fi­zie­ren die auf dem Markt erhält­li­chen Standard-Ausbildungsangebote i.d.R. nicht, da sie stark auf die gewerb­li­che Wirt­schaft mit ihren wohl­be­kann­ten Arbeits­pro­zes­sen und hier­ar­chi­schen Weisungs­struk­tu­ren abstel­len.
Das soziale Gefüge im Forschungs­be­trieb mit seinem domi­nan­ten Wissen­schaft­ler­sta­tus stellt zwischen Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit und Wissen­schaft­lern immer wieder ein Verhält­nis wie zwischen Außen­sei­tern und Etablier­ten her. Die beson­dere Ausrich­tung der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit dient deshalb auch der Stär­kung der inne­ren Kohä­sion und Kontrolle sowie der Verbes­se­rung des Orga­ni­sa­ti­ons­gra­des in der Gemein­schaft der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit im Forschungs­be­trieb. Elias und Scot­son (1993) haben nach­ge­wie­sen, dass durch eine solche Unter­stüt­zung exis­tie­rende Macht-differentiale zwischen „Außen­sei­tern und Etablier­ten“ auf ein dialog­fä­hi­ges Maß redu­ziert werden können.
Unter­stüt­zung der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion
Die Befä­hi­gung zur Risikokommunika- tion kann im Forschungs­be­trieb gezielt geför­dert und gestärkt werden, insbe­son­dere durch folgende Maßnah­men:
  • 1. Die Unter­stüt­zung der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion durch Bericht­erstat­tung zum Unfall­ge­sche­hen eignet sich beson­ders dann als Fakten­ba­sis der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion im Arbeits­schutz, wenn sie unan­fecht­ba­res statis­ti­sches Zahlen­ma­te­rial über die Gefähr­dungs­si­tua­tion im Forschungs­be­trieb bereit­stellt.
  • 2. Der Wissens­trans­fer an wissen­schaft­li­che und nicht-wissenschaftliche Führungs­kräfte über deren Pflich­ten und Aufga­ben sowie über die Methode der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung im Arbeits­schutz erweist sich als wesent­li­che­Prä­misse für die Bereit­schaft dieses­Per­so­nen­krei­ses zur Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion im Arbeits­schutz.
  • 3. Im Rahmen der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion werden bereit­ge­stellte Werk­zeuge zur Risi­ko­be­wäl­ti­gung inner­halb der Arena als Beispiel­lö­sun­gen für die Über­win­dung von poten­zi­el­len Konfronta-tionslinien wahr­ge­nom­men, auf welche die Regel­in­stanz zur Über­win­dung von Blocka­den in der Arena jeder­zeit zugrei­fen kann.
  • 4. Am wirk­sams­ten wird die Befä­hi­gung zur Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion durch konkrete Fall-Beispiele geför­dert. Hier müssen im Forschungs­be­trieb Beispiele für solche Fälle erar­bei­tet werden, die dazu führen, dass die kultur­be­ding­ten Unter­schiede der Risi­ko­be­wer­tung für diese Fälle weit­ge­hend einge­eb­net werden.
Erste, klei­nere Erfolge in der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion bedür­fen einer kriti­schen Würdi­gung. Ihre Bedeu­tung darf aus den folgen­den Grün­den nicht vorschnell über­schätzt werden:
  • Die Vertrau­ens­bil­dung durch System­leis­tun­gen für den Arbeits­schutz der technisch-administrativen Seite zum Vorteil der Wissen­schaft wird i.d.R. mit einem rela­tiv hohen Aufwand erkauft. Die erwar­tete Gegen­leis­tung der Wissen­schaft in Form einer grund­sätz­li­chen und flächen­de­cken­den Aner­ken­nung der Kompe­tenz zur forschungsverträg-lichen Imple­men­tie­rung des Arbeits­schut­zes bleibt jedoch häufig aus oder setzt erst mit langer Verzö­ge­rung ein.
  • Dem Wissens­trans­fer an Führungs­kräfte fehlt – so frucht­bar für den Arbeits­schutz er punk­tu­ell auch wirken mag – zumeist der politisch-strategische Über­bau eines allge­mei­nen Kultur­wan­dels im Forschungs­be­trieb hin zu einer Fehler- und Sicher­heits­kul­tur, welche einer allge­mei­nen Bereit­schaft zur Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion den Weg ebnen würde. Ohne diese Bereit­schaft wird der einge­lei­tete Wissens­trans­fer mittel- und lang­fris­tig nicht den beab­sich­tig­ten Nutzen für die Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion auf der Ebene der Führungs­kräfte entfal­ten.
  • Die Kommu­ni­ka­tion über Risi­ken des Forschungs­be­triebs mittels entspre­chen­der Bericht­erstat­tung kann die Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion als proba­tes stra­te­gi­sches Mittel zur Risi­ko­be­wäl­ti­gung im Arbeits­schutz in den Führungs­eta­gen bekannt machen und als Instru­ment attrak­ti­ver gestal­ten oder auch Risi­ko­dia­loge auslö­sen oder durch Fakten unter­stüt­zen. Inso­fern bildet die Bericht­erstat­tung über Risi­ken des Forschungs­be­triebs eine notwen­dige aber keine hinrei­chende Voraus­set­zung für die Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion.
  • Einzel­fall­an­wen­dun­gen der erwei­ter­ten Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion im Arbeits­schutz zeigen, dass die kultur­be­ding­ten Hinder­nisse bei der Umset­zung des Arbeits­schut­zes im Forschungs­be­trieb mit Mecha­nis­men der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion über­wun­den werden können. Der häufige Umweg über Eska­la­ti­ons­rou­ti­nen weist aber gleich­zei­tig darauf hin, dass das Instru­ment Risikokommuni-kation noch nicht allge­mein als Instru­ment zur Verstän­di­gung über Grenz­ri­si­ken im Arbeits­schutz aner­kannt wird.
Unter­stüt­zung aus einem Risi­ko­ma­nage­ment
Das größte Hinder­nis auf dem Weg zur Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion liegt in dessen bisher fehlen­den politisch-strategischen Grund­lage. Insge­samt blei­ben deshalb alle oben ange­führ­ten Schritte ohne ein zusam­men­hän­gen­des Konzept, das zumin­dest im Ansatz die Absicht oder das Poten­zial zur Über­win­dung der kultur­be­ding­ten Dialog­un­fä­hig­keit im Arbeits­schutz in Forschungs­be­trie­ben aufzei­gen würde.
Hilf­reich erweist sich hier jedoch die Exis­tenz eines geleb­ten Risi­ko­ma­nage­ment­sys­tems.
  • Ein stan­dar­di­sier­tes Risi­ko­ma­nage­ment leis­tet als ganz­heit­li­ches Steue­rungs­sys­tem und durch seine konsen­sual verein­bar­ten Vorga­ben einen unschätz­ba­ren Beitrag zur Über­win­dung kultur­be­ding­ter Konfron­ta­ti­ons­li­nien bei der Risi­ko­ab­schät­zung und ‑bewer­tung.
  • Außer­dem werden durch die in der Akti­ons­ma­trix eines Risi­ko­ma­nage­ments fest­ge­leg­ten Eska­la­ti­ons­pro­zesse unge­lös­ten Konflikte schnell und unbü­ro­kra­tisch entwe­der auf hier­ar­chisch höhere Entschei­dungs­ebe­nen oder auf neutrale Externe verla­gert.
  • Diese intrinsi­schen Mecha­nis­men der Akti­ons­ma­trix weisen wesent­li­che Rollen­merk­male der Regel­in­stanz in der Arena der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion auf.
  • Dazu ist weder die Akti­vie­rung einer Arena zur Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion notwen­dig noch eine expli­zit dafür benannte Regel­in­stanz.
  • Auf diese Weise lässt ein Risi­ko­ma­nage­ment im Forschungs­be­trieb viele Anlässe für eine notwen­dige Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion gar nicht erst entste­hen und berei­tet gleich­zei­tig für jene Fälle, in denen Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion tatsäch­lich noch notwen­dig ist und erfol­gen muss, den Boden für einen ratio­nal geführ­ten Dialog.
Zum Wesen eines Risi­ko­ma­nage­ments gehört aller­dings die früh­zei­tige Aggre­gie­rung von Risi­ken, die eine konkrete Analyse von Detail­ri­si­ken nicht mehr im Fokus hat. Soll das Risi­ko­ma­nage­ment für die Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion im Arbeits­schutz förder­lich sein, muss es deshalb bereits auf der Ebene einzel­ner Grenz­ri­si­ken anset­zen.
Welche Schlüsse lassen sich ziehen?
Mittels einer sozio-kulturellen Bestands­auf­nahme der Situa­tion des Arbeits­schut­zes in deut­schen Forschungs­be­trie­ben konn­ten beispiel­haft system- und milieu­be­dingte Kultur­un­ter­schiede als konsti­tu­ie­rende Diskri­mi­nan­ten zwischen dem wissen­schaft­li­chen und dem technisch- admi­nis­tra­ti­ven sozia­len Subsys­tem fest­ge­macht werden, die sich wegen der daraus resul­tie­ren­den Dialog­un­fä­hig­keit als syste­mi­sche Arbeits­schutz­ri­si­ken mani­fes­tie­ren.
Das erprobte Konzept der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion zur Herstel­lung der Dialog­fä­hig­keit zwischen den Betei­lig­ten an der staat­li­chen Risi­ko­be­wäl­ti­gung im Umwelt­schutz wurde auf seine Anschluss­fä­hig­keit hin zum betrieb­li­chen Arbeits­schutz über­prüft und erweist sich nach eini­gen notwen­di­gen Anpas­sun­gen in einer für den Arbeits­schutz erwei­ter­ten Form als geeig­ne­tes Instru­ment zur Herstel­lung der Dialog­fä­hig­keit zwischen dem wissen­schaft­li­chen und dem technisch-administrativen sozia­len Subsys­tem. Die Beispiele der beson­ders harten, kultur­be­ding­ten Konfron­ta­ti­ons­li­nien in Forschungs­be­trie­ben zeigen die prin­zi­pi­elle Zweck­dien­lich­keit einer erwei­ter­ten Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion für den Arbeits­schutz.
Aus der bishe­ri­gen Entwick­lung und Anwen­dung eines erwei­ter­ten Konzepts der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion auf die Kommu­ni­ka­tion von Arbeits­schutz­ri­si­ken unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung von system- und milieu­be­ding­ten Kultur­un­ter­schie­den können abschlie­ßend einige weitere Schluss­fol­ge­run­gen gezo­gen werden, die sich auf die notwen­dige Kompe­tenz­ent­wick­lung zur Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion und die ange­mes­sene Stra­te­gie für einen Kultur­wan­del in Rich­tung auf eine dem Risi­ko­port­fo­lio von Forschungs­be­trie­ben ange­mes­sene Sicher­heits­kul­tur bezie­hen.
Kompe­tenz­ent­wick­lung zur Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion
Aus den bishe­ri­gen Erfah­run­gen mit dem Einsatz von Elemen­ten der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion kann zunächst ein drin­gen­der Bedarf zur Kompe­tenz­ent­wick­lung für die Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion auf allen Ebenen der Forschungs­be­triebe abge­lei­tet werden.
Insbe­son­dere die Fähig­keit, kultur­be­dingte Konfron­ta­ti­ons­li­nien in Risi­ko­de­bat­ten zu erken­nen und rich­tig darauf zu reagie­ren, ist in Forschungs­be­trie­ben sowohl im wissen­schaft­li­chen als auch im technisch-administrativen Subsys­tem nur selten vorzu­fin­den. Hier bedarf es einer syste­ma­ti­schen und am besten gemein­sa­men Entwick­lung von entspre­chen­den Wahrnehmungs- und Reak­ti­ons­mus­tern. Außer­dem ist Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion als Instru­ment zur Herstel­lung von Dialog­fä­hig­keit in Forschungs­be­trie­ben weit­ge­hend unbe­kannt. Dies gilt sowohl für die Absich­ten, die Metho­den und die Spiel­re­geln als auch für den Arena-Begriff der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion. Beide Defi­zite können durch gezielte Schu­lun­gen und Einübung an Fall­bei­spie­len über­wun­den werden.
Vermisst werden solche Fähig­kei­ten vor allem auch im Brenn­punkt der betrieb­li­chen Arbeits­schutz­ex­per­tise bei den Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit.
  • Die Unkennt­nis von sozio-kulturellen Limi­tie­run­gen bei Risi­ko­wahr­neh­mung und ‑bewer­tung führt dort zu völlig unnö­ti­gen kogni­ti­ven Disso­nan­zen, die sich in vielen Fällen unmit­tel­bar in einer Redu­zie­rung der Anstren­gun­gen für eine ange­mes­sene Verhältnis- und Verhal­tensprä­ven­tion im Betrieb mani­fes­tie­ren.
  • In der berufs­ge­nos­sen­schaft­li­chen Ausbil­dung zur Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit kommen bereits die Instru­mente zu einer ange­mes­se­nen Konflikt­prä­ven­tion eindeu­tig zu kurz, wie sie z.B. von Klip­per (2010) empfoh­len werden.
  • Dies schwächt den Arbeits­schutz in einem Betrieb unmit­tel­bar und nach­hal­tig und führt deshalb zur Forde­rung nach einer sozio-kulturellen Anrei­che­rung der Ausbil­dung der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit.
  • In deren Ausbil­dung müssen entspre­chende Wahrnehmungs- und Reak­ti­ons­mus­ter für kultur­be­dingte Konfron­ta­ti­ons­li­nien stär­ker betont werden als bisher. Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit müssen solche Konfron­ta­ti­ons­li­nien früh­zei­tig als syste­mi­sche Arbeits­schutz­ri­si­ken detek­tie­ren und deren profes­sio­nelle Über­win­dung in ihr Arbeits­pro­gramm einbauen können. Dazu müssen sie das Arena-Modell der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion verstan­den haben und dort vor allem die Rolle der Regel­in­stanz, die ihnen in vielen Fällen zwangs­läu­fig zuwach­sen wird.
  • In diesem Zusam­men­hang muss auch auf den Zeit­auf­wand für die Anwen­dung von Elemen­ten der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion hinge­wie­sen werden. Ange­sichts der anspruchs­vol­len Kommu­ni­ka­ti­ons­auf­gabe und des hier beson­ders rele­van­ten Doku­men­ta­ti­ons­auf­wands kann dieser Zeit­auf­wand beträcht­lich sein. Unter Berück­sich­ti­gung des sons­ti­gen Aufga­ben­spek­trums einer Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit macht dies eine Neube­wer­tung ihrer Einsatz­zeit notwen­dig.
Der Kompe­tenz­ent­wick­lung zur Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion bedarf es aller­dings auch an ande­rer Stelle.
  • Beson­de­res Augen­merk ist dabei auf die Akteure im Wissen­schafts­sys­tem zu rich­ten.
  • Es ist hinläng­lich bekannt, dass sozio-technischen und sozio-kulturellen Aspek­ten in der akade­mi­schen Aus- und Fort­bil­dung bisher wenig Aufmerk­sam­keit geschenkt wird.
  • Einsicht in die Notwen­dig­keit von sozio-technisch abge­lei­te­ten Arbeits­schutz­maß­nah­men oder in sozio-kulturelle Limi­tie­run­gen der Risi­ko­wahr­neh­mung und ‑bewer­tung darf demnach in diesem Kreis von Perso­nen nicht a priori erwar­tet werden.
  • Eine Umfrage bei Forschungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und forschen­den Unter­neh­men in mehre­ren Ländern über die im Jahre 2020 in Forschungs­be­ru­fen benö­tig­ten Kompe­ten­zen macht deut­lich, dass viele wie selbst­ver­ständ­lich erwar­te­ten Fähig­kei­ten bei Wissen­schaft­lern nicht oder kaum ausge­prägt vorhan­den sind.
  • Insbe­son­dere der Mangel an Selbst­be­ur­tei­lungs­fä­hig­keit, an Fähig­keit zu lernen und sich zu erneu­ern sowie an der Fähig­keit, Teams zu mana­gen und zu leiten, lässt manche wissen­schaft­li­che Vorge­setzte zu poten­zi­el­len, laten­ten Sicher­heits­ri­si­ken im Arbeits­schutz werden.
  • Diese Einschät­zung gilt nicht nur für die durch einen Wissen­schaft­ler gefähr­de­ten Ande­ren, sondern auch für ihn selbst, wie bereits aus Unter­su­chun­gen z.B. von Frie­ling et al. (1996) für das mangelnde Bewusst­sein bei Akade­mi­kern im F&E‑Bereich hinsicht­lich Sicher­heit und Ergo­no­mie des eige­nen Arbeits­plat­zes bekannt ist.
Auf dem Weg zum Kultur­wan­del
Ist von einer Sicher­heits­kul­tur im Forschungs­be­trieb die Rede, dann kann der Hinweis auf eine bestimmte soziale Gemein­schaft oder Grup­pie­rung nur den Gesamt­be­trieb bzw. die Gesamtorganisa-tion meinen. Hier wird ein kollek­ti­ver Umgang mit Unsi­cher­hei­ten bzw. Risi­ken einge­for­dert, der grup­pen­spe­zi­fisch weit­ge­hend homo­gene symbo­li­sche, mentale und prak­ti­sche Formen beim Umgang mit Risi­ken voraus­setzt.
Wie Badke-Schaub et al. (2012) zeigen, sind Koor­di­na­tion, Kommu­ni­ka­tion und Koope­ra­tion die drei zentra­len Prozesse, die siche­res Handeln in Grup­pen beein­flus­sen. Inte­grie­rend für Koor­di­na­tion, Kommu­ni­ka­tion und Koope­ra­tion ist das Konzept des gemein­sa­men menta­len Modells der Gruppe über Aufgabe, Prozess und die Gruppe selbst. Diese Voraus­set­zun­gen sind aktu­ell in deut­schen Forschungs­be­trie­ben wegen der kultur­be­ding­ten Dialog­un­fä­hig­keit zwischen dem wissen­schaft­li­chen und dem technisch- admi­nis­tra­ti­ven Subsys­tem nicht gege­ben.
Unab­hän­gig von bereits einge­tre­te­nen und zukünf­tig mögli­chen Fort­schrit­ten im Arbeits­schutz der Forschungs­be­triebe durch eine erwei­terte Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion sind deshalb zur Entwick­lung einer ange­mes­se­nen Sicher­heits­kul­tur weitere Schritte eines grund­sätz­li­chen Kultur­wan­dels notwen­dig.
Dieser Kultur­wan­del sollte als Ziel den Weg aus der derzei­ti­gen segmenta­lis­ti­schen, durch das Wissen­schafts­sys­tem domi­nier­ten Kultur in eine inte­gra­tive Kultur vorge­ben, in der eine von gemein­sa­men Werten, Inter­es­sen, Über­zeu­gun­gen und Zukunfts­vi­sio­nen getra­gene Koope­ra­tion über alle sozia­len Subsys­teme der Forschungs­be­triebe hinweg möglich wird.
Ange­sichts der konse­quen­ten kultu­rel­len Binnen­ori­en­tie­rung und der daraus resul­tie­ren­den kommu­ni­ka­ti­ven Abge­schlos­sen­heit des wissen­schaft­li­chen Subsys­tems in deut­schen Forschungs­be­trie­ben müsste ein solcher Kultur­wan­del stra­te­gisch auf Trans­for­ma­tion und nicht auf Entwick­lung ange­legt sein.
Verän­de­rungs­pro­zesse, die ledig­lich auf Anpassungs- und Justie­rungs­stra­te­gien oder Korrek­tu­ren der bestehen­den Konfi­gu­ra­tion beider sozia­ler Subsys­teme beru­hen, werden wegen des stabi­len Behar­rungs­ver­mö­gens des aktu­ell domi­nan­ten Subsys­tems die notwen­dige inter­kul­tu­relle Öffnung nicht errei­chen.
Die Warnung von Weinert (2004), ohne die Beach­tung des Orga­ni­sa­ti­ons­kon­texts sei die Verän­de­rung des Orga­ni­sa­ti­ons­ver­hal­tens von vorne­her­ein zum Schei­tern verur­teilt, weist darauf hin, dass der erwünschte Kultur­wan­del im Forschungs-betrieb ohne eine gut koor­di­nierte Balance zwischen Kultur, Macht und Poli­tik nicht möglich ist.
Dazu müsste die Primär­ori­en­tie­rung des Kultur­wan­dels auf parti­zi­pa­tiv und koope­ra­tiv erar­bei­tete Ergeb­nisse ausge­rich­tet sein und Komple­xi­tät, Ambi­gui­tät und Offen­heit der Lebens­wel­ten im Forschungs­be­trieb aner­ken­nen und ange­mes­sen koor­di­nie­ren. Für eine Transforma- tions­stra­te­gie beim erwünsch­ten Kultur­wan­del spricht auch deren Fähig­keit zur Herstel­lung einer für die zukünf­tige Posi­tio­nie­rung deut­scher Forschungs­be­triebe im globa­len Wett­be­werb wich­ti­gen, dauer­haft anpas­sungs­fä­hi­gen Entwicklungs- und Wand­lungs­fä­hig­keit.
Erst in einer derart verän­der­ten Kultur wird für einen Forschungs­be­trieb ein homo­ge­ne­rer Umgang mit Risi­ken ganz allge­mein und mit Arbeits­schutz­ri­si­ken im Beson­de­ren ermög­licht. Diese Entwick­lung öffnet dann auch den Weg in eine Sicher­heits­kul­tur der deut­schen Forschungs­be­triebe, die eine erwei­terte Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion im Arbeits­schutz zwar nicht völlig entbehr­lich, aber wegen der gewach­se­nen Dialog­fä­hig­keit aller Betei­lig­ten deut­lich leich­ter werden lässt.
Lite­ra­tur siehe Sicher­heits­in­ge­nieur 06/2014, S. 40
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Autor
Dr. rer. nat. Peter Neurie­der Dipl.-Geophysiker (univ.), Dipl.-Sicherheitsingenieur (FH), Arbeitsschutz-Auditor (TÜV) Beauf­trag­ter für Umwelt- und Sicher­heits­fra­gen der Max-Planck-Gesellschaft Leiter der Stabs­stelle HSE der MPG E‑Mail: neurieder@gv.mpg.de
Dieser Arti­kel stützt sich inhalt­lich auf die Diplom­ar­beit des Autors zur Erlan­gung des akade­mi­schen Grades „Diplom-Sicherheitsingenieur (FH)“ im Studi­en­gang Sicher­heits­tech­nik an der Tech­ni­schen Akade­mie Südwest e.V. an der Fach­hoch­schule Kaisers­lau­tern (Univer­sity of Applied Scien­ces). Die Diplom­ar­beit trug den Titel „Entwick­lung und Anwen­dung eines erwei­ter­ten Konzepts der Risi­ko­kom­mu­ni­ka­tion auf die Kommu­ni­ka­tion von Arbeits­schutz­ri­si­ken unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung von system- und milieu­be­ding­ten Kultur­un­ter­schie­den“, wurde am 15.6.2013 einge­reicht und im August 2013 mit der Note 1,0 bewer­tet. Die TAS Stif­tung Weiter­bil­dung würdigte diese Leis­tung mit einem Sonder­preis.
Da die Arbeit einen Sperr­ver­merk trägt, wurde von direk­ten Zita­ten aus der Arbeit sowie von der Aufnahme der Arbeit in das Lite­ra­tur­ver­zeich­nis dieses Arti­kels verzich­tet.
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