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Fein­schliff

Serie Gefährdungsbeurteilung Teil 3
Fein­schliff

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In diesem letz­ten Teil der Arti­kel­se­rie zur Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung wird es darum gehen, Krite­rien zu erör­tern, die eine gute Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung ausma­chen und wie Maßnah­men sinn­voll erar­bei­tet und doku­men­tiert werden können.

Die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung ist keine Kunst für sich, sondern ein notwen­di­ges Instru­ment, um über die daraus abge­lei­te­ten Maßnah­men die Sicher­heit der Beschäf­tig­ten zu gewähr­leis­ten bzw. zu opti­mie­ren. Sie muss daher sorg­fäl­tig ausge­führt werden und bestimm­ten Güte­kri­te­rien entspre­chen, um wirk­sam zu sein [1].
Güte­kri­te­rien
Eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung muss sich sowohl um die äußere und innere Voll­stän­dig­keit bemü­hen, d. h. es sind alle Tätig­kei­ten und Tätig­keits­va­ri­an­ten zu betrach­ten, wobei alle zu erwar­ten­den Gefähr­dungs­fak­to­ren zu berück­sich­ti­gen sind [2], siehe Abb. 1. Dabei ist in der Vorbe­rei­tung der GB auf eine entspre­chende Trenn­schärfe zu achten.
Dies bedeu­tet, die zu betrach­ten­den Tätig­kei­ten müssen so klar von einan­der abge­grenzt sein, dass es nicht zu Vermi­schun­gen von Gefähr­dungs­spek­tren kommt und die Ergeb­nisse nicht klar auf die jewei­lige Betriebs­si­tua­tion bezo­gen werden können. Das einfachste Beispiel hierzu sind Arbei­ten an einer Anlage. Während des „norma­len“ Betrie­bes sind andere und meist gerin­gere Gefähr­dun­gen zu erwar­ten als z. B. bei Wartungs­ar­bei­ten oder der Störungs­be­sei­ti­gung. Diese jeweils unter­schied­li­chen Tätig­kei­ten müssen auch getrennt beur­teilt werden.
Dabei ist aber eine gewisse Ange­mes­sen­heit zu berück­sich­ti­gen. Es sollte vermie­den werden, die zu betrach­tende Arbeit in zu viele Teil­tä­tig­kei­ten zu unter­tei­len. So könnte jeder Hand­griff als eigene Tätig­keit defi­niert werden, was keinen Sinn macht. Die Arbeit in einem Büro kann durch­aus als Ganzes betrach­tet werden, ohne nach „Akten tragen“, „Kopie­ren“, „Tele­fo­nate führen“ zu diffe­ren­zie­ren. Ledig­lich die reine Bild­schirm­ar­beit könnte beson­ders geprüft werden.
Ande­rer­seits darf natür­lich das Raster auch nicht zu grob ausfal­len. Die summa­ri­sche Betrach­tung von „Werk­statt­ar­beit“ ist nicht hilf­reich, da sowohl weni­ger gefähr­li­che Arbei­ten wie z. B. Schrau­ben und Hämmern als auch gefähr­li­che Arbei­ten (z. B. Kreis­sä­ge­ar­bei­ten, Schweiß­tä­tig­kei­ten) auftre­ten, die eine Diffe­ren­zie­rung benö­ti­gen. Eine unge­nü­gende Trenn­schärfe sowie eine unan­ge­mes­sene Verein­fa­chung sind zu vermei­den.
Wie auch immer die Tätig­keits­ab­gren­zun­gen ausfal­len, die ange­wen­de­ten Beur­tei­lungs­kri­te­rien soll­ten möglichst objek­tiv sein, also auf allge­mein akzep­tier­ten und nach­zu­voll­zie­hen­den Krite­rien beru­hen. Dafür können Messun­gen, Berech­nun­gen oder andere fundierte quan­ti­ta­tive Abschät­zun­gen in Verbin­dung mit Grenz­wer­ten, Auslö­se­wer­ten oder aner­kann­ten arbeits­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen heran­ge­zo­gen werden. [3] Auch der Abgleich des Ist-Zustandes mit einer Beschaf­fen­heits­an­for­de­rung darf als objek­ti­vier­ba­res Krite­rium bezeich­net werden.
In vielen Fällen ist jedoch insbe­son­dere bei Beschaf­fen­heits­an­for­de­run­gen zu prüfen, ob die jewei­lige Anfor­de­rung für den konkre­ten Fall über­haupt anwend­bar ist (Reflek­tion). Die Vorgabe einer Absturz­si­che­rung von 1 m Höhe kann ggf. nicht mehr hilf­reich für Perso­nen über ca. 1,95 m sein. Auch wenn hier die Vorschrift eine klare Vorgabe macht, muss deren Wirk­sam­keit insbe­son­dere dann geprüft werden, wenn die Mitar­bei­ter nicht den zugrunde liegen­den „Norm­kol­lek­ti­ven“ entspre­chen. Sonst könnte es zu Unfäl­len kommen, obwohl die Vorschrift einge­hal­ten wurde.
Dies bedeu­tet aber, dass in der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung auch die indi­vi­du­el­len Beson­der­hei­ten der Mitar­bei­ter Berück­sich­ti­gung finden müssen. Dies können z. B. Behin­de­run­gen, das Alter, Händig­keit (Links­hän­der!) und ggf. das Geschlecht sein. Aber auch bei beson­de­ren Anfor­de­run­gen an Kraft, Größe, Ausdauer, Konzen­tra­ti­ons­fä­hig­keit usw. ist zu prüfen, ob die Mitar­bei­ter diesen spezi­fi­schen Anfor­de­run­gen über­haupt „gewach­sen“ sind.
Die Umset­zungs­mo­da­li­tä­ten dieser Anfor­de­run­gen sind möglichst vor Beginn der GB zu klären und die erar­bei­te­ten Krite­rien soll­ten dann während der Umset­zungs­phase in allen Betriebs­tei­len, Betriebs­stät­ten oder Filia­len in glei­cher Weise ange­wen­det werden (Homo­ge­ni­tät).
Maßnah­men
Der Sinn einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung ist eine Opti­mie­rung des Arbeits­schut­zes, denn nur daraus zieht sie ihre Berech­ti­gung. Die Fest­stel­lung von Gefähr­dun­gen muss daher notwen­dig zu Maßnah­men führen, die geeig­net sind, die Gefähr­dun­gen abzu­stel­len oder wenigs­tens zu mini­mie­ren.
Prin­zi­pi­ell ist zwischen drei verschie­de­nen Maßnah­men­ty­pen zu unter­schei­den:
1. Maßnah­men zur Gefah­ren­ab­wehr bzw. ‑mini­mie­rung. Diese können sein:
Sofort­maß­nah­men: Direkte, kurz­fris­tig umzu­set­zende Abwehr einer unmit­tel­bar drohen­den Gefahr (z. B. Maschi­nen still­set­zen, PSA zur Verfü­gung stel­len, Arbei­ten einstel­len etc.)
Reduk­ti­ons­maß­nah­men: Kurz- bis mittel­fris­tige Maßnah­men, um Gefähr­dun­gen insbe­son­dere tech­nisch – orga­ni­sa­to­risch zu redu­zie­ren (z. B. Kapse­lung von Maschi­nen, Bereit­stel­lung von Hilfs­mit­teln, Absaug­an­la­gen, PSA wenn keine tech­nisch – orga­ni­sa­to­ri­schen Maßnah­men möglich)
Nach­hal­tig­keits­maß­nah­men: Lang­fris­tige, oft plane­ri­sche und mit höhe­ren Inves­ti­tio­nen verbun­dene Maßnah­men zur Besei­ti­gung einer Gefähr­dung und / oder zur Verbes­se­rung des Gesund­heits­schut­zes (z. B. Umstel­lung der Arbeits­pro­zesse, leisere oder emis­si­ons­arme Arbeits­mit­tel, Substi­tu­tion von Stof­fen, Einstel­lung bestimm­ter Tätig­kei­ten).
Maßnah­men zur Fest­stel­lung der Wirk­sam­keit von ergrif­fe­nen Maßnah­men (z. B. Messun­gen, Berech­nun­gen, Befra­gun­gen etc.)
Pflege- und Kontroll­maß­nah­men zum Status­er­halt getrof­fe­ner Schutz­maß­nah­men.
In der Theo­rie ist hier jeweils dem (S)TOP – Prin­zip zu folgen, es sind also – sofern keine Substi­tu­tion (S) der Gefähr­dungs­ur­sa­che möglich ist – zunächst tech­ni­sche Lösun­gen vorzu­zie­hen, denen orga­ni­sa­to­ri­sche Maßnah­men folgen und erst als letz­tes Mittel dürfen auf die Einzel­per­son abge­stellte Schutz­lö­sun­gen (z. B. PSA) heran­ge­zo­gen werden.
In der Praxis ist diese starre Eintei­lung sicher nicht immer einzu­hal­ten, da ggf. zuerst PSA im Sinne einer vorüber­ge­hen­den Sofort­maß­nahme ausge­ge­ben werden kann, die dann zu einem späte­ren Zeit­punkt z. B. durch eine tech­ni­sche Lösung ersetzt werden muss. Insbe­son­dere sei daran erin­nert, dass bei der Anwen­dung von PSA eine Gefähr­dung nur durch das Setzen einer ande­ren Gefähr­dung (körper­li­che Belas­tung, Atem­wi­der­stand etc.) redu­ziert wird. Insbe­son­dere deshalb darf PSA nur einge­setzt werden, wenn andere Schutz­maß­nah­men nicht anwend­bar sind.
Das Substi­tu­ti­ons­prin­zip entstammt eigent­lich dem Gefahr­stoff­be­reich [4], kann und sollte aber auch im allge­mei­nen Arbeits­schutz einge­setzt werden. Möglich­kei­ten sind dazu durch­aus gege­ben, denn wenn z. B. nicht ergo­no­mi­sches Werk­zeug durch ergo­no­mi­sches ersetzt wird, können wir von einer Substi­tu­tion spre­chen.
Die Maßnah­men dienen zunächst dazu, ein unsi­che­res Arbeits­sys­tem in eine siche­res zu über­füh­ren, den siche­ren Zustand fest­zu­schrei­ben und im Rahmen der Kontroll­maß­nah­men zu über­prü­fen. Dabei gehö­ren die ersten beiden der oben genann­ten Maßnah­men­ty­pen der eigent­li­chen Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung an, während die letzte in den Bereich der Betriebs­be­ge­hun­gen nach dem Arbeits­si­cher­heits­ge­setz fällt.
Damit wird klar, dass ein wesent­li­cher Teil der im Arbeits­si­cher­heits­ge­setz (ASiG) beschrie­be­nen Aufga­ben der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit und der Betriebs­ärzte erst durch die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung konkre­ti­siert wird. Es sollen schließ­lich nicht „irgend­wel­che“ Krite­rien über­prüft werden, sondern die, die im konkre­ten Betrieb Sicher­heit garan­tie­ren. Und diese können ggf. ganz erheb­lich von Stan­dard­vor­la­gen abwei­chen, wie sie z. B. durch die Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten oder verschie­dene Verlage bereit­ge­stellt werden.
Maßnah­men­or­ga­ni­sa­tion und Doku­men­ta­tion
In der Regel müssen fest­ge­stellte Gefähr­dun­gen nicht mit einer einzi­gen Maßnahme sondern häufig mit einem ganzen Maßnah­men­bün­del beant­wor­tet werden. Die Formu­lie­rung bzw. die Fest­le­gung der Maßnah­men sollte dabei den folgen­den Krite­rien genü­gen:
  • Expli­zite Formu­lie­rung des ange­streb­ten siche­ren Zustan­des
  • Darstel­lung der Einzel­maß­nah­men, die zur Erlan­gung des siche­ren Zustan­des notwen­dig sind
  • Klare Fest­le­gung von Verant­wort­lich­kei­ten
  • Defi­ni­tion von Ziel­da­ten sowohl für die Zwischen­schritte als auch für die Erlan­gung des siche­ren Zustan­des
  • Angabe, mit welcher Maßnahme die Wirk­sam­keit geprüft werden soll
  • Angabe, wie der Status des siche­ren Zustan­des in Zukunft gewähr­leis­tet werden soll.
Das Beispiel im Kasten mag dieses Vorge­hen verdeut­li­chen.
Diese Schritte bzw. Zwischen­schritte soll­ten durch­aus auch in die Doku­men­ta­tion der GB nach § 6 ArbSchG einge­hen. Der genannte Para­graph gibt die wesent­li­chen Aspekte der Doku­men­ta­tion wieder: Ergeb­nis der GB, fest­ge­legte Maßnah­men und Ergeb­nis der Maßnah­men­über­prü­fung, also Doku­men­ta­tion der Wirkungs­kon­trolle. Dazu kommt das Datum der Erstel­lung oder Aktua­li­sie­rung. Ergän­zend ist anzu­ra­ten:
Die Doku­men­ta­tion sollte so ausge­führt werden, dass Dritte ohne zusätz­li­che Erläu­te­rung jeder­zeit den Stand der Umset­zung erken­nen können (Selbst­er­klär­bar­keit).
Formale Anfor­de­run­gen an die Doku­men­ta­tion bestehen nicht, und dass nach einem Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­ho­fes [5] die Doku­men­ta­tion für alle (also auch in Kleinst­be­trie­ben mit 10 oder weni­ger Mitar­bei­tern) erfor­der­lich ist, dürfte sich mitt­ler­weile allge­mein herum­ge­spro­chen habe. Für Kleinst­be­triebe genügt aber eine verein­fachte Doku­men­ta­tion [1].
Wieder­ho­lung der GB
Eine ausge­führte GB ist immer aktu­ell zu halten, d. h. sie muss den realen Stand im Betrieb wider­spie­geln. Daher sind sowohl anlass­be­dingte als auch zeit­be­dingte Über­prü­fun­gen vorzu­se­hen. Anlass­be­dingt sollte die GB aktua­li­siert oder über­prüft werden, wenn sich die Arbeits­mit­tel, die Arbeits­stoffe, die Verfah­ren oder Tech­no­lo­gien, kurz: wenn sich die Arbeits­be­din­gun­gen oder auch die arbeits­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nisse deut­lich ändern. Ledig­lich mini­male Ände­run­gen ohne offen­sicht­li­chen Einfluss auf die Sicher­heit dürfen unbe­rück­sich­tigt blei­ben [6].
Aktua­li­sie­run­gen können auch erfor­der­lich sein, wenn beson­dere Perso­nen­grup­pen (z. B. Behin­derte, Mitar­bei­ter mit schlech­ten Deutsch­kennt­nis­sen, Jugend­li­che etc.) einge­setzt werden, oder wenn z. B. arbeits­me­di­zi­ni­sche Unter­su­chun­gen auf einen unzu­rei­chen­den Schutz hindeu­ten [7].
Neben diesen anlass­be­zo­ge­nen Aktua­li­sie­run­gen sind routi­ne­mä­ßige Über­prü­fun­gen in gewis­sen Zeit­ab­stän­den sinn­voll und notwen­dig. Die Abstände können je nach Gefähr­lich­keit der Arbei­ten zwischen einem und fünf Jahren liegen, wie es für Kleinst­be­triebe z. B. durch die DGUV Vorschrift 2 der jewei­li­gen Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten fest­ge­legt ist.
Hinter­grund dieser Über­prü­fun­gen ist, dass viele kleine Ände­run­gen – die an sich keine anlass­be­zo­gene Aktua­li­sie­rung erfor­der­lich machen – sich mit der Zeit aufsum­mie­ren, so dass es zu einem „Ausdrif­ten“ des einst­mals siche­ren Stan­dards kommt. Als Daumen­re­gel erscheint ein Abstand von drei Jahren sinn­voll, muss aber im betrieb­li­chen Kontext fest­ge­legt werden. Zu erwä­gen ist auch die Einbin­dung exter­ner Fach­leute für eine unab­hän­gige Exper­tise.
Das Zentrum des Arbeits­schut­zes
Zum Ende dieser Arti­kel­se­rie wollen wir noch einmal auf die zentrale Rolle der GB in der betrieb­li­chen Sicher­heits­ar­beit zurück­kom­men. Die norma­ti­ven Anfor­de­run­gen des Arbeits­schutz­ge­set­zes und weite­rer Rechts­vor­schrif­ten sind in der Regel abstrakt verfasst und bedür­fen der konkre­ten Ausfül­lung durch den Normadres­sa­ten, also den Unter­neh­mer.
Dies kann nur durch die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung geleis­tet werden. In einem komple­xen Prozess müssen arbeits­wis­sen­schaft­li­che und natur­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nisse oder kodi­fi­zier­tes Erfah­rungs­wis­sen (z. B. in BG-Schriften) anhand der realen betrieb­li­chen Situa­tion reflek­tiert und in konkrete Maßnah­men umge­setzt werden (Abb. 2).
Danach erfolgt der „Export“ in Betriebs­an­wei­sun­gen, Unter­wei­sun­gen, Fest­le­gung von Bege­hungs­schwer­punk­ten, Maßnah­men zur menschen­ge­rech­ten Gestal­tung der Arbeit bzw. zur Gesund­heits­för­de­rung u.v.a. Dabei muss die GB die leitende System­kom­po­nente sein. Die Ausge­stal­tung eines Arbeitsschutzmanagement-Systems hat sich – zumin­dest in den davon beein­fluss­ten Teilen – der GB bzw. deren Ergeb­nis­sen unter­zu­ord­nen und nicht umge­kehrt.
An dieser Stelle muss vor einer „Verma­nage­men­ti­sie­rung“ der GB gewarnt werden. Der Sinn von Manage­ment­maß­nah­men ist ja, bestimmte Prozesse zu defi­nie­ren und so fest­zu­schrei­ben, dass sie geord­net und immer in glei­cher oder zumin­dest ähnli­cher Weise ablau­fen. Dies gilt auch für die GB. Es ist aber immer darauf zu achten, dass Frei­räume verblei­ben, um unter­schied­li­che Lösun­gen finden zu können oder bei Bedarf unter­schied­li­che und ggf. wech­selnde Beur­tei­lungs­kri­te­rien anwen­den zu können. Die GB darf nicht zu einem unre­flek­tier­ten Abha­ken von Check­lis­ten verkom­men.
Die GB und der Arbeits­schutz dienen ausschließ­lich dem Menschen, alles andere ist nach­ran­gig. Dieser Bezug scheint aber gele­gent­lich verlo­ren zu gehen. So wird z. B. in einem – sonst durch­aus anre­gen­den – Arti­kel vermerkt, dass „der Arbeits­schutz selbst aufzei­gen [muss], in welchen Berei­chen des Arbeits­pro­zes­ses er für das Unter­neh­men und seine Beschäf­tig­ten einen Nutzen hat“ [8]. Es besteht die Gefahr, dass bei solchen Formu­lie­run­gen der wich­tige, dem gesam­ten Arbeits­schutz zugrunde liegende Gedanke der grund­ge­setz­lich geschütz­ten körper­li­chen Unver­sehrt­heit und des Rechts auf Leben (Art. 2, Abs. 2 GG) als Neben­aspekt erscheint. Das wäre so, als müsste die Poli­zei ihren Nutzen für die Gesell­schaft nach­wei­sen – wenn das nicht über­zeu­gend gelingt, benö­ti­gen wir weder die Poli­zei noch den Arbeits­schutz. Im Focus der GB steht ausschließ­lich der Mensch. Andere Effekte, wie z. B. die durch­aus nach­ge­wie­se­nen wirt­schaft­li­chen Vorteile für die Unter­neh­men [9] sind schön, aber reine Neben­aspekte.
Lite­ra­tur
  • 1. Gemein­same Deut­sche Arbeits­schutz­stra­te­gie (2011): Leit­li­nie Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung und Doku­men­ta­tion.
  • 2. Schnei­der, G. (2011): Quali­täts­leit­li­nie Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung.- Die BG, 10/2011, 450 – 454.
  • 3. Bundes­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin (2010): Ratge­ber zur Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung – Hand­buch für Arbeits­schutz­fach­leute.
  • 4. § 7, Abs. 3 Gefahr­stoff­ver­ord­nung, TRGS 600 „Substi­tu­tion“
  • 5. EuGH, Urteil vom 7.2.2002 – C – 5 / 00
  • 6. § 3 Abs. 1 Arbeits­schutz­ge­setz, § 3 Abs. 2 BGV A1 Grund­sätze der Präven­tion
  • 7. § 8 Abs. 1 Verord­nung zur Arbeits­me­di­zi­ni­schen Vorsorge
  • 8. Carne­vin, O., Heiland, A. Pernack, E.F., Schol­beck, R, Schul. S. (2008): Prozess­ori­en­tierte Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung. – Sicher­heits­in­ge­nieur 7 / 2008, 20 – 25
  • 9. Z. B. Packe­busch, L., Herzog, B., Laumen, S. (2003): Erfolg durch Arbeits­schutz. – FA 57, Wirt­schaft­ver­lag NW, 135 pp; Bräu­ning, D., Kohstall, T, Mehnert, K (2009): Präven­ti­ons­bi­lanz und Präven­ti­ons­er­folg. – DGUV Forum 4 / 09, 22 – 27; Erfolgs­fak­tor Arbeits­schutz: Studie belegt betriebs­wirt­schaft­li­chen Nutzen von Präven­tion. – Pres­se­mit­tei­lung der Deut­schen Gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung, 7. 2. 2012
Ich danke meinem Kolle­gen Jens Heuser für die frucht­ba­ren Diskus­sio­nen und Anre­gun­gen während der Abfas­sung der Manu­skripte zu dieser Arti­kel­se­rie.
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Autor:
Dr. Gerald Schnei­der
B A D Gesund­heits­vor­sorge und Sicher­heits­tech­nik GmbH Bonn
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