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Gestaltungskonzepte zur Arbeitssicherheit in der DDR

„Schutzgüte“ als Qualitätsmerkmal der Arbeitsbedingungen und „Wissenschaftliche Arbeitsorganisation“
Gestaltungskonzepte zur Arbeitssicherheit in der DDR

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In der DDR spielte die inzwis­chen all­ge­mein anerkan­nte Rang­folge von Maß­nah­men zur Arbeitssicher­heit von Anfang an eine bedeut­same Rolle. Es war den führen­den Wis­senschaftlern der ersten Jahre mit Ein­satz- und Überzeu­gungskraft unter oft kom­plizierten poli­tis­che Rah­menbe­din­gun­gen in der DDR gelun­gen, solche Konzepte in den wesentlichen Rechtsvorschriften zu ver­ankern. Der Grund­satz des Pri­mats der Tech­nik wurde durch konkrete Gestal­tungs­grund­sätze und ‑prinzip­i­en unter­set­zt. Einen hohen Stand hat­te die Ein­beziehung des Arbeitss­chutzes in die Inge­nieu­raus­bil­dung erre­icht. Aber die Wirtschaft ein­er­seits und die Poli­tisierung der Entwick­lung set­zten Gren­zen.1
Anfänge der Diskus­sion zum Maschi­nen­schutz durch „Schutzgüte“
Das Prinzip der „Schutzgüte“ kam in der DDR in den 1950er Jahren auf. Hier lagen die Anfänge eines verbindlich geregel­ten vor­greifend­en Gefahren­schutzes durch Arbeitss­chutz­forderun­gen an den Her­steller und Impor­teur von Maschi­nen. In der ASVO von 1951 (GBl. der DDR S. 957, § 4) war erst­mals auch im Sinne des vorauss­chauen­den Gefahren­schutzes fix­iert, dass die Her­steller von Maschi­nen und Geräten Ver­ant­wor­tung tru­gen für die arbeitssichere Gestal­tung ihrer Erzeug­nisse, und die Maschi­nen nur in Verkehr gebracht wer­den durften, wenn die entsprechen­den Forderun­gen einge­hal­ten wurden.
Ein wirk­samer Maschi­nen­schutz war seit Beginn des Fab­rik­we­sens aktuelles The­ma. Als sich die Gewer­beauf­sichts­beamten 1919 zum Vere­in Deutsch­er Gewer­beauf­sichts­beamter zusam­mengeschlossen hat­ten, war eine der ersten Aktiv­itäten eine Denkschrift zum Maschi­nen­schutz. Sicher­heitsin­ge­nieure forderten, in den Unfal­lver­hü­tungsvorschriften getren­nte Regelun­gen für die Sicher­heit der Maschi­nen und „Arbeit­sregeln“ im Sinne des Umgangs mit der Tech­nik zu tre­f­fen. Eine der ersten Auf­gaben der 1920 gegrün­de­ten Zen­tral­stelle für Unfal­lver­hü­tung der Beruf­sgenossen­schaften war die Auseinan­der­set­zung mit der Frage, ob die Sicher­heit an Maschi­nen kün­ftig durch eine geset­zliche Regelung oder durch eine freie Vere­in­barung aller Beteiligten (Her­steller, Anwen­der, Bedi­ener) erre­icht wer­den solle. Die Maschi­nen­her­steller set­zten auf Selb­stverpflich­tung statt geset­zlichen Druck. Auch im Entwurf des Arbeitss­chutzge­set­zes vom April 1926 waren in § 6 bere­its Forderun­gen zum Maschi­nen­schutz enthalten.
Die UVV 1 vom Jan­u­ar 1947, also ein­er alten Vorschrift der Beruf­sgenossen­schaften, wie sie von der Deutschen Zen­tralver­wal­tung der SBZ verbindlich gemacht wurde, enthielt in § 2 als Pflicht des Unternehmers: „Der Unternehmer hat, soweit es nach dem Stand der Tech­nik möglich ist, alle Baulichkeit­en, Arbeitsstät­ten, Betrieb­sein­rich­tun­gen, Maschi­nen und Gerätschaften so einzuricht­en und zu erhal­ten, daß die Beschäftigten gegen Unfälle und Beruf­skrankheit­en […] geschützt sind.“ Es gab die Ein­schränkung zum Stand der Tech­nik und es war nicht kon­se­quent als Her­stellerverpflich­tung ausgestaltet.
Nach Erlass der Arbeitss­chutzverord­nung (ASVO) 1951 ent­standen dann in der DDR Vorstel­lun­gen, ein eigen­ständi­ges spezielles Maschi­nen­schutzge­setz vorzu­bere­it­en (SAP­MO-BArch, DY 34/19/160/5382, 1951). Die generelle Recht­spflicht der Maschi­nen­her­steller sollte einge­führt wer­den. Diese Über­legun­gen set­zten sich aber zunächst nicht durch. Es war das Ver­di­enst von Erhard Möh­ler, den Gedanken des Maschi­nen­schutzes sys­tem­a­tisch auszugestal­ten. Bere­its sehr früh, näm­lich 1956, konzip­ierte Möh­ler ein Gütesys­tem der ver­schiede­nen Qual­itätsmerk­male von Maschi­nen mit Inte­gra­tion der Schutzgüte und entwick­elte Gestal­tung­sprinzip­i­en, die sichere Erzeug­nisse ermöglichen soll­ten. Die beson­dere Leis­tung waren Über­legun­gen, Sicher­heit nicht als etwas Zusät­zlich­es zu ver­ste­hen, son­dern als inte­gra­tiv­en Bestandteil ein­er Mas­chine. Deshalb also die Verknüp­fung mit Funk­tion­s­güte, Gestalt­güte usw. Darüber hin­aus wollte er als spezielles Güte­merk­mal die „Schutzgüte“ ver­standen wis­sen. Seine Vorstel­lun­gen und Konzepte zur „Schutzgüte“ haben maßge­blich das Denken und Han­deln im Arbeitss­chutz der DDR geprägt. Seine grund­sät­zliche Schrift von 1956 erschien in vielfälti­gen Weit­er­en­twick­lun­gen bis zur 5. Aufl. 1970. Die wis­senschaftlichen Grund­la­gen Erhard Möh­lers wur­den auch in der Bun­desre­pub­lik aufge­grif­f­en. So zitiert noch die 1971 erschienene west­deutsche Vornorm DIN 31000 Möh­lers Gestal­tungs­grund­sätze und Gestal­tung­sprinzip­i­en (vgl. DIN 31000: Sicher­heits­gerecht­es Gestal­ten tech­nis­ch­er Erzeug­nisse. All­ge­meine Leit­sätze. Dezem­ber 1971, S. 7).
In der Fol­gezeit wurde der Gedanke der Schutzgüte immer weit­er und wirk­samer aus­gestal­tet. Diese Strate­gie war ein Par­a­dig­men­wech­sel im Arbeitss­chutz. So wurde das Pri­mat der Tech­nik für Maß­nah­men des Arbeitss­chutzes auch Bestandteil des 2. Fün­f­jahrplanes, der seine Akzen­tu­ierung ohne­hin auf Erneuerung des Maschi­nen- und Anla­gen­parks, auf Mech­a­nisierung und Automa­tisierung der Pro­duk­tion­sprozesse legte. Es ging nicht all­ge­mein bei den Anforderun­gen an Her­steller um Gewährleis­tung der Arbeitssicher­heit schlechthin, son­dern um eine kon­se­quente Durch­set­zung des Pri­mats der Tech­nik als beson­derem qual­i­ta­tiv­en Merk­mal der Arbeitssicherheit.
Nach einem Min­is­ter­rats­beschluss vom 15. März 1956 wurde der Leit­er des Deutschen Amtes für Mate­r­i­al- und Waren­prü­fung (DAMW) beauf­tragt, „die Erteilung des Güteze­ichens oder der Prüfze­ichen für Pro­duk­tion­sin­stru­mente und Arbeitss­chutzk­lei­dung auch von der Ein­hal­tung der jew­eils zutr­e­f­fend­en Arbeitss­chutzanord­nung bzw. der Beach­tung der Schutzgüte abhängig zu machen.“ (SAP­MO-BArch, DY 34/12400).
Der Begriff der Schutzgüte taucht erst­ma­lig in ein­er amtlichen Ver­laut­barung auf, diesem Min­is­ter­rats­beschluss vom 15.3.1956. Danach ging er allmäh­lich auch in den Wortschatz der Kon­struk­teure ein. So fasste das Prinzip der Schutzgüte in der Qual­itäts­beurteilung von Erzeug­nis­sen generell Fuß. Nach dama­liger Auf­fas­sung des ehe­ma­li­gen DAMW wurde die Gesamtqual­ität eines Erzeug­niss­es nach Teil­güten (Zusam­men­fas­sung spez­i­fis­ch­er Güte­merk­male), wie Funk­tion­s­güte, Tech­nolo­giegüte, Gestalt­güte beurteilt. Um zu sich­ern, dass auch die Gestal­tung aus der Sicht des Arbeitss­chutzes in diese Bew­er­tung voll­ständig ein­be­zo­gen wird und sich diese Gestal­tungsmerk­male in das dama­lige Gütesys­tem einord­nen lassen, wurde für die Gesund­heits- und Arbeitss­chutzgüte der Kurzbe­griff „Schutzgüte“ einge­führt. Die enge Verknüp­fung mit der Qual­itäts­be­w­er­tung eines Erzeug­niss­es war von Anfang an maßge­blich. Das DAMW ver­gab nach Prü­fung das Güteze­ichen für Erzeugnisse.
Das Geset­zbuch der Arbeit (GBA) von 1961 (GBl. der DDR I S. 27) enthielt in § 91 Abs. 1 als eine weg­weisende Forderung: „Arbeitsstät­ten, Betrieb­san­la­gen, Betrieb­sein­rich­tun­gen und Arbeitsmit­tel sind so zu pro­jek­tieren, zu kon­stru­ieren, herzustellen, zu erricht­en, zu unter­hal­ten und instand zu set­zen, dass sie eine hohe Sicher­heit gewährleis­ten und kör­per­lich schwere sowie gesund­heits­ge­fährdende Arbeit­en weit­ge­hend ein­schränken. Sie dür­fen nur in der erforder­lichen Schutzgüte ange­boten, verkauft oder in Betrieb geset­zt wer­den.“ Der Präven­tion­s­gedanke erlangte insofern in neuer Qual­ität Verbindlichkeit, als § 88 des GBA die Betrieb­sleit­er ver­ant­wortlich dafür machte, Arbeitss­chutz bere­its bei Forschung und Entwick­lung einzubeziehen.
Vor­bere­it­et wurde eine spezielle Vorschrift. Als ein­er der weni­gen Fälle, in denen in der DDR eine konkrete Rechts­forderung im Arbeitss­chutz im Entwurf­ssta­di­um veröf­fentlicht und bre­it disku­tiert wurde, ste­ht die Anord­nung zur Schutzgüte. Eine erste Veröf­fentlichung datiert von 1955 und dann unter Auswer­tung von Stel­lung­nah­men eine Über­ar­beitung von 1957. 1961 wurde eine erste spezielle Regelung zur Schutzgüte verbindlich, die Arbeitss­chutzanord­nung (ASAO) 3: Schutzgüte von Maschi­nen, Werkzeu­gen und anderen Betrieb­smit­teln vom 1.8.1961 (GBl. der DDR I S. 563).
Die beson­dere Ori­en­tierung der ASAO 3 von 1961 lag darin, dass nicht schlechthin die Anwen­dung des Standes der Tech­nik bei der sicher­heit­stech­nis­chen Gestal­tung von Maschi­nen gefordert wurde, son­dern die Anwen­dung „fortschrit­tlich­er sicher­heit­stech­nis­ch­er Erken­nt­nisse“. Erhard Möh­ler, der maßge­blich diese Anord­nung vor­bere­it­et hat­te, wollte nicht nur Sicher­heit­stech­nik all­ge­mein fordern, son­dern, dass Maschi­nen, Anla­gen Werkzeuge und andere Arbeitsmit­tel „höch­st­mögliche Schutzgüte“ haben. Eine solche Forderung ging sich­er über die realen Bedin­gun­gen hin­aus, erlangte aber doch Recht­spflicht. Fortschrit­tliche Erken­nt­nisse als Basis wur­den bei der Umset­zung dann als eher heuris­tis­ches Prinzip verstanden.
In der Bun­desre­pub­lik wurde ein Maschi­nen­schutzge­setz in den 1950er Jahren eben­falls sehr stark disku­tiert. Aber es kam zunächst keine geset­zliche Reglung zus­tande. Der Wider­stand kam hier ins­beson­dere von den Maschi­nen­her­stellern, denen eine frei­willige Verpflich­tung aus­re­ichend erschien. Das Gesetz über tech­nis­che Arbeitsmit­tel trat hier erst am 1. Dezem­ber 1968 in Kraft (BGBl. I S. 717). Es war der Vor­läufer des heuti­gen Produktsicherheitsgesetzes.
Schutzgüte wird erweit­ert auf Arbeitsver­fahren und Arbeitsstätten
Die erste spezielle Vorschrift zur Schutzgüte (ASAO 3) von 1961 blieb noch auf Maschi­nen und Werkzeuge eingeschränkt. Bald wurde die Ausweitung dieses Grund­prinzips der Gestal­tung sicher­er Arbeits­be­din­gun­gen durch Her­steller bzw. Entwick­ler auf Arbeit­sprozesse aus­gedehnt. Es galt hier­für die ABAO 3/1 – Schutzgüte der Arbeitsmit­tel und Arbeitsver­fahren vom 20.7.1966 (GBl. der DDR II S. 563). Mitte der 1960er Jahre ent­stand dann die Forderung nach Aus­dehnung auf Arbeitsstät­ten (SAP­MO-BArch, DY 34/8531, 1964). Neben Maschi­nen und Geräten war so eine Erweiterung auf tech­nol­o­gis­che Prozesse erfol­gt. Das ging weit über die klas­sis­chen Forderun­gen nach einem Maschi­nen­schutzge­setz hin­aus. Der Diskus­sion­s­stand in der DDR ging zu ein­er ganzheitlichen Gestal­tung der Arbeitssys­teme. Kon­se­quenz war damit, vor­greifend­en Gefahren­schutz nicht auf Maschi­nen und Geräte einzuschränken, son­dern weit­er zu sehen. Meinel hat­te als Strafrechtler 1966 darauf aufmerk­sam gemacht, dass die Vorschriften zur Schutzgüte kein­er­lei Fes­tle­gun­gen zum Ein­satz von Stof­fen, Gasen usw. tre­f­fen. Er forderte eine Pflicht der Liefer­be­triebe zur Infor­ma­tion über auftre­tende gefährliche Eigen­schaften und Hin­weise auf notwendi­ge zu tre­f­fende Maß­nah­men. Er wollte also noch weit­er aus­dehnen. Seine Forderun­gen blieben unbeachtet. Noch heute sind in der Bun­desre­pub­lik Arbeitsver­fahren und zum Teil auch Arbeitsstät­ten im Sinne ein­er vorauss­chauen­den Gefahren­vor­sorge mit entsprechen­den Doku­men­ta­tio­nen nicht expliz­it geregelt.
Zugle­ich wurde dem in der DDR zunehmend ver­fol­gten Anliegen entsprochen, die Ver­net­zung zwis­chen Arbeitss­chutz und Brand­schutz herzustellen. Die Anord­nung von 1966 sah deshalb neben dem Qual­itätsmerk­mal Schutz vor Unfällen, arbeits­be­d­ingten Erkrankun­gen und Erschw­ernissen auch den Aspekt des Brand­schutzes vor.
Basisvorschrift wurde dann das Arbeits­ge­set­zbuch (AGB) von 1977, wonach gemäß § 205 Abs. 1 Arbeitsmit­tel, Arbeitsver­fahren und Arbeitsstät­ten so zu gestal­ten sind, dass Arbeitssicher­heit gewährleis­tet ist. Erlassen wurde eine 3. Durch­führungs­bes­tim­mung (DB) zur ASVO zur Schutzgüte (GBl. der DDR I 1980 Nr. 6), die die grundle­gen­den Forderun­gen des AGB und der ASVO unter­set­zten. Her­vorzuheben ist die Ausle­gung, wann Schutzgüte vor­liegt bzw. das Qual­itätsmerk­mal vergeben wer­den kann. § 1 Abs. 1 der 3. DB zur ASVO bes­timmt, dass Schutzgüte nur vor­liegt, wenn die tech­nis­chen Forderun­gen der Rechtsvorschriften und betrieblichen Regelun­gen so erfüllt sind, dass der Ein­satz von Kör­per­schutzmit­teln und der Ein­satz spezieller Ver­hal­tensregeln zur Gewährleis­tung der Arbeitssicher­heit nicht erforder­lich ist. Eine solche hohe Forderung an die tech­nis­che Gestal­tung war erst­ma­lig zu find­en – für die Prax­is allerd­ings so nicht realistisch.
Schutzgüte sollte der Teil der Qual­ität der Arbeitsmit­tel, Arbeitsver­fahren und Arbeitsstät­ten sein, der sich auf ihre sichere und erschw­ern­isfreie Gestal­tung bezieht, die in Erfül­lung der in Rechtsvorschriften und betrieblichen Regelun­gen fest­gelegten tech­nis­chen und tech­nol­o­gis­chen Forderun­gen ohne zusät­zliche Schutz­maß­nah­men oder durch sicher­heit­stech­nis­che Mit­tel mit möglichst umfassender und zwangsläu­figer Wirkung erre­icht wird (vgl. Abb. 1).
Wichtig war die ergänzende Forderung: Darüber hin­aus müssen die auf­grund der vor­ge­nan­nten Forderun­gen am konkreten Arbeitsmit­tel, im Arbeitsver­fahren, in der Arbeitsstätte gefun­de­nen Lösun­gen für die sichere und erschw­ern­isfreie Gestal­tung „entschei­dend“ sein, d. h. das „Haupt­merk­mal“ der Sicher­heit­slö­sung bilden. Was „entschei­dend“ ist oder das „Haupt­merk­mal der Lösung“, das war sehr inter­pretier­bar. Da Druck bestand, den Anteil der Lösun­gen mit Schutzgüte ständig zu erhöhen und außer­dem der Stand von Wis­senschaft und Tech­nik unter den Bedin­gun­gen begren­zter Ressourcen in der DDR sehr schwierig bis kaum zu real­isieren war, gin­gen die Schutzgütekom­mis­sio­nen sehr großzügig mit dieser Anforderung um. Schutzgüte sollte mehr sein, als lediglich erre­ichte Arbeitssicher­heit, näm­lich ein beson­deres Qual­itätsmerk­mal der Tech­nik. Dies führte zu ein­er gewis­sen Igno­ranz dieser anspruchsvollen Absicht des Gesetzgebers.
Schutzgüte sollte in „allen Phasen des Repro­duk­tion­sprozess­es“ gewährleis­tet wer­den. Im § 1 Abs. 2 der 3. DB zur ASVO wer­den diese Phasen näher bes­timmt, ange­fan­gen von der Forschung und Entwick­lung, über die Her­stel­lung, Inbe­trieb­nahme, Rekon­struk­tion bzw. Grundin­stand­set­zung bis hin zur Anwen­dung ein­schl. der Instand­hal­tung. Die Gewährleis­tung der Schutzgüte bezieht sich also auf
  • neue Arbeitsmit­tel, Arbeitsver­fahren und Arbeitsstätten,
  • die Rekon­struk­tion oder Grundin­stand­set­zung von bere­its in Betrieb befind­lichen Arbeitsmit­teln und Arbeitsstät­ten und
  • auf die grund­sät­zliche Verän­derung von Arbeitsverfahren.
Hier­bei soll­ten die jew­eils neuesten wis­senschaftlich-tech­nis­chen Fes­tle­gun­gen in Rechtsvorschriften und betrieblichen Regelun­gen zugrunde gelegt wer­den. Bei bere­its in Betrieb befind­lichen Arbeitsmit­teln, Arbeitsver­fahren und Arbeitsstät­ten sollte deren Schutzgüte erhal­ten wer­den. Bei Grundin­stand­set­zun­gen sollte sie, wenn sie noch nicht vorhan­den war, im Rah­men dieser Instand­hal­tungs­maß­nah­men erre­icht wer­den. Dies war in Anbe­tra­cht der Gesamt­si­t­u­a­tion in der DDR illusorisch.
Per­ma­nent waren sicher­heit­stech­nis­che Prü­fun­gen und entsprechende Doku­men­ta­tio­nen erforder­lich. Nach § 3 AGB musste der Anteil der Arbeitsmit­tel, Arbeitsver­fahren und Arbeitsstät­ten mit Schutzgüte erfasst wer­den, um ihn „spür­bar zu erhöhen.“ Die Arbeitss­chutzverord­nung (ASVO) von 1977 wies nach­drück­lich darauf hin, dass die Schutzgüte im Zuge betrieb­stech­nis­ch­er Erneuerun­gen und Umstel­lun­gen gewahrt bleiben muss. In bes­timmten, vom Betrieb festzule­gen­den Abstän­den, die von der jew­eili­gen Tech­nik und Nutzung sowie der Zahl der auftre­tenden Unfälle und arbeits­be­d­ingten Erkrankun­gen abhängig sein sollte, waren Arbeitsmit­tel, Arbeitsver­fahren und Arbeitsstät­ten auf Ein­hal­tung der Schutzgüte zu prüfen. Damit wandten sich die Regelun­gen erst­ma­lig nicht nur an Her­steller, son­dern auch an Betreiber.
Der bei Arbeitsmit­teln richtige Grundgedanke fand in der Über­tra­gung auf Arbeitsver­fahren in der Prax­is nur bed­ingt Akzep­tanz und wider­sprach den prak­tis­chen Abläufen. Der Arbeitsablauf und die Aus­nutzung der Pro­duk­tion­ska­paz­itäten soll­ten unter Beach­tung des Arbeitss­chutzes erfol­gen. Richtig aber war der Ansatz, Arbeitsver­fahren im Sinne der Organ­i­sa­tion der Arbeit zu sehen. Es hat­te sich prak­tisch erwiesen, wie wichtig eine Beach­tung von Anforderun­gen an Arbeitsabläufe, Arbeit­sor­gan­i­sa­tion usw. für sichere Bedin­gun­gen war. Insoweit war die Beto­nung von Arbeitsver­fahren für den Arbeitss­chutz ein großer Fortschritt. Im Zusam­men­wirken mit Arbeitsmit­teln, Arbeits­ge­gen­stän­den und Arbeit­skräften standen Arbeitsver­fahren als organ­isatorische Kom­po­nente des Zusam­men­wirkens. Ein Grund­mod­ell hierzu entwick­elte Uhlig 1972. Es stand in Verbindung mit dem Mod­ell der Rang­folge der Maß­nah­men zur Gestal­tung sicher­er und gesund­heits­gerechter Arbeits­be­din­gun­gen. Hierzu aber Doku­men­ta­tio­nen zu führen war eher kon­trapro­duk­tiv bezüglich der Anwen­der­fre­undlichkeit und als Forderung an Hersteller.
Ein verbindlich­er Stan­dard, die TGL 30102 „Arbeitsver­fahren; All­ge­meine sicher­heit­stech­nis­che Forderun­gen“ von 1978 sollte Ori­en­tierung und Hil­fe durch die enthal­te­nen Gen­er­alk­lauseln bieten. Grund­forderun­gen und all­ge­meine Schutzziele wur­den rechtsverbindlich, ins­beson­dere z. B. Forderun­gen zur
  • Sicher­heit des Verfahrensvollzuges
  • Rei­hen­folge des tech­nol­o­gis­chen Ablaufs
  • men­gen­mäßi­gen Begren­zung frei wer­den­der Stoffe und Energien
  • zum Ein­satz geeigneter Arbeitsmit­tel und entsprechen­den Einsatzbedingungen.
Zu den Grund­forderun­gen gehörten auch Anforderun­gen an die Beschaf­fen­heit der Arbeits­ge­gen­stände, also der Rohlinge, Halbfer­tigerzeug­nisse und Fer­tigerzeug­nisse. Deshalb erhebt der Stan­dard Forderun­gen an die Form der stof­flichen Beschaf­fen­heit, den Energiezu­s­tand und die Lage der Arbeits­ge­gen­stände sowie nach Ver­wen­dung von Behäl­tern, Ver­pack­un­gen und kollek­tiv wirk­enden Schutzmit­teln. Die hier knapp benan­nten verbindlichen Anforderun­gen an Arbeitsver­fahren sind in dieser Kon­se­quenz bis heute im bun­des­deutschen Vorschriften­werk nicht speziell enthalten.
Trotz aller Prob­leme der Umset­zung sind die verbindlichen Anforderun­gen der TGL 30102 ein wesentlich­er Fortschritt im Arbeitsschutz.
Mit dem AGB von 1977 wur­den Arbeitsmit­tel, Arbeitsver­fahren und Arbeitsstät­ten immer im Zusam­men­hang benan­nt. Arbeitsstät­ten sind auch bere­its im GBA von 1961 im Sinne eines vorauss­chauen­den Gefahren­schutzes the­ma­tisiert. Jet­zt ent­standen in den 1970er Jahren konkretisierende Vorschriften, ins­beson­dere die TGL 30103 „Arbeitsstät­ten; All­ge­meine sicher­heit­stech­nis­che Forderun­gen“. Bauw­erke, aber auch Arbeit­splätze, Verkehr­swege usw. wur­den in die erforder­lichen Aktiv­itäten der „Her­steller“ ein­be­zo­gen. Bauher­ren, Inge­nieur­di­en­stleis­ter zur Aus­gestal­tung von Arbeitsstät­ten und auch von Arbeit­splätzen mussten nach­weisen und doku­men­tieren, dass alle Vorschriften des Arbeitss­chutzes in der Konzept­phase erfüllt wur­den und welche Gefährdun­gen noch zu beacht­en sind – eine wichtige Voraus­set­zung für den betrieblichen Nutzer. Diese Erweiterung des vor­greifend­en Gefahren­schutzes auf Arbeitsstät­ten (ein­schl. der entsprechen­den Dien­stleis­tun­gen) war ein bedeut­samer Schritt in der Präven­tion. Auch dieser Grundgedanke, Dien­stleis­ter (z. B. für Investi­tio­nen, aber auch für Arbeit­splatzneugestal­tun­gen der unter­schiedlich­sten Art) in die Nach­weispflicht zu nehmen, dass Arbeitssicher­heit gewährleis­tet ist – das ist bis heute in der Bun­desre­pub­lik nicht speziell geregelt.
Erwin Gniza wies 1980 darauf hin, dass der früher gel­tende Stand­punkt, dass eine Anlage oder ein Erzeug­nis dann Schutzgüte habe, wenn die einzel­nen Aggre­gate oder die einge­set­zten tech­nis­chen Mit­tel jew­eils für sich Schutzgüte haben, nicht aus­re­icht. Ger­ade die Kom­bi­na­tion, die Kop­plung, die Zusam­men­schal­tung, die Verbindungse­le­mente, die „Naht­stellen“ brin­gen nicht sel­ten neue Gefährdun­gen und Prob­leme. So kon­nte über Schutzgüte auch an der sys­temhaften Gestal­tung weit­er gear­beit­et werden.
Am Anfang stand 1956 eine sog. „Arbeitsmit­telka­rte“, die zum Inhalt eines erforder­lichen Maschi­nen­pass­es wurde. Es war eine Doku­men­ta­tion des Her­stellers, die erken­nen lassen sollte, ob und wie die Forderun­gen des Arbeitss­chutzes erfüllt sind. Dadurch erhielt der Benutzer­be­trieb eine Unter­lage, die ihn über die Schutzgüte des Erzeug­niss­es aufk­lärte, aber auch zu dessen Kon­trolle hin­sichtlich der Erhal­tung oder Verbesserung dieser Eigen­schaften anre­gen sollte. Diese Arbeitsmit­telka­rte wurde von der Kam­mer der Tech­nik (der Inge­nieu­ror­gan­i­sa­tion der DDR) emp­fohlen, floss dann in die späteren Rechtsvorschriften ein.
Beklagt wurde bere­its in den 1960er Jahren die ungenü­gende Umset­zung der Regelun­gen zur Schutzgüte (SAP­MO-BArch, DY 34/8531, 1964). Ein Ausweg sollte die ver­stärk­te Bere­it­stel­lung von Instru­menten und Hil­f­s­mit­teln zur Durch­set­zung des gel­tenden Rechts sein, wie dies dann gegen Ende der 1960er Jahre ver­stärkt erfolgte.
Die Anforderun­gen an die Doku­men­ta­tion entwick­el­ten sich per­ma­nent weit­er. In Ver­ant­wor­tung des Staatssekre­tari­ats für Arbeit und Löhne ent­standen Erläuterun­gen zur Nach­we­is­führung sowie Erläuterun­gen zu den in den Betrieben zu erstel­len­den „Schutzgü­te­ord­nun­gen“. In Schutzgü­te­ord­nun­gen waren Inhalt und Organ­i­sa­tion der Schutzgütear­beit im Betrieb festzule­gen. Einge­führt wurde die notwendi­ge Doku­men­ta­tion zunächst als „Schutzgüte-Nach­weis“, später als „Gesundheits‑, Arbeits- und Brand­schutztech­nis­ch­er Nach­weis“ (GAB-Nach­weis). Diese Nach­we­is­führung war Grund­lage der Zer­ti­fizierung von Qual­ität. Die Zer­ti­fizierung war nach anfänglich­er Ver­ant­wor­tung hier­für bei der Staatlichen Qual­ität­sprü­fung über das Amt für Stan­dar­d­isierung, Meßwe­sen und Waren­prü­fung (ASMW) prak­tiziert wor­den, dann aber zunächst bis zu Beginn der 1980er Jahre in eine Selb­st­be­w­er­tung der Qual­ität durch die Her­steller überge­gan­gen. Gegen Ende der 1980er Jahre wurde eine Verknüp­fung mit der staatlichen Zer­ti­fizierung durch das ASMW erneut angestrebt. Es war nachzuweisen, ob das Qual­itätsmerk­mal Schutzgüte erre­icht war oder lediglich all­ge­mein Arbeitssicher­heit. Diesem Anliegen entsprach auch die gängige For­mulierung, dass Schutzgüte das „Q“ der Arbeitssicher­heit im Sinne des Güteze­ichens für höch­ste Qual­ität sei.
Der mit den inhaltlichen Forderun­gen zur Schutzgüte für Arbeitsmit­tel und Arbeitsstät­ten, aber ger­ade auch für Arbeitsver­fahren ver­bun­dene hohe Qual­ität­sanspruch an die Gewährleis­tung von Sicher­heit und Gesund­heit kol­li­dierte mit dem hohen Nach­weisaufwand. Der grund­sät­zliche Weg, mit Schutzgüte den vor­greifend­en Gefahren­schutz durchzuset­zen, erstick­te ins­beson­dere seit den 1970er Jahren in einem gewis­sen Formalismus.
Bürokratis­che Züge trug die Bil­dung und geforderte Arbeitsweise von „Schutzgüte-Kom­mis­sio­nen“, geregelt in betrieblichen „Schutzgü­te­ord­nun­gen“. Hier­bei fehlte Flex­i­bil­ität. So erstar­rte das an sich gute Anliegen in For­mal­is­men. Gefordert wurde die Bil­dung von „Schutzgütekom­mis­sio­nen“ in den Betrieben als Gremi­um mit der Auf­gabe, eine Bew­er­tung der Umset­zung der fortschrit­tlichen sicher­heit­stech­nis­chen Forderun­gen vorzunehmen und über das Qual­itätsmerk­mal ein Urteil zu tre­f­fen. Auf über­be­trieblich­er Ebene (bzw. in den großen Kom­bi­nat­en) wur­den sog. „Schutzgüteleit­stellen“ gebildet, die unter­stützten. Schutzgüte-Kom­mis­sio­nen wur­den als ständi­ge Ein­rich­tung betrieblich gebildet, waren aber auch jew­eils zu einzel­nen Pro­jek­ten (größere Investi­tio­nen, neue Tech­nolo­gien usw.) zeitweise einzuricht­en. Per­son­ell hat­ten hier­bei die unter­schiedlichen Entwick­lungs- und Bear­beitungs­fach­leute zusam­men­zuwirken. Die Mehrheit in den Kom­mis­sio­nen soll­ten Vertreter der Anwen­der­be­triebe bilden. All­ge­mein wurde der Sicher­heitsin­spek­tor ein­be­zo­gen. Hier­für – aber auch für die Erfül­lung der anderen Auf­gaben – war eine solche inter­diszi­plinäre Arbeitsweise wichtig. So war es in vie­len Unternehmen üblich, dass auch die Betrieb­särzte in den Schutzgütekom­mis­sio­nen, in denen die Weichen für die Aus­gestal­tung von Arbeits­be­din­gun­gen gestellt wur­den, mitwirkten.
In den 1970er Jahren gab es ver­stärkt Bemühun­gen, die Entwick­lung neuer Erzeug­nisse inte­gra­tiv mit dem Arbeitss­chutz zu verknüpfen und hierzu method­is­che Hil­f­s­mit­tel zu nutzen. 1975 war eine Anord­nung zur „Nomen­klatur der Arbeitsstufen und Leis­tun­gen von Auf­gaben des Planes Wis­senschaft und Tech­nik“ erlassen wor­den. Sie gab Arbeitsstufen der Erzeug­nisen­twick­lung für Kon­struk­teure und auch für Tech­nolo­gien vor (z B. für den Kon­struk­tion­sprozess sog. K‑Stufen usw.). Diese vom Min­is­teri­um für Wis­senschaft und Tech­nik zen­tral für die Kon­struk­tion, Ver­fahrensen­twick­lung und Pro­jek­tierung her­aus­gegebe­nen Nomen­kla­turen definierten für die ver­schiede­nen Prozesse ablauf­be­zo­gene Stufen. Für jede Stufe sind die notwendi­gen Leis­tun­gen bes­timmt wor­den. Hier set­zten die method­is­chen Arbeit­en zur Schutzgüte auf und legten Leis­tungsan­forderun­gen zum Arbeitss­chutz für die ver­schiede­nen Entwick­lungsstufen fest. Diese an sich sehr pos­i­tive Empfehlung kol­li­dierte mit der Vielfalt der betrieblichen Prax­is, weil die star­ren Prozessstufen im jew­eili­gen Einzelfall nicht anwend­bar waren. Ähn­lich wie diese Nomen­klatur ori­en­tierte eine Anord­nung über die Arbeit mit Erzeug­nis­pässen in der Indus­trie von 1975.
Obwohl es diese unter­schiedlichen Organ­i­sa­tions­for­men und Instru­mente (Schutzgütekom­mis­sio­nen, GAB-Nach­weis, …) gab, kam es zusät­zlich zu speziellen arbeit­shy­gien­is­chen Begutach­tun­gen von Pro­jek­ten für Investi­tio­nen, Ratio­nal­isierungs­maß­nah­men usw. Die 2. DB zur Verord­nung über das Betrieb­s­ge­sund­heitswe­sen und die Arbeit­shy­gien­ein­spek­tion von 1978 legte dies für die arbeit­shy­gien­is­chen Inspek­tion­sor­gane mit § 7 fest. Dies war zusät­zlich­er Aufwand, weil das Gesund­heitswe­sen die Auf­fas­sung ver­trat, dass die Schutzgütekom­mis­sio­nen die erforder­liche Fachkom­pe­tenz nicht an den Tag legte, obwohl häu­fig die Betrieb­särzte mitwirk­ten. Es ent­stand Dop­pelar­beit, damit fehlende Akzeptanz.
Verknüp­fung des Arbeitss­chutzes mit der Arbeitsgestaltung
Wenn die SED Schw­er­punk­te proklamierte, dann standen diese für die Wirtschaft und Gesellschaft im Grunde so im Zen­trum, dass sich die gesamte gestal­tende Arbeit in den volk­seige­nen Betrieben hier­auf aus­richtete. Grif­f­en die Betriebe solche Schw­er­punk­te auf, so hat­ten sie auch Chan­cen ein­er Finanzierung und Weit­er­en­twick­lung. Diese Art zen­tral­is­tis­ch­er Führung nutzte die Arbeitss­chutzpoli­tik. Grundle­gende Ori­en­tierun­gen wur­den aufge­grif­f­en und für den Arbeitss­chutz nutzbar gemacht. Typ­isch für diese Erschei­n­ung war in den 1960er Jahren, dass ins­beson­dere die Fokussierung der Betriebe auf die Arbeits­gestal­tung für den Arbeitss­chutz erschlossen wer­den sollte. Der Entwick­lungsrhyth­mus des Arbeitss­chutzes fol­gte insofern in der DDR dem Ver­lauf von grundle­gen­den Ori­en­tierun­gen in Wirtschaft und Gesellschaft. Solche poli­tis­chen Meilen­steine waren stets Aus­lös­er von Impulsen für den Arbeitsschutz.
Eine Arbeits­gruppe Sozialpoli­tik des Zen­tralkomi­tees (ZK) der SED hat­te 1967 eine bre­it angelegte Unter­suchung zu den Arbeits­be­din­gun­gen durchge­führt. Es entste­ht u. a. das Ergeb­nis zu den Kla­gen der Beschäftigten: „Nicht­beacht­en ihrer Vorschläge und Anre­gun­gen (häu­fig wurde uns ent­ge­genge­hal­ten, „es hat ja keinen Zweck etwas zu sagen, die machen ja doch, was sie wollen.“)“ (SAP­MO-BArch, DY 34/5033, 1967). Es wur­den von den Beschäftigten nach Erken­nt­nis­sen dieser Unter­suchung häu­fig Fra­gen zur Arbeit­sor­gan­i­sa­tion ein­er­seits und zur Mitwirkung der Beschäftigten ander­ser­seits thematisiert.
Einen inno­v­a­tiv­en Schub erhielt der Arbeitss­chutz durch eine starke Aus­rich­tung der Wirtschaft der DDR auf die Arbeits­gestal­tung. Nach einem Min­is­ter­rats­beschluss von 1966 gehörte die Bear­beitung von Grund­satzfra­gen zum Arbeitsstudi­um, Arbeits­gestal­tung, Arbeit­snor­mung zur Auf­gaben­stel­lung des Staatlichen Amtes für Arbeit und Löhne (BArch, DQ 3/3764, 1966). Es ging im Beschluss des Min­is­ter­rates sowohl um wirtschaftlichen Nutzen als auch um Fortschritte in den Arbeits­be­din­gun­gen. Arbeitsstudi­um, Arbeits­gestal­tung und Arbeit­snor­mung erhiel­ten damit für den Arbeitss­chutz einen höheren Stel­len­wert. Eine Arbeits­gruppe Sozialpoli­tik beim ZK der SED leis­tete konzep­tionelle Arbeit zur Ausar­beitung der Prob­leme des Arbeitsstudi­ums. Arbeits­gestal­tung und der Arbeit­snor­mung wur­den dabei als zusam­men­hän­gend gese­hen (SAP­MO-BArch, DY 34/5033, 1966). Es wurde fest­gelegt, dass Erwin Gniza, Direk­tor des Zen­tralin­sti­tuts für Arbeitss­chutz und weit­ere Vertreter des Arbeitss­chutzes an den konzep­tionellen Arbeit­en zu beteili­gen sind. Es ent­stand 1967 ein Beschluss des Min­is­ter­rates der DDR über „Grun­drich­tun­gen des Arbeitsstudi­ums, der Arbeits­gestal­tung und der Arbeit­snor­mung als Bestandteil der sozial­is­tis­chen Ratio­nal­isierung“ (GBl. der DDR II 1967 S. 107). Es wur­den ana­lytis­che Ver­fahren zu Arbeitsabläufen und –bedin­gun­gen genutzt sowie die Verknüp­fung zum Lohn der Beschäftigten über die Nor­mung hergestellt.
Hin­ter Arbeitsstudi­um, Arbeits­gestal­tung, Arbeit­snor­mung – den sog. „Drei A“ – stand aber zunächst ins­beson­dere Nor­mung und ein Anknüpfen an „sow­jetis­che Erfahrun­gen“. Es war für die Sow­je­tu­nion die mod­erne Form des Tay­loris­mus. Lenin hat­te tay­loris­tis­che Ideen gefördert. Die Grun­dideen Tay­lors waren von den Bolschewis­ten per­vertiert wor­den: „Alex­ej Gastew (1892–1941), der bolschewis­tis­che Inge­nieur und Dichter, trieb diese tay­loris­tis­chen Prinzip­i­en auf die Spitze. Als Leit­er des Zen­tralin­sti­tuts für Arbeit, das 1920 ein­gerichtet wurde, führte er Exper­i­mente durch, um die Arbeit­er zu trainieren, daß sie let­ztlich wie Maschi­nen funk­tion­ierten. Hun­derte gle­ich gek­lei­de­ter Lehrlinge marschierten in Kolon­nen zu ihren Werk­bänken und erhiel­ten durch Summtöne Anweisun­gen von ihren Maschi­nen. Die Arbeit­er übten, richtig zu häm­mern, indem sie einen Ham­mer hiel­ten, der an ein­er häm­mern­den Mas­chine befes­tigt war und von ihr bewegt wurde, so daß die Häm­mer nach ein­er hal­ben Stunde den mech­a­nis­chen Rhyth­mus in sich aufgenom­men hat­ten. Das­selbe wieder­holte sich beim Meißeln, Feilen und anderen grundle­gen­den handw­erk­lichen Fähigkeit­en. Gastew hat­te, wie er selb­st zugab, das Ziel, den Arbeit­er in eine Art ´men­schlichen Robot­er´ zu ver­wan­deln […].“ Solche Ideen set­zten sich zwar in der Sow­je­tu­nion nicht so wie in dieser exper­i­men­tierten Art durch, aber diesen Geist gab es für die dor­tige Arbeits­gestal­tung schon. Dem Autor wur­den bei Fachge­sprächen in der Sow­je­tu­nion in den 1970er Jahren mehrfach ähn­liche Prak­tiken erläutert. Es beste­ht auch die Beziehung zu dem Russen Iwan Petrow­itsch Pawlow, der mit seinen Ideen als Medi­zin­er und Phys­i­ologe für die Arbeitsmedi­zin Pate stand. Pub­lika­tio­nen zufolge stat­tete Lenin im Okto­ber 1919 heim­lich dem Labor des berühmten Phys­i­olo­gen einen Besuch ab. Er wollte her­aus­find­en, ob dessen Arbeit­en über die bed­ingten Reflexe im Gehirn den Bolschewis­ten helfen kön­nte, men­schlich­es Ver­hal­ten zu beeinflussen.
Es ist nicht vorstell­bar, dass in dieser extremen Art und Weise Arbeits­gestal­tung in der DDR prak­tiziert wer­den kon­nte. Aber wenn ständig die Auswer­tung sow­jetis­ch­er Erfahrun­gen proklamiert wurde, so ist dieser Hin­ter­grund erhel­lend für die Ide­olo­gie dieser zugrunde liegen­den sow­jetis­chen Erfahrungen!
Als rationeller Kern blieb: Neue wis­senschaftliche Grund­la­gen zogen in die Arbeit­snor­mung der DDR ein. Sie wurde ver­bun­den nicht unbe­d­ingt mit Diszi­plin­ierung und Dres­sur, wohl aber mit Zusam­men­hän­gen in den Arbeits­be­din­gun­gen. Das war der eigentliche sub­stanzielle Fortschritt dieser Zeit gegenüber den 1950er Jahren. Schon seit 1948 wurde das tay­loris­tis­che REFA-Sys­tem und die entsprechen­den Arbeit­snor­men aus der Zeit vor 1945 wieder eingeführt.
Im Zuge der Wirtschaft­sre­for­mver­suche in den 1960er Jahren rück­te die Förderung inten­siv­en Wach­s­tums und damit zusam­men­hän­gend auch die der stärk­eren Ratio­nal­isierung von Arbeit­sprozessen in den Blick­punkt. Mit Hil­fe von Arbeitsstu­di­en wur­den die Arbeitsvorgänge in kle­in­ste Teil­vorgänge zer­legt, nach spez­i­fis­chen Anforderun­gen klas­si­fiziert und damit zur Grund­lage für die Arbeit­snor­mung und die Ein­grup­pierun­gen der Beschäftigten in die Lohn- und Gehalts­grup­pen gemacht, und hat­ten so also unmit­tel­bare Auswirkun­gen auf die Frage der Ent­loh­nung. Die mit mehr Eigen­ver­ant­wor­tung und Hand­lungsspiel­räu­men aus­ges­tat­teten Betrieb­sleitun­gen besaßen nun ein hand­festes eigenes Inter­esse an der Eindäm­mung des Kosten­fak­tors Lohn durch die Fest­set­zung höher­er tech­nisch begrün­de­ter Arbeit­snor­men (TAN). Der FDGB machte sich mit seinen betrieblichen Organ­i­sa­tio­nen zum Erfül­lungs­ge­hil­fen des wirtschaft­spoli­tis­chen Kur­swech­sels, sah sich allerd­ings bald mit hefti­gen Kla­gen aus der Plan­bürokratie wie aus den Belegschaften über die nun festzustel­len­den Nor­munter­erfül­lun­gen kon­fron­tiert: Bere­its in den Jahren 1964/65 sank die durch­schnit­tliche Normer­fül­lung in der volk­seige­nen Indus­trie der DDR unter 100 Prozent. So wurde zwar die Arbeit­snor­mung vor­angetrieben, aber für den Arbeitss­chutz hat­te es den Vorzug, durch ganzheitliche Betra­ch­tung die Arbeits­be­din­gun­gen ana­lytisch zu durchdringen.
Es war insofern ein Par­a­dig­men­wech­sel in der Gestal­tung von Tech­nik und Tech­nolo­gie, als nun­mehr Arbeitssys­teme als Gegen­stand der Gestal­tung ins Zen­trum rück­ten und damit Men­sch-Mas­chine-Schnittstellen. Die im Arbeitss­chutz tra­di­tionell übliche Ori­en­tierung auf die Bekämp­fung einzel­ner Gefährdun­gen und Belas­tun­gen für den arbei­t­en­den Men­schen entwick­elte sich hier­durch zu ein­er sys­te­mori­en­tierten Betra­ch­tungsweise der Arbeitsbedingungen.
Stand an der Wiege des Arbeitss­chutzes die Tech­nik als Prob­lemquelle, dem die ein­seit­ige Sicht im Vorkriegs- und Kriegs­deutsch­land, zum Teil auch noch nach 1945 fol­gte, den Men­schen als „Unfäller“ und Fehlerquelle zu sehen, so waren die 1950er Jahre gekennze­ich­net von dem Bemühen, Mod­elle der Entste­hung und Bekämp­fung von Gefährdun­gen und Belas­tun­gen zu nutzen, die bere­its diese Inter­ak­tion zwis­chen dem Men­schen und gefährlichen Fak­toren der Arbeit ins Zen­trum rück­en. Nun­mehr wurde bere­its in den 1960er Jahren diese Schnittstel­len­be­tra­ch­tung in Men­sch-Mas­chine-Sys­te­men zu einem Ansatzpunkt für die Präven­tion. Auch das Instru­ment der „Schutzgüte“ war zunächst für Maschi­nen ent­standen, in den 1960er Jahren dann auf Arbeitsver­fahren und Arbeitsstät­ten erweit­ert wor­den. Der Men­sch wurde in seinem Umfeld im Arbeit­sprozess betra­chtet und die Wech­sel­beziehung zwis­chen Arbeitss­chutz und Arbeits­gestal­tung betont. Der poli­tis­che Wille, in der DDR ein sys­tem­a­tis­ches Studi­um der Arbeitsabläufe, deren Nor­mung und eine auf diesen Erken­nt­nis­sen auf­bauende leis­tungs­fördernde Gestal­tung der Arbeits­be­din­gun­gen vorzunehmen, kon­nte für den Arbeitss­chutz als Chance für eine kreative Weit­er­en­twick­lung dienen. Arbeitsstudi­um, Arbeit­snor­mung und Arbeits­gestal­tung ermöglicht­en eine Sys­tem­be­tra­ch­tung der Arbeits­be­din­gun­gen. In den Betrieben kon­nten so Fortschritte für Sicher­heit und Gesund­heit der Beschäftigten poten­ziell erschlossen wer­den. Die Zusam­men­hänge wur­den her­aus­gear­beit­et und auch publiziert.
In dieser Zeit wur­den ins­beson­dere Meth­o­d­en des Arbeitsstudi­ums für den Arbeitss­chutz adap­tiert und weit­er­en­twick­elt. Die Arbeitsmedi­zin­er bekan­nten sich in diesem Zusam­men­hang zu ein­er bre­it­en Koop­er­a­tion. Sie plädierten für eine Zusam­men­führung von Fachärzten für Arbeit­shy­giene und Betrieb­särzten mit Diplom-Inge­nieuren für Arbeits­gestal­tung, Ergonomie und Betrieb­s­führung, auch Gesund­heitsin­ge­nieuren, Fachin­ge­nieuren für Arbeitss­chutz, Arbeits- und Inge­nieurpsy­cholo­gen sowie Arbeit­sökonomen (SAP­MO-BArch, DY 34/8529, 1966). Dies ging soweit, dass Arbeitsmedi­zin­er arbeitswis­senschaftliche Erken­nt­nisse in die gesamte Medi­zin und in das Gesund­heitswe­sen zu inte­gri­eren versuchten.
Die Weit­er­en­twick­lung zur „Wis­senschaftlichen Arbeitsorganisation“
Die DDR begrün­dete in der Fol­gezeit die Nutzung der Wis­senschaftlichen Arbeit­sor­gan­i­sa­tion (WAO) erneut ins­beson­dere mit sow­jetis­chen Erfahrun­gen. Beze­ich­net als „Nauch­na­ja Orga­ni­zaci­ja Tru­da“ war Ende der 1960er Jahre die Ver­bre­itung in der Sow­je­tu­nion erfol­gt. Es darf aber nicht außer acht gelassen wer­den, dass sich inter­na­tion­al eine Bewe­gung vol­l­zog, in der die Arbeitswelt the­ma­tisiert wurde und Verbesserun­gen der Arbeitsstruk­turierun­gen notwendig schien. Mitte der 1970er Jahre waren Unternehmen, Ver­bände, Forschungsin­sti­tute und Beratungs­fir­men in fast allen Indus­trielän­dern der Welt auf der Suche nach neuen For­men der Arbeit­sor­gan­i­sa­tion, die die Inter­essen, Wün­sche und Fähigkeit­en des einzel­nen Mitar­beit­ers berück­sichtigten bei gle­ichzeit­iger Erhal­tung oder sog­ar Verbesserung der Leis­tung. Im Rah­men ein­er in West­deutsch­land 1973 durchge­führte Unter­suchung über die Qual­ität des Arbeit­slebens äußerten sich die befragten Arbeit­nehmer beson­ders neg­a­tiv über die mit der Arbeit ver­bun­dene nervliche Belas­tung (42 Prozent) sowie über Hek­tik und Zeit­druck (36 Prozent). Rund 34 Prozent beze­ich­neten die Arbeit­san­forderun­gen als sehr hoch, 45 Prozent glaubten, bere­its das Höch­st­mögliche zu leis­ten und 14 Prozent hiel­ten sich bei der Arbeit für über­fordert. Das war für die SED eine Hor­ror­vorstel­lung, wenn solche Ergeb­nisse auch in der DDR offen­bar wer­den soll­ten. Ger­ade psy­chis­che Belas­tun­gen wur­den total ver­schwiegen und kom­plett für die Betriebe der DDR verneint. Das west­deutsche Betrieb­sver­fas­sungs­ge­setz von 1972 mit der Forderung, bei der Gestal­tung von Arbeit­splätzen, Arbeitsablauf und Arbeit­sumge­bung die gesicherten arbeitswis­senschaftlichen Erken­nt­nisse über die men­schen­gerechte Gestal­tung der Arbeit zu berück­sichti­gen, erzwang auch für die SED, ger­ade die Arbeit­sor­gan­i­sa­tion stärk­er zu beto­nen. Die WAO war insofern auch eine Antwort auf diese Entwick­lun­gen und sollte die sozial­is­tis­che Lösung solch­er Prob­leme bieten.
Die DDR ver­fol­gte gegenüber West­deutsch­land eigene Wege – proklamiert als sow­jetis­che Erfahrun­gen, die primär auf Wirtschaftlichkeit set­zten, den Human­isierungsansatz eher als Anhängsel. Aber erkennbar zeit­gle­ich mit West­deutsch­land vol­l­zog sich eine solche par­al­lele Entwick­lung. In der DDR ent­stand das Konzept der „Wis­senschaftlichen Arbeit­sor­gan­i­sa­tion“ (WAO), welch­es auch in Rechts­grund­la­gen seinen Nieder­schlag fand (ins­beson­dere die Anord­nung zur Richtlin­ie über die Anwen­dung der wis­senschaftlichen Arbeit­sor­gan­i­sa­tion v. 17.4.1975).
Die WAO wurde wie fol­gt definiert: „Gestal­tung der Beziehun­gen der Men­schen im Arbeit­sprozeß zu ihren Arbeitsmit­teln, den Arbeits­ge­gen­stän­den, untere­inan­der und zur Umwelt am Arbeit­splatz. Die WAO ist darauf gerichtet, die Arbeit­sprozesse und das wech­sel­seit­ige Zusam­men­wirken der Men­schen im Betrieb nach wis­senschaftlichen Gesicht­spunk­ten so zu gestal­ten, daß die ständi­ge Steigerung der Arbeit­spro­duk­tiv­ität möglich, die Gesun­der­hal­tung der Werk­täti­gen gewährleis­tet, die sozial­is­tis­che Per­sön­lichkeit­sen­twick­lung gefördert und die Reser­ven in der Arbeit­sor­gan­i­sa­tion immer bess­er genutzt wer­den. Sie umfaßt die all­seit­ige geistige und kör­per­liche Entwick­lung der Werktätigen […].“
Im Kern ging es um vielfältige Aktiv­itäten zur Koop­er­a­tion der unter­schiedlichen arbeitswis­senschaftlichen Diszi­plinen, eingeschlossen die Arbeitsmedi­zin. Der Arbeitss­chutz wurde als Anwen­dungs­ge­bi­et der Arbeitswis­senschaften betra­chtet. Ver­stärkt wurde durch die WAO die Ori­en­tierung auf Arbeit­spro­duk­tiv­itäts­forschung, aber auch auf den Inhalt der Arbeit. Arbeit­sauf­gaben gelangten in den Blick­punkt der Gestal­tung. Das bot dem Arbeitss­chutz in der weit­en Auf­fas­sung von seinem Gegen­stand neue Chan­cen, auch psy­chis­che Belas­tun­gen zu bee­in­flussen. Und die Arbeitswis­senschaften befassten sich ver­stärkt mit präven­tiv­er Ein­flussnahme in sog. pro­duk­tionsvor­bere­i­t­en­den Bere­ichen, wie Kon­struk­tion von Arbeitsmit­teln, Investi­tio­nen, Arbeit­splatz- und Organ­i­sa­tion­s­gestal­tung usw.
Das Arbeits­ge­set­zbuch von 1977 stellte den engen Zusam­men­hang zwis­chen Um- und Neugestal­tung von Arbeitssys­te­men und Arbeitss­chutz her. So waren nach § 79 bei der Neufestle­gung von Arbeit­sauf­gaben, bei Verän­derun­gen der Arbeits­be­din­gun­gen durch Ein­führung neuer Tech­nik und Tech­nolo­gien sowie bei Verbesserung der Arbeit­sor­gan­i­sa­tion die Anforderun­gen an die Qual­i­fika­tion der Beschäftigten eben­so zu ermit­teln wie auch das Auftreten von Arbeit­ser­schw­ernissen. Es wurde gefordert, Maß­nah­men zur schrit­tweisen Besei­t­i­gung der Arbeit­ser­schw­ernisse zu tre­f­fen. Das Prob­lem bestand darin, dass eine Verbesserung der Arbeits­be­din­gun­gen nach diesen rechtlichen Grund­la­gen nur dann angeregt wurde, wenn dies gle­ichzeit­ig zu ein­er Steigerung der Pro­duk­tiv­ität führte. Ein­er­seits bestanden allen­falls Anfänge, mit diesen Ori­en­tierun­gen zu arbeit­en, so dass eine Flächen­wirk­samkeit nicht bestand. Ander­er­seits war auch der qual­i­ta­tive Gehalt bezo­gen auf den Arbeitss­chutz eher ger­ing, denn durch diese rein arbeit­sor­gan­isatorischen Maß­nah­men wur­den ger­ade gesund­heits­ge­fährdende Belas­tun­gen nicht unbe­d­ingt beseitigt.
Eine gemein­same Arbeits­gruppe des Min­is­ter­rates der DDR und des FDGB-Bun­desvor­standes (BArch, DQ 3/40) hob beson­ders her­vor – unter Ver­wen­dung des benutzten Bürokra­ten­deutschs -, dass im AGB von 1977 ver­ankert wurde – die
  • Anwen­dung der WAO in der Phase der Vor­bere­itung von Investi­tio­nen und der Entwick­lung von Erzeug­nis­sen und Ver­fahren (§ 71)
  • Zusam­menset­zung der Arbeit­skollek­tive und die Organ­isierung ihrer Tätigkeit zur Entwick­lung der kollek­tiv­en Beziehun­gen im Arbeit­sprozess (§ 72)
  • inhaltliche Gestal­tung der Arbeit­sauf­gaben entsprechend den Anforderun­gen, die sich aus der Erhöhung der Effek­tiv­ität der Arbeit und aus der Ver­tiefung des sozial­is­tis­chen Charak­ters der Arbeit ergeben (§ 73)
  • Organ­i­sa­tion am Arbeit­splatz zur Gewährleis­tung gesund­heits- und leis­tungs­fördern­der Arbeits­be­din­gun­gen sowie zum beson­deren Schutz von Frauen, Jugendlichen, älteren Werk­täti­gen usw. (§ 74)
  • Anwen­dung der Arbeit­sklas­si­fizierung als Mit­tel zur Organ­isierung der Arbeit (§ 79), wodurch her­vorge­hoben wird, dass die Arbeit­sklas­si­fizierung ein Bestandteil der WAO ist und nicht vor­rangig eine Meth­ode zur Bes­tim­mung von Lohnansprüchen.
Die For­mulierun­gen im AGB waren zwar pro­gres­siv, aber sehr poli­tisiert und lassen die Anforderun­gen in ihrem Geist für die Wirk­lichkeit der DDR-Betriebe unre­al erscheinen. Es darf nicht überse­hen wer­den, dass Möglichkeit­en guter Arbeit­sor­gan­i­sa­tion sehr begren­zt waren. Die betriebliche Real­ität wird in ein­er Unter­suchung von Hürt­gen u. a. so dargestellt: „Durch Pla­nungs­fehler blieben Zuliefer­un­gen aus. „Pfusch am Bau“ infolge ein­er Plan­er­fül­lung „auf dem Papi­er“ musste aus­geglichen wer­den und zahlre­iche Impro­vi­sa­tio­nen, an die sich viele heute nicht nur mit Stolz erin­nern, bes­timmten den Arbeit­sall­t­ag. Die Män­gel in der Arbeit­sor­gan­i­sa­tion, deren Besei­t­i­gung nicht im Ermessen der Arbeit­er lag, nah­men im Laufe der Jahre stetig zu […].“
Die WAO galt als Ver­such, aus dem Wider­spruch zwis­chen ökonomis­chen und tech­nol­o­gis­chen Zwän­gen und dem durch das soziale Kräftev­er­hält­nis eingeschränk­ten Hand­lungsspiel­raum einen Ausweg zu eröff­nen. Neue leis­tungspoli­tis­che Instru­mente soll­ten ver­bun­den mit gle­ichzeit­iger Verbesserung der Arbeits­be­din­gun­gen einge­set­zt wer­den. So wurde beispiel­sweise die Ergonomie als Wis­senschafts­diszi­plin, die die Inter­ak­tion zwis­chen Men­sch und tech­nis­chen Sys­te­men zum Gegen­stand hat, in die WAO ein­ge­ord­net und sollte ver­bun­den mit ihr umge­set­zt wer­den. Während in der Bun­desre­pub­lik bis in die 1980er Jahre hinein die Arbeitswis­senschaft sich weit­ge­hend ergonomisch ori­en­tierte, war das The­o­riege­bäude der sozial­is­tis­chen Arbeitswis­senschaften und damit auch der WAO diszi­plinär bre­it­er struk­turi­ert. Die WAO war für die SED aber primär eine Strate­gie, auf die man­gel­nde Leis­tungs­fähigkeit der Volk­swirtschaft und fehlen­den Ressourcen über den Weg der Inten­sivierung der Pro­duk­tion zu reagieren. Die WAO erschien als möglich­er Inten­sivierungs­fak­tor, ohne spezielle finanzielle Mit­tel oder andere Ressourcen die Pro­duk­tiv­ität zu erhöhen.
Für den Arbeitss­chutz war diese Entwick­lung insofern nüt­zlich, als ein­ge­ord­net in solche arbeitswis­senschaftlichen Analyse- und Gestal­tungskonzepte die Anforderun­gen an sichere und gesund­heits­gerechte Arbeits­be­din­gun­gen immer mit the­ma­tisiert wer­den kon­nten. Das AGB der DDR von 1977 stärk­te über den § 71 (Kapi­tel 4: „Arbeit­sor­gan­i­sa­tion und sozial­is­tis­che Arbeits­diszi­plin“) die Verknüp­fung von Arbeitss­chutz und Arbeit­sor­gan­i­sa­tion durch eine verbindliche Recht­spflicht der Betrieb­sleit­er. So wur­den die Betrieb­sleit­er verpflichtet, bei der Vor­bere­itung von Investi­tio­nen und bei der Entwick­lung von Erzeug­nis­sen und Ver­fahren die Erken­nt­nisse und Meth­o­d­en der WAO mit dem Ziel anzuwen­den, „Voraus­set­zun­gen für eine effek­tive und per­sön­lichkeits­fördernde Arbeit“ der Beschäftigten zu schaf­fen. In den Unternehmen ent­standen eigene Abteilun­gen, die sich der WAO wid­me­ten. So kon­nte der Arbeitss­chutz hier­mit ver­bun­den in betriebliche Auf­gaben­felder ein­drin­gen, die sich mit der Gestal­tung der Arbeit generell befassten. Die Betriebe wur­den auf Arbeit­szeit­einsparung, Kon­ti­nu­ität der Pro­duk­tion, Aus­las­tung der Anla­gen usw. ori­en­tiert. Sowohl in den entsprechen­den Rechtsvorschriften als auch in entsprechend ver­füg­bar gemacht­en Hil­f­s­mit­teln und Instru­men­tarien war dabei der Arbeitss­chutz stets inte­gri­ert. Sowohl Unfall­sicher­heit als auch arbeit­shy­gien­is­che Bedin­gun­gen spiel­ten eine Rolle. Dies führte zu poten­ziell erweit­erten Chan­cen für eine Verbesserung der Bedin­gun­gen für die Beschäftigten. Teil­weise entwick­el­ten sich in den Betrieben eigene Struk­turein­heit­en für WAO-Auf­gaben, die auch Experten der Arbeit­shy­giene mit inte­gri­erten. Die Umset­zung der WAO blieb bezo­gen auf die Arbeits­be­din­gun­gen aber – trotz aller Ori­en­tierun­gen und punk­tuell guten Vorzeige­beispie­len – defizitär.
Entsprechend der zen­tral­is­tis­chen Führung der Wirtschaft wurde die WAO sehr schnell zum Gegen­stand der betrieblichen Pla­nung (Anord­nung über die Pla­nung von Maß­nah­men der wis­senschaftlichen Arbeit­sor­gan­i­sa­tion in den volk­seige­nen Betrieben und Kom­bi­nat­en der Indus­trie und des Bauwe­sens v. 30.4.1973). Die wesentlichen Entwick­lungss­chritte umfassen
  • die wis­senschaftliche Qual­i­fizierung der WAO-Pla­nung, d. h. Ausar­beitung der Grund­methodik zum Niveau der WAO, ein­er Grund­methodik zur Klas­si­fizierung von Arbeit­ser­schw­ernissen und weit­er­er Hilfsmittel
  • die Ein­beziehung der Gesicht­spunk­te der WAO in die Pro­duk­tionsvor­bere­itung, also bei der Konzip­ierung, Entwick­lung und Über­leitung von Arbeitsmit­teln, wom­it die ver­bre­it­ete Prax­is bee­in­flusst wer­den kon­nte, Aspek­te der Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen, ins­beson­dere der Zurück­drän­gung schw­er­er kör­per­lich­er Arbeit und ander­er Gesund­heits­ge­fährdun­gen, erst nachträglich, nach vol­l­zo­gen­er Inbe­trieb­nahme der Pro­duk­tion­s­mit­tel, zu berücksichtigen
  • eine wesentlich stärkere und in den pro­gram­ma­tis­chen Doku­menten zum Fün­f­jahre­s­planzeitraum 1976–1980 auch aus­ge­sproch­ene Ori­en­tierung auf die Belas­tungsmo­mente psy­chis­ch­er Art (Monot­o­nieprob­lem)
  • die Durch­set­zung eines ökonomis­chen Sank­tion­s­mech­a­nis­mus, der bei Nichter­fül­lung der entsprechen­den Plan­maß­nah­men greift.
Trotz­dem bleibt die Erken­nt­nis, dass solche Planbe­standteile nicht die erforder­liche Akzep­tanz fan­den. Generell zur Pla­nung der Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen aber auch zur Pla­nung der WAO, kom­men bere­its DDR-Pub­lika­tio­nen zu kri­tis­chen Ein­schätzun­gen: „In der Pla­nung und Abrech­nung von dies­bezüglichen Maß­nah­men erfol­gt dabei eine noch zu ein­seit­ige Ori­en­tierung auf die Arbeit­er­ver­sorgung […], während die materiellen Arbeits­be­din­gun­gen zu wenig im Blick­punkt der langfristi­gen, plan­mäßi­gen Arbeit ste­hen. […] Nichter­füllte Maß­nah­men auf dem Gebi­et der Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen ziehen für den Betrieb und für die ver­ant­wortlichen Leit­er kaum materielle Kon­se­quen­zen nach sich, im Gegen­satz zu nichter­füll­ten Maß­nah­men ander­er Planteile. Nicht voll aus­genützt wer­den die Möglichkeit­en, bei der Vor­bere­itung und Durch­führung von Investi­tio­nen […] plan­mäßig die Arbeits­be­din­gun­gen der Werk­täti­gen durch kon­se­quente Änderung der Arbeitsin­halte langfristig zu verbessern. […] Invest­maß­nah­men, die […] vor­rangig der Verbesserung dieser Bedin­gun­gen dienen, wer­den nicht mit der gle­ichen Sorgfalt und Kon­se­quenz vor­bere­it­et und realisiert.“
Der beson­dere Vorzug lag ein­er­seits in dem Konzept, Arbeit sys­temhaft zu gestal­ten und die ver­schiede­nen Ele­mente von Arbeitssys­te­men miteinan­der zu verknüpfen. Dies war inhaltlich für den Arbeitss­chutz qual­i­ta­tiv wichtig, um isolierte Betra­ch­tungsweisen ein­er sicheren Gestal­tung weit­erzuen­twick­eln zu ganzheitlichen Ansätzen. Ander­er­seits wurde durch die Verknüp­fung mit der Lohn­poli­tik eine starke poli­tis­che Ori­en­tierung betrieben. Es wurde auf Einord­nung in betriebliche Strate­gien und Führungskonzepte gedrängt. Mit dem Arbeit­srecht verknüpft wur­den organ­i­sa­tion­srechtliche Regelun­gen. Alles in allem kon­nte der Arbeitss­chutz durch diesen öffentlichen Druck par­tizip­ieren. Er wurde immer wieder thematisiert.
Arbeit­sor­gan­i­sa­tion mutiert zum Gestal­tungsansatz für den Arbeitsschutz
Es ist bere­its betont wor­den: Die Gestal­tung des Arbeit­sprozess­es nach Kri­te­rien der Qual­i­fika­tion­sent­fal­tung, der Schaf­fung von Dis­po­si­tion­sspiel­räu­men sowie des Abbaus psy­chisch-ner­valer Belas­tun­gen gewann an Bedeu­tung – nicht zulet­zt, weil hierin eine wichtige Kom­po­nente für die Steigerung der Arbeit­spro­duk­tiv­ität gese­hen wurde. Arbeit­steilung und –struk­turierung wur­den zu einem wichti­gen neuen Feld für den Arbeitss­chutz. Nach­dem in den Konzepten der 1950er und 1960er Jahre auf die Ansatzpunk­te Tech­nik und Ver­hal­ten zur Gewährleis­tung der Arbeitssicher­heit geset­zt wurde, kam als neue wesentliche Säule die Organ­i­sa­tion unmit­tel­bar am Arbeit­splatz als Gestal­tungsansatz hinzu. Die Einord­nung der Arbeitsver­fahren ein­er­seits und die Forcierung der WAO ander­er­seits erforderte die Akzep­tanz organ­isatorisch­er Schutz­maß­nah­men. Hier­mit wur­den die Ansätze von Erwin Gniza zu Haupt- und Neben­weg zur Erlan­gung von Arbeitssicher­heit weit­er­en­twick­elt. Die „Organ­i­sa­tion der Arbeit“ als Gestal­tungs­feld für sichere und gesund­heits­gerechte Arbeits­be­din­gun­gen hielt Einzug in die Rang­folge der Maß­nah­men. 1980 ent­stand hierzu ein Mod­ell (vgl. Abb. 2).
Die Arbeitss­chutzpoli­tik hat seit den 1970er Jahren einen ganzheitlicheren Ansatz für die ver­schiede­nen Möglichkeit­en zur Gewährleis­tung des Arbeitss­chutzes ver­fol­gt (Forschung, Pro­duk­t­gestal­tung, Tech­nikgestal­tung der Arbeits­be­din­gun­gen, Arbeits­gestal­tung, Bil­dung, Moti­va­tion) und war aus ein­er punk­tuellen Lösung von Fragestel­lun­gen herausgetreten.
In Verbindung mit der WAO ent­standen Arbeit­splatzkarten als kom­plex­es Instru­ment der Erfas­sung der Anforderun­gen an die Beschäftigten. Hier eingeschlossen war eine Erfas­sung der Unfall­sicher­heit und der arbeit­shy­gien­is­chen Bedingungen.
Vor dem Hin­ter­grund der wach­senden wirtschaftlichen Schwierigkeit­en der DDR und den immer knap­peren Investi­tion­s­mit­teln wurde die WAO in den späten 1970er und dann auch in den 1980er Jahren sog­ar zum wesentlichen Instru­ment zur Erfül­lung der „Haup­tauf­gabe“ zur Real­isierung der Ein­heit von Wirtschafts- und Sozialpoli­tik erk­lärt. Vor­rang bei der Auf­nahme in die betrieblichen Pläne hat­ten nun solche Maß­nah­men der WAO, die kurzfristig einen hohen wirtschaftlichen Nutzen und außer­dem Verbesserun­gen in den Arbeits­be­din­gun­gen ver­sprachen. Doch die in die WAO geset­zten Erwartun­gen waren – trotz ihres auch im West­en anerkan­nten hohen the­o­retis­chen Niveaus – völ­lig über­zo­gen. Der immer höher wer­dende bürokratis­che Aufwand für die Betriebe stand in keinem Ver­hält­nis zum wirtschaftlichen Nutzen.
Wolf­gang Beyreuther zog als Staatssekretär für Arbeit und Löhne 1979 Bilanz. Er stellt fest, dass „seit 1971 mehr als 650.000 Arbeit­splätze in der Indus­trie, im Bau- und Verkehr­swe­sen unter Anwen­dung der wis­senschaftlichen Arbeit­sor­gan­i­sa­tion um- bzw. neugestal­tet […]“ wur­den. Die Kennz­if­fer „Um- und Neugestal­tung von Arbeit­splätzen unter Anwen­dung der WAO“ war von den Betrieben zu pla­nen und abzurech­nen. Die hier­für gel­tende Def­i­n­i­tion, was dem Kri­teri­um Neu- und Umgestal­tung entsprach, war so unge­nau, dass diese Angaben sehr „großzügig“ in den Betrieben gehand­habt wur­den und keine reale Aus­sagekraft über den Fortschritt bieten. Die wirk­lich erre­icht­en, eher punk­tuellen Fortschritte dür­fen nicht darüber hin­wegtäuschen, dass es hier bei Insel­lö­sun­gen blieb und sich die Arbeits­be­din­gun­gen auch bei Verbesserun­gen der Arbeitsin­halts­gestal­tung ver­schlechterten (vgl. Abb. 3).
Es war in der DDR üblich, lediglich die Entwick­lun­gen zum Abbau von Arbeit­ser­schw­ernissen zu pub­lizieren, der Zugang blieb ver­traulich. Es kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Angaben zum Abbau von Arbeit­ser­schw­ernissen dabei eher geschönt wur­den, weil eine Über­prü­fung kaum möglich war. Deut­lich wird, dass der jährliche Zugang von Arbeit­ser­schw­ernissen den Abbau sehr wesentlich zunichte machte. Die Wirk­samkeit der WAO in der betrieblichen Prax­is des Arbeitss­chutzes blieb insofern begrenzt.
Der Abbau von Arbeit­ser­schw­ernissen durch die WAO ging real zurück, der Zugang ver­har­rte auf rel­a­tiv hohem Stand.
Arbeitss­chutz in der Ingenieurausbildung
Die gesamte Entwick­lung im Arbeitss­chutz der DDR ist davon geprägt, dass auf Qual­i­fizierung von Inge­nieuren beson­der­er Wert gelegt wurde. Die Forderun­gen der ASVO von 1951 mit stark­er Aus­rich­tung auf vor­greifend­en Gefahren­schutz strahlten schon zu Beginn der DDR auf die Fes­tle­gun­gen zur entsprechen­den Aus­bil­dung von Inge­nieuren aus. Befähigte Inge­nieure waren für den Arbeitss­chutz qual­itäts­bes­tim­mend. Der Min­is­ter­rat der DDR legte 1952 fest, dass an den Hochschulen, Akademien, Fach- und Beruf­ss­chulen der Unter­richt über Arbeitss­chutz und Sicher­heit­stech­nik in den Lehrplan als oblig­a­torisches Unter­richts­fach aufzunehmen war und dass jed­er Stu­dent der tech­nis­chen Wis­senschaften in diesem Fach geprüft wird – wenn anfangs auch noch mit unzulänglich­er Durch­set­zung in der Praxis.
Das entsprach ein­er alten Forderung, die bis dato nicht umge­set­zt wor­den war. Eine der ersten präven­tiv ori­en­tierten Aktiv­itäten der 1885 gegrün­de­ten Beruf­sgenossen­schaften war bere­its mit ein­er Entschließung des Beruf­sgenossen­schaft­stages vom 7.5.1888 die Forderung, dass „an allen tech­nis­chen Hochschulen Deutsch­lands die Studieren­den gewerblich­er Fäch­er […] auch eine sorgfältige Vor­bere­itung für die Auf­gaben auf dem Gebi­ete der Unfal­lver­hü­tung und des Arbeitss­chutzes“ erhal­ten soll­ten. 1925 hat­te Carl von Bach, ein bekan­nter Maschi­nen­baulehrer in Karl­sruhe, auf die fehlende Aus­bil­dung der Inge­nieure in sozialen Fra­gen hingewiesen. Anfänge in dieser Rich­tung began­nen nach dem Ersten Weltkrieg, als in Düs­sel­dorf im Deutschen Insti­tut für tech­nis­che Arbeitss­chu­lung 1925 ein Ver­such zur entsprechen­den Aus­bil­dung von Inge­nieuren gemacht wurde.
Nun­mehr fordert die DDR-Regierung eine verbindliche Arbeitss­chutzaus­bil­dung aller Inge­nieure. Vor diesem Hin­ter­grund wurde beispiel­sweise als erstes Insti­tut ein­er Akademie der DDR dieser Art 1953 an der Bergakademie Freiberg bei der Fakultät für Berg­bau- und Hüt­ten­we­sen das „Insti­tut für Gruben­sicher­heit und Arbeitss­chutz“ geschaf­fen. Dieses Insti­tut war ein Lehrin­sti­tut, das alle tech­nis­chen Stu­di­en­rich­tun­gen mit entsprechen­der Lehre bedi­ente, aber von Anfang an auch eigene Forschung betrieb.
Bere­its 1955 und 1960 wur­den an der Bergin­ge­nieurss­chule Eisleben im Auf­trag der dama­li­gen Vere­ini­gung Volk­seigen­er Betriebe (VVB) Nichteisen-Met­allindus­trie die ersten Sicher­heitsin­ge­nieure für den Berg­bau der DDR im Direk­t­studi­um aus­ge­bildet. Seit 1967 wurde eine post­grad­uale Aus­bil­dung zum Fachin­ge­nieur für Arbeitss­chutz im Direk­t­studi­um an der Inge­nieurschule für wis­senschaftlichen Geräte­bau Carl Zeiss, Jena (ab 1969 auch im Fern­studi­um) durchge­führt. Jena bildete bere­its seit Ende der 1950er Jahre in all­ge­meinen Grundlehrgän­gen die betrieblichen „Arbeitss­chutzin­spek­toren“ der Gew­erkschaften und seit Mitte der 1960er Jahre dann außer­dem ver­mehrt „Fachin­ge­nieure für Arbeitss­chutz“ aus. Jährlich wur­den diese Kurse von etwa 2.000 Per­so­n­en besucht. Die Aus­bil­dung in Jena verblieb ab 1969 als Direk­t­studi­um in der FDGB-Zen­tralschule für Arbeitss­chutz vor­rangig für Arbeitss­chutzin­spek­toren der Gew­erkschaften. Die FDGB-Zen­tralschule blieb aber offiziell eine Außen­stelle der Inge­nieurschule für wis­senschaftlichen Geräte­bau Carl Zeiss. In dieser Stel­lung erfol­gte eine post­grad­uale Aus­bil­dung zum Fachin­ge­nieur für Arbeitsschutz.
Hinzu kamen als Aus­bil­dungsträger dann die Inge­nieurschule für Bauwe­sen in Berlin sowie die Inge­nieurschule für Maschi­nen­bau in Leipzig und die Inge­nieurschule für Landtech­nik in Bad Lieben­stein-Altenstein in Thürin­gen. Teil­nehmer waren ins­beson­dere Sicher­heitsin­spek­toren, aber auch ver­ant­wortliche Mitar­beit­er aus Forschungs‑, Entwick­lungs- und Kon­struk­tion­sein­rich­tun­gen. Die Entschei­dung zur Aus­bil­dung war durch die Zen­trale Arbeits­gruppe Arbeitswis­senschaften des Min­is­teri­ums für Hoch- und Fach­schul­we­sen vor­bere­it­et wor­den. Für die Entwick­lung der Lehr­ma­te­ri­alien hat­te sich ein Kura­to­ri­um etabliert (SAP­MO-BArch, DY 34/8530, 1967). Vorher hat­ten sich punk­tuell Kurse entwick­elt, aber noch keine geschlossene Aus­bil­dung, wie sie nun­mehr befördert wurde. Für das Studi­um wurde neben einem Hoch- oder Fach­schu­la­b­schluss an ein­er tech­nis­chen oder inge­nieurökonomis­chen Grund­stu­di­en- oder Fachrich­tung eine mehrjährige Beruf­sprax­is als Sicher­heitsin­spek­tor, Pro­jek­tant, Kon­struk­teur, Tech­nologe oder Betrieb­sin­ge­nieur gefordert. 1969 wur­den diese Stu­di­en­möglichkeit­en in Verbindung mit der Hochschul­re­form der DDR erweitert.
Inten­sive und erfol­gre­iche Bemühun­gen gab es zur Ver­ankerung des Arbeitss­chutzes in der Inge­nieu­raus­bil­dung generell. 1964 ent­stand ein erstes Lehrpro­gramm für Inge­nieur- und Fach­schulen, welch­es vom Min­is­teri­um für Hoch- und Fach­schul­we­sen verbindlich gemacht wor­den war. Gefordert wurde auch hier eine Prü­fung im Arbeitss­chutz. Die Hoch- und Fach­schulen set­zten solche Forderun­gen eher zöger­lich um. Bere­its 1967 wurde ein neuer „Rah­men­lehrplan für das Fachge­bi­et Gesund­heits- und Arbeitss­chutz sowie Brand­schutz an Uni­ver­sitäten und Tech­nis­chen Hochschulen“ vorgelegt (SAP­MO-BArch, DY 34/8530, 1967). Nach Über­prü­fung der Inge­nieur- und Fach­schulen durch die Gew­erkschaften ergab sich, dass ein Teil der Bil­dungsträger die Stun­den­zahl erhe­blich reduziert hat­te und vom Min­is­teri­um für Hoch- und Fach­schul­we­sen beste­hende Vor­gaben in dieser Zeit völ­lig ungenü­gend umge­set­zt wur­den (SAP­MO-BArch, DY 34/8530, 1967).
Entsprechend der generellen Ori­en­tierung der Verknüp­fung des Arbeitss­chutzes mit der Arbeits­gestal­tung wurde die bedarf­s­gerechte Aus­bil­dung von Fach­per­son­al zum Arbeitsstudi­um und zur Arbeits­gestal­tung an Hoch- und Fach­schulen (Diplom-Inge­nieure für Ergonomie, Arbeitss­chutzin­ge­nieure, Arbeit­sökonomen, Arbeit­spsy­cholo­gen usw.) gefordert, die Arbeitss­chutzkom­pe­ten­zen mit umfassen musste. Es soll­ten spezielle Lehrstüh­le ein­gerichtet wer­den. Ein Mod­ell für die Qual­i­fizierung zu Arbeitsin­ge­nieuren – eingeschlossen Arbeitss­chutz – wurde an der TU Dres­den entwickelt.
Die Entwick­lun­gen der WAO waren auch Anlass, eine völ­lig neu konzip­ierte Lehrbriefrei­he „Arbeitss­chutz“ mit 20 Heften her­auszugeben, die eine speziell für Arbeits­gestal­ter vorhan­dene Lehrbriefrei­he ergänzen sollte. Eine neue Aus­bil­dung zum „Fachin­ge­nieur für Arbeits­gestal­tung“ ent­stand 1968. Auch in diesen Stu­di­en­gang war maßge­blich der Arbeitss­chutz, speziell auch die Arbeit­shy­giene und die Arbeit­spsy­cholo­gie integriert.
1974 wurde Arbeitss­chutz für alle tech­nis­chen und ökonomis­chen Fachrich­tun­gen der Hoch- und Fach­schulen verbindlich­er Bestandteil des Studi­ums. Eine Arbeits­gruppe „Arbeitswis­senschaften“ hat­te ein Lehrpro­gramm vor­bere­it­et, in das der Arbeitss­chutz ein­ge­ord­net war. Hier­mit wurde auch Arbeitss­chutz zum oblig­a­torischen Stu­di­en­plan und Bestandteil der Prü­fung. Die ASVO von 1977 hat­te mit § 22 Abs. 3 fest­gelegt, dass in den entsprechen­den Ein­rich­tun­gen der Arbeitss­chutz Bestandteil der Aus- und Weit­er­bil­dung sowie der Prü­fun­gen sein musste. Bere­its nach der Hochschul­re­form 1968 waren selb­st­ständi­ge Lehrge­bi­ete wie Arbeitss­chutz, Sicher­heit­stech­nik, Brand- und Explo­sion­ss­chutz ent­standen. 1974 hat­te das Min­is­teri­um für Hoch- und Fach­schul­we­sen ein Rah­men­lehrpro­gramm „Arbeitswis­senschaften für Inge­nieure“ erlassen, das eben­falls den Arbeitss­chutz mit enthielt.
Es bestand die Möglichkeit des Studi­ums zum „Diplomin­ge­nieur für Arbeitsin­ge­nieur­we­sen“, der speziell für die WAO bedeut­sam war. Im Studi­um war Arbeitss­chutz und speziell Sicher­heit­stech­nik integriert.
Lesen Sie auch:
1 Es wird darauf verzichtet, die Vielzahl von Lit­er­aturquellen im Rah­men dieses Fach­beitrages zu kennze­ich­nen. Sie kön­nen ent­nom­men wer­den dem bre­it­er angelegten Fach­buch „Wien­hold, L.: Zwis­chen Anspruch und Wirk­lichkeit – His­torisch­er Abriss zum Arbeitss­chutz in der SBZ/DDR. München: Grin-Verl. 2011“. Es ste­ht auch ein down­load als eBook zur Verfügung:
https://www.grin.com/login/ #documents/184186/text.
Autor:
Dr. Lutz Wienhold

Legende 11:
Die WAO hat wesentlich zur Verbesserung der Arbeits­be­din­gun­gen der DDR beigetragen.
Die Wahrheit:
Die Erfolge bezo­gen auf den Arbeitss­chutz waren sehr begren­zt. Die poten­ziellen Möglichkeit­en zur Verbesserung der Arbeits­be­din­gun­gen wur­den nur eingeschränkt genutzt.

Legende 10:
Das Qual­itätsmerk­mal „Schutzgüte“ wurde auf der Grund­lage konkreter Bew­er­tungskri­te­rien erteilt.
Die Wahrheit:
Ab 1977 waren die Bew­er­tungskri­te­rien sehr inter­pretier­bar, sodass eine sehr sub­jek­tive Ein­schätzung zur Schutzgüte abgegeben wurde.

Biografische Daten von Erhard Möhler (1900–1975):
Erhard Möh­ler hat­te sich seit 1926 mit der ergonomis­chen Gestal­tung von Tätigkeit­en an der Tech­nis­chen Hochschule Dres­den, Lehrstuhl für Betrieb­swis­senschaften befasst. Er wid­mete sich später ins­beson­dere der Arbeitssicher­heit durch Kon­struk­tion von Maschi­nen. Der Begriff der „Schutzgüte“ ist untrennbar mit seinem Namen ver­bun­den. Aber er befasste sich auch speziell mit der Inten­sität der Arbeit als Grund­lage für Arbeit­ser­le­ichterun­gen, dem phys­i­ol­o­gisch ein­wand­freien Arbeitss­chutz sowie der Stan­dar­d­isierung von Kör­per­schutzmit­teln, dem Wärmes­trahlen­schutz und ein­er Sys­tem­atik von Arbeit­shil­fen als Reha­bil­i­ta­tion­s­mit­tel für Schwerbeschädigte.
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