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Gewalt in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigen

Übergriffe auf Klinikpersonal
Gewalt in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigen

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Die Zahl der gemelde­ten Über­griffe auf das Per­son­al in den Kliniken steigt an. Die Unternehmensleitun­gen sind häu­fig noch unsich­er bei der Behand­lung dieses Prob­lems. Die Über­griffe stellen aber einen Arbeit­sun­fall dar. Das vor­liegende Risiko muss also in der Gefährdungs­beurteilung des Betriebes gemäß Arbeitss­chutzge­setz behan­delt wer­den. Bei fehlen­der Umset­zung kann gegen die Ver­ant­wortlichen des Unternehmens Klage wegen unter­lasse­nen Han­delns erhoben wer­den. Eine Möglichkeit der Beurteilung dieses Risikos bietet eine Berech­nungs­formel in der BGR 139. Der Autor hat als langjährig tätige Auf­sichtsper­son der Beruf­sgenossen­schaft BGW und als Selb­stvertei­di­gungstrain­er einige Erfahrung auf dem Gebi­et der Gewalt­präven­tion sam­meln kön­nen und gibt im Fol­gen­den einige Hin­weise zur Behand­lung des Problems.

Es kommt immer häu­figer vor, dass Klinikper­son­al von Patien­ten, deren Ange­höri­gen oder anderen Besuch­ern kör­per­lich ange­grif­f­en wird. Schw­er­punkt ist dabei die Notauf­nahme, wo lange Wartezeit­en, dem Patien­ten nicht nachvol­lziehbare Rei­hen­folge der Behand­lung und Alko­hol- und Dro­gen­prob­leme zu Auseinan­der­set­zun­gen führen. Aber auch in anderen Bere­ichen der Klinik, die Nachts bere­it gehal­ten wer­den müssen und dann meist nur von ein­er Per­son beset­zt sind, wie beispiel­sweise Rönt­gen, Labor, etc., kommt es zu Sicherheitsproblemen.
In den zulet­zt genan­nten Bere­ichen kom­men noch Gefährdun­gen von außen hinzu. Diese Bere­iche sind häu­fig abgele­gen und das Klinikgelände ist fast nie voll­ständig geschlossen in der Nacht. Alko­holisierte Per­so­n­en, Obdachlose, aber auch Junkies auf der Suche nach Dro­gen kön­nen somit in das Haus gelan­gen und dann auf allein arbei­t­en­des, ungesichertes Per­son­al treffen.
All diese Risiken sind in der Gefährdungs­beurteilung gemäß §5 Arbeitss­chutzge­setz (Arb­SchG) zu erfassen und Maß­nah­men dage­gen festzule­gen. Dabei ist das häu­fig­ste Prob­lem die Bew­er­tung des Risikos.
Die fol­gen­den Aus­führun­gen sollen ein Ver­fahren vorstellen, mit dem eine rechtlich belast­bare Abschätzung dieses Risikos erfol­gen kann. Mit diesem Ver­fahren kön­nen auch die geplanten Maß­nah­men auf Tauglichkeit über­prüft wer­den. Zuerst wäre aber ein­mal die Verbindlichkeit der Behand­lung dieses Prob­lems darzustellen.
Über­griffe auf das Per­son­al stellen einen Arbeit­sun­fall dar, deren Fol­gen die Beruf­sgenossen­schaft zu reg­ulieren hat. Der Unternehmer muss also der­gle­ichen Vor­fälle bin­nen drei Tagen melden, wenn der Ver­sicherte mehr als drei Tage arbeit­sun­fähig war. Diese Tat­sache ist vielerorts noch nicht bekan­nt. Die Fol­gen wur­den häu­fig noch über die Krankenkassen abgewick­elt, sodass ein Teil des Anstiegs der gemelde­ten Fälle sich­er auch darauf zurück­zuführen ist, dass in den Betrieben diesen Fällen jet­zt immer mehr Aufmerk­samkeit geschenkt wird und sie kor­rekt als Unfall gemeldet werden.
Das als Betrieb­srisiko erkan­nte Prob­lem ist nun in der Gefährdungs­beurteilung zu erfassen. Dieses zen­trale Doku­ment des Arbeitss­chutzes wird heute häu­fig noch in sein­er Bedeu­tung unterschätzt.
Gefährdungs­beurteilung: „juris­tis­ch­er Blitzableiter“
Es soll zuerst ein­mal dazu dienen, Schwach­stellen im Betrieb zu ermit­teln und die Sit­u­a­tion zu verbessern. Das geschieht meist aber auch schon durch QM-Sys­teme, sodass in den Unternehmen häu­fig der Ein­druck vorherrscht, hier würde dop­pelt gear­beit­et. Während ein QM- Sys­tem aber eine frei­willige Maß­nahme darstellt, die let­ztlich nur von den Ver­hält­nis­sen der jew­eili­gen Wirtschafts­beziehun­gen abhängt, ist die Gefährdungs­beurteilung gemäß dem Arb­SchG und zahlre­ich­er Verord­nun­gen rechtlich verbindlich. Und die Erfahrun­gen zeigen, dass die Staat­san­waltschaften immer häu­figer nach Vorkomm­nis­sen anhand dieser Doku­mente ermitteln.
Die zweite Wirkung dieses Doku­mentes ist also prak­tisch wie ein „juris­tis­ch­er Blitz­ableit­er“, der den Vor­wurf der groben Fahrläs­sigkeit oder des unter­lasse­nen Han­delns entkräftet. Und dementsprechend Mühe sollte man sich mit diesem „Blitz­ableit­er“ geben. Falsch dimen­sion­iert nutzt er nichts. Das bet­rifft ins­beson­dere die beliebten, weil so schnell abar­beit­baren „Check­lis­ten“. Da heißt es dann beispiel­sweise beim Prob­lem „Aggres­siv­er Über­griffe auf das Per­son­al“: Maß­nah­men ergrif­f­en? Kreuzen sie ja oder nein an. Dieses Kreuz in ein­er Check­liste stellt wed­er eine Ermit­tlung noch eine Beurteilung dar und ist im Schadens­fall wert­los. Eben wie ein – aus Sparsamkeit – viel zu dün­ner „Blitz­ableit­er“.
Und die Fol­gen dieser falschen Sparsamkeit kön­nen erhe­blich sein. Bei Vor­fällen lautete dann die Anklage gegen die Ver­ant­wortlichen im Unternehmen schon mal: Kör­per­ver­let­zung durch Unter­las­sung oder sog­ar Tötung durch Unterlassung!
Diese Ermit­tlun­gen sind noch rel­a­tiv sel­ten, wie ein Blitzschlag eben. Es ist also völ­lig in Ord­nung, wenn ein selb­ständi­ger Unternehmer, welch­er allein haftet, der Ansicht ist, dieses Risiko ein­er fehlen­den Gefährdungs­beurteilung und den fehlen­den daraus abzulei­t­en­den Maß­nah­men einge­hen zu kön­nen. Aber als Beschäftigter in lei­t­en­der Posi­tion ist es über­aus unklug, ein Strafver­fahren zu riskieren, damit das Unternehmen Geld spart. Was ist also seit­ens des Unternehmens zu tun, um solche Vorhal­tun­gen zu vermeiden?
Strafver­fahren aus dem Weg gehen
Als Beispiel sei hier ein­mal das Baden eines Patien­ten gewählt, weil man dabei auf- zeigen kann, wie sich die Beurteilung eines Aggres­sion­srisikos in die anderen Ermit­tlun­gen einfügt.
Es bietet sich an, eine arbeit­splatzbe­zo­gene Beurteilung vorzunehmen. Dazu wer­den erst ein­mal völ­lig wert­frei hin­tere­inan­der weg alle Tätigkeit­en aufge­lis­tet (siehe Tab. 1 auf Seite 24). Hier ist die Mitar­beit der an diesem Arbeit­splatz Beschäftigten sehr wichtig.
Im näch­sten Schritt wer­den alle Tätigkeit­en wegge­lassen, die offen­sichtlich risikofrei sind. Bei den verbleiben­den Tätigkeit­en müssen nun die Risiken – es kön­nen ja mehrere gle­ichzeit­ig auftreten – benan­nt und bew­ertet wer­den (siehe Tab. 2).
Weit­er soll dieses Beispiel hier nicht aus­ge­führt wer­den, weil das all­ge­meine Vorge­hen bei der Gefährdungs­beurteilung aus Platz­grün­den als bekan­nt voraus­ge­set­zt wird. Entschei­dend ist aber im näch­sten Schritt die Bew­er­tung der Risiken.
Risiken richtig bewerten
Und hier tritt nun erfahrungs­gemäß bezüglich der Aggres­sion­srisiken ein Prob­lem auf. Beste­ht z.B. bei ein­er 26-jähri­gen Nachtschwest­er mit 1,75 m Kör­per­größe und 70 kg Gewicht ein Risiko bezüglich Aggres­sio­nen, wenn die männlichen Patien­ten bet­tlägerig sind? Wie und wonach wird das eingeschätzt? Die Erfahrung der BGW zeigt: Es hat schon ver­suchte Notzucht­fälle durch Per­so­n­en, welche im Roll­stuhl saßen, gegeben. Also ist das schwierig zu beurteilen.
Hil­fe bietet möglicher­weise eine Berech­nungs­formel aus der BGR 139, Per­so­n­en-Notsig­nal-Anla­gen. Eigentlich gedacht, die Ein­satzmöglichkeit­en von diesen Anla­gen zu beurteilen, kann diese Berech­nung auch dazu dienen, Gefährdun­gen all­ge­mein zu beurteilen.
Dazu wird das Prob­lem in drei Fak­toren aufgeteilt:
  • Die Ein­trittswahrschein­lichkeit NW, welche in einem Zahlen­bere­ich von 1 bis 10 definiert wird.
  • Die mögliche Schaden­shöhe GZ, ebe­nalls zu definieren im Bere­ich 1 bis 10. Wobei der Tod der beschäftigten Per­son als Risiko auss­chei­det. Das darf nie möglich sein.
  • Die Dauer der Ret­tungs­kette EV, also der Zeit vom Abset­zen eines Notrufes bis zum Ein­tr­e­f­fen wirk­samer Erster Hil­fe. Der Wert 0 ste­ht dabei für Hil­fe bin­nen 5 Minuten, der Wert 1 für Hil­fe inner­halb 10 Minuten. Mehr als 15 Minuten darf die Hil­fe nie dauern, wenn sich die Ver­ant­wortlichen nicht dem Vor­wurf der Fahrläs­sigkeit aus­set­zen wollen.
R = (GZ + EV) x NW
Der Risikow­ert R soll nun die Zif­fer 30 nicht über­steigen. All­ge­mein genügt in den Betrieben des Gesund­heitswe­sens eine Ein­schätzung der Risiken in die Kat­e­gorien ger­ing, mit­tel und hoch, weil es für eine Ein­stu­fung der Risiken nach der Skala von Nohl an Kri­te­rien, wie sie z.B. für den Umgang mit Gefahrstof­fen vor­liegen, fehlt. Der Zahlen­wert größer als 25 für den Risikow­ert R kön­nte nun in die all­ge­meine Gefährdungs­beurteilung als hoch einge­fügt wer­den, ein Wert von 20 bis 25 als mit­tlere Gefährdung.
Anhand dieser Berech­nungs­formel kann nun auch gle­ich abgeschätzt wer­den, wie sich geplante Abwehrmaß­nah­men auswirken, weil sich ja dann der entsprechende Fak­tor in der Ein­schätzung ändert.
Wichtig ist, damit dieses Ver­fahren funk­tion­iert, dass man ehrlich gegenüber sich selb­st ist. Wenn wider besserem Wis­sen unzutr­e­f­fende Werte einge­set­zt wer­den, ist das Ver­fahren sinn­los. Beispiel­swiese beim Fak­tor EV für wirk­same Erste Hil­fe. Es muss abgeschätzt wer­den, ob z.B. auf der Notauf­nahme der Rent­ner, der um Mit­ter­nacht die Pforte beset­zt, um seine Rente aufzubessern, eine wirk­same Hil­fe für die Kranken­schwest­er und die Notärztin ist. Wann käme wirk­liche Hil­fe, beispiel­sweise vom Wach- und Schließdienst?
Es müssen nicht alle Risiken so aufwändig beurteilt wer­den, son­dern nur die, bei denen die Beurteilung strit­tig ist. Fügt man dies in die Gesamt­beurteilung aller Risiken ein, sieht die Beurteilung für das Pflege­bad möglicher­weise aus wie in Tabelle 3 (Seite 25) gezeigt. Hier sind nun schon einige Maß­nah­men genan­nt, welche bei dieser Gele­gen­heit noch erläutert wer­den sollen.
Sin­nvolle Gegenmaßnahmen
Um die Ret­tungs­kette über­haupt ein­hal­ten zu kön­nen, muss es in Bere­ichen, wo es zu Über­grif­f­en auf das Per­son­al kom­men kann, Notrufmöglichkeit­en geben. Dabei schei­den Tele­fon, Handy oder Schwest­ern­notruf im Zim­mer aus, weil die ange­grif­f­ene Per­son diese höchst­wahrschein­lich nicht mehr bedi­enen kann. Es sind nur am Kör­p­er getra­gene Notruf­sys­teme sin­nvoll, wobei die Gefährdungs­beurteilung ergeben muss, ob wil­lens­ab­hängige Sys­teme noch aus­re­ichend sind, oder ob wil­len­sun­ab­hängige Sys­teme beispiel­sweise mit Lage- oder Bewe­gungssen­sor erforder­lich sind.
Ein Train­ing des Per­son­als in ver­balen Deeskala­tion­sstrate­gien etc. ist in diesen Arbeits­bere­ichen sich­er unverzicht­bar, erset­zt aber keines­falls die Notrufmöglichkeit­en. Auch ein kör­per­lich­es Train­ing in Abwehrmaß­nah­men, bei der BGW in Abgren­zung zur Selb­stvertei­di­gung „Physis­che Inter­ven­tion“ genan­nt (weil die Scho­nung des Patien­ten und die Wahrung sein­er Würde auch in solchen Sit­u­a­tio­nen im Gesund­heitswe­sen unab­d­ing­bar ist), erset­zt diese tech­nis­chen Maß­nah­men nicht.
Tech­nis­che, das heißt bauliche Schutz­maß­nah­men, gegen diese Risiken find­en sich auch in der BGI 8681 „ Kranken­haus­neu und ‑umbau…“ beispiel­sweise zur baulichen Gestal­tung von Notauf­nah­men. Die BGI 5032 erläutert die BGR 139 und beschreibt die Ein­satzmöglichkeit­en von Personen-Notsignal-Anlagen.
Und selb­stver­ständlich berat­en auch die Dien­st­stellen des Präven­tions­di­en­stes der Beruf­sgenossen­schaft für Gesund­heits­di­enst und Wohlfahrt­spflege BGW bei diesen Problemen.
Autor
Dipl.-Ing. Medi­z­in­tech­nik Wern­er Pude BGW, Präven­tions­di­en­ste Ham­burg E‑Mail: werner.pude@bgw-online.de
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