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Grundlagen der Ergonomie

Arbeiten im Büro Teil 1
Grundlagen der Ergonomie

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Mit diesem Beitrag begin­nen wir eine neue Artikel-Serie, die sich mit dem The­ma Ergonomie im Büro the­o­retisch aber vor allem auch in der Prax­is befasst. Dieser erste Teil beleuchtet zunächst den Schlüs­sel­be­griff „Ergonomie“ in all seinen Facetten. Direkt im Anschluss fol­gen die ersten ein­fachen und prax­is­na­hen Übun­gen, mit denen Sie Arbeit­en im Büro gesün­der machen kön­nen.

Ein Sicher­heit­sprob­lem?
Büroar­beit ist ganz schön gefährlich, wenn man den Zahlen glauben darf: Denn für viele Beschäftigte in diesem Bere­ich gehören Wirbel­säu­lenbeschw­er­den, Kopf­schmerzen, Schul­ter-Arm-Prob­leme, Taub­heit in Extrem­itäten und ähn­lich­es zum All­t­ag.
Alleine die Fehlzeit­en durch entsprechende Beschw­er­den sind immens und belaufen sich auf ca. 14 Tage pro Jahr (Fehlzeit­en­re­port 2012, Tech­niker Krankenkasse, www.tk.de/gesundheitsreport/fehlzeiten). Beschäftigte in Deutsch­land waren 2012 im Schnitt 14,2 Tage krankgeschrieben. Zwis­chen den einzel­nen Bun­deslän­dern gibt es dabei deut­liche Unter­schiede von 11,6 Tagen in Baden-Würt­tem­berg bis 17,5 Krankschrei­bungsta­gen in Meck­len­burg-Vor­pom­mern.
Auch die Zahl der „echt­en“ Schädi­gun­gen mit der Folge von Oper­a­tio­nen und dauer­haften Arbeit­sun­fähigkeit­en ist erschreck­end und ein immenser wirtschaftlich­er Schaden, nicht nur aus der Sicht der Betriebe, son­dern für die gesamte Volk­swirtschaft.
Das Prob­lem im Büro ist, anders als bei der „klas­sis­chen“ Sicher­heitssicht, bei der es um Unfal­lver­hü­tung im weitesten Sinne geht, die Zeit. Ein­seit­ige Hal­tun­gen, ungün­stige Posi­tio­nen, kaum Bewe­gung und eine Unter­forderung der Musku­latur wer­den durch die Dauer zum Aus­lös­er, der fehlende kör­per­liche Aus­gle­ich zum Ver­stärk­er der Beschw­er­den.
Begün­stigt wird dies häu­fig durch Ein­rich­tun­gen und Werkzeuge, die entwed­er muse­um­sreif bzw. stark „abge­wohnt“ sind („ein Büros­tuhl muss schon 20 Jahre hal­ten“) oder selb­st als neue Möbel nicht den men­schlichen Bedürfnis­sen nach Anpass­barkeit genü­gen. Und vie­len ist das Design wichtiger als der ergonomis­che Nutzen.
Wenn dann noch der stetig wach­sende psy­chis­che Stress oder weit­ere externe Ein­flüsse wie Lärm und schlechte Luft oder ein paar „schlechte“ Gewohn­heit­en dazukom­men, ist ein „gesund bleiben“ ganz schön schwierig.
Sicher­heitsin­ge­nieure und Fachkräfte als Ergonomen
Der Job der Sicher­heitsin­ge­nieure und Fachkräfte für Arbeitssicher­heit (FaSi) ist die Ver­hü­tung von Schädi­gun­gen der Mitar­beit­er – somit gehört auch das ver­hin­dern von „schle­ichen­den“ Schä­den dazu. Also sind Sicher­heitsin­ge­nieure eigentlich auch (bera­tend) zuständig für die Ergonomie im Unternehmen. Daher wird ihnen oft „der Hut aufge­set­zt“ und sie sind ab sofort „Ergonomiebeauf­tragte“ – aber was ver­steckt sich eigentlich hin­ter diesem Begriff?
„Ergonomie“ set­zt sich aus den griechis­chen Wörtern ergon = Arbeit, Werk, und nomos = Gesetz, Regel, zusam­men. Nach Auf­fas­sung der Inter­na­tion­al Ergonom­ics Asso­ci­a­tion (IEA) wird unter Ergonomie die „Lehre von der men­schlichen Arbeit und die Erken­nt­nis ihrer Geset­zmäßigkeit­en“ ver­standen.
Etwas freier inter­pretiert bedeutet „Ergonomis­ches Arbeit­en“ so zu arbeit­en (bzw. arbeit­en zu kön­nen), dass opti­male Arbeit­sergeb­nisse erzielt wer­den und der Men­sch dabei gesund, fit, leis­tungs­fähig und ermü­dungs­frei bleibt.
Im deutschsprachi­gen Raum find­et sich häu­fig die fol­gende Def­i­n­i­tion:
„Auf­gabe ergonomis­ch­er Gestal­tung ist die Anpas­sung der Arbeit an die Fähigkeit­en und Eigen­schaften des Men­schen durch Gestal­tung von z.B. Arbeit­splatz, Arbeitsmit­tel, Arbeit­sumge­bung und Arbeit­sor­gan­i­sa­tion, aber auch die Anpas­sung des Men­schen an die Arbeit durch z.B. Auswahl von Per­so­n­en mit Fähigkeit­en und Eigen­schaften entsprechend der Anforderung, Aus­bil­dung oder Gewöh­nung, z.B. an die Kli­maver­hält­nisse.“
Kurz: Ein Arbeit­splatz ist dann ergonomisch gestal­tet, wenn er keine Gesund­heits­ge­fahren verur­sacht und ein angenehmes Arbeit­en ermöglicht.
Die Welt­ge­sund­heit­sor­gan­i­sa­tion WHO hat die Kri­te­rien an einen men­schen­gerecht­en Arbeit­splatz wie im neben­ste­hen­den Kas­ten for­muliert.
Ergonomie – His­to­rie
Im 19. Jahrhun­dert wurde eine eigene Wis­senschafts­diszi­plin gegrün­det, die den men­sche­nun­würdi­gen Arbeitsver­hält­nis­sen der frühen Indus­tri­al­isierung ent­ge­gen­trat. Dieser neue Wis­senschaft­szweig wurde Arbeitswis­senschaft oder Ergonomie genan­nt. Seit Mitte des 19. Jahrhun­derts kön­nen viele Aktiv­itäten in ver­schiede­nen Län­dern beobachtet wer­den, die eine wis­senschaftliche Betra­ch­tung men­schlich­er Arbeit zum Gegen­stand hat­ten.
In Deutsch­land wurde 1912 das Kaiser-Wil­helm-Insti­tut für Arbeit­sphys­i­olo­gie in Berlin und 1926 das Insti­tut für forstliche Arbeitswis­senschaft ein­gerichtet. Der 1924 als „Reich­sauss­chuss für Arbeit­szeit­er­mit­tlung“ gegrün­dete REFA (heute heißt er „Ver­band für Arbeits­gestal­tung, Betrieb­sorgan­i­sa­tion und Unternehmensen­twick­lung“) machte es sich als Erster zur Auf­gabe, die Meth­o­d­en der Zeit- und Bewe­gungsstu­di­en einzuführen und zu unter­suchen.
In der Nachkriegszeit fan­den in den ver­schiede­nen europäis­chen Län­dern Grün­dun­gen wis­senschaftlich­er Gesellschaften wie der GFA (Gesellschaft für Arbeitsmethodik) statt. 1959 wur­den sie unter dem Dach der IEA (Inter­na­tion­al Ergonom­ics Asso­ci­a­tion) zusam­menge­fasst.
Eine wichtige Def­i­n­i­tion für die Ergonomie am Arbeit­splatz haben ins­beson­dere fol­gende Verord­nun­gen, die sich alle aus dem Arbeitss­chutzge­setz ableit­en:
  • Betrieb­ssicher­heitsverord­nung
  • Bild­schir­mar­beitsverord­nung
  • Las­ten­hand­habungsverord­nung u.v.m.
Die Beruf­sgenossen­schaften, Betrieb­särzte und die FaSi sind meist für die Umset­zung und Ein­hal­tung dieser Geset­ze zum tech­nis­chen und sozialen Arbeitss­chutz in Unternehmen ver­ant­wortlich. Let­ztlich ist aber auch jed­er selb­st dafür ver­ant­wortlich, was er sein­er Gesund­heit und seinem Kör­p­er zumutet!
Ergonomie ist nicht gle­ich Ergonomie
Natür­lich haben sich im Laufe der Jahrzehnte unter­schiedliche Schw­er­punk­te, Ansätze und Sichtweisen her­aus­ge­bildet. Allen aber ist gemein, dass der Men­sch das Maß der Dinge ist. Hier ein Quer­schnitt durch die Begrif­flichkeit­en:
Gren­zw­ert-Ergonomie
Hier­mit kann man die Min­dest­funk­tion­al­ität der Arbeitsmit­tel und der Umge­bungs­be­din­gun­gen gemäß den gel­tenden Geset­zen und Richtwerten beschreiben, wobei die Beto­nung auf „min­d­est“ liegt. Dafür wer­den Grenz- und Richtwerte fest­ge­set­zt, z.B. auf Basis durch­schnit­tlich­er Kör­per­maßta­bellen durch die Anthro­pome­trie. Das Fes­tle­gen solch­er Gren­zw­erte obliegt in der Regel dem Geset­zge­ber (Nor­men, Verord­nun­gen, VGB´s etc.) und spiegelt nicht immer den neuesten Stand der Tech­nik dar.
Ein dauer­haftes Arbeit­en unter Ein­hal­tung dieser Grenz- oder Richtwerte bedeutet aber nicht zwangsläu­fig, dass man dabei auch gesund bleibt!
Indi­vid­ual-Ergonomie
Ergonomie, die sich an den per­sön­lichen Bedürfnis­sen jedes einzel­nen Mitar­beit­ers bzw. Nutzers ori­en­tiert. Dies ist das eigentliche Tätigkeits­feld aller Ergonomen, denn das Haup­tan­liegen ist die Indi­vid­u­al­isierung der Arbeitswelt.
Sys­tem-Ergonomie
Eine ganzheitliche Sicht der Ergonomie, bei der das kom­plexe Ganze betra­chtet wird: Architek­tur – Organ­i­sa­tion – Tech­nik – Men­sch. Hier ist die Indi­vid­ua­ler­gonomie der Schlüs­sel, denn alle Einze­laspek­te soll­ten sich dieser unterord­nen.
Pro­duk­ter­gonomie
Die Pro­duk­ter­gonomie hat als vor­rangiges Ziel, einen möglichst benutzungs­fre­und-lichen Gebrauchs­ge­gen­stand für das so-genan­nte „Kom­fortempfind­en“ zu entwick­eln. Die Anpas­sung an die Anatomie und die Bewe­gung des Men­schen ist dabei die Richtschnur.
Pro­duk­tion­ser­gonomie
Die Pro­duk­tion­ser­gonomie leit­et sich aus der Arbeitswis­senschaft und dem gesetz-lichen Arbeitss­chutz ab, eine inter­diszi- plinäre Wis­senschaft, die die Arbeit des Men­schen unter ver­schiede­nen Aspek­ten betra­chtet. Die Pro­duk­tion­ser­gonomie fokussiert sich auf men­schen­gerechte Arbeit­splätze in Pro­duk­tions- und Dien­stleis­tungs­be­trieben. Ihre primären Ziele sind die Reduk­tion der Belas­tung des Mitar­beit­ers mit gle­ichzeit­iger Erhöhung der Leis­tungs­fähigkeit. Somit ste­ht hier die Frage der Zumut­barkeit und Erträglichkeit im Mit­telpunkt.
Soft­ware-Ergonomie
Die Soft­ware-Ergonomie ist die Wis­senschaft von der Benutzbarkeit und Gebrauch­stauglichkeit von Com­put­er-Pro­gram­men. Sie ist ein Teil­ge­bi­et der Men­sch-Com­put­er-Inter­ak­tion in der Infor­matik. Gegen­stand der Soft­ware-Ergonomie ist der arbei­t­ende Men­sch als Nutzer von PC-Arbeit­splätzen. Die Bild­schir­mar­beitsverord­nung regelt for­mal die Gestal­tung von PC-Arbeit­splätzen. Die Darstel­lung von Infor­ma­tio­nen am Bild­schirm sowie die Ver­fahren zur Manip­u­la­tion mit Eingabegeräten wird im Stan­dard ISO 9241 beschrieben. Diese Anforderun­gen soll­ten bei der Erstel­lung von Anwen­dungssoft­ware unbe­d­ingt berück­sichtigt wer­den. Für die Zurver­fü­gung­stel­lung und Les­barkeit von Infor­ma­tio­nen im Inter­net – nicht nur für Men­schen mit Behin­derun­gen – gibt es die Bar­ri­ere­freie Infor­ma­tion­stech­nik-Verord­nung.
Ver­hal­tenser­gonomie
Die Ver­hal­tenser­gonomie geht vom Mitar­beit­er aus. Hierunter fall­en Maß­nah­men zur Ver­hal­tensän­derung wie Hal­tungss­chu­lung (Rück­en­schule), Bewe­gungs- und Entspan­nung­spro­gramme, Anti­stress-Maß­nah­men, aber auch Ernährungs- oder Raucher­en­twöh­nungskurse. Durch geeignete Unter­weisun­gen sollen die Beschäftigten Gesund­heits­ge­fahren erken­nen und diesen durch ergonomis­ches Arbeitsver­hal­ten begeg­nen.
Wer nichts über die Fol­gen falschen Sitzens für seinen Rück­en weiß, wird auch nicht ein­se­hen, dass er seinen Arbeit­sumge­bung kor­rekt ein­richt­en muss.
Ver­hält­nis­er­gonomie
Die Ver­hält­nis­er­gonomie set­zt an den Arbeits­be­din­gun­gen an. Durch ergonomis­che Gestal­tung der Arbeit­sumge­bung und Arbeitsmit­tel, aber auch durch entsprechende Arbeitsin­halte und die Arbeit­sor­gan­i­sa­tion sollen Gesund­heits­ge­fahren beseit­igt wer­den. Ver­hält­nis­präven­tion zielt auf den Abbau von Arbeits­be­las­tun­gen ab. Dabei sind der neueste Stand der Tech­nik und neue arbeitswis­senschaftliche Erken­nt­nisse zu berück­sichti­gen.
Ergonomie heute
In der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land ist die Ergonomie eine Teild­iszi­plin der Arbeitswis­senschaft. Diese befasst sich mit der sys­tem­a­tis­chen Erforschung der tech­nis­chen, sozialen und organ­isatorischen Voraus­set­zun­gen, unter denen sich men­schliche Arbeit vol­lzieht sowie den Wirkun­gen der Arbeit auf den Men­schen und den Ein­flussfak­toren ihrer men­schen­gerecht­en Gestal­tung.
Ziele sind:
  • die Arbeits­be­din­gun­gen den Men­schen anzu­passen (und nicht umgekehrt)
  • der indi­vidu­elle Gesund­heitss­chutz
  • eine humane Arbeits­gestal­tung und der Schutz der Psy­che
  • Beach­tung aller Kom­po­nen­ten eines Arbeit­splatzes ein­schließlich der Arbeitsabläufe.
Bei der Gestal­tung von Arbeit­splätzen konzen­tri­ert sich die eher „klas­sisch“ aus­gerichtete Ergonomie haupt­säch­lich auf die Arbeitsmit­tel, die Arbeit­sumge­bung und die kor­rek­te Anord­nung der Arbeitsmit­tel. Immer stärk­er set­zt sich jedoch ein Ansatz durch, wonach Arbeit nicht nur belas­tend ist, wenn man schlecht sitzt und der Mon­i­tor flim­mert, son­dern auch dann, wenn die Organ­i­sa­tion der Arbeit zu wün­schen übrig lässt. Damit kommt die men­schen­gerechte Arbeits­gestal­tung eben­falls ins Blick­feld.
Als zusät­zlich­es Kri­teri­um nen­nen einige Experten noch die „Per­sön­lichkeits­förder­lichkeit“. Danach soll Arbeit zudem zur Weit­er­en­twick­lung der Per­sön­lichkeit beitra­gen, was selb­st­ständi­ge und kreative Tätigkeit­en mit Hand­lungs- und Entschei­dungsspiel­räu­men eben­so voraus­set­zt wie Weit­erqual­i­fizierungsmöglichkeit­en.
Konkret heißt dies, das gesamte Arbeitssys­tem und das Sys­tem Pri­vatleben zu durch­leucht­en und die Schwach­punk­te zu beseit­i­gen, sofern dies möglich ist.
Die „Über­set­zung“ in die Prax­is heißt:
Berück­sich­ti­gung aller Kom­po­nen­ten eines Arbeit­splatzes
Arbeit­sumge­bung (Platzbe­darf, Kli­ma, Licht, Lärm etc)
Mobil­iar (Stüh­le, Tis­che, Schränke usw.)
Werkzeuge (im Büro: Com­put­er, Bild­schirm, Tas­tatur, Maus, Brille usw.)
Abstim­mung der Arbeit­splatzele­mente mit Anpas­sung an den Men­schen z.B. Anpas­sung von Stuhl und Tisch, Werk­bank und Stand­platz, Behand­lung­sein­heit etc. an die kör­per­lichen Maße des Nutzers und an die zu erledi­gende Auf­gabe.
Berück­sich­ti­gung der Tätigkeit selb­st und der Arbeitsabläufe mit dem Ziel, Monot­o­nie und ein­seit­ige Tätigkeit­en ohne Abwech­slung zu ver­mei­den oder zu reduzieren.
Die Fol­gen ein­er uner­gonomis­chen Arbeitsweise
Was ist, wenn Ergonomie nicht ernst genom­men wird? Hier nur zwei Beispiele für Auswirkun­gen: das „Touris­ten­klasse-Syn­drom“ und das „RSI-Syn­drom“.
Mehr als zwei bis vier Stun­den tägliche Arbeit am Com­put­er und eine ungün­stige Gestal­tung des Arbeit­splatzes sind Risiko­fak­toren, die bere­its zu gesund­heitlichen Schä­den führen kön­nen. Von den derzeit 86 Mil­lio­nen Fehlt­a­gen pro Jahr, die allein auf Rück­en­lei­den zurück­zuführen sind, geht ein großer Teil auf das Kon­to schlecht gestal­teter Bild­schir­mar­beit­splätze. Viele Arbeit­ge­ber und ihre Mitar­beit­er unter­schätzen diese Prob­leme. Augen­bren­nen und Kopf­schmerzen treten nicht sofort bei Ein­schal­ten des Com­put­ers auf und gehen abends wieder weg. Prob­leme an Knochengerüst oder Ner­ven zeigen sich eben erst nach Jahren. Dann ist es allerd­ings meis­tens zu spät, um mit Hil­fe eines ergonomis­chen Arbeit­splatzes noch etwas zu ret­ten.
Throm­bose vor dem Bild­schirm
Das „Touris­ten­klasse-Syn­drom“ gibt es auch im Büro, denn bei langem Sitzen am Schreibtisch lei­den die Venen. Das Throm­boserisiko erhöht sich durch langes Sitzen während der Arbeit in ähn­lichem Maß wie bei Langstreck­en­flü­gen. Das betraf sowohl IT-Spezial­is­ten wie Man­ag­er und Tax­i­fahrer. Einem erhöht­en Risiko unter­la­gen den Forsch­ern zufolge sämtliche Proban­den, die in den vier Wochen vor dem Auftreten der Erkrankung pro Arbeitss­chicht länger als drei Stun­den gesessen hat­ten. (Studie am Med­ical Research Insti­tute of New Zealand. (Quelle: http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/211/336060/text/ Zugriff am 26.10.13)
RSI-Syn­drom
Ein klin­is­ches Wörter­buch beschreibt „repete­tive strain injury“ (RSI, auch Mausarm, Ten­nis­arm, Golfer­arm und Sehnen­schei­de­nentzün­dung genan­nt) als „über­las­tungs­be­d­ingte schmerzhafte Bewe­gung­sein­schränkun­gen der oberen Extrem­itäten infolge jahre­langer Tätigkeit an Tas­ten­schreibgeräten“. Kurz: es tut weh, weil es zu oft gemacht wird.
Medi­zinis­ch­er aus­ge­drückt ist dies ein patho­phys­i­ol­o­gis­ch­er Mech­a­nis­mus für tätigkeits­be­d­ingte musku­loskele­tale Störun­gen, die sich v.a. im Unter­arm- und Hand­bere­ich als chronifizierende Schmerzen, Kraftver­lust und Mis­sempfind­un­gen äußern. Betrof­fene kla­gen meist über ver­schiedene Beschw­er­den in vari­ieren­der Stärke, wie stechende oder dif­fuse Schmerzen, Taub­heit und Sen­si­bil­itätsstörun­gen, Kribbeln, Kraftver­lust und Schwellun­gen.
Ursachen
Das RSI-Syn­drom wird meist aus­gelöst durch vielfach schnell wieder­holte, gle­iche Bewe­gun­gen über einen län­geren Zeitraum. Betrof­fen sind z.B. Bürokräfte und PC-/Videospiel­er (tausend­fach­es Tip­pen und Klick­en mit den Fin­gern), aber auch handw­erk­lich Tätige, denn in fast jedem Beruf gibt es monot­o­ne Tätigkeit­en. (Quelle: http://www.repetitive-strain- injury.de/ Zugriff 26.10.13)
Präven­tive Maß­nah­men auf einen Blick
Der näch­ste Teil dieser Serie befasst sich mit dem The­ma „Fit­nes­soase Arbeit­splatz: so bleiben Sie fit über den Tag“.
Quellen / Lit­er­atur
Autor
Man­fred Just ist Autor zahlre­ich­er Fachar­tikel und ‑büch­er zum The­menkreis „Ergonomie“ und „Selb­st­ther­a­pie“. 1999 entwick­elte er zusam­men mit Dr. med. Jungkunz die Selb­st­ther­a­pie- Meth­ode Just-Five.


Was sagt die WHO?
Nach der Ottawa-Char­ta der Welt­ge­sund­heit­sor­gan­i­sa­tion (WHO) von 1986 zielt Gesund­heits­förderung darauf ab, allen Men­schen ein höheres Maß an Selb­st­bes­tim­mung über ihrer Gesund­heit – als umfassendes kör­per­lich­es, seel­is­ches und soziales Wohlbefind­en – zu ermöglichen…
… Gesund­heit ist ein wesentlich­er Bestandteil des alltäglichen Lebens und muss unter den sich ständig verän­dern­den Lebens- und Arbeits­be­din­gun­gen immer wieder hergestellt wer­den.
Deshalb sollte die Arbeitswelt so gestal­tet wer­den, dass sie eine Quelle von Gesund­heit und nicht von Krankheit ist.

Bewegung: Mikropausen/Minipausen
Im Ver­lauf des Tages sollte jed­er Men­sch mehrfach aktive Pausen mit ziel­gerichteten Kom­pen­sa­tion­sübun­gen in den Arbeit­s­plan ein­schieben – auch wenn dies anfänglich sehr unge­wohnt ist.
Dazu gehören schlichte Posi­tion­swech­sel und kleine gym­nas­tis­che Übun­gen. Dadurch sollen die verkürzten Muskeln gedehnt und die bere­its gedehn­ten zur Kon­trak­tion gebracht wer­den. Die durch sta­tis­che Belas­tun­gen min­der durch­bluteten Muskel­grup­pen soll­ten gelock­ert und durch dynamis­che Muske­lar­beit ver­mehrt durch­blutet wer­den.
Ein Beispiel ist der „Pin­guin“:
    • Zusam­menkauern, Hände nach innen drehen und ausat­men
    • Dann: Aufricht­en, Beck­en nach vorne kip­pen, Hände nach außen drehen und Kopf in den Nack­en, dabei Mund öff­nen, einat­men.

Optimale Haltung
Die richtige „Hal­tung in allen Lebensla­gen“ ist die Grund­lage für die Erhal­tung der Funk­tions­fähigkeit des Kör­pers. Eigentlich kön­nte dieser 130 Jahre durch­hal­ten – oft ist er aber nach der Hälfte „ver­schlis­sen“. Dum­mer­weise sind manche Nor­men, auch die neuesten, nicht auf dem neusten Stand der funk­tionellen Anatomie: Ein Beispiel ist der Hüftwinkel bzw. Kniewinkel beim opti­malen Sitzen. In allen Nor­men wird dieser mit 90° angegeben, ab 100° ist aber erst ein „gutes“ Sitzen mit aufrechter Wirbel­säule und nach vorne geneigtem Beck­en möglich – pro­bieren Sie es aus!

Arbeitsplatz-Analyse
Das Just-Insti­tut bietet die Aus­bil­dung „Ergonomie-Instruk­tor für die Arbeitswelt“ an, mit dem Teil­nehmer Grundqual­i­fika­tion für Arbeit­splatz-Analy­sen, Beratun­gen und Schu­lun­gen erwer­ben kön­nen. Das Oberthe­ma lautet „Ergonomis­ches Arbeit­en“, welch­es in das Gesamtkonzept der „work-life-bal­ance“ einge­bet­tet ist. Haup­tau­gen­merk legt der Lehrgang auf fundierte the­o­retis­che Ken­nt­nisse und prak­tis­che Beherrschung der fünf Bausteine (= „Säulen“) dieses Schu­lungsansatzes.
Diese „Säulen“ des ergonomis­chen Arbeit­ens sind:
      • Bewe­gungs- und Belas­tungs­fähigkeit = Arbeits­fähigkeit ohne Schmerzen,
      • die opti­male Arbeit­sumge­bung mit Raum, Ein­rich­tung, Werkzeu­gen, Licht, Luft, Lärm und Elek­tro­mag­netis­ch­er Strahlung,
      • die opti­male Hal­tung und der gezielte kör­per­liche Aus­gle­ich während der Arbeit,
      • Selb­st­man­age­ment und Stress­man­age­ment sowie
      • Ernährung und Trinken.
Die Aus­bil­dung lehrt außer­dem die Ver­mit­tlung dieser Inhalte in Beratun­gen und Schu­lun­gen. Der Kurs ist von der Umsatzs­teuer befre­it und zer­ti­fiziert durch die Inter­es­sen­ge­mein­schaft der Rückenschullehrer/innen (IGR).

Selbsttherapie
Hilf Dir selb­st und sofort – denn jedes Warten auf den Feier­abend oder den Ther­a­peuten verzögert die Heilung, ver­stärkt die Schmerzen und Block­aden. Der Aufwand, dies zu beseit­i­gen ist dann wesentlich höher – und meist auch unan­genehmer.
Daher soll­ten geeignete Selb­st­ther­a­piemeth­o­d­en angewen­det wer­den, z.B. Aku­pres­sur oder die Just-Five-Meth­ode des Just-Insti­tuts für Gesund­heit und Man­age­ment.

Tägliche Bewegung und gezielter Muskelaufbau
Der Büroberuf bringt chro­nis­chen Bewe­gungs­man­gel mit sich mit der Folge degen­er­a­tiv­er Herz-Kreis­lauf-Erkrankun­gen. Fol­glich sollte regelmäßig Aus­dauer­sport betrieben wer­den. Dadurch wird ein­er­seits der Arbeitsstress abge­baut, ander­er­seits Stof­fwech­sel­erkrankun­gen bzw. Bluthochdruck ent­ge­gengewirkt.
Da der Men­sch ein „Anpas­sungs­ge­nie“ ist, passen sich die Muskeln dem Nicht­stun an – und wer­den klein­er oder ver­schwinden. Daher sollte jed­er Muskel ein­mal am Tag aktiviert wer­den, um ihn leis­tungs­fähig zu erhal­ten.
Übri­gens: Fet­tab­bau funk­tion­iert in den Muskelzellen; keine oder weniger leis­tungs­fähige Muskeln bedeuten also weniger Abbau von Pöl­sterchen.

Entspannen und entlasten
Die Anwen­dung von Muske­lentspan­nungsmeth­o­d­en (z.B. Atemtech­niken oder posti­sometrische Entspan­nung) hil­ft, Ermü­dungser­schei­n­un­gen schneller abzubauen und somit schnell wieder fit zu wer­den. Ergänzend zu gym­nas­tis­chen Übun­gen emp­fiehlt sich das Aushän­gen, z.B. an ein­er Stange, Tür, oder aufgestützt auf den Seit­en­lehnen, immer mal wieder zwis­chen­durch. Dadurch wer­den die Band­scheiben druck­ent­lastet, kön­nen sich ernähren und regener­ieren.

Modifizierung der Arbeitszeit
Da orthopädis­che Beschw­er­den in ver­stärk­tem Maße nach 6‑stündiger Arbeit­szeit auftreten, sollte zur Präven­tion langfristig die zusam­men­hän­gende Arbeit­szeit entsprechend verkürzt wer­den. Die Sta­tis­tik zeigt eine hohe Zahl von Fällen früher Arbeit­sun­fähigkeit, die man so eventuell umge­hen kann. Dies bedeutet, aktiv Pausen einzu­pla­nen (und auch zu machen), damit neue Arbeitsab­schnitte wieder gut absolviert wer­den kön­nen.
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