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Handschutz im Visier

Auswahl von Chemikalienschutzhandschuhen
Handschutz im Visier

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Die richtige Auswahl von Chemikalien­schutzhand­schuhen ist für die Gesund­heit und Sicher­heit der Mitar­beit­er von großer Bedeu­tung. Doch was gilt es zu beacht­en? Welche Anforderun­gen leit­en sich aus der PSA-Richtlin­ie ab, wie sieht es mit der Nor­mung aus und welche Möglichkeit­en beste­hen für den Anwen­der im Betrieb mit Hil­fe der Gefährdungs­beurteilung zur Auswahl des richti­gen Hand­schuhs zu gelan­gen? Der Artikel gibt Antworten.

Dr. Peter Kleesz, Dr. Ste­fan Stich­er, Dr. Clau­dia Waldinger

Kat­e­gorisierung von Per­sön­lich­er Schutzaus­rüs­tung nach PSA-Richtlinie
In der Europäis­chen Union wer­den die Bedin­gun­gen für das Inverkehrbrin­gen von per­sön­lich­er Schutzaus­rüs­tung (PSA) und deren freier Verkehr inner­halb des Bin­nen­mark­tes in der Richtlin­ie EWG 89–686 „EWG-Richt­line für per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung“ geregelt. Die Richtlin­ie ist unter dem Dach des „New Approach“ (Neues Konzept) für die Pro­duk­treg­ulierung und Kon­for­mitäts­be­w­er­tung, das die EU seit 1985 ver­fol­gt, erschienen und legt die grundle­gen­den Sicher­heit­san­forderun­gen fest, die eine PSA erfüllen muss, um die Gesund­heit der Benutzer zu schützen und deren Sicher­heit zu gewährleis­ten. Der Inverkehrbringer der PSA muss die Übere­in­stim­mung (Kon­for­mität) seines Pro­duk­tes mit der Richtlin­ie erk­lären und muss sein Pro­dukt mit dem CE-Zeichen verse­hen. Dies ist gle­ichzeit­ig für den Anwen­der ein Indiz, dass das Pro­dukt auch den zugrun­deliegen­den Min­destanforderun­gen entspricht. Fehlt die CE-Kennze­ich­nung, dür­fen Aus­rüs­tun­gen nicht als PSA in Verkehr gebracht werden.
Per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung wird nach der PSA-Richtlin­ie (EWG 89–686) generell in die Kat­e­gorien I, II und III ein­ge­ord­net (s. Tab. 1). Diese Kat­e­gorisierung gilt auch für Schutzhand­schuhe. Chemikalien­schutzhand­schuhe wer­den aus­nahm­s­los Kat­e­gorie III zugeordnet.
Eine Einord­nung eines Pro­duk­tes in Kat­e­gorie III hat für den Her­steller die Kon­se­quenz, dass eine Bau­muster­prü­fung bei ein­er akkred­i­tierten Prüf­stelle durchge­führt wer­den muss. Der Her­steller liefert das Pro­dukt und das Prüfhaus über­prüft die Kon­for­mität des Pro­duk­tes inklu­sive Kennze­ich­nung, Ver­pack­ung und Her­stel­ler­in­for­ma­tion mit der Richtlin­ie. Dazu wer­den bei Kat­e­gorie III Pro­duk­ten in der Regel har­mon­isierte Nor­men (in Deutsch­land: DIN EN oder DIN EN ISO) ver­wen­det. Diese wer­den kon­sens­basiert unter Fed­er­führung der europäis­chen oder inter­na­tionalen Nor­mung­sor­gan­i­sa­tion (CEN bzw. ISO) entwick­elt und wer­den im Amts­blatt der Europäis­chen Union veröf­fentlicht (siehe Abb. 2), was die soge­nan­nte Ver­mu­tungswirkung aus­löst. Die Ver­mu­tungswirkung bedeutet, dass eine Pro­duk­tzu­las­sung unter Zuhil­fe­nahme der Norm gle­ichbe­deu­tend mit einem Erfüllen der
Richtlin­ie ist. Der Her­steller bringt bei der Prü­fung nach bes­timmten Nor­men die Num­mer der Norm auf dem Pro­dukt beziehungsweise der kle­in­sten Ver­pack­ung­sein­heit an. Weit­er­hin muss für Kat­e­gorie III-Pro­duk­te ein Überwachungsver­trag nach §11 der PSA-Richtlin­ie abgeschlossen wer­den. Der Her­steller hat dabei die Wahl zwis­chen ein­er jährlichen Pro­duk­t­prü­fung oder ein­er Audi­tierung, bei der er zeigen muss, wie er das Qual­ität­sniveau seines Pro­duk­tes sich­er­stellt. Die überwachende Stelle erscheint mit ein­er vier­stel­li­gen Num­mer nach dem ange­bracht­en CE-Zeichen, z.B. CE0121 für das Insti­tut für Arbeitss­chutz (IFA) in Sankt Augustin.
Einen Überblick darüber, welche Nor­men für die Prü­fung von Chemikalien­schutzhand­schuhen rel­e­vant sind, gibt Tabelle 2 auf Seite 19.
Die Grund­la­gen wie zum Beispiel Hand­schuh­größe und Fin­ger­fer­tigkeit wer­den entsprechend DIN EN 420 geprüft, in der auch fest­gelegt ist, welche Angaben in ein­er Her­stel­ler­in­for­ma­tion zur Ver­fü­gung gestellt wer­den müssen. Die mech­a­nis­chen Eigen­schaften wer­den nach der DIN EN 388 (Abrieb‑, Weiterreiß‑, Stich- und Schnit­tfes­tigkeit) geprüft.
Alle Chemikalien­schutzhand­schuhe (CSH) müssen einen Wass­er- und einen Luftleck­test beste­hen und wer­den dann mit einem Becher­glas gekennze­ich­net. Wird zusät­zlich noch das Lev­el 2 (>30 min) bei der Per­me­ation­sprü­fung mit 3 der 12 in der DIN EN 374 genan­nten Prüf­sub­stanzen erre­icht, erhält der CSH stattdessen das Pik­togramm Erlen­mey­erkol­ben. Das Buch­pik­togramm in Zusam­men­hang mit dem Becher­glas fordert den Benutzer auf in der Gebrauch­san­weisung nachzule­sen, gegen welche Chemikalien ein CSH geprüft ist. Auch Hand­schuhe, die mit einem Becher­glas gekennze­ich­net sind, kön­nen gegen spezielle Chemikalien getestet sein und dafür ein hohes Leis­tungslev­el erreichen.
Da kein CSH gegen alle Chemikalien gle­ich gut und umfassend schützen kann, ist es möglich, dass in bes­timmten Anwen­dungs­feldern ein Hand­schuh mit Becher­glas-Kennze­ich­nung einen besseren Schutz bietet, als ein Hand­schuh mit Erlenmeyer-Kennzeichnung.
Rolle der Norm in der Präven­tion mit Chemikalienschutzhandschuhen
Eine har­mon­isierte Prüfnorm ist die Grund­lage für europaweit ein­heitliche Prü­fun­gen. Mit dieser Vere­in­heitlichung wer­den die erhal­te­nen Mess­dat­en eines Pro­duk­tes von ver­schiede­nen Prüfhäusern ver­gle­ich­bar. In der Prax­is wer­den die Messergeb­nisse der Durch­bruch­szeit­en als Schutzindices (Klassen) zusam­menge­fasst. Dem Nutzer soll es damit ermöglicht wer­den, ver­schiedene Pro­duk­te auf ein­fache Art miteinan­der zu ver­gle­ichen (s. Tab. 3, S. 19). Die nor­mgerecht­en Labormes­sun­gen bei Chemikalien­schutzhand­schuhen sind nicht 1:1 auf die Expo­si­tio­nen am Arbeit­splatz über­trag­bar, die Dat­en charak­ter­isieren in erster Lin­ie Eigen­schaften des Handschuhmaterials.
Bei der har­mon­isierten europäis­chen Schutzhand­schuh­norm EN 374 „Schutz gegen Chemikalien und Mikroor­gan­is­men“ wird im Teil 2 eine Luft-Leck-Prü­fung und eine Wass­er-Leck-Prü­fung beschrieben. Hier­bei wird der ganze Hand­schuh in die Prüfvor­rich­tung einges­pan­nt. Eine erfol­gre­iche Dichtigkeit­sprü­fung ist eine Voraus­set­zung für die Zer­ti­fizierung als Chemikalien­schutzhand­schuh. Dies ist auch die Voraus­set­zung für die Aus­lobung „Schutz gegen Mikroor­gan­is­men“. Die beste­hende Norm führt allerd­ings keine weit­ere Prü­fung an, wenn es um den Schutz vor Mikroor­gan­is­men geht. Sie stellt auch keine Min­destanforderun­gen an die mech­a­nis­che Beständigkeit, ein Punkt, der bei gefährlichen Mikroor­gan­is­men sehr rel­e­vant ist.
Zur Prü­fung der Per­me­ation von Chemikalien wird eine Probe des Hand­schuh­ma­te­ri­als aus dem Bere­ich des Handtellers zwis­chen die bei­den Hälften der Per­me­ation­sprüfzelle einges­pan­nt. Auf der Außen­seite des Hand­schuh­ma­te­ri­als wird die Prüf­chemikalie aufge­bracht. Nach durch­wan­dern des Hand­schuh­ma­te­ri­als wird die Prüf­chemikalie auf der anderen Seite – entsprechend der Innen­seite des Schutzhand­schuhs – nachgewiesen. Diese Prü­fun­gen wer­den unter definierten Laborbe­din­gun­gen durchge­führt und sind mit Expo­si­tio­nen am Arbeit­splatz nicht ver­gle­ich­bar. Es ist klar, dass die einzel­nen Fes­tle­gun­gen zu den Mess­be­din­gun­gen einen Ein­fluss auf die so gemessene Durch­bruch­szeit haben. In der Norm ist fest­gelegt, dass eine Prüf­chemikalie das Hand­schuh­ma­te­r­i­al durch­brochen hat, wenn 1µg/cm²min nachgewiesen wer­den kön­nen. Dieser Zeit­punkt ist willkür­lich als Durch­bruch­szeit fest­gelegt. Tat­säch­lich kann auch teil­weise lange vor dieser Zeit bere­its der Prüf­stoff durchge­brochen sein. Der Gren­zw­ert von 1µg/cm² gilt für alle Stoffe, ganz gle­ich, welche Eigen­schaften (kreb­serzeu­gend, muta­gen, repro­duk­tion­stox­isch, sen­si­bil­isierend, etc.) sie haben.
Sehr großen Ein­fluss auf die Per­me­ation hat die Fes­tle­gung der Prüftem­per­atur. In der EN 374 ist die Prüftem­per­atur auf 23 °C +/-1 °C fest­gelegt. Wird die Per­me­ation ein­er Chemikalie durch ein Schutzhand­schuh­ma­te­r­i­al bei 23 °C gemessen und mit ein­er Mes­sung bei 33 °C ver­glichen, kann sich die Zeit deut­lich verkürzen. Mes­sun­gen im IFA kon­nten zeigen, dass sich getra­gene Hand­schuhe in etwa auf diese Tem­per­atur erwär­men, was z.B. bei Ver­wen­dung von organ­is­chen Lösemit­teln zu ein­er Ver­ringerung der Hal­tezeit eines Mate­ri­als auf etwa 1/3 führt. Lei­der kann man nicht ein­fach einen uni­ver­salen Umrech­nungs­fak­tor für die zwei Tem­per­a­turen angeben, da er für unter­schiedliche Mate­r­i­al-Chemikalien-Sys­teme zum Teil erhe­blich differiert.
Ger­ade bei der Messtem­per­atur wird deut­lich, dass die Prüf­be­din­gun­gen in der Norm und die Expo­si­tions­be­din­gun­gen am Arbeit­splatz teil­weise mas­siv auseinan­derk­laf­fen – selb­st bei diesem ein­fachen Beispiel. Man kön­nte die Messtem­per­atur ändern, darf dabei aber nicht vergessen, dass damit die Bedin­gun­gen zwar wesentlich den Anwen­dungs­be­din­gun­gen angenähert wer­den, jedoch wieder nicht für alle Arbeit­splätze zutreffen.
Am realen Arbeit­splatz muss man sich nicht unbe­d­ingt gegen die in der Norm aufge­führten Sub­stanzen schützen, son­dern gegen andere, die in der Norm nicht gelis­tet und auch nicht gefordert sind. Selb­stver­ständlich kön­nen entsprechende Dat­en von den Her­stellern der Chemikalien­schutzhand­schuhe erhoben wer­den und die meis­ten Her­steller sam­meln diese Dat­en auch. Dieser Daten­pool stößt jedoch an seine Gren­zen, da in der Prax­is gewöhn­lich nicht die Rein­sub­stanzen, son­dern Mis­chun­gen zum Ein­satz kom­men, gegen die man sich schützen will. Die Kom­bi­na­tion der ver­schiede­nen Stoffe in unter­schiedlichen Konzen­tra­tio­nen ergibt eine unüber­schaubare Anzahl von Möglichkeit­en. Wenn diese erste Sub­stanz ein­er solchen Mis­chung mit ein­er zweit­en Chemikalie gemis­cht ist, die toxikol­o­gisch nicht so im Vorder­grund ste­ht, kann es passieren, dass die zweite Sub­stanz die Per­me­ation­szeit der ersten erhe­blich verkürzt, weil sie den Effekt eines Trans­portmedi­ums hat. Die Schutzzeit gegenüber der ersten Sub­stanz ist in diesem Fall deut­lich geringer, als man auf Grund der Mes­sung mit der Rein­sub­stanz erwarten würde. Es bedarf kein­er großen Fan­tasie, um zu dem Schluss zu kom­men, dass die Dat­en, die zur Zer­ti­fizierung nach der Norm vorge­hal­ten wer­den müssen, zur Beurteilung von Mis­chun­gen nicht hin­re­ichend sind. Man sieht auch, wie prob­lema­tisch es ist, aus Per­me­ation­szeit­en (Durch­bruch­szeit­en) aus der Nor­mung, Schutzzeit­en oder Tragezeit­en für die Prax­is abzuleiten.
Seit vie­len Jahren wird in der Nor­mung über konkrete For­mulierun­gen zur Degra­da­tion (Mate­ri­alverän­derung) disku­tiert. Die rel­e­vante Verän­derung der physikalis­chen oder chemis­chen Eigen­schaften eines Schutzhand­schuh­ma­te­ri­als unter der Ein­wirkung von Sauer­stoff, Licht und anderen Umge­bung­se­in­flüssen kann nicht nur bei der Lagerung stat­tfind­en. Auch bei der Mes­sung selb­st wäre es zu berück­sichti­gen. Eine der Test­sub­stanzen aus der Liste der EN 374 ist konzen­tri­erte (96%ige) Schwe­fel­säure. Unter den Test­be­din­gun­gen verkohlen bes­timmte Mate­ri­alien, wenn sie dieser Schwe­fel­säure aus­ge­set­zt wer­den. Wenn die sich umwan­del­nde Schutzhand­schuh­probe noch nicht in der ganzen Wand­stärke durch­wan­dert ist, kann sie bere­its der­art brüchig gewor­den sein, dass sie bei Bewe­gun­gen der Hand keinen Schutz mehr bieten und sofort zer­reißen würde. An diesem Beispiel wird deut­lich, wie stark Aus­sagen auf­grund von Norm­prü­fun­gen und Anforderun­gen aus der Prax­is auseinan­derk­laf­fen können.
Je nach Norm­prü­fung erhal­ten die Schutzhand­schuhe Leis­tungsstufen für die Beständigkeit. Beim Schutz gegen Chemikalien kann die gle­ichzeit­ige mech­a­nis­che Beanspruchung in der Prax­is recht unter­schiedlich sein. Die Leis­tungsstufen für mech­a­nis­che Eigen­schaften (vier Zif­fern unter dem Pik­togramm), sollte man bei der Auswahl von Schutzhand­schuhen für eine Tätigkeit auch nicht über­be­w­erten. Die Leis­tungsstufen helfen zwar beim Ver­gle­ich der Pro­duk­te untere­inan­der, da die Leis­tungsstufen jedoch unter Laborbe­din­gun­gen ermit­telt wur­den, kann man diese oft nicht mit den Bedin­gun­gen an Arbeit­splätzen ver­gle­ichen. Beste­ht ein Hand­schuh z.B. die Leis­tungsstufe 2 recht gut, ein ander­er noch die Leis­tungsstufe 3, kann sich in der Prax­is der erste Hand­schuh dur­chaus als beständi­ger erweisen. Man kann diese Leis­tungsstufen lediglich als Anforderung her­anziehen, dass entsprechend der Ermit­tlungsergeb­nisse am Arbeit­splatz eine hohe oder ggf. eine mit­tlere Leis­tungsstufe gefordert wird oder dass eine niedrige aus­re­ichend ist.
Nor­men ermöglichen einen ein­fachen Pro­duk­tver­gle­ich und erle­ichtern den Waren­verkehr. Neben dieser Haup­tauf­gabe sind die Dat­en aus den Prü­fun­gen nach der EN 374 eine wichtige Infor­ma­tion­squelle für die Pro­duk­teigen­schaften. Zur Auswahl geeigneter Pro­duk­te wer­den weit­ere Erken­nt­nisse benötigt. Fach­lich beste­hen größte Bedenken, wenn nach EN 374 ermit­telte Durch­bruch­szeit­en mit max­i­maler Schutzzeit oder Tragezeit gle­ichge­set­zt wer­den. Es ist auch nicht akzept­abel, wenn ein Schutzhand­schuh, nur weil er das Pik­togramm Erlen­mey­erkol­ben trägt, so einge­set­zt wird, als würde er grund­sät­zlich gegen (alle) Chemikalien schützen.
Von der Gefährdungs­beurteilung zur Auswahl von geeigneten CSH
Die grundle­gende Voraus­set­zung für die richtige Auswahl ist die Ken­nt­nis aller am Arbeit­splatz auftre­tenden Gefährdun­gen. Hierzu gehören alle Infor­ma­tio­nen durch Gefahrstoffe, die einge­set­zt wer­den, die während der Arbeit freige­set­zt wer­den, oder die sog­ar während der Arbeit entste­hen kön­nen. Dazu müssen auch Gefährdun­gen ermit­telt wer­den, die durch benach­barte Arbeit­splätze oder arbeits­be­d­ingte Störun­gen auftreten können.
Neben der Schutzwirkung, die die Schutzhand­schuhe haben sollen, müssen auch die Gebrauch­seigen­schaften und Trageeigen­schaften im Vor­feld bekan­nt sein. Neben ein­er möglichst großen Schutzwirkung müssen die Schutzhand­schuhe bei der Arbeit noch ein­set­zbar sein und dür­fen keine größere Behin­derung darstellen.
Es wird damit deut­lich, dass jede Auswahl von Schutzhand­schuhen eine Grat­wan­derung darstellt zwis­chen größt­möglichem Schutz und best­möglich­er Ein­set­zbarkeit. Geeignete Schutzhand­schuhe müssen ein­er­seits undurch­läs­sig für den Arbeitsstoff sein, was auch gle­ichzeit­ig die wichtig­ste Eigen­schaft ist. Ander­er­seits müssen sie so elastisch und dünn sein, dass sie das Tast­ge­fühl nicht beein­trächti­gen, den per­sön­lichen Ansprüchen des Trägers nach Größe und Pass­form genü­gen und bei der nor­malen Arbeits­be­las­tung nicht reißen.
Schutzhand­schuhe wer­den heute aus den ver­schieden­sten Mate­ri­alien ange­boten wie z.B. Polyvinylchlo­rid, Chloro­pren, Natur‑, Nitril‑, Butyl- oder Flu­o­rkautschuk. Diese unter­schiedlichen Hand­schuh­ma­te­ri­alien bieten unter­schiedliche Schutzeigen­schaften und unter­schiedliche Einsetzbarkeit.
Bei der Gefährdungser­mit­tlung sind zunächst die Chemikalien/Gefahrstoffe zu ermit­teln, mit denen am Arbeit­splatz umge­gan­gen wer­den soll, welche durch die Tätigkeit freige­set­zt wer­den und welche z.B. als Folge ein­er chemis­chen Reak­tion entste­hen kön­nen. Infor­ma­tio­nen über diese Stoffe sind im Sicher­heits­daten­blatt soweit vorhan­den nachzule­sen oder z.B. in der Daten­bank GESTIS nachzuschla­gen (www.dguv.de/ifa/de/gestis).
Die Gefahrstoffin­for­ma­tio­nen wer­den zusam­menge­tra­gen und möglicher­weise kön­nen Gefahrstoff-Grup­pen mit ähn­lichen Gefährdun­gen gebildet wer­den. An dieser Stelle wird fest­gelegt, ob es für den betr­e­f­fend­en Arbeit­splatz ein Hand­schuh­ma­te­r­i­al geben kann, oder ob hier bere­its deut­lich wird, dass mehrere Schutzhand­schuhe aus ver­schiede­nen Mate­ri­alien aus­gewählt wer­den müssen. Bevor mehrere Schutzhand­schuhe übere­inan­der getra­gen wer­den und um die Anzahl der anzuschaf­fend­en Hand­schuh­sorten zu ver­ringern, sollte geprüft wer­den, ob Schutzhand­schuhe aus Mate­r­i­al-Mix­en oder Lam­i­nate ver­wen­det wer­den kön­nen. In der Regel wird es nicht den einen Chemikalien­schutzhand­schuh für alle auftre­tenden Gefährdun­gen geben, weil nicht jed­er Hand­schuh für jeden Zweck geeignet ist.
Grund­sät­zlich geeignete oder ungeeignete Schutzhand­schuh­ma­te­ri­alien kön­nen in der Daten­bank GESTIS nachgeschla­gen wer­den. Die Her­steller von Schutzhand­schuhen ermit­teln ergänzend zu den Norm­prü­fun­gen auch viele Durch­bruch­szeit­en für gängige Chemikalien oder Gefahrstof­fgemis­che. So find­et sich in der Her­stel­ler­in­for­ma­tion zu den jew­eili­gen Schutzhand­schuhen oft eine Auflis­tung weit­er­er Chemikalien mit den Angaben zur Durch­bruch­szeit. Wie bere­its erwäh­nt, sind die Durch­bruch­szeit­en aber nur als Anhalt­spunkt für die Fes­tle­gung der Tragedauern zu ver­wen­den. Es muss außer­dem neben der chemis­chen Belas­tung für den Hand­schuh durch die Tätigkeit auch noch die mech­a­nis­che Belas­tung oder eine andere Betrieb­stem­per­atur beachtet werden.
Nach den chemis­chen Gefährdun­gen müssen die weit­eren Ein­wirkun­gen, wie physikalis­che oder mikro­bi­ol­o­gis­che Gefährdun­gen ermit­telt wer­den. Diese Gefährdun­gen haben direkt mit den Bedin­gun­gen am Arbeit­splatz zu tun und wer­den am Besten vor Ort ermittelt.
Physikalis­che Ein­wirkun­gen ergeben sich durch die Hand­habung rauer, rutschiger, glat­ter, veröl­ter oder z.B. staubiger Mate­ri­alien. Weit­er­hin kön­nten Geräte zum Ein­satz kom­men, mit denen der Beschäftigte ein­er Stich- oder Schnit­tein­wirkung aus­ge­set­zt sein kann.
Ther­mis­che Gefährdun­gen ergeben sich durch die Hand­habung erhitzter oder sehr kalter Teile. Mikro­bi­ol­o­gis­che Ein­wirkun­gen ergeben sich z.B. durch kon­t­a­minierte Arbeit­splätze oder Pro­duk­te. Auch diese Fak­toren müssen zusam­menge­tra­gen wer­den und hier entschei­det sich, aus welch­er Mate­ri­al­stärke und ‑art die Schutzhand­schuhe gefer­tigt sein müssen. Ob die Schutzhand­schuhe dick oder dünn sein kön­nen, ob sie aus einem einzi­gen Mate­r­i­al beste­hen oder mehrschichtig sein müssen. Ein­fache Folien­hand­schuhe, die pro­duk­tions­be­d­ingt Schweißnähte haben, sind für Tätigkeit­en mit Chemikalien nicht geeignet, da die Schweißnähte schon bei geringer mech­a­nis­ch­er Belas­tung platzen und dem Träger dann keinen Schutz mehr bieten können.
Aus ergonomis­chen Grün­den kann statt ein­er Innen­be­flock­ung auch ein Unterziehhand­schuh aus Baum­wolle sin­nvoll sein. Weit­ere Anforderun­gen an den Schutzhand­schuh betr­e­f­fen seine Außen­haut, wenn sie einen guten Nass­griff haben soll, oder vielle­icht auch ganz glatt sein muss.
Im drit­ten Schritt müssen die weichen Fak­toren ermit­telt wer­den, die Ein­fluss auf die Trageeigen­schaften haben und damit die Akzep­tanz durch die Beschäftigten. Die Trageeigen­schaften umfassen das Schwitzen in den Hand­schuhen, eventuell beste­hende Allergien auf Gum­mi­in­haltsstoffe, Empfind­lichkeit der Haut. Hierzu gehören aber auch die Auf­gaben, die der Beschäftigte aus­führen muss und deshalb z.B. gutes Tastempfind­en benötigt.
Diese Fak­toren geben Auss­chlag darüber, ob bes­timmte Mate­ri­alien für einen Schutzhand­schuh auss­chei­den, ob der Schutzhand­schuh von innen beflockt sein muss oder ob z.B. Unterziehhand­schuhe ver­wen­det wer­den kön­nen. Ist ein beson­deres Tastempfind­en nötig, müssen möglicher­weise dünne Schutzhand­schuhe zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, die aber nur eine eingeschränk­te Ver­wen­dungs­dauer haben und daher häu­fig gewech­selt wer­den müssen.
Bei der Auswahl der Schutzhand­schuhe ist es daher sin­nvoll, die Arbeit­nehmer durch Tragev­er­suche zu beteili­gen. Durch die Mitwirkung der Arbeit­nehmer wird der aus­ge­suchte Hand­schuh bess­er akzep­tiert und später auch getragen.
Ein let­zter Fak­tor ist für den­jeni­gen, der die Schutzhand­schuhe zur Ver­fü­gung stellen muss, auch noch von Bedeu­tung: der Preis. Aus Sicht des Arbeitss­chutzes darf dieser Punkt nicht auss­chlaggebend sein. Nach der Nor­mung kön­nen Chemikalien­schutzhand­schuhe max­i­mal acht Stun­den einge­set­zt wer­den, denn das ist die höch­ste erre­ich­bare Leis­tungsklasse. Soll ein Schutzhand­schuh länger einge­set­zt wer­den, muss beim Her­steller nachge­fragt wer­den. Allerd­ings kann es auch gün­stiger und sicher­er sein, einen Schutzhand­schuh aus einem Mate­r­i­al mit eingeschränk­ter Ver­wen­dungs­dauer und damit hoher Wech­sel­rate, statt einem sehr hochw­er­ti­gen und teuren Schutzhand­schuh für den gesamten Zeitraum zu ver­wen­den. Bei Ver­ar­beitung eines schnell aushär­tenden Kle­bers kön­nen dünne Chemikalien­schutzhand­schuhe, die nach einem Arbeitss­chritt ver­wor­fen wer­den, sin­nvoller sein, als ein teur­er Hand­schuh, der zwar über die ganze Schicht ein­set­zbar wäre, aber nach kurz­er Zeit schon verklebt ist. In solchen Fällen ist eine entsprechende Anzahl an Schutzhand­schuhen vorzuhal­ten, in der Betrieb­san­weisung eine hohe Wech­sel­rate festzule­gen und in der Unter­weisung dieses zu vermitteln.
Das Auswahlschema in Abb. 4 auf der vorherge­hen­den Seite soll in der Prax­is helfen, CSH unter Berück­sich­ti­gung aller rel­e­van­ten Fak­toren auszuwählen.
Zusam­men­fas­sung
Als Schlussfol­gerun­gen lassen sich fol­gende Aus­sagen treffen:
  • Chemikalien­schutzhand­schuhe sind aus­nahm­s­los der Kat­e­gorie III nach PSA-Richtlin­ie zuzuord­nen, sie sind erkennbar an der CE-Kennze­ich­nung mit vier­stel­liger Num­mer, z.B. CE0121 für das IFA in Sankt Augustin.
  • Ergeb­nisse aus Norm­prü­fun­gen erlauben einen schnellen und ein­fachen Pro­duk­tver­gle­ich. Die 1:1‑Übertragung in die Prax­is ist jedoch nicht möglich.
  • In der Prax­is gilt: Die Auswahl des jew­eili­gen Pro­duk­tes ergibt sich aus ein­er Kom­bi­na­tion aller arbeit­splatzrel­e­van­ten Fak­toren. Hier­bei ist unbe­d­ingt zu beacht­en, dass alle Risiken, die für eine Tätigkeit ermit­telt wur­den, gemein­sam zu betra­cht­en sind. Dann kön­nen Schutzhand­schuhe aus­gewählt wer­den, die möglichst viele Risiken abdeck­en und mit denen gut gear­beit­et wer­den kann. Nur so erhält man den größt­möglichen Schutz bei best­möglich­er Ein­set­zbarkeit und Akzep­tanz bei den Benutzern.
Autoren
Dr. Peter Kleesz, Beruf­sgenossen­schaft Nahrungsmit­tel und Gastgewerbe
Dr. Ste­fan Stich­er, Insti­tut für Arbeitss­chutz der Deutschen Geset­zlichen Unfal­lver­sicherung (IFA)
Dr. Clau­dia Waldinger, Beruf­sgenossen­schaft der Bauwirtschaft
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