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Hilfe bei Unfällen beim Chemikalientransport

TUIS
Hilfe bei Unfällen beim Chemikalientransport

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Gefährliche Stoffe wer­den nicht nur hergestellt, weit­er­ver­ar­beit­et und ver­wen­det, sie müssen auch trans­portiert wer­den. Dabei stellt ins­beson­dere der (außer­be­triebliche) Trans­port eine kri­tis­che Phase im Leben­szyk­lus ein­er Chemikalie dar, da sie während dieser Zeit meist außer­halb der Kon­trolle der erfahre­nen Chemie­un­ternehmen ist.

Dr. Ulrich Welzbacher

Im Falle eines Unfalls kommt die Feuer­wehr an den Ort des Geschehens, und ins­beson­dere auf dem „flachen Land“ han­delt es sich dabei meist um frei­willige Kräfte, die oft nur wenig oder gar keine Erfahrung in der Hand­habung gefährlich­er Chemikalien haben.
Umfang des Trans­ports gefährlich­er Güter
Dabei sind die Men­gen der alljährlich in Deutsch­land trans­portierten gefährlichen Chemikalien beein­druck­end: Als Vor‑, Zwis­chen- oder End­pro­duk­te spie­len Chemikalien in vie­len Indus­triezweigen eine wichtige Rolle. Das bedeutet, dass nicht nur Chemie­un­ternehmen selb­st, son­dern auch andere Branchen und Han­del­sun­ternehmen in großem Umfang chemis­che Erzeug­nisse transportieren.
Im Jahr 2011 wur­den in Deutsch­land ins­ge­samt fast 4 Mil­liar­den Ton­nen Güter trans­portiert, davon ent­fie­len knapp 256 Mil­lio­nen Ton­nen auf Chemikalien. Etwa 40 Prozent der trans­portierten chemis­chen Erzeug­nisse sind Gefahrgüter. 2010 wur­den 102 Mil­lio­nen Ton­nen Chemikalien in der Ver­ant­wor­tung von Chemie­un­ternehmen trans­portiert, davon etwa 41 Mio. Ton­nen Gefahrgüter.
Die meis­ten Gefahrgut­trans­porte betrafen Ben­zin, Heizöl und Dieselkraft­stoff – näm­lich 71 Prozent. Die übri­gen Gefahrgut­trans­porte betrafen meist Chemikalien.
Die Verteilung auf die einzel­nen Verkehrsträger zeigt Abbil­dung 1 und 2.
Abbil­dung 3 zeigt die zeitliche Entwick­lung der in der Ver­ant­wor­tung von Chemie­un­ternehmen trans­portierten Chemikalien von 1997 bis 2010.
Auf­fäl­lig ist die hohe Menge, die 2000 nach Angaben des VCI [2] in Pipelines befördert wurde, und die starke Abnahme der Trans­port­men­gen im Bin­nen­schiff seit Beginn dieses Jahrhunderts.
Gle­ichzeit­ig wird erkennbar, dass die Straße mit Abstand der größte Verkehrsträger ist, wobei die Pipeline den zweit­en Platz vor dem Bin­nen­schiff – seit Beginn dieses Jahrhun­derts „hin­ter die Schiene zurück­ge­fall­en“ – ein­nimmt. Das Seeschiff liegt derzeit knapp unter dem Binnenschiff.
Das Flugzeug spielt im Chemikalien­trans­port prak­tisch keine Rolle (um die Jahrtausendwende um 50 t/Jahr).
Unfälle beim Trans­port gefährlich­er Stoffe
Abbil­dung 4 zeigt die Anzahl der Unfälle beim Trans­port wasserge­fährden­der Stoffe 1997 bis 2011 [3]. Von den 1.460 Unfällen im Jahr 2011 entfielen
  • 1351 auf Straßenfahrzeuge,
  • 32 auf Eisenbahnwagen,
  • 61 auf Schiffe und
  • 14 auf Rohrfernleitungen.
Die Verteilung von Unfällen beim Trans­port von Chemikalien, dif­feren­ziert nach den ver­schiede­nen Verkehrsträgern und bezo­gen auf die Trans­port­menge von 1997 bis 1999 zeigt Abbil­dung 5 (für die Jahre danach liegen lei­der keine Zahlen vor).
Wie zu erwarten, ereignen sich die meis­ten Unfälle beim Straßen­trans­port, wen­ngle­ich hier – zumin­d­est in dem beobachteten Zeitraum – eine Abnahme zu verze­ich­nen ist.
Über Unfälle beim Trans­port von Chemikalien in Pipelines oder mit dem Flugzeug liegen keine men­gen­be­zo­ge­nen Infor­ma­tio­nen vor.
Aus ein­er Unter­suchung des sta­tis­tis­chen Bun­de­samtes über Unfälle mit wasserge­fährden­den Stof­fen in den Jahren 2001 bis 2010 (Abb. 6) gehen die Ursachen dieser Unfälle her­vor. Dabei kann man fest­stellen, dass tech­nis­che Ursachen nur eine unter­ge­ord­nete Rolle spie­len. Während Män­gel an Behäl­tern oder der Ver­pack­ung stetig abnehmen, nah­men die Män­gel an Fahrzeu­gen und Sicher­heit­sein­rich­tun­gen jedoch zu.
Der größte Anteil der Unfälle geht danach – wie nicht anders zu erwarten – auf Ver­hal­tens­fehler zurück, wobei die Auswer­tung jedoch keine Rückschlüsse darauf zulässt, worauf dieses Fehlver­hal­ten zurück­zuführen war. Man darf aber wohl daraus fol­gern, dass die Aus- und Fort­bil­dung der Fahrzeugführer ein aus­ge­sprochen wichtiges Ele­ment beim Trans­port von gefährlichen Chemikalien ist.
Eine etwas sorgfältigere Unter­suchung der Bun­de­sanstalt für Mate­ri­al­forschung und ‑prü­fung (BAM) dif­feren­ziert die Unfal­lur­sachen für 2008 nach Verkehrsträgern [4] (Abb. 7).
Danach spie­len beim Bah­n­trans­port und bei Pipelines Mate­ri­alfehler mit je etwa 50 Prozent die Haup­trol­le. Auf­fäl­lig ist der Anteil der Unfal­lur­sachen, die nicht gek­lärt wer­den konnten.
Obwohl diese Auswer­tun­gen zu den Ursachen von Trans­portun­fällen sich auf Unfälle mit wasserge­fährden­den Stof­fen – die „Leit­ge­fahr“ im Umwelt­bere­ich – bezieht, lassen sich die Ergeb­nisse sicher­lich prob­lem­los auf den Trans­port gefährlich­er Chemikalien über­tra­gen, da die betrof­fe­nen Stoffe für die hier betra­chtete Prob­lematik weit­ge­hend iden­tisch sein dürften.
Die Unfal­lur­sachen beim Trans­port von Diesel- oder Heizöl – wasserge­fährdende aber nach Chemikalien­recht nicht gefährliche Stoffe – und von son­sti­gen Chemikalien dürften sich wohl nicht wesentlich unterscheiden.
TUIS-Notruf
Ungeachtet der einzel­nen Unfal­lur­sachen erfordert die jew­eils aktuelle Sit­u­a­tion am Schaden­sort Maß­nah­men, die Fol­gen von Unfällen so weit wie möglich zu ver­ringern. Aus diesem Grund hat die chemis­che Indus­trie vor mehr als 30 Jahren (1982) den TUIS-Notruf [5] ins Leben gerufen, wobei „TUIS“ für
T rans­port
U nfall
I nfor­ma­tions
S ystem
ste­ht. TUIS bietet bun­desweit rasche, qual­i­fizierte und unbürokratis­che Hil­fe bei Trans­portun­fällen mit chemis­chen Pro­duk­ten, bei Unfällen im Lager­bere­ich sowie in akuten Gefahren­si­t­u­a­tio­nen. Dafür sind Werk­feuer­wehren und Spezial­is­ten wie Chemik­er, Toxikolo­gen, Ökolo­gen und Fach­leute aus der Pro­duk­tion zahlre­ich­er Chemie­un­ternehmen erre­ich­bar. Sie geben Infor­ma­tio­nen und Empfehlun­gen oder leis­ten tech­nis­che Hil­fe vor Ort – und zwar unab­hängig davon, um welchen Chemikalien­her­steller es sich han­delt. Polizei, Feuer­wehr und andere Behör­den kön­nen im Not­fall auf diese Hil­fe von TUIS zurückgreifen.
Die TUIS-Prax­is: Hil­fe in drei Stufen
Indi­vidu­elle Hil­fe nach Maß bieten 130 TUIS-Mit­glied­sun­ternehmen. Infor­ma­tio­nen von Fach­leuten dieser Mit­glied­sun­ternehmen basieren auf aktuellen Sicher­heits­dat­en und langjähri­gen Erfahrun­gen. Dabei wird der jew­eilige Schadensver­lauf berück­sichtigt. An 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr ste­ht das dreistu­fige TUIS-Hil­feleis­tungssys­tem zur Verfügung:
  • 1. Stufe: Beratung durch Experten amTelefon
  • 2. Stufe: Beratung durch Experten am Unfallort
  • 3. Stufe: Tech­nis­che Hil­feleis­tung am Unfallort.
Wer kann Hil­fe anfordern?
TUIS-Hil­feleis­tun­gen kön­nen nur von den Behör­den ange­fordert wer­den, die dazu von den Län­derin­nen­min­is­te­rien autorisiert sind. Das sind vor allem Polizei­di­en­st­stellen, Feuer­wehren, die Deutsche Bahn u.a.
So ist sichergestellt, dass Zuständigkeit­en und Ver­ant­wortlichkeit­en in vollem Umfang gewahrt bleiben.
Mit den Innen­min­is­te­rien der alten Bun­deslän­der wur­den 1982 bei der Grün­dung von TUIS die Haftungs‑, Ver­sicherungs- und Kom­pe­ten­z­grund­sätze fest­gelegt. Diese gin­gen in Län­der­erlasse ein, die die Grund­lage für den Ein­satz von TUIS in den einzel­nen Bun­deslän­dern bilden. Für die neuen Bun­deslän­der wur­den im Herb­st 1991 gle­ich lau­t­ende Vere­in­barun­gen getroffen.
Auch mit der Deutschen Bahn, dem Flüs­sig­gas­sicher­heits­di­enst des Deutschen Ver­bands Flüs­sig­gas e.V. (DVFG) und den Fir­men des Min­er­alöl­wirtschaftsver­bands e.V. (MWV) beste­hen Vereinbarungen.
Das Ver­fahren und die Ele­mente der Hil­feleis­tung sind in Abb. 8 dargestellt.
Die Stan­dorte der 130 TUIS-Werk­feuer­wehren sind in der Karte (Abb. 9) dargestellt. Die roten Punk­te sig­nal­isieren dabei die TUIS-Notrufzen­tralen/Leit-stellen.
Ent­lang der wichtig­sten Trans­portwege in der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land bietet TUIS somit eine flächen­deck­ende Hil­festel­lung für die Behör­den im Schadensfall.
Wann und wo kann Hil­fe ange­fordert werden?
Ereignet sich auf öffentlichen Verkehr­swe­gen ein Unfall, an dem chemis­che Pro­duk­te beteiligt sind, so kann bei den Mit­glieds­fir­men des Ver­bands der Chemis­chen Indus­trie (VCI) Auskun­ft und Hil­fe ange­fordert werden:
  • Beim Her­steller oder Liefer­an­ten des Pro­duk­ts, wenn dessen Anschrift oder Tele­fon­verbindung aus den Trans­port­pa­pieren her­vorge­ht, oder
  • bei der näch­st­gele­ge­nen Mit­glieds­fir­ma, deren Erre­ich­barkeit der TUIS-Daten­bank ent­nom­men wer­den kann.
TUIS-Daten­bank
Eine Daten­bank, die man direkt im Inter­net durch­suchen kann [6], bildet die Grund­lage von TUIS. In dieser Daten­bank sind alle TUIS-Fir­men mit Stan­dort, Tele­fon, Art und Umfang ihres Hil­f­sange­bots sowie der Pro­duk­t­palette, zu der eigene Erfahrun­gen vor­liegen, enthalten.
Die auf den Inter­net­seit­en des Ver­ban­des der Chemis­chen Indus­trie ange­botene Such­funk­tion zu TUIS erset­zt die in den Jahren 1982 und 1991 verteilen Nach­schlage-Ord­ner, die 1995 veröf­fentlichte CD sowie die TUIS-Daten­bank ein­schließlich der aktuellen Ver­sion 2.3 von 2011 sowie die TUIS-App für das iPhone von 2010. Diese Nach­schlagew­erke wer­den nicht mehr aktualisiert.
In Öster­re­ich ist das Hand­buch für die dor­ti­gen 45 TUIS-Fir­men noch ver­füg­bar (aktuelle Fas­sung 2013).
In der TUIS-Daten­bank kann nach ver­schiede­nen Kri­te­rien gesucht werden:
1. Orts­be­zo­gene Suche nach näch­st­gele­gen­er Hilfe:
Durch Eingabe der Postleitzahl des Unfal­lortes wird die TUIS-Daten­bank so durch­sucht, dass die näch­st­gele­gene Hil­f­s­möglichkeit zuerst angezeigt wird. Inner­halb der Tre­f­ferliste wird zuerst die Hil­feleis­tungsstufe 3 angezeigt.
Es kann anstelle der Postleitzahl auch ein Ort­sname eingegeben wer­den. In der Tre­f­ferliste wer­den dann Hil­f­s­möglichkeit­en angezeigt, die diesem Ort entsprechen. Es kann dabei jedoch keine Ent­fer­nung zum Unfal­lort ermit­telt werden.
2. Suche nach Gefahrstoff
Durch Eingabe ein­er UN-Num­mer oder Teilen davon beziehungsweise über die Eingabe des Namens der verunglück­ten Chemikalie (Achtung: Offiziellen ADR-Namen eingeben!) kann TUIS-online nach Hil­fe für diesen Stoff durch­sucht wer­den. Je nach Stoff wer­den mehr oder weniger Helfer angezeigt. Es kön­nen nur Tre­f­fer angezeigt wer­den, die sich aus der Daten­bank ergeben. Diese ori­en­tiert sich über­wiegend an der ADR-Liste. Andere Daten­banken wer­den nicht abgefragt.
3. Kom­binierte Suche
Die Suche nach näch­st­gele­gen­er Hil­fe kann mit der Suche nach dem Gefahrstoff kom­biniert werden.
Die Tre­f­ferlis­ten sind selb­sterk­lärend und führen zu der Vis­itenkarte der jew­eili­gen Werk­feuer­wehr oder des Spezialisten.
Wie erfol­gt die Hilfeleistung?
1. Tele­fonis­che Beratung:
In der Regel muss der direk­te Kon­takt zwis­chen Her­steller, Händler oder Waren­empfänger und dem Leit­er der Ein­satzkräfte hergestellt wer­den. Die Tele­fon­num­mer des Her­stellers, Händlers oder Waren­empfängers ist im Unfallmerk­blatt oder den Begleit­pa­pieren aufge­führt; bei TUIS-Mit­glieds­fir­men kann man die Tele­fon­num­mer auch der TUIS-Daten­bank ent­nehmen. Der Her­steller, Händler oder Waren­empfänger erteilt Auskun­ft auf­grund von Pro­duk­tun­ter­la­gen, die ihm aus eigen­er Sachkunde vorliegen.
Wenn der Her­steller, Händler oder Waren­empfänger nicht erre­ich­bar ist, wer­den aus­nahm­sweise pro­duk­t­spez­i­fis­che Auskün­fte von den TUIS-Mit­glieds­fir­men gegeben, die über die erforder­lichen Pro­duk­tken­nt­nisse ver­fü­gen und sich in räum­lich­er Nach­barschaft befind­en. Diese Infor­ma­tio­nen wer­den dem Leit­er der Ein­satzkräfte entsprechend der von ihm geschilderten Sit­u­a­tion nach bestem Wis­sen gegeben.
Ratschläge und Empfehlun­gen wer­den nur so lange gegeben, bis der für das betrof­fene Pro­dukt zuständi­ge Her­steller, Händler oder Waren­empfänger erre­icht wor­den ist. Dann übern­immt dieser die Beratung.
Das erst­ber­a­tende Unternehmen wird über den Aus­gang des Unfalls und über die eventuell ver­fügten Maß­nah­men vom betrof­fe­nen Her­steller, Händler oder Waren­empfänger unterrichtet.
2. Fachkundi­ge Beratung am Unfallort:
In der Regel erfol­gt diese Beratung am Unfal­lort, nach­dem der Ein­sat­zleit­er bere­its unauf­schieb­bare Maß­nah­men ein­geleit­et hat. Von diesen fachkundi­gen Unternehmen wird je nach Erforder­nis und Möglichkeit­en ein Vertreter der Werk­feuer­wehr oder eine andere Fachkraft an die Unfall­stelle geschickt.
Sie stellen dem Leit­er der Ein­satzkräfte Ratschläge und Empfehlun­gen zur Ver­fü­gung, ohne in seine Kom­pe­ten­zen oder Ver­ant­wortlichkeit­en einzugreifen.
Bei zu großer Ent­fer­nung des Her­stellers, Händlers oder Waren­empfängers vom Unfal­lort übern­immt ein örtlich näher gele­genes TUIS-Unternehmen im Rah­men dieses Abkom­mens die Beratung am Unfal­lort. Nach ihren per­son­ellen Möglichkeit­en wird sie bemüht sein, dem Leit­er der Ein­satzkräfte Empfehlun­gen im gle­ichen Umfang zu geben, wie es das betrof­fene Unternehmen tun würde. Sie han­delt dabei nach tele­fonis­ch­er Anweisung des Her­stellers, Händlers oder Warenempfängers.
Bei nicht fest­stell­barem oder nicht erre­ich­barem Her­steller, Händler oder Waren­empfänger berät aus­nahm­sweise die an den Unfal­lort gerufene TUIS-Mit­glieds-fir­ma mit ihren Fachkräften auf­grund eigen­er Pro­duk­tken­nt­nisse und Erfahrun­gen nach bestem Wissen.
3. Ein­satz der Werkfeuerwehren:
Die Beratung und aktive Hil­fe mit Fir­me­naus­rüs­tung am Unfal­lort erfol­gt durch Werk­feuer­wehren auf Anforderung von autorisierten Behör­den oder der Deutschen Bahn gemäß den Rah­menbe­din­gun­gen und der Zielset­zung von TUIS. Voraus­set­zung für den Ein­satz der Werk­feuer­wehren ist, dass der Schutz des eige­nen Werks gewährleis­tet bleibt. Fern­er muss der Ein­satz der Werk­feuer­wehr nach Lage der Dinge noch erforder­lich und zweck­mäßig sein. Die Ent­fer­nung zum Unfal­lort muss die Entsendung der Werk­feuer­wehr rechtfertigen.
Unter Beach­tung dieser Voraus­set­zun­gen entschei­det der Leit­er der Werk­feuer­wehr über die Entsendung von Ein­satzkräften mit Fahrzeug und Gerät zum Unfal­lort. Der Leit­er der werk­seige­nen Ein­satzkräfte kann den Ein­satz abbrechen, wenn diese Voraus­set­zun­gen ent­fall­en. Der Leit­er der werk­seige­nen Ein­satzkräfte berät den vor Ort ver­ant­wortlichen Ein­sat­zleit­er auf­grund sein­er Sachken­nt­nis und unter­stützt am Unfal­lort den Leit­er der Ein­satzkräfte. Zu dieser Unter­stützung zieht er im Rah­men seines Ermessens die werk­seigene Mannschaft und Aus­rüs­tung heran.
Beispiele für TUIS-Ein­sätze in der Prax­is gibt der Infokas­ten auf dieser Seite.
Die Leis­tun­gen der Stufe 1 sind kostenlos.
Die Leis­tun­gen der Stufen 2 und 3 wer­den nicht den anfordern­den Behör­den, son­dern direkt den betrof­fe­nen Haftpflicht- oder Trans­portver­sicher­ern in Rech­nung gestellt.
Hil­fe aus der Luft bei Gefahrguttransportunfällen
Hil­fe aus der Luft bei Trans­portun­fällen mit Gefahrgütern ermöglicht eine Koop­er­a­tion des mil­itärischen Such- und Ret­tungs­di­en­sts (SAR) der Bun­deswehr mit den TUIS-Werk­feuer­wehren. Hierzu haben die chemis­che Indus­trie und die Bun­deswehr vere­in­bart, dass TUIS bei einem schw­eren Not­fall einen SAR-Hub­schrauber anfordern kann.
Voraus­set­zung hier­für ist, dass bei einem Gefahrgut­trans­portun­fall umfan­gre­iche Personen‑, Sach- oder Umweltschä­den dro­hen, die nur durch einen beson­ders schnellen Ein­satz wirk­sam bekämpft wer­den kön­nen. Die chemis­che Indus­trie hat diese Zusam­me­nar­beit angeregt, um bei einem Trans­portun­fall mit Chemikalien ihrer Pro­duk­tver­ant­wor­tung noch schneller als bish­er nachzukom­men und so Schä­den für Men­sch und Umwelt zu ver­mei­den, zu reduzieren oder auszuschließen.
Gle­ich­es gilt für die Abwehr von Gefährdun­gen, die durch eine unmit­tel­bar bevorste­hende Katas­tro­phen­lage entste­hen kön­nen. Dies kann bei den Stufen 2 und 3 von TUIS der Fall sein. Deshalb unter­stützt die Bun­deswehr mit ihren SAR-Mit­teln auf Anforderung die TUIS-Werkfeuerwehren.
Der SAR-Dienst der Bun­deswehr beste­ht seit 1959. Er leis­tet Hil­fe für alle in Not ger­ate­nen Luft­fahrzeuge, unter­stützt den Seenotret­tungs­di­enst und den zivilen Ret­tungs­di­enst sowie den Ret­tungs­di­enst der Län­der in der Luftret­tung durch Bere­it­stel­lung von Ret­tung­shub­schraubern. Seit seinem Beste­hen hat der SAR-Dienst über 300.000 Ein­sätze geflogen.
Zusam­me­nar­beit mit dem THW
2007 startete als weit­ere Koop­er­a­tion die Zusam­me­nar­beit zwis­chen der Bun­des-anstalt Tech­nis­ches Hil­f­swerk (THW) und TUIS.
In gemein­samen Gremien informiert das THW die TUIS-Werk­feuer­wehren darüber, was die THW-Ortsver­bände und ihre Spezialein­heit­en zusät­zlich leis­ten kön­nen. Diese Zusam­me­nar­beit erhöht die Schlagkraft an der Ein­satzstelle, denn die örtliche Ein­sat­zleitung kann nun auf zusät­zliche Möglichkeit­en zurückgreifen.
Bewährt haben sich THW-Ein­heit­en etwa schon bei der Ladungs­ber­gung. Hier kon­nten Bergungsräumgeräte, Rad­lad­er, Flur­förder­fahrzeuge und Kräne des THW einge­set­zt wer­den. Eben­falls ein­satzer­probt sind die vielfälti­gen Beleuch­tungsmöglichkeit­en der THW-Ortsver­bände. Damit ist das THW eine sin­nvolle und hochw­er­tige Unter­stützung für die Werk­feuer­wehren beim TUIS-Einsatz.
Entwick­lung von TUIS
Die Anforderung von TUIS-Hil­fe durch Feuer­wehr, Polizei und Ret­tungs­di­en­ste hat sich über die ver­gan­genen 30 Jahre auf einem hohen Niveau sta­bil­isiert, mit einem Max­i­mum um die Mitte des ver­gan­genen Jahrzehnts mit 1.454 Hil­feleis­tun­gen 2006. Die jährlichen Schwankun­gen scheinen dur­chaus par­al­lel zur wirtschaftlichen Entwick­lung zu ver­laufen (siehe Abb. 10) [8].
Die meis­ten Hil­feleis­tun­gen erfol­gten dabei (erwartungs­gemäß) in der Stufe 1 – tele­fonis­che Beratung – mit knapp 800 bis zu fast 1.200 Fällen pro Jahr seit Mitte der 90er Jahre des vorigen Jahrhun­derts. Eine Umfrage bei den TUIS-Hil­feleis­tern hat gezeigt, dass sich die öffentlichen Ein­satzkräfte in der tele­fonis­chen Beratung vor allem die Richtigkeit der getrof­fe­nen Maß­nah­men bestäti­gen lassen. Auch Fra­gen zu toxikol­o­gis­chen Eigen­schaften der trans­portierten Pro­duk­te wer­den ver­stärkt gestellt. Steigen­des Inter­esse ist auch bei Fra­gen zur Gefahrgutentsorgung nach Unfällen zu verzeichnen.
Die Zahl der Beratun­gen am Unfal­lort schwankt seit vie­len Jahren um 50 Fälle pro Jahr – mit ein­er bemerkenswerten Steigerung auf 70 Fälle im Jahr 2011 – der höch­ste bish­er reg­istri­erte Wert.
Etwa jeden zweit­en Tag – um die 200 Mal im Jahr – muss eine TUIS-Werk­feuer­wehr zur tech­nis­chen Hil­feleis­tung an den Unfal­lort aus­rück­en. Seit eini­gen Jahren kann man jedoch eine sink­ende Ten­denz beobachten.
Nahezu unverän­dert ist seit eini­gen Jahren der Charak­ter der Hil­feleis­tun­gen am Unfal­lort. Etwa bei jedem drit­ten Ein­satz mussten die TUIS-Kräfte eine Flüs­sigkeit umpumpen. In jedem vierten Fall wurde eine Leck­age abdichtet oder ein Pro­dukt vom Unfall­fahrzeug über­nom­men. Der Rest der Ein­sätze betraf die Entsorgung von Unfal­l­ladun­gen mit rund 20 Prozent.
Merk­lich gestiegen ist bei der Betra­ch­tung der Unfal­lorte die Zahl der Beratung bei Ereignis­sen in Lagern und Anla­gen. Hier verze­ich­net TUIS seit eini­gen Jahren einen deut­lichen Anstieg. TUIS ist heute also mehr als „nur“ ein „Transport“-Unfall- Infor­ma­tion­ssys­tem. Die tech­nis­chen Hil­feleis­tun­gen in diesem Bere­ich sind dage­gen rückläufig.
Im Gegen­satz dazu geht der Anteil des Unfal­lortes Straße bei der Beratung am Unfal­lort zurück, während bei der tech­nis­chen Hil­feleis­tung ein Anstieg festzustellen ist: Aus den Erfahrungswerten der Werk­feuer­wehren ergibt sich, dass Verkehrsun­fälle als Aus­lös­er für TUIS-Hil­feleis­tun­gen 2011 von 37 auf einen Anteil von 60 Prozent gestiegen sind, während der Aus­lös­er Ladungssicherung von über 40 auf 16 Prozent zurück­ging. Die Mate­ri­alschä­den als dritte Kat­e­gorie blieben mit grob 20 Prozent nahezu unverändert.
Die meis­ten Ein­sätze hat TUIS erwartungs­gemäß in Nor­drhein-West­falen, gefol­gt von Rhein­land-Pfalz; Bay­ern, Hes­sen und Baden-Würt­tem­berg teilen sich die näch­sten Plätze. In den anderen Bun­deslän­dern wer­den deut­lich weniger Ein­sätze gezählt [8].
Seit sein­er Grün­dung hat TUIS in fast 25.000 Fällen geholfen. Die Zahlen bele­gen das Ver­trauen der öffentlichen Ein­satzkräfte in dieses Experten­sys­tem der deutschen Chemie.
Aus- und Weiterbildung
Der demografis­che Wan­del macht auch vor TUIS nicht Halt. Bei den Frei­willi­gen, Berufs- und Werk­feuer­wehren schei­den erfahrene Kräfte aus dem Dienst aus. Es stellt sich also die Frage, wie die jün­geren Kräfte solche Erfahrun­gen auf­bauen kön­nen. Dies bet­rifft sowohl den Grup­pen­führer bei einem Gefahrgutun­fall vor Ort oder den Ein­sat­zleit­er in der entsprechen­den Sit­u­a­tion. Ein wichtiger Teil der Antwort von TUIS auf diese Frage ist das Ange­bot, Erfahrung am Com­put­er zu trainieren.
Im Früh­jahr 2011 wurde das virtuelle Train­ing­spro­gramm TUIS-VR für Feuer­wehren im Inter­net kosten­los zur Ver­fü­gung gestellt [9]. Auf einem beson­deren Serv­er bietet die chemis­che Indus­trie fünf Szenar­ien an, die über den Inter­net­brows­er, also über den Bild­schirm erkun­det wer­den müssen. Der Gedanke ist dabei, dass vor dem Bild­schirm ein Aus­bilder und ein Grup­pen­führer sitzen, die die Auf­gabe haben, die ersten 15 bis 20 Minuten an der Unfall­stelle angemessen zu agieren.
Dazu haben die Werk­feuer­wehren ihre Erfahrun­gen und Ken­nt­nisse in entsprechende Aus­bil­dung­sun­ter­la­gen einge­bracht, die der Aus­bilder eben­falls im Inter­net ein­se­hen oder herun­ter­laden kann. Gemein­sam mit einem nieder­ländis­chen Spezial­soft­ware­haus wur­den im ersten Anlauf fünf Szenar­ien entwick­elt, weit­ere fol­gten 2012. Bei der Gestal­tung der Szenar­ien gab es Unter­stützung durch die Lan­des­feuer­wehr- und Katas­tro­phen­schutzschule Rhein­land-Pfalz und durch die Berufs­feuer­wehr Frankfurt.
Inzwis­chen trainieren auch die frei­willi­gen Feuer­wehren mit TUIS-VR. In den ersten Monat­en haben sich schon über 6.000 Benutzer für dieses Train­ing online reg­istri­ert. Es ist geplant, zusät­zliche Szenar­ien für die Feuer­wehren und – der großen Nach­frage wegen – auch Übungs­beispiele für Ret­tungs­di­en­ste und Polizei­di­en­st­stellen zu entwickeln.
Das Train­ing­spro­gramm wurde beim Europäis­chen Respon­si­ble-Care-Award des europäis­chen Chemie­ver­ban­des CEFIC im Sep­tem­ber 2011 in Madrid mit ein­er „Ehren­den Ausze­ich­nung“ in der Kat­e­gorie „Com­mu­ni­ty Out­reach“ geehrt.
Inter­na­tionale Zusammenarbeit
Das ständig wach­sende gren­züber­schre­i­t­ende Trans­portaufkom­men und die Ein­führung des EG-Bin­nen­mark­ts leg­en eine Ver­net­zung aller vorhan­de­nen Hil­feleis­tungssys­teme in Europa nahe.
Unter dem Dach des inter­na­tionalen Pro­gramms „Respon­si­ble Care“ der chemis­chen Indus­trie hat­ten mehrere nationale Chemie­ver­bände – darunter der deutsche Ver­band der Chemis­chen Indus­trie (VCI) – den europäis­chen Chemie­ver­band CEFIC beauf­tragt, ein Konzept für einen sicheren Ware­naus­tausch in Europa vorzule­gen. 1991 ent­stand so das Pro­gramm „Inter­ven­tion in Chem­i­cal Trans­port Emer­gen­cies“ (ICE), in dem europaweit alle nationalen Hil­feleis­tungssys­teme mit dem Ziel gebün­delt sind, rasche und pro­fes­sionelle Hil­fe bei Trans­portun­fällen inner­halb Europas zu leisten.
An ICE beteili­gen sich inzwis­chen 17 Län­der. Maßge­bliche Auf­bauar­beit hat die deutsche chemis­che Indus­trie in Tschechien und Ungarn geleis­tet. Bei­de Län­der haben eigene Hil­feleis­tungssys­teme aufge­baut, die nach dem Vor­bild von TUIS gestal­tet sind.
Jedes ICE-Mit­glied hat eine nationale Leit­stelle ein­gerichtet, das „Nation­al Response Cen­ter“. Darüber erfol­gt der Infor­ma­tion­saus­tausch zwis­chen den Län­dern. Der Infor­ma­tion­saus­tausch zwis­chen den Län­dern erfol­gt in Englisch, was je Land eine inter­na­tionale Leit­stelle voraussetzt.
Als Nation­al Cen­ter hat die Leit­stelle 2010 über die Lan­des­gren­zen hin­weg rund 80 Mal tele­fonis­che, bera­tende und tech­nis­che Hil­fe geleistet.
Weit­ere Infor­ma­tio­nen über TUIS erhal­ten Sie beim Ver­band der Chemis­chen Indus­trie e.V. (VCI) unter der Inter­net-Adresse www.tuis.org.
Quellen:
Autor
Dr. Ulrich Welzbach­er, Sankt Augustin E‑Mail: Autor@Gefahrstoffinformation.de
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