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Konsequenzen ziehen

Umgang mit Gefahrstoffen in KMU
Konsequenzen ziehen

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Im Prinzip sind sich alle einig. Die Defizite bei der Umset­zung der Gefahrstof­fvorschriften in kleinen und mit­tleren Unternehmen (KMU) sind groß. Es gibt allerd­ings sehr unter­schiedliche Ansicht­en, ob hier etwas getan wer­den kann und wie dies ausse­hen kön­nte. Unter dem Mot­to „Kon­se­quen­zen ziehen“ fand bei der BG BAU in Frank­furt ein Sem­i­nar statt, das Wege aufzeigte, die zu einem sicher­eren Umgang mit Gefahrstof­fen auch in KMU führen können.

Dr. Rein­hold Rühl, Uta Köh­ler, Wern­er Steinert

Dabei wur­den die Änderun­gen in den rechtlichen Vor­gaben und eine Vielzahl neuer Bew­er­tungs­maßstäbe berück­sichtigt. Es ging weniger darum, die hin­länglich bekan­nten Defizite der Prax­is aufzuzeigen, son­dern um den Vorschlag, vorhan­dene Instru­mente an die neuen Rah­menbe­din­gun­gen anzu­passen. Vor allem aber ver­lan­gen diese neuen Rah­menbe­din­gun­gen neue Hil­fen, um die Betriebe, aber auch die Auf­sicht, beim Schutz der Beschäftigten zu unterstützen.
Defizite bei der Umset­zung der Gefahrstoffvorschriften
Die Gefahrstof­fverord­nung gibt den Rah­men für den Umgang mit Chemikalien an Arbeit­splätzen vor. Die Tech­nis­chen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS) erläutern Details der Gefahrstof­fverord­nung, um so den Betrieben die Umset­zung der Vorschriften zu erle­ichtern. Trotz­dem: Zahlre­iche, selb­st wesentliche Vorschriften der Gefahrstof­fverord­nung sind in den Betrieben nicht bekan­nt und wer­den daher nicht umge­set­zt. Beispiel­sweise sind die Expo­si­tio­nen am Arbeit­splatz nicht bekan­nt, beziehungsweise es wird sich bei der Betra­ch­tung auf die weni­gen Stoffe konzen­tri­ert, die einen Arbeit­splatz­gren­zw­ert haben. Ersatzstoffe wer­den nicht einge­set­zt, tech­nis­che Schutz­maß­nah­men haben keinen Vor­rang vor per­sön­lichen Schutz­maß­nah­men, das Ver­bot des ständi­gen Tra­gens von belas­ten­der per­sön­lich­er Schutzaus­rüs­tung wird eben­so ignori­ert wie die Vor­gabe, dass mit Gefahrstof­fen erst dann umge­gan­gen wer­den darf, wenn eine Gefährdungs­beurteilung vorliegt.
Änderun­gen in der Gefahrstof­fverord­nung – Ermit­teln statt Messen auch bei kreb­serzeu­gen­den Stof­fen – sind in der Prax­is eben­so unbekan­nt wie die neuen Bew­er­tungs­maßstäbe DNEL und ERB. Die Tech­nis­chen Regeln 400, 402, 420, 600 sowie die Bekan­nt­machun­gen 220, 409 und 911 sind entwed­er unbekan­nt oder wer­den nicht ver­standen. Zumin­d­est wer­den ihre Vorschläge nicht umgesetzt.
Diese Aus­sagen gel­ten vor allem für KMU, also Betriebe bis etwa 50 Beschäftigte. Diese stellen zwar min­destens 95% der Betriebe, sind aber in den Gremien des Auss­chuss­es für Gefahrstoffe nicht beziehungsweise lediglich durch ihre Repräsen­tan­ten vertreten. Vertreter von Ver­bän­den ste­hen aber in der Regel eher für kon­ser­v­a­tive Ansicht­en mit dem Ziel, nichts zu ändern. Zudem ist dieser Per­so­n­enkreis natür­lich vor allem von den größeren Fir­men in ihren Ver­bän­den bee­in­flusst, denn die stellen meist auch den Vor­stand. Auch auf Seit­en der Arbeit­nehmervertreter ist kaum zu erwarten, dass Betrieb­sräte mit­tlerer Unternehmen die Zeit find­en, im AGS mitzuar­beit­en. Bei Klein­be­trieben stellt sich diese Frage ohne­hin nicht, denn wenn sie über­haupt einen Betrieb­srat haben, ist dieser sicher­lich nicht für solche Arbeit­en freigestellt.
Die TRGSen, die die Gefahrstof­fverord­nung erläutern sollen, set­zen sehr oft Ken­nt­nisse voraus, die nur bei Spezial­is­ten vorhan­den sind. In KMU gibt es keine Gefahrstoffspezialisten.
Diese Prob­leme sind sys­tem­be­d­ingt. Auch diese Zeitschrift wird ver­mut­lich im Wesentlichen von Mitar­beit­ern in größeren Betrieben gele­sen. Den Mit­gliedern des Auss­chuss­es für Gefahrstoffe (AGS), auch den zuständi­gen Vertretern des Bun­desmin­is­teri­ums für Arbeit und Soziales, ist dies dur­chaus bewusst, denn sie unter­stützen aus­drück­lich Ini­tia­tiv­en, in denen Branchen in Gespräch­skreisen Lösun­gen für ihre Gefahrstoff­prob­leme vorschla­gen. Selb­st wenn diese Lösun­gen nicht in allen Punk­ten eine Ein­hal­tung der Gefahrstof­fverord­nung beinhalten.
Der Auss­chuss für Gefahrstoffe (AGS) hat natür­lich Instru­mente geschaf­fen, die eigentlich die KMU in die Lage ver­set­zen soll­ten, zumin­d­est den Großteil der Gefahrstof­fvorschriften zu erfüllen. Auch die Unfal­lver­sicher­er haben solche Instru­mente entwick­elt. So gibt es zum Beispiel Hil­fen zur Ermit­tlung der Expo­si­tio­nen (im AGS die VSK und bei den UV-Trägern die BG/BIA-Empfehlun­gen), Anleitun­gen für Arbeit­splatzmes­sun­gen, mit­gelieferte Gefährdungs­beurteilun­gen und so weiter.
Aber diese Hil­fen wer­den nicht genutzt. „Mit­gelieferte Gefährdungs­beurteilun­gen“ (§ 6(7) Gef­Stof­f­VO) existieren so gut wie nicht, VSKs gibt es nur wenige und die UV-Träger haben ger­ade dafür gesorgt, dass auch BG/BIA-Empfehlun­gen in Zukun­ft sel­tener for­muliert werden.
Im AGS wur­den und wer­den diese Defizite im Zusam­men­hang mit ein­er Ini­tia­tive zu ihrer Besei­t­i­gung disku­tiert. Man ist sich über die Defizite zu 100% einig. Nur bei ihrer Besei­t­i­gung sieht sich der AGS nicht in der Pflicht. Denn die richti­gen Instru­mente wur­den ja geschaf­fen, sie müssten nur endlich ange­wandt werden.
Nach­dem auch auf den Münch­n­er Gefahrstoff-Tagen 2012 diese Defizite disku­tiert wur­den, bot Dr. Rühl von der BG BAU kurz entschlossen ein Sem­i­nar zu Entwür­fen von Gefährdungs­beurteilun­gen an. Die Hälfte der beim entsprechen­den Sym­po­sium auf den Gefahrstoff-Tagen teil­nehmenden Per­so­n­en nahm im Feb­ru­ar 2013 in Frank­furt am Sem­i­nar teil.
Expo­si­tion­ser­mit­tlung
Basis jed­er Gefährdungs­beurteilung ist die Ken­nt­nis der Expo­si­tion. Die Gefahrstof­fverord­nung ver­langt hier keine Mes­sung, son­dern ermöglicht das Ermit­teln, das heißt das Berech­nen der Expo­si­tion oder den Ver­gle­ich mit Expo­si­tions­dat­en an ähn­lichen Arbeit­splätzen. Diese Erle­ichterung der Expo­si­tion­ser­mit­tlun­gen wurde mit der Gefahrstof­fverord­nung 2010 auch auf CMR-Stoffe erweit­ert (Rühl et al., 2012). Bis zu diesem Zeit­punkt hät­ten die Expo­si­tio­nen bei CMR-Stof­fen immer durch Mes­sun­gen ermit­telt wer­den müssen. Beim Frank­furter Sem­i­nar wur­den die Ideen, die hin­ter Expo­si­tions­beschrei­bun­gen ste­hen, aus­führlich disku­tiert. Das Instru­ment der Expo­si­tions­beschrei­bun­gen wurde Mitte der 90er Jahre entwick­elt (Rühl, 1998), als offen­sichtlich wurde, dass in den Betrieben nicht gemessen wird.
Die TRGS 402 sah und sieht noch heute nicht nur Mes­sun­gen am Arbeit­splatz in bes­timmten Zeitab­stän­den vor, um die Expo­si­tion zu überwachen, son­dern sie ermöglicht auch eine Dauerüberwachung. Während bei den Mess­werten ein gewiss­er Abstand vom Gren­zw­ert gewährleis­tet wer­den muss, kann bei ein­er Dauerüberwachung die Expo­si­tion kon­stant an der Alarm­schwelle, das heißt am Gren­zw­ert liegen. Daraus entwick­elte sich die Idee, mit vie­len Mes­sun­gen bei der gle­ichen Tätigkeit in ver­schiede­nen Betrieben einen ähn­lichen Überblick über die Expo­si­tion­ssi­t­u­a­tion zu bekom­men wie bei ein­er Dauerüberwachung. Dann kann der 95%-Wert des so erhal­te­nen Datenkollek­tivs als Beurteilungswert für diese Tätigkeit genom­men wer­den, das heißt, auf­grund dieser gründlichen Überwachung kann eine Expo­si­tion toleriert wer­den, die näher am Gren­zw­ert liegt als bei ein­er einzel­nen Mes­sung. Zudem trifft man damit eine Aus­sage nicht nur über eine Tätigkeit in einem bes­timmten Betrieb, son­dern über eine Tätigkeit, die in ähn­lich­er Weise in vie­len Betrieben durchge­führt wird.
Mit ein­er solchen Vorge­hensweise ver­ringert sich der Mes­saufwand drastisch, denn es muss nicht an vie­len hun­derten oder gar tausenden Arbeit­splätzen in ver­schiede­nen Betrieben, an denen die gle­iche Tätigkeit durchge­führt wird, gemessen wer­den. Es reichen einige Mes­sun­gen, um eine valide Daten­ba­sis zu erhal­ten und dann Aus­sagen über die Expo­si­tion bei der betra­chteten Tätigkeit tre­f­fen zu können.
Wie hoch die Zahl der notwendi­gen Mes­sun­gen ist, wird grund­sät­zlich in der TRGS 420 beschrieben. Dies hängt jedoch im Einzelfall vom Ergeb­nis der Mes­sun­gen und ihrer Valid­ität ab. Wenn zehn valide Mes­sun­gen vor­liegen und alle mit dem Ergeb­nis „< Nach­weis­gren­ze“, sind weit­ere Mes­sun­gen eben­so wenig notwendig wie bei ein­er ähn­lich großen Zahl von Mes­sun­gen, die alle zeigen, dass der Arbeit­splatz­gren­zw­ert über­schrit­ten ist.
Anhand der Expo­si­tions­beschrei­bung „Ein­satz von Flügel­glät­tern“ erläuterte Frau Corinne Ziegler (BG BAU), dass man sich die für eine solche Expo­si­tions­beschrei­bung genutzten Mess­dat­en sehr genau anse­hen muss. Nur wenn die Arbeit­splatzver­hält­nisse und die Tätigkeit exakt bekan­nt sind, kann man sich auf die Messergeb­nisse ver­lassen. Dann ist es dur­chaus auch möglich, mit Aus­reißern im Datenkollek­tiv kon­struk­tiv umzuge­hen. Bei dieser Expo­si­tions­beschrei­bung liegt der 95%-Wert bei den max. 15 min. Mit­tel­w­erten über dem dop­pel­ten Arbeit­splatz­gren­zw­ert von Kohlen­monox­id. Trotz­dem emp­fiehlt die Expo­si­tions­beschrei­bung so zu arbeit­en und erläutert, was zu tun ist, damit diese hohen Werte ver­mieden werden.
Expo­si­tions­beschrei­bun­gen
Der AGS hat mit den ver­fahrens- und stoff­spez­i­fis­chen Kri­te­rien (VSK) ein Instru­ment geschaf­fen, das die Expo­si­tio­nen für Arbeit­splätze beschreibt, an denen die Arbeit­splatz­gren­zw­erte (AGW) einge­hal­ten werden.
Lei­der wird diese Möglichkeit kaum genutzt – bish­er gibt es nur sehr wenige VSK. Eine der Ursachen hier­für ist, dass der Aufwand zur Erstel­lung eines solchen VSK sehr groß ist, denn diese Papiere müssen entsprechende Arbeit­skreise, Unter­auss­chüsse und den AGS selb­st passieren. Zudem stellt sich natür­lich die Frage, warum man solche Papiere über­haupt erstellen soll. Wer die Prax­is ken­nt, weiß, wie oft selb­st bei kri­tis­chen Expo­si­tion­ssi­t­u­a­tio­nen kaum etwas unter­nom­men wird. Warum soll man also Arbeit investieren in Bere­iche, in denen offen­sichtlich die AGW ohne­hin einge­hal­ten werden?
Einige Unfal­lver­sicherungsträger und Län­der stellen daher Expo­si­tions­beschrei­bun­gen auf. Unter Beze­ich­nun­gen wie Expo­si­tions­beschrei­bung, BG/B­GIA-Empfehlung, LASI-Papiere (www.branchenregelungen.de) wer­den Expo­si­tio­nen an Arbeit­splätzen beschrieben, auch dann, wenn Gren­zw­erte über­schrit­ten sind. Damit wird zwar ein „ille­galer“ Zus­tand beschrieben, aber diese Papiere ermöglichen es dem Unternehmer, dem Betrieb­srat und den Auf­sichts­gremien sofort zu han­deln und nicht nur die Ermit­tlung der Expo­si­tion in die Wege zu leiten.
Lei­der wurde die Mehrzahl der LASI- Papiere vor eini­gen Jahren zurück­ge­zo­gen. Einige davon sind inzwis­chen auf der Web­seite der BAuA wieder ver­füg­bar. Aber auch die Unfal­lver­sicherungsträger veröf­fentlichen nur einen Bruchteil ihrer Mess­dat­en. Hier schlum­mern Hun­dert­tausende von Mess­dat­en in Daten­banken, die allen­falls bei der Beurteilung von Beruf­skrankheit­en herange­zo­gen, aber nur sel­ten für die Präven­tion genutzt werden.
Expo­si­tions­beschrei­bun­gen machen detail­lierte, auf konkrete Tätigkeit­en bezo­gene Angaben zur Expo­si­tion der Beschäftigten. Anhand ein­er aus­re­ichen­den Zahl von Mess­dat­en wird mit dem 95%-Wert des Datenkollek­tivs die Expo­si­tion angegeben, die bei diesen Tätigkeit­en zu erwarten ist. Mit diesem 95%-Wert wer­den keineswegs Extrem­si­t­u­a­tio­nen beschrieben, son­dern vielmehr eine Expo­si­tion angegeben, die der Unternehmer mit ruhigem Gewis­sen zur Grund­lage sein­er Gefährdungs­beurteilung machen kann. Nor­maler­weise reichen die auf­grund dieser Expo­si­tion zu ergreifend­en Maß­nah­men aus, um die Mitar­beit­er zu schützen. Soll­ten die Ver­hält­nisse an einem konkreten Arbeit­splatz bess­er sein, kann der Unternehmer dies jed­erzeit durch eine Mes­sung bele­gen. Zudem ist die Expo­si­tion im Sinne von §14(3) der Gefahrstof­fverord­nung sowie für spätere Beruf­serkrankungs-Ver­fahren dokumentiert.
Expo­si­tions­beschrei­bun­gen erfordern eine gewisse Großzügigkeit bei der Zusam­men­fas­sung der beurteil­ten Tätigkeit­en, nur dann sind sie eine Hil­fe für viele Betriebe. Diese Großzügigkeit bei der Zusam­men­fas­sung nicht ganz iden­tis­ch­er Tätigkeit­en kön­nen offen­sichtlich viele Fach­leute nicht auf­brin­gen. Sie sind gewohnt, die Expo­si­tion an einzel­nen Arbeit­splätzen sehr genau zu bestimmen.
Eine mit großer Genauigkeit durchge­führte Betra­ch­tung der Expo­si­tion an einem Arbeit­splatz dient aber besten­falls dazu, diesen Arbeit­splatz zu verbessern. Eine Expo­si­tions­beschrei­bung, die weniger – aber immer hin­re­ichend – genau die Expo­si­tion ähn­lich­er Tätigkeit­en beschreibt, kann eine ganze Branche verän­dern. Dann haben engagierte Unternehmen, Betrieb­sräte und Auf­sichts­gremien die Möglichkeit, Arbeit­splätze zu sanieren, wenn Gefahrstof­fkonzen­tra­tio­nen zu hoch sind.
Hier wird keineswegs ein­er Aufwe­ichung des Arbeitss­chutzes das Wort gere­det. Es geht im Gegen­teil darum, anhand der Doku­men­ta­tion vor allem von hohen Expo­si­tio­nen bei bes­timmten Tätigkeit­en (und den notwendi­gen Maß­nah­men an diesen Arbeit­splätzen) eine Verbesserung der Sit­u­a­tion zu erre­ichen. Auf diese Weise lassen sich Pri­or­itäten set­zen, um die sicher­lich auch in Zukun­ft nur beschränk­te Arbeit­skraft der Arbeitss­chützer für einen opti­malen Schutz vor Gefahrstof­fen zu nutzen.
Zudem sind solche Expo­si­tions­beschrei­bun­gen auch für die Bew­er­tung mit DNEL und ERB notwendig. Es existieren inzwis­chen mehrere Tausend DNEL und einige Expo­si­tions-Risikobeziehun­gen, die nicht „einzuhal­ten“, son­dern bei der Gefährdungs­beurteilung „zu berück­sichti­gen“ beziehungsweise möglichst weit zu unter­schre­it­en sind. Auch hier ist nicht eine möglichst genaue Ermit­tlung der Expo­si­tion das vor­dringliche Ziel, son­dern entsprechende Maß­nah­men (nach dem STOP-Prinzip);
  • unge­fährlichere Chemikalien oder emis­sion­särmere Ver­fahren einsetzen,
  • tech­nis­che oder organ­isatorische Schutz­maß­nah­men umzuset­zen und – wenn dies alles nicht aus­re­icht – auch
  • per­sön­liche Schutzmaßnahmen.
Die an sich sehr hil­fre­ichen FAQ des AGS zu bei­den The­men (BeKGS 409 zu DNEL und 911 zu ERB) helfen dem Betrieb nur dann, wenn er gewisse Grund­ken­nt­nisse zu REACH und dem Risiko-Akzep­tanz-Konzept des AGS hat. Die fehlen aber meist.
Es gehört manch­mal Mut dazu, mit ein­er Expo­si­tions­beschrei­bung hohe Expo­si­tio­nen zu beschreiben. Denn Betrieb, Betrieb­srat oder Auf­sicht­sor­gane geste­hen ja damit ein, dass bish­er etwas nicht in Ord­nung war. Ob die Sit­u­a­tion vor Ort verbessert wird, hängt natür­lich vom Betrieb, den Beschäftigten beziehungsweise ihren Vertretern und den Auf­sicht­sor­ga­nen ab. Es wird immer Einzelne geben, die diese Hil­fen nutzen. Natür­lich wird die Prax­is damit nicht flächen­deck­end geän­dert, aber es kommt sicher­lich zu Verbesserungen.
Sub­sti­tu­tion
Der Königsweg im Gefahrstof­far­beitss­chutz ist die Sub­sti­tu­tion durch unge­fährliche oder zumin­d­est durch unge­fährlichere Alter­na­tiv­en. Für diesen Punkt war im Frank­furter Sem­i­nar eigentlich nur ein kurz­er Beitrag geplant. In der Diskus­sion wurde aber deut­lich, dass für viele dieser Königsweg in Vergessen­heit ger­at­en ist.
Es gibt schon seit Jahren keine neuen Ersatzstoff-TRGSen mehr. Die Zahl der TRGS der 600er Rei­he nimmt ab, unter anderem, weil der Stand der Tech­nik inzwis­chen die zu erset­zen­den Stoffe über­flüs­sig gemacht hat. Eigentlich soll­ten diese Erfol­gs­geschicht­en Grund genug sein, weit­ere Ersatzstoff-TRGS aufzustellen. Denn ohne die ehe­ma­lige TRGS 612 „Ersatzstoffe für chro­math­altige Zemente“ und die TRGS 613 „Ersatzstoffe für dichlormethanhaltige Abbeiz­er“ gäbe es heute keine europäis­chen Regelun­gen, die dafür gesorgt haben, dass die Zahl der zementbe­d­ingten Chro­matekzeme deut­lich abgenom­men hat und es keine Toten mehr durch dichlormethanhaltige Abbeiz­er gibt.
Der AGS hat sich zu ein­er Grund­la­gen- Ersatzstoff-TRGS entschlossen (der TRGS 600), in der beschrieben wird, wie ein Betrieb nach Ersatzstof­fen suchen und diese beurteilen soll. Let­ztlich bedeutet diese TRGS, dass das The­ma den Betrieben über­lassen wird. Der AGS küm­mert sich nicht mehr um Einzel-Ersatzstoffe und deren Behand­lung in Tech­nis­chen Regeln. Auf­grund der schon disku­tierten Zusam­menset­zung des Auss­chuss­es für Gefahrstoffe ist dieses wohl die beste Lösung für dieses Gremi­um, aber die schlecht­este für die Praxis.
Eine Mark­tverän­derung ist aber nicht zu erre­ichen durch Behand­lung der Ersatzstoffthe­matik in einzel­nen Betrieben. Ein Friseur, ein Maler oder ein Instal­la­teur kön­nte statt eines gefährlichen Pro­duk­tes ein unge­fährlicheres Pro­dukt kaufen – wenn es denn ange­boten würde. Er hat aber nicht die Mark­t­macht, die notwendig wäre, um etwas grundle­gend zu verändern.
Nur mit ein­er Ersatzstoff-TRGS kön­nten Ver­wen­der und Her­steller gezwun­gen wer­den, sich mit dem The­ma inten­siv zu beschäfti­gen. Nur dann wird sich die Gew­erkschaft mit diesem The­ma befassen (selb­st wenn in einem kleineren Betrieb ein Betrieb­srat existiert, hat er dort kaum große Möglichkeit­en, die Ersatzstoffthe­matik voranzutreiben).
Entwürfe für Gefährdungs­beurteilun­gen (EwG)
Sicher­lich ist die Ermit­tlung der Exposi- tion für die Betriebe der aufwändig­ste Teil der Gefährdungs­beurteilung. Daher wird diese Auf­gabe auch in der Mehrzahl der kleinen und mit­tleren Betriebe kaum wahrgenom­men. Mit Expo­si­tions­beschrei­bun­gen wird dieser Schritt zwar wesentlich erle­ichtert, aber es bleiben weit­ere Hür­den. Das Konzept der Expo­si­tions­beschrei­bun­gen greift zu kurz.
Ins­beson­dere das STOP-Prinzip (Sub­sti­tu­tion vor Tech­nis­chen, vor Organ­isatorischen und vor Per­sön­lichen Schutz­maß­nah­men) ist kaum Gegen­stand von Expo­si­tions­beschrei­bun­gen. In der Regel ver­fü­gen die Betriebe und die Auf­sicht­sor­gane über Grund­ken­nt­nisse zur Gefahrstoffthe­matik, so dass sich mit ein­er Expo­si­tions­beschrei­bung drin­gen­der Hand­lungs­be­darf zeigt, wenn Gren­zw­erte deut­lich über­schrit­ten sind. Was dann aber konkret zu tun ist, welche Alter­na­tiv­en gegebe­nen­falls beste­hen, lässt die Expo­si­tions­beschrei­bung offen und damit die Betriebe und die Auf­sichts-organe auf sich allein gestellt.
Die Gefahrstof­fverord­nung ermöglicht es in §6(7) dem Arbeit­ge­ber, eine vom Her­steller oder Inverkehrbringer „mit­gelieferte Gefährdungs­beurteilung“ zu übernehmen. In der TRGS 400 wird diese Möglichkeit aufge­grif­f­en, in ein­er Anlage wer­den die Rah­menbe­din­gun­gen erläutert. Zugeschnit­ten ist diese Hil­fe für den Arbeit­ge­ber auf die Her­steller von Chemikalien. Diese sollen mit ihrem Pro­dukt den Entwurf ein­er Gefährdungs­beurteilung mitliefern. Obwohl dieses Instru­ment schon Ende der 90er Jahre geschaf­fen und damals in der TRGS 440 definiert wurde, sind bis heute ger­ade ein­mal zwei mit­gelieferte Gefährdungs­beurteilun­gen bekannt.
Wenn den Her­stellern die Möglichkeit gegeben wird, dem Unternehmer Entwürfe für Gefährdungs­beurteilun­gen zu liefern, dann sollte dies auch anderen Insti­tu­tio­nen möglich sein.
Bleibt eine Expo­si­tions­beschrei­bung nicht auf die bloße Beschrei­bung der Expo­si­tion beschränkt, son­dern lis­tet Ersatzver­fahren beziehungsweise ‑stoffe auf, sowie tech­nis­che und organ­isatorische und let­ztlich per­sön­liche Schutz­maß­nah­men, so wer­den die für eine mit­gelieferte Gefährdungs­beurteilung definierten Kri­te­rien erfüllt. Der Unternehmer erhält damit den „Entwurf ein­er Gefährdungs­beurteilung“ (EwG), den er nur noch seinem Betrieb anpassen und durch Unter­schrift in Kraft set­zen muss.
Bei den vielfach ange­bote­nen Entwür­fen von Betrieb­san­weisun­gen wird diese Vorge­hensweise schon seit langem erfol­gre­ich prak­tiziert. Tabelle 1 schlägt in Anlehnung an Anlage 2 der TRGS 400 Kri­te­rien für Entwürfe für Gefährdungs­beurteilun­gen vor.
Solche Entwürfe für Gefährdungs­beur- teilun­gen sind vor allem eine Hil­fe für die kleinen und mit­tleren Betriebe. Und – sie erle­ichtern den Vol­lzug durch die Auf­sichts­gremien, bei denen ja auch nicht nur Gefahrstoff­spezial­is­ten tätig sind.
Lit­er­atur:
  • Rühl, Rein­hold: BG/BIA-Empfehlun­gen – Branchen­regelun­gen zur Arbeit­splatzbe­w­er­tung. Gef­Stoffe – Rein­hal­tung der Luft, 58 (1998) 391 – 394
  • Rühl, R., Wahl, H., Schle­ich­er, K., Böck­ler, M., Kleine, H. und Fel­ten, Ch.: Stoff- und tätigkeits­be­zo­gene Expo­si­tions­beschrei­bun­gen (STEX) für CMRF-Stoffe und die Gef­Stof­fV 2010. Gefahrstoffe – Rein­hal­tung der Luft, 72, (2012)
  • Rühl, Rein­hold: Zwis­chen The­o­rie und Prax­is – Gefahrstof­f­ex­po­si­tio­nen ermit­teln, bew­erten und ver­ringern. Gefahrstoffe 2013, Uni­ver­sum-Ver­lag Wies­baden, 2012, 8–19
  • Eine Liste aller DNEL ist ver­füg­bar unter: www.dguv.de/ifa->Gefahrstoffdatenbanken->GESTIS-DNEL-Datenbank
Autoren
Dr. Rein­hold Rühl, BG BAU, Frank­furt, E‑Mail: Rein­hold. Ruehl@bgbau.de
Uta Köh­ler, Unfal­lka­sse Nor­drhein-West­falen, Düs­sel­dorf E‑Mail: u.koehler@ unfallkasse-nrw.de
Wern­er Stein­ert, Beruf­sgenossen­schaft für Gesund­heits­di­enst und Wohlfahrt­spflege, Bochum E‑Mail: wern­er. steinert@bgw-online.de
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