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Tätigkeit und Wirksamkeit von Fachkräften für Arbeitssicherheit

Kopf oder Bauch
Tätigkeit und Wirksamkeit von Fachkräften für Arbeitssicherheit

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Wer hat als Fachkraft für Arbeitssicher­heit nicht schon vor den Fra­gen ges­tanden, wieso dieses Ereig­nis genau­so passiert ist und nicht anders? Wieso Entschei­dun­gen getrof­fen wer­den, obwohl sie sicher­heit­stech­nisch beden­klich sind und warum wir Fachkräfte und die von uns berate­nen Per­so­n­en genau­so Han­deln und nicht anders? Ist es nicht unser Ziel, kluge Entschei­dun­gen zu tre­f­fen oder dazu beizu­tra­gen, dass sie als klug beze­ich­net wer­den kön­nen? Die Auf­gaben und Ziele als Fachkraft für Arbeitssicher­heit sind unlängst definiert. Der Weg zum Ziel ist jedoch die eigentliche Her­aus­forderung.

Erfahrungs­gemäß tun sich die Ver­sicherten schw­er, sicher­heits­gemäße Anweisun­gen umzuset­zen oder neigen dazu, direkt selb­st Lösun­gen zu suchen und Maß­nah­men festzule­gen, wenn keine konkreten Anweisun­gen vor­liegen.
Selb­stver­ständlich wis­sen Arbeitss­chutza­k­teure und Insti­tu­tio­nen welche prinzip­iellen Tätigkeit­en die Fachkräfte für Arbeitssicher­heit auszuüben haben. Die SIFA-Langzeit­studie gibt beispiel­sweise einen Überblick über die Tätigkeits­felder, in denen Fachkräfte für Arbeitssicher­heit agieren und darüber, wie inten­siv sie sich um diese Tätigkeits­felder küm­mern. Dabei lässt sich das gesamte Spek­trum der FASI-Tätigkeit in die fünf Felder grup­pieren:
  • ver­hal­tens­be­zo­gene organ­isatorische Schutz­maß­nah­men
  • Analyse von Gefährdungs­fak­toren
  • Man­age­ment des Arbeitss­chutzes
  • tech­nisch-organ­isatorische Gestal­tung von Arbeitssys­te­men
  • per­son­alo­ri­en­tierte Gestal­tung von Arbeitssys­te­men (z.B. Gesund­heits­förderung).
Neben den genan­nten Tätigkeits­feldern sehen wir uns oft genug mit der Frage kon­fron­tiert, wann die Fachkräfte für Arbeitssicher­heit tätig wer­den. Selb­stver­ständlich ist dem präven­tiv­en Ansatz immer Vor­rang zu gewähren, aber wie oft hat sich gezeigt, dass Fachkräfte für Arbeitssicher­heit nun mal keine „Wahrsager“ und „Propheten“ sind. Einige Anlässe ergeben sich aus einem spon­ta­nen sit­u­a­tiv­en Bedarf her­aus, andere wiederum sind von langer Hand geplant. Doch woraus schöpfen wir die Gewis­sheit, dass der gewählte Anlass der richtige ist?
Präven­tiv­er Ansatz
Beurteilung neuer Arbeit­splätze bzw. Tech­nolo­gien, aber auch beste­hen­der Arbeit­splätze, hin­sichtlich der Möglichkeit des Vorhan­den­seins neu bekan­nt gewor­den­er Gefährdungs­fak­toren (verletzungsbewirkend/krankheitsbewirkend) bevor Gesund­heitss­chä­den einge­treten sind.
Kor­rek­tiv­er Ansatz
Beurteilung beste­hen­der Arbeit­splätze aus einem bes­timmten Bedarf her­aus. Als Aus­lös­er kön­nen das Auftreten von Gesund­heitss­chä­den, die bish­er unbekan­nte Ursachen haben, kri­tis­che und unsichere Ereignisse, und/oder wenn Vorschriften und Regeln des Arbeitss­chutzes bish­er nicht einge­hal­ten wur­den oder sich geän­dert haben.
Motive und Ursachen
Für die Ableitung des zukün­fti­gen Vorge­hens ist es erforder­lich, dass nicht nur nach sach­lichen Fak­toren und Ursachen – also objek­tiv­en Fak­ten, die dem einzel­nen oder in der Branche all­ge­mein bekan­nt sind, gesucht wird. Vielmehr ist zu hin­ter­fra­gen, welche Motive für Entschei­dun­gen und Hand­lun­gen ver­ant­wortlich sind. Als Fachkraft für Arbeitssicher­heit müssen wir uns immer mehr den Ursachen für den Drang zu Aktiv­ität von Ver­sicherten, ins­beson­dere unter dem Aspekt eines ratio­nal-ökonomis­chen Hin­ter­grun­des stellen. Dies zeigen vor allem die Ten­den­zen der zunehmenden Arbeits­menge und dem daraus entste­hen­den Zeit­druck am Arbeit­splatz. Ander­er­seits soll­ten sich Fachkräfte immer in die Rolle eines Entschei­dungsträgers hinein­ver­set­zen und nachempfind­en, warum er so reagiert.
Nicht zulet­zt ergeben sich auf­grund der erforder­lichen all­ge­meinen und speziellen Schutzzield­e­f­i­n­i­tion ohne entsprechende konkrete rechtliche Grund­la­gen per­ma­nent zunehmende Kom­pe­ten­zan­forderun­gen an die Fachkräfte für Arbeitssicher­heit, bspw. beim Tre­f­fen von zeit­na­hen sicher­heit­srel­e­van­ten Entschei­dun­gen. Als Fachkraft traf man oft genug und wird man auch zukün­ftig oft oder sehr schnell und unter einem hohen Druck (Anspruch­sniveau, Kom­pe­ten­zan­forderun­gen) Entschei­dun­gen tre­f­fen müssen, was sicher­heit­stech­nisch zu tun ist. Manch ein­er schwört dabei auf sein Bauchge­fühl, andere ziehen ratio­nale Pro- und Kon­tra-Fak­toren vor. Genau­so ver­hal­ten sich auch die Ver­sicherten – aber eben mit anderen Beurteilungs­maßstäben. Dabei überse­hen die einen wie die anderen, dass Ver­stand und Gefühl immer gle­ichzeit­ig am Zuge sind. Beispiel: Mein klein­er Sohn ist jet­zt fünf Jahre alt. Er weiß nun genau, was er will. Meist will er etwas naschen, ohne Wenn und Aber. Er weiß, dass es ihm schmeckt!
Bauch oder Ver­stand? Oder „und“?
So manch­er Erwach­sen­er würde sich wün­schen, seinem Bauchge­fühl ähn­lich blind in der Arbeitswelt ver­trauen und Zweifel auss­chal­ten zu kön­nen. Doch sind die Entschei­dun­gen, mit denen man nicht hadert, wirk­lich die besseren? Wieso ver­trauen wir manch­mal unser­er inneren Stimme, unserem Bauchge­fühl, unserem sech­sten Sinn?
Als Ana­lysten in der Arbeitswelt müssen wir als Fachkräfte ver­ste­hen, dass die innere Stimme lediglich eine Vor­be­w­er­tung ver­schieden­er Hand­lung­sop­tio­nen vorn­immt. Sie flüstert dem Ver­stand ein, was ihm gefall­en soll und was nicht. Aus dieser Vorauswahl pickt er sich dann die beste Lösung her­aus – oder eben nicht. Ob die Entschei­dung let­ztlich falsch oder richtig war, weiß man immer erst im nach­hinein, wenn man deren Wirk­samkeit über­prüft.
Die Verkürzung des notwendi­gen Sicher­heitsab­standes kann zu einem Auf­fahrun­fall führen.
Die Ein­hal­tung des Sicher­heitsab­standes kann andere Verkehrsteil­nehmer zum Über­holen motivieren. Wenn ich mich nicht über­holen lasse, bin ich schneller am Ziel.
Auss­chlaggebend für eine kluge Entschei­dung ist also immer, dass eine Entschei­dungs­find­ung sowohl aus dem Bauch als auch aus dem Kopf her­aus erfol­gt. Es kommt meist darauf an, her­auszufind­en, welche Entschei­dung am Ende zufrieden­er macht. Ger­ade diese Vorauswahl im Sys­tem des sicher­heit­stech­nis­chen Denkens und unter Anwen­dung der klas­sis­chen Denkmod­elle wird zukün­ftig den Erfolg der Arbeit als Fachkraft für Arbeitssicher­heit mitbes­tim­men. Ein Nikotin- oder Alko­hol-Abhängiger, der sich von sein­er Sucht befreien möchte, kann nicht allein auf sein Bauchge­fühl hören. So schafft er das nie.
Was erk­lärt aber die Vorse­lek­tion durch unser Bauchge­fühl? Es kann im Wesentlichen als eine Art emo­tionales Erfahrungs­gedächt­nis ver­standen wer­den, in dem Infor­ma­tio­nen als gute oder schlechte Erfahrun­gen abge­spe­ichert wer­den. Auch wenn viele eine Entschei­dung ganz ratio­nal durch­denken, gibt das Bauchge­fühl bere­its unbe­wusst die Stoßrich­tung des Han­delns vor. Ein ein­fach­er Selb­stver­such kann beispiel­sweise in der Form durchge­führt wer­den, dass vor dem Lesen des Inhaltes ein­er E‑Mail darauf zu acht­en ist, ob man beim Wahrnehmen der Betr­e­f­fzeile oder des Absenders pos­i­tive oder neg­a­tive Erwartun­gen hat. In die Prax­is umge­set­zt, muss man ein­fach berück­sichti­gen, wie ein Abteilungsleit­er reagiert, wenn die Fachkraft für Arbeitssicher­heit ihm gute Ratschläge gibt, wie er seinen Bere­ich verbessern kann.
Wis­sen und Erfahrung
Ken­nen Sie nicht auch die immer wieder auftre­tende Mei­n­ung, dass erst etwas passieren muss, damit sich etwas ändert und wir aus den neg­a­tiv­en Erfahrun­gen ler­nen? Hier zeigt sich nichts anderes, als dass dem Entschei­dungsträger die notwendi­gen neg­a­tiv­en Erfahrun­gen fehlen, um eine kluge Entschei­dung zu tre­f­fen. Wir müssen als Fachkräfte weit­er­hin ver­ste­hen, dass sich Kopf- und Bauchentschei­dun­gen nicht immer im Gle­ichgewicht befind­en. Experten kön­nen auf ihrem Gebi­et han­deln, ohne lange nachzu­denken, Anfänger hinge­gen sind gut berat­en, genau zu über­legen, was sie tun.
Wir set­zen voraus, dass beim Anblick ein­er Flamme jed­er weiß, dass beim Kon­takt mit kör­per­lichen Schä­den zu rech­nen ist. Darüber denken wir nicht mehr nach. Wie reagieren wir aber, wenn uns ein schar­fer, spitzer Gegen­stand aus den Hän­den nach unten fällt? Greifen wir nach?
Wie wir damit umge­hen, ist sit­u­a­tiv bes­timmt. Als Fachkraft bere­it­et man sich auf eine Bege­hung eines Arbeits­bere­ich­es vor, indem beispiel­sweise ältere Ergeb­nisse gesichtet, Check­lis­ten vor­bere­it­et und damit mögliche Kopfentschei­dun­gen unter­stützt wer­den. Nichts desto trotz lebt die Bege­hung selb­st auch von Bauchentschei­dun­gen, die auf Gefahren­schw­er­punk­te in ein­er intu­itiv­en Form lenken. Das eine lebt vom anderen. Um jedoch geeignete Maß­nah­men abzuleit­en, müssen Fachkräfte neben dem klas­sis­chen Sach­bezug auch die Hand­lungs- und Entschei­dungsmo­tive berück­sichti­gen, die genau zu diesem unsicheren Zus­tand geführt haben. Im Rah­men der Maß­nah­menab­wä­gung, um sicher­heit­stech­nis­che Schwächen zu beseit­i­gen, ist neben der Berück­sich­ti­gung des klas­sis­chen T‑O-P-Mod­ells (vgl. § 4 Arb­SchG) auch die Ursache basierend auf Hand­lungs- und Entschei­dungsmo­tive zu unter­suchen. Das Set­zen von Zie­len ist ein anspruchsvoller kreativ­er Prozess, der hohe method­is­che Kom­pe­tenz ver­langt.
Zusam­men­fas­sung
Die Auf­gabe der Fachkraft für Arbeitssicher­heit muss es sein, gute und schlechte Infor­ma­tio­nen zu sam­meln und als Wis­sen zu spe­ich­ern bzw. bei Bedarf abzu­rufen (Fak­ten­wis­sen und Erfahrungsler­nen). Dies bedeutet eine wesentliche Stärkung der Fachkom­pe­tenz. Weit­er­hin müssen diese Infor­ma­tio­nen aber auch an die rel­e­van­ten Entschei­dungsträger und han­del­nden Per­so­n­en trans­feriert wer­den, damit diese Infor­ma­tio­nen eben­so zur Ver­fü­gung ste­hen. Dazu bedarf es ein­er guten Sozial- und Meth­o­d­enkom­pe­tenz.
Auf der Basis von Fak­ten und Erfahrun­gen lassen sich Bauch- und Kopfentschei­dun­gen und damit gewisse Hand­lun­gen bess­er ver­ste­hen. Es wird immer wichtiger, zu ver­ste­hen, wie andere Denken und Han­deln.
Autor
Dipl.-Wirtsch.-Ing. Mario Hönl Sicher­heitsin­ge­nieur Fachkraft für Brand­schutz und betrieblichen Katas­tro­phen­schutz im Arbeitss­chutzzen­trum in Thürin­gen E‑Mail: mario.hoenl@asz-online.de www.asz-online.de
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