Startseite » Sicherheit » Arbeitsschutzorganisation »

Mehr Arbeit, mehr Risiko bei der Zeitarbeit?

Präventionsempfehlungen in Zeiten guter Konjunktur Teil 2
Mehr Arbeit, mehr Risiko bei der Zeitarbeit?

Foto: fotomek - Fotolia.com
Anzeige
Welchen Ein­fluss hat die Kon­junk­tur auf die Häu­figkeit von Unfällen bei der Arbeit und wie kann man effek­tiv vor­beu­gen? Diesen Fra­gen wid­mete sich das Insti­tut für Arbeit und Gesund­heit der DGUV (IAG) in Dres­den im Auf­trag der Unfal­lver­sicherungsträger und hat drei Präven­tion­ss­chw­er­punk­te erkan­nt. Der erste – Arbeit­szeit und Schichtar­beit – war Schw­er­punkt im Heft 7/2014. Hier fol­gt nun der zweite Beitrag mit dem Fokus auf Zeitar­beit und Neue­in­stel­lun­gen, bei­des Fak­toren, die bei guter Kon­junk­tur im all­ge­meinen zunehmen.1

2. Zeitar­beit und Neueinstellungen
Bei Zeitar­beit hil­ft an erster Stelle eine Arbeitss­chutzvere­in­barung, die die per­so­n­en­be­zo­ge­nen Maß­nah­men ein­deutig auf Zeitar­beit­sun­ternehmen und Ein­satz­be­trieb aufteilt. Unter­stützung erhal­ten die Beteiligten durch die bei­den Infor­ma­tio­nen der VBG „Zeitar­beit – sich­er, gesund und erfol­gre­ich“ sowie den Kurz-Check „Zeitar­beit nutzen – sich­er gesund und erfolgreich“.
Die geset­zliche Unfal­lver­sicherung VBG hat dazu zwei Grund­sätze aufgestellt:
  • 1. Der Über­las­sung­sprozess braucht Vor­laufzeit und inten­sive Kom­mu­nika­tion zwis­chen Zeitar­beit­sun­ternehmen und Einsatzbetrieb.
  • 2. Die Zeitarbeitnehmer/innen kön­nen nur dann pro­duk­tiv und gesund­heits­förder­lich arbeit­en, wenn sie genau­so wie die Stamm­belegschaft behan­delt werden.
Im Rah­men des GRAziL-Pro­jek­ts (gefördert vom Bun­desmin­is­teri­um für Arbeit und Soziales von 2008–2011) wur­den Instru­mente zur Gestal­tung von gesund­heits­förder­lichen und men­schen­gerecht­en Arbeits­be­din­gun­gen in der Zeitar­beit entwick­elt und in ein­er Online-Tool­box zur Ver­fü­gung gestellt. Diese Instru­mente unter­stützen die ver­schiede­nen Phasen des Arbeitsprozesses:
  • Ein­satz­pla­nung
  • Regelung der Zusam­me­nar­beit zwis­chen Zeitar­beit­sun­ternehmen und Einsatzbetrieb
  • Gefährdungs­beurteilung und Unterweisung
  • Führung mit Fokus auf die Gesund­heit der Beschäftigten
  • Instru­mente zur Gle­ich­stel­lung von Stamm­belegschaften und Zeitarbeitnehmern/innen
Das Mod­ell­pro­jekt des BKK-Bun­desver­bands „Job Fit Region­al – Gesund­heit­skom­pe­ten­zförderung zur Verbesserung der Beschäf­ti­gungs­fähigkeit Arbeit­suchen­der in NRW“ bietet Möglichkeit­en zur Gesund­heits­förderung für die Zeitar­beits­branche an (www.bkk.de/versicherte/mehr-gesundheit-fuer-alle/gesundheitsfoerderung-bei-arbeitslosigkeit/jobfit/).
Bei der Weit­er­en­twick­lung von Präven­tion­s­maß­nah­men kön­nen die Unfal­lver­sicherungsträger der Ein­satz­be­triebe auf die Erfahrun­gen des Sachge­bi­ets „Zeitar­beit“ (Fach­bere­ich Ver­wal­tung der DGUV, unter Leitung der VBG) zurück­greifen (Kon­takt: Carsten.Zoelck@vbg.de).
2.1 Empfehlun­gen für Zeitarbeitsunternehmen
Aus­bil­dung und Qual­i­fika­tion der Disponenten:
  • Die Aus­bil­dung zum/zur Per­sonal­dien­stleis­tungskauf­man­n/-kauf­frau schafft eine gute Grund­lage, um das Per­sonal­man­age­ment der Zeitar­beit­sun­ternehmen qual­i­ta­tiv hochw­er­tig zu gestal­ten und eine sachgerechte Kom­mu­nika­tion mit dem Ein­satz­be­trieb zu fördern.
  • Erwerb von Ken­nt­nis­sen im Arbeitss­chutz durch Dispo­nen­ten in ziel­grup­pen­spez­i­fis­chen Sem­i­naren der VBG
Ken­nt­nisse über die Arbeit­splätze und Bedin­gun­gen im Unternehmen:
  • Bege­hung vor Ort
  • die Arbeits­be­din­gun­gen, Belas­tun­gen und Gefahren vor Ort iden­ti­fizieren und benötigte Qual­i­fika­tio­nen erfassen
  • Über­prü­fung der Arbeitss­chutz­maß­nah­men vor Ort, Ausstat­tung der Schutzausrüstung
  • Zuständi­ge Auf­sichtsper­so­n­en und Fach­per­son­al kennenlernen
  • Unter­weisung mit Unternehmen abstimmen
Auswahl von Zeitarbeitnehmern/innen:
  • Nutzung von Auswahlver­fahren, um die Pass­ge­nauigkeit von Qual­i­fika­tion und Tätigkeit zu gewährleisten
  • Grundle­gende Schutzaus­rüs­tung auf Basis der Gefährdungs­beurteilung zur Ver­fü­gung stellen (Lärm­schutz, Arbeitss­chutzschuhe, Handschuhe)
  • Grundle­gende Unter­weisung bere­its vor Arbeits­be­ginn durchführen
  • Betreu­ung während des Anstellungsverhältnisses
  • Kon­trolle der Arbeits­be­din­gun­gen während der Tätigkeit
  • Entwick­lungsmöglichkeit­en aufzeigen
2.2 Empfehlun­gen für Einsatzbetriebe
Ger­ade im Auf­schwung brauchen die Ein­satz­be­triebe kurzfristig Per­son­al. Zur Präven­tion von Unfällen sollte bere­its in der Pla­nungsphase fol­gen­des beachtet werden:
  • Pla­nung mit aus­re­ichen­der Vorlaufzeit
  • sorgfältige Auswahl der Zeitarbeitsfirma
  • Beschrei­bung des Arbeit­splatzes, der Tätigkeit, der Belas­tun­gen und Gefährdun­gen sowie der geforderten Quali- fika­tio­nen und medi­zinis­chen Voraussetzungen
  • Bege­hung des Arbeit­splatzes mit dem Disponenten
Vor Beginn des Einsatzes:
  • Infor­ma­tion an Sicher­heits­fachkräfte, Betrieb­särzte und Aufsichtsperson
  • Train­ing der Führungskräfte/Personalverantwortlichen (Wertschätzung, Inte­gra­tion von Zeitarbeitnehmern/innen)
  • Infor­ma­tion an die Stammbelegschaft
An den ersten Tagen des Personaleinsatzes:
  • Direk­te Kom­mu­nika­tion mit den „Neuen“: Begrüßung, Vorstel­lung, Ein­weisung und Unterweisung
  • Ver­ständ­nis für die Anwen­dung von Arbeitss­chutz­maß­nah­men schaffen
  • Inte­gra­tion in den gesamten Ablauf des Betriebes
  • Inte­gra­tion in das betriebliche Gesundheitsmanagement
  • Kon­trolle der Ein­hal­tung der Arbeitss­chutz­maß­nah­men und des richti­gen Anwen­dens der Schutzausrüstung
  • Beru­fliche Per­spek­tiv­en trans­par­ent kom­mu­nizieren und Entwick­lungsmöglichkeit­en anbieten
  • Abschlussge­spräch mit Zeitar­beit­sun­ternehmen und Beschäftigten
2.3 Präven­tion­san­sätze für die beteiligten Personengruppen
Fachkräfte für Arbeitssicherheit
Um Gefährdungs­beurteilun­gen zu erstellen und entsprechend Unter­weisun­gen durchzuführen, müssen Fachkräfte für Arbeitssicher­heit in den Über­las­sungs-prozess involviert wer­den. Zudem sollte über­prüft wer­den, welche Arbeitss­chutzaus­rüs­tung auf Basis der Gefährdungs­beurteilung benötigt wird und ob sie bess­er durch das Zeitar­beit­sun­ternehmen oder den Ein­satz­be­trieb bere­it­gestellt wer­den soll. Entschei­dend für den Erfolg von Unter­weisun­gen der Beschäftigten sind die ziel­grup­pen­spez­i­fis­che Anpas­sung der Unter­weisung an die Vor- und Sprachken­nt­nisse, der Zeit­punkt der Unter­weisung vor Beginn der Tätigkeit und die Kon­trolle des unter­wiese­nen Verhaltens.
Mate­r­i­al zur Unterstützung:
  • Gefährdungs­beurteilungs- und Unter­weisungskonzept (Vorschlag dazu z.B. in GRAziL-Toolbox)
  • Muster­be­trieb­svere­in­barung „Lei­har­beit­nehmer + Arbeitss­chutz“ (GRAziL)
Die Fachkräfte für Arbeitssicher­heit der Zeitar­beit­sun­ternehmen berat­en die Zeitar­beit­sun­ternehmen hin­sichtlich der Inte­gra­tion der Arbeitss­chutza­spek­te in den Über­las­sung­sprozess und unter­stützen Per­son­alentschei­dungsträger bei den Arbeitsplatzbesichtigungen.
Mate­r­i­al zur Unterstützung:
VBG Fach­wis­sen „Zeitar­beit – sich­er, gesund und erfol­gre­ich – Leit­faden für die Gestal­tung der Arbeit­sor­gan­i­sa­tion“ Betriebsräte
Im Rah­men des GRAziL-Pro­jek­ts sind einige Mate­ri­alien speziell für Betrieb­sräte entwick­elt worden:
  • Check­liste zur Auswahl von Zeitarbeitsunternehmen
  • Muster­be­trieb­svere­in­barung „Arbeits- und Gesund­heitss­chutz bei Leiharbeit“
  • Leit­faden „Beteili­gungsstrate­gie Betrieb­srat in Entleihunternehmen“
  • Gle­ich­stel­lung von Stamm­belegschaft und Zeitar­beits­belegschaft; Equal Treatment-Monitor
Betrieb­särzte
  • Arbeitsmedi­zinis­che Betreu­ung beschränkt sich nicht nur auf die direk­ten Ange­bote für Beschäftigte, son­dern soll nach ASiG der Beratung des Unternehmers (und der Führungskräfte) in arbeitsmedi­zinis­chen Fragestel­lun­gen dienen. Daher ist Betreu­ung sowohl im Ein­satz­be­trieb, als auch im Zeitar­beit­sun­ternehmen erforder­lich. Die Anzahl der Zeitar­beit­nehmer, die im Ein­satz-betrieb beschäftigt wer­den, sollen daher bei der Ermit­tlung der erforder­lichen Betreu­ungszeit­en im Ein­satz­be­trieb mit­gerech­net wer­den. (Anhang 1 zu § 2 DGUV Vorschrift 2). Bei arbeitsme­di-zinis­ch­er Vor­sorge ist die vorherige Abstim­mung zwis­chen Ein­satz­be­trieb und Zeitar­beit­sun­ternehmen ein wichtiger Punkt, der in der Arbeitss­chutzvere­in­barung geregelt wird.
  • Betrieb­särzte der Ein­satz­be­triebe be- nöti­gen Infor­ma­tio­nen über den Ein-satz von Zeitarbeitnehmern/innen in ihrem Betrieb, nur so kön­nen sie dies bei ihrer Betreu­ung inhaltlich und quan­ti­ta­tiv berücksichtigen.
  • Durch die Mitwirkung bei der Unter­weisung kann der Betrieb­sarzt ins­beson­dere auf mögliche physis­che und psy­chis­che Gesund­heits­fol­gen der Tätigkeit­en hinweisen.
  • Hin­weise auch in der arbeitsmedi­zinis­chen Empfehlung „Zeitar­beit“ des BMAS (Her­aus­ge­ber: Bun­desmin­is­teri­um für Arbeit und Soziales, Refer­at Infor­ma­tion, Pub­lika­tion, Redak­tion, 53107 Bonn, vom März 2014).
Beschäftigte
Auch die Beschäftigten selb­st sind in der Ver­ant­wor­tung, für ihre Sicher­heit und Gesund­heit am Arbeit­splatz zu sor­gen. In erster Lin­ie kön­nen sie sich über Zeitar­beits­fir­men informieren. Noch vor Beginn der Tätigkeit soll­ten sie erfra­gen, welche Sicher­heitsvorkehrun­gen für die Tätigkeit rel­e­vant sind und welche Maß­nah­men zur Arbeitssicher­heit vom Arbeit­ge­ber getrof­fen werden.
Lesen Sie bitte auch in der näch­sten Aus­gabe, was zum The­ma „Berufs­be­d­ingte Verkehrsteil­nahme“ emp­fohlen wird.
1 In diesen zweit­en Teil fließen auch die Ergeb­nisse ein­er Lit­er­aturstudie ein, die von Dipl.-Psych. Maja Gül­tekin erstellt wurde.
Autoren
Dipl.-Ing. Carsten Zöl­ck Leit­er Sachge­bi­et Zeitar­beit im Fach­bere­ich Ver­wal­tung der VBG
Dipl.-Handelslehrer Michael Peters Leit­er des Bere­ich­es „Ler­nen und elek­tro­n­is­che Medi­en“ in der Abteilung Forschung und Beratung des IAG E‑Mail: michael.peters@dguv.de
Anzeige
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Webinar
Meistgelesen
Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 5
Ausgabe
5.2021
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 5
Ausgabe
5.2021
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de