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„Na, wie jeht et?“ – „Och, jans jut!“

Sturzunfälle vermeiden
„Na, wie jeht et?“ – „Och, jans jut!“

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Was in der Über­schrift vielle­icht wie der Ein­stieg in eine rheinis­che Büt­tenrede klingt, kann die let­zte Antwort vor einem fol­gen­re­ichen, bisweilen tragis­chen Sturz auf rutschigem Boden sein. Von daraus entste­hen­den Kosten und per­sön­lichen Mühen ganz zu schweigen.

Dipl.-Ing. Her­bert J. Joka

Dieser Win­ter hat­te es bere­its bis Jahre­sende 2010 in sich. Er brachte Erken­nt­nisse und warf Fra­gen auf. Dann beispiel­sweise, wenn man mit Blick eines Sicher­heitsin­ge­nieurs im Unternehmen vom ord­nungs­gemäß betriebe­nen Fir­men­gelände in den öffentlichen Raum wechselte.
Risiko im öffentlichen Raum
Schla­gar­tig von der organ­isiert-struk­turi­erten Ord­nung und Sicher­heit im Betrieb nach „draußen“, in die absolute Unsicher­heit. Dort trifft man bisweilen auf Chaos, gepaart mit ver­mei­d­barem Risiko für Leib und Leben. Wer es auf dem Betrieb­s­gelände in Sachen Räum- und Sicherungspflicht­en allzu leg­er nimmt, der kann schneller als gedacht und mit Recht die Kon­se­quen­zen zu spüren bekom­men, denn die „BG“ ste­ht dann ganz schnell mit der Kripo auf der Matte.
Ging man im Win­ter 2010/2011 notge­drun­gen auf öffentlichen Wegen, irri­tierte neben der unter­schiedlichen kom­mu­nalen Räu­mungsstrate­gie so manche freigegebene bauliche Gestal­tung des Unter­grunds. Optisch zwar ideen­re­ich und handw­erk­lich schön umge­set­zt, aber sicher­heit­stech­nisch-funk­tion­al einzig als „lebens­bedrohliche Tret­mine“ zu beze­ich­nen. Oft genug der Grund für unvorherse­hbare und fol­glich nicht kon­trol­lier­bare Stürze.
Purzel­nde ältere Damen mit reich­lich beansprucht­en Schutzen­geln, steck­enge­bliebene Rol­la­toren mit ermat­teten Senioren und in der Bewe­gungs­fähigkeit eingeschränk­te Men­schen, die mit Gehil­fen ver­sucht­en, zum Lebens­mit­tel­laden durchzukom­men, gehörten zum bit­teren All­t­ag dieses Win­ters … viele hat­ten zum Jahreswech­sel mächtig viel Glück!
Und auch wenn Gehwege „geräumt“ wur­den, war das bisweilen sog­ar riskan­ter, als wenn man die Schneedecke belassen hätte, diese bei Eis­bil­dung mit einem Eis-Pick­el bear­beit­et und danach mit Gran­u­lat bestreut hätte.
Denn, je nach ver­bautem Mate­r­i­al war festzustellen, dass die jahreszeitlich unver­mei­d­bare Feuchte auf dem Boden zu einem Aqua­plan­ing-Effekt auch für pro­fes­sionell besohlte Fußgänger führte. Selb­st „Profipro­file“ müssen vor einem niedri­gen Reibko­ef­fizien­ten des Boden­be­lags passen.
Bedin­gun­gen für Materialauswahl
Man kann sich des Ein­drucks nicht erwehren, dass bei der Auswahl der zu ver­bauen­den Boden­ma­te­ri­alien und ‑ele­mente die Rei­hen­folge des Auf­tragge­bers so auss­chauen kön­nte: Man geht vom architek­tonis­chen Konzept über die Bau­pla­nung hin zur Bestel­lung, lässt sich die Bemusterung­steile kom­men, disku­tiert diese im war­men und trock­e­nen Besprechungsraum, bezieht sich auf in Lis­ten fest­ge­hal­tene Mess- oder Laborken­nwerte und trifft auf dieser Basis die Entschei­dung für die Bestellung.
Denn anders ist es von der Logik her nicht zu erk­lären, wie es in den zwei beispiel­haft dargestell­ten Fällen zu mas­siv­en Prob­le­men in Sachen Rutschsicher­heit kom­men konnte:
In dem einen Fall – bei ein­er großen inter­na­tionalen Ver­sicherungs­ge­sellschaft – wur­den von einem Bauträger glatt struk­turi­erte Mess­ing­plat­ten in die Boden­plat­ten eingear­beit­et und im öffentlichen Raum ver­legt. Selb­st leichte Boden­feuchte wirkt da wie Schmier­seife. Von der ersten doku­men­tierten Mel­dung Ende Novem­ber 2010 – bei ordentlichem Niesel­re­gen – bis zur behelf­s­mäßi­gen Besei­t­i­gung des akuten Rutsch­prob­lems durch die dem Unternehmen vorgeschla­gene Ver­legung von Dach­pappe (s. Abb. 3) – während der akuten, mas­siv­en Schneesi­t­u­a­tion – vergin­gen einige Wochen, begleit­et von deut­lichen Hin­weisen. Es stellte sich übri­gens bei den weit­eren Recherchen her­aus, dass die Fläche von einem Gen­er­alun­ternehmer bewirtschaftet wird und nicht von der Ver­sicherung selbst …
Das ist ein Beispiel dafür, dass Bauher­ren in die Pflicht genom­men wer­den müssen, die beauf­tragten Unternehmen regelmäßig zu verpflicht­en, der­ar­tige rutschan­fäl­lige Kon­struk­tio­nen – und seien sie auch noch so hüb­sch anzuse­hen – aus mech­a­nis­ch­er Sicht auszuschließen. Dazu gehört aber auch, dass die Behör­den eine regelmäßige Abnahme des öffentlichen Raums vornehmen müssen, bei der die schlecht­est möglichen Wet­terbe­din­gun­gen berück­sichtigt wer­den. Also keine Abnahme per Check­liste oder bei schönem Wet­ter, son­dern mit einem schriftlichen Beleg gegenüber der Behörde, in dem auch zu doku­men­tieren ist, wer im Schadens­fall haft­bar zu machen ist.
Fehler vom Bauamt?
Aber auch auf städtis­chem Grund scheint der Optik gele­gentlich mehr Bedeu­tung beigemessen zu wer­den, als den nüchter­nen tech­nisch-physikalis­chen Randbe­din­gun­gen. Ein aktuelles Beispiel aus dem Jahre 2010 von einem Biowochen­markt zeigt, dass man auch dort gefährlich einkaufen kann. Weniger wegen der Pro­duk­te, son­dern vielmehr auf­grund des Zus­tands des öffentlichen Verkehr­swegs. So wur­den – für das Som­mer­gesicht eines exponierten Platzes – eine Rei­he von Gran­it-ähn­lichen Plat­ten mit ein­er Fontaine in der Mitte im Boden ver­legt, umran­det von einem zwei Zen­time­ter hohen Rah­men aus Mess­ing (s. Abb. 3). In der war­men Jahreszeit ist das Risiko ger­ing, dort auszu­rutschen, weil entwed­er Hunde sich ihren heißen Bauch über den sprudel­nden Wasser­fontä­nen kühlen oder kleinere Kinder mit Gum­mistiefeln mit dem Wass­er spielen.
Im Herb­st jedoch, wer­den die Wasser­spiele gedeck­elt, wobei der met­al­lene Abschluss nicht in der Ebene der Stein­plat­te ist. Wenn dann noch, wie im Bild (siehe Abb. 2, ober­er Teil) doku­men­tiert, eine nicht nachzu­vol­lziehende Ver­legung der elek­trischen Leitung in der Nähe der ruhen­den Fontaine ohne Stolper­schutz quer über den Fußweg geht, heißt das im Klar­text: Entwed­er inter­essiert es die Händler nicht, ihnen fehlt das Ver­ständ­nis oder ihre Unter­weisung ist unzure­ichend. Merk­würdig ist bei dem „Standensem­ble“ übri­gens auch gewe­sen, dass sich die Stände auf den geräumten Flächen posi­tion­ierten, während die Pas­san­ten auf eisigem Unter­grund gehen mussten. Diese Sit­u­a­tion wird für die Kom­mune aber dann zu einem Prob­lem, wenn jemand entwed­er auf der Plat­te aus­rutscht, ins Straucheln gerät oder ins Straucheln kommt und direkt auf der Stein­plat­te aufschlägt.
Für ältere Men­schen ist so etwas in sehr vie­len Fällen eine per­sön­liche Tragödie. Aber auch für im Erwerb­sleben ste­hende Erwach­sene – wie der bedauer­liche Fall eines Aach­en­er Jour­nal­is­ten an einem anderen Ort belegt – kön­nen infolge von Stürzen mit bru­tal­en Kon­se­quen­zen betrof­fen sein. Unglück­lich auf den Kopf gefall­en, Monate lang fern der Heimat klin­isch und reha­bil­i­ta­tiv behan­delt, beste­ht Hoff­nung, dass der Jour­nal­ist 2011 halb­wegs wieder ins nor­male Leben zurück­kehren kann.
Das Beispiel verdeut­licht, dass ger­ade den Kon­se­quen­zen von Stürzen eine organ­isatorisch angemessenere Aufmerk­samkeit zu Teil wird und dass für dieses The­ma grund­sät­zlich in der Bevölkerung mehr Bewusst­sein geschaf­fen wer­den muss.
Autor
Dipl.-Ing. Her­bert J. Joka, MBA (RWTH/HSG)
Jour­nal­ist und Pub­lizist, Aachen
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