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Normgerecht, aber (lebens)gefährlich!

Wie sicher sind Steigschutzeinrichtungen?
Normgerecht, aber (lebens)gefährlich!

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Ob Ser­vicetech­niker ein­er Winden­ergiean­lage oder Höhen­ret­ter der Feuer­wehr: Sie alle haben ein Inter­esse daran, sich­er ihren Arbeit­splatz in großer Höhe zu erre­ichen. Hierzu bedi­enen sie sich in der Regel Leit­ern, an denen eine Steigschutzein­rich­tung instal­liert ist. Doch etliche dieser Sys­teme sind, obwohl nor­mgerecht, nicht sich­er — dies kann fatale Auswirkun­gen haben.

Bei diesen Sicher­heit­sein­rich­tun­gen gegen Absturz han­delt es sich meis­tens um Anla­gen, welche nach der europäis­chen Norm EN 353–1 geprüft und zuge­lassen sind. Oft ist es dem Benutzer jedoch nicht bewusst, dass von vie­len dieser Anla­gen, selb­st bei kor­rek­ter Benutzung, eine große Gefahr aus­ge­hen kann.
Die europäis­che Norm EN 353–1:2002 für Absturzsicherung ste­ht unter schar­fer Kri­tik. Nach schw­eren Unfällen wird immer klar­er, dass die aktuellen Bes­tim­mungen und Bau­muster­prü­fun­gen nicht aus­re­ichen, um zuver­läs­sige Sicher­heits­stan­dards für die Schutzaus­rüs­tung, ins­beson­dere für Auf­fang­geräte, festzule­gen. Regelt die Norm nur die bes­tim­mungs­gemäße Ver­wen­dung, d.h. dass das Sys­tem streng nach den Vor­gaben des Her­stellers ver­wen­det wird, so soll­ten in die Prü­fung auch Szenar­ien ein­fließen, in denen der Anwen­der die per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung vorherse­hbar anders ein­set­zt. Dies ist z.B. eine verän­derte Kraftein­wirkung, wie sie beim Hin­tenüber­fall­en ein­tritt, die Anwen­dung bei ein­er über­hän­gend instal­lierte Anlage sowie ein nicht kor­rekt angelegter Auf­fang­gurt. Weit­er­hin bere­it­en seitlich­es Her­aus­beu­gen aus dem Steig­weg (s. www.bgetem.de/bilder/pdf/teilabsturz_ auf_einer_steigleiter.pdf) und das Greifen nach dem Verbindungsmit­tel eben­falls Prob­leme. All dies sind Fak­toren, die von Experten bei herkömm­lichen Absturzsicherungssys­te­men seit län­gerem als Sicher­heit­srisiko erkan­nt wur­den. Eine voll­ständi­ge Über­ar­beitung der Norm EN 353–1 wäre daher sin­nvoll. Sollte die Norm zurück­ge­zo­gen wer­den, gäbe es keine ein­heitlichen Vorschriften mehr und jedes Prüfin­sti­tut kön­nte eigene Regeln auf­stellen. Dies würde zu ein­er weit­eren Verun­sicherung des Anwen­ders führen, da die gebotene Sicher­heit von Sys­tem zu Sys­tem weit­er­hin stark vari­ieren würde.
Doch wie eine verbesserte Norm die oben beschriebe­nen Män­gel beseit­i­gen kann, darüber sind sich die europäis­chen Behör­den noch nicht einig. Einige Her­steller von Sicher­heit­saus­rüs­tun­gen sind jedoch auf diesem Gebi­et bere­its einen Schritt weiter.
Der Stand der Technik
Heute gängige Steigschutzein­rich­tun­gen beste­hen aus ein­er fes­ten Führungss­chiene, in der ein Auf­fang­gerät mitläuft. Mit diesem Gerät ist die Steig­per­son durch einen Auf­fang­gurt ver­bun­den. Der Sper­rmech­a­nis­mus funk­tion­iert meist nach dem Rückenzugprinzip.
Im Auf­fang­gerät befind­et sich eine Fed­er, die den Block­ier­mech­a­nis­mus in eine ver­riegelte Posi­tion drückt. Der Benutzer erbringt eine Zugkraft ent­ge­gen der Fed­erkraft auf den Block­ier­mech­a­nis­mus und hält diesen in ein­er entriegel­ten Posi­tion, so dass das Auf­fang­gerät beim Auf- und Absteigen nicht an den Fan­gras­ten der Schiene hän­gen bleibt. Wenn die Per­son im Falle eines Absturzes nach unten fällt, würde dann die Zugkraft des Benutzers aufge­hoben. Die Span­nung der Fed­er aktiviert den Block­ier­mech­a­nis­mus. Eine Sper­rklinke rastet in die Fan­gras­ten der Schiene ein, der Sturz wird aufgefangen.
Geschwindigkeit — Maß der Dinge
Nach Ver­suchen und Tests stell­ten sich Schwächen bei dem durch Rück­zugskraft aus­lösenden Sys­tem her­aus. Ver­liert die Per­son zum Beispiel mit bei­den Hän­den den Halt an der Leit­er und fällt hin­tenüber, kann die Zugkraft der Fed­er nicht mehr wirken und der Sper­rmech­a­nis­mus wird nicht aus­gelöst. Auch das Greifen nach dem Auf­fang­gerät oder Ver­schmutzung beein­trächti­gen die Funk­tion erheblich.
Ein neues Sys­tem müsste an einem Punkt anset­zen, der einen Absturz ein­deutig von einem Abstieg unter­schei­det: der Geschwindigkeit. Denn egal aus welch­er Posi­tion eine Per­son abstürzt, durch die Schw­erkraft wird der Kör­p­er beschle­u­nigt. Ein Sper­rmech­a­nis­mus, der auf eine erhöhte Geschwindigkeit reagiert, würde jeden Absturz aufhal­ten und das Sicher­heit­srisiko min­imieren können.
Inno­va­tion in Tech­nik und Prüfmethoden
Her­steller entwick­el­ten unter­schiedliche Ansätze um den Geschwindigkeits­fak­tor für die Sicher­heit von Steigschutzsys­te­men zu nutzen. Die Grund­struk­tur mit ein­er Schiene mit fes­ter Führung, einem Läufer, einem Auf­fang­gurt und dem Auf­fang­gerät mit Sper­rklinke bleibt unverän­dert. Der Ein­satz von inno­v­a­tiv­er Tech­nik am zen­tralen, empfind­lich­sten Punkt des Sys­tems, dem Auf­fang­gerät, schließt beste­hende Sicherheitslücken.
Derzeit gibt es zwei Her­steller und Pro­duk­te (Pro­duk­t­na­men: Twin­stop und Speed), die eine Kom­bi­na­tion aus dem herkömm­lichen Aus­lösen des Sper­rmech­a­nis­mus durch Rücken­zug und einem geschwindigkeitsab­hängi­gen Mech­a­nis­mus entwick­elt haben.
Bei dem einen Sys­tem ver­hin­dert die Kon­struk­tion des Läufers, dass eine bes­timmte Max­i­malgeschwindigkeit über­schrit­ten wird. Sollte dies jedoch bei einem Absturz geschehen, wird eine Fliehkraft­bremse aus­gelöst, die die Sper­rklinke in die Schiene drückt. Die Per­son wird aufge­fan­gen, ein Absturz verhindert.
Das andere Sys­tem set­zt auf ein­fache Mechanik. Eine Tas­trolle im Auf­fang­gerät über­fährt eine Fan­graste in der Schiene. Beim Über­fahren wird eine Sper­rklinke in die Schiene gedrückt, die bei nor­maler Geschwindigkeit anschließend wieder durch eine Fed­er zurück­gestellt wird. Ist die Geschwindigkeit wie z.B. im Falle eines Absturzes zu groß, fed­ert die Sper­rklinke in der kurzen Zeit nicht zurück und block­iert an der näch­sten Fan­graste. Dieses geschwindigkeitsab­hängige Sicher­heitssys­tem wird zusät­zlich durch Rücken­zug abgesichert.
Die Her­steller sind nicht nur im Bere­ich der tech­nis­chen Entwick­lun­gen aktiv. Auch in Bezug auf Prüfmeth­o­d­en von Sicher­heitssys­te­men haben sie die Ini­tia­tive ergrif­f­en. Denn die nach der Norm EN 353–1 durchge­führten Tests sind keine Garantie für absolute Sicher­heit. Auch viele der herkömm­lichen Steigschutzsys­teme, welche noch immer die aufge­führten Sicher­heitsmän­gel aufweisen, sind nach diesen Tests sicher.
Dies führt zu fol­gen­der Prob­lematik: Möchte der Anwen­der Klarheit über die Sicher­heit des von ihm ver­wen­de­ten Sys­tems, so ist er zur Zeit gezwun­gen, sich beim Her­steller über die möglichen Risiken zu informieren, da diese meist nicht in der Bedi­enungsan­leitung beschrieben werden.
Erst durch neue Prüfmeth­o­d­en wur­den diese Män­gel über­haupt aufgedeckt. So testen bes­timmte Her­steller ihre Pro­duk­te zum Teil schon mit Meth­o­d­en, die über das vorgeschriebene Maß hin­aus­ge­hen und ein Anhalt­spunkt für neue Sicher­heits­stan­dards sein kön­nten. Einige Her­steller haben auf die Kri­tik an den herkömm­lichen Sys­te­men reagiert und auch gehan­delt. Nun ist es an den nationalen und europäis­chen Behör­den, Geset­ze zu schaf­fen, die die neuen Sicher­heits­stan­dards durch­set­zen. Let­ztlich ste­hen ger­ade sie in der Pflicht, den größt­möglichen Schutz des Anwen­ders zu gewährleisten.
Denn eines sollte immer im Mit­telpunkt stehen:
Der Men­sch, der sich auf seine Sicher­heit­saus­rüs­tung ver­lassen muss!
Autor
Markus Hahne, Aus­bilder für Höhen­ret­tung, Feuer­wehr Güter­sloh E‑Mail: m.hahne@gmx.net
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