Startseite » Fachbeiträge » Archiv SI »

Substitutionsprüfung bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen

Pflicht, Aufwand und Nutzen
Substitutionsprüfung bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen

Anzeige
Sub­sti­tu­tion beze­ich­net den Ersatz eines Gefahrstoffes oder Ver­fahrens durch einen Arbeitsstoff oder ein Ver­fahren mit ein­er ins­ge­samt gerin­geren Gefährdung für die Beschäftigten. Die Sub­sti­tu­tion­sprü­fung ist nach Gef­Stof­fV 2010 eine Grundpflicht. Sie ist außer­dem Teil der Gefährdungs­beurteilung, die für jede Tätigkeit mit Gefahrstof­fen durchzuführen ist. Dies scheint klar und ein­fach, doch in der Prax­is ergeben sich immer wieder Fra­gen und Unsicher­heit bzgl. der Umsetzung.

Dr. Clau­dia Carl

Rechtliche Situation

In der Gef­Stof­fV sind fol­gende Verpflich­tun­gen festgeschrieben.
  • 1. Bei der Gefährdungs­beurteilung ist eine Sub­sti­tu­tion­sprü­fung für alle Gefahrstoffe durchzuführen (§6 (1)).
  • 2. Das Ergeb­nis der Sub­sti­tu­tion­sprü­fung ist zu doku­men­tieren (§6 (8)); dies ist nicht erforder­lich bei ein­er nur gerin­gen Gefährdung nach §6 (11).
  • 3. Die Sub­sti­tu­tion eines gefährlichen Stoffes durch einen weniger gefährlichen bzw. die Anwen­dung eines emis­sion­särmeren Ver­fahrens ist als vor­rangige Schutz­maß­nahme anzuwen­den (§7 (3))
In der TRGS 600 Sub­sti­tu­tion, die als bekan­nt gegebene Regel nach §7 Gef­Stof­fV zu beacht­en ist, find­et der Arbeit­ge­ber detail­lierte Angaben zur Vorge­hensweise für die Ermit­tlung, Prü­fung, Entschei­dung und Doku­men­ta­tion. Allerd­ings ist diese TRGS – als eine der weni­gen – noch nicht an die Gef­Stof­fV 2010 angepasst; sie bezieht sich noch auf die Bes­tim­mungen der Gef­Stof­fV 2005. Dies macht es für den Anwen­der manch­mal schwieriger, am Prinzip der Sub­sti­tu­tion ändert das jedoch nichts. Wider­sprüche in bei­den Rechtsvorschriften ergeben sich lediglich, wenn bei der Gefährdungs­beurteilung als Ergeb­nis eine geringe Gefährdung fest­gestellt wurde.
Ziel der Sub­sti­tu­tion ist es, die Gefährdung bei allen Tätigkeit­en mit Gefahrstof­fen zu beseit­i­gen oder auf ein Min­i­mum zu reduzieren. Dieses Min­imierungs­ge­bot ist eben­falls eine generelle Grundpflicht nach §7 GefStoffV.
Sub­sti­tu­tion­ser­mit­tlung

Voraussetzungen für die Substitutionsprüfung

Um die Sub­sti­tu­tion­sprü­fung durch­führen zu kön­nen, müssen die gefährlichen Eigen­schaften aller Gefahrstoffe ermit­telt und in einem Gefahrstof­fverze­ich­nis aufge­führt wer­den. Dies ergibt einen ersten Überblick über die Gefahren. Dabei sind zu unter­schei­den und zu ermitteln:
  • Akute Gesund­heits­ge­fahren
  • Chro­nis­che Gesundheitsgefahren
  • Physikalisch-chemis­che Gefahren (Brand- und Explosionsgefahren)
  • Umwelt­ge­fahren
Neben diesen gefährlichen Eigen­schaften, die zu den Gefahrstof­fen „gehören“ (intrin­sis­che Eigen­schaften), haben noch andere Para­me­ter (manch­mal sog­ar entschei­den­den) Ein­fluss auf die Gefährdung, die bei der Sub­sti­tu­tion­sprü­fung zu beacht­en sind:
  • Das Freiset­zungsver­hal­ten der Gefahrstoffe
  • Das Arbeitsver­fahren
Erst wenn alle Para­me­ter bekan­nt sind, macht es Sinn mit der Sub­sti­tu­tion­sprü­fung zu beginnen.
Dabei ist – ins­beson­dere bei ein­er Vielzahl von Gefahrstof­fen – eine Pri­or­itäten­liste sin­nvoll. Kri­te­rien für eine Pri­or­ität sind:
  • Stoffe mit beson­ders gefährlichen Eigen­schaften (z.B. akut tox­isch oder krebserzeugend)
  • Ein­satz großer Men­gen eines Gefahrstoffes
  • Hohe Anzahl von Beschäftigten, die mit den Stof­fen arbeiten
In der Prax­is stellt sich die Frage: Gibt es einen Ersatzstoff oder ein Ersatzver­fahren, von dem gerin­gere Gefährdun­gen aus­ge­hen? Wenn ja, wie sieht das aus? Und kann ich dieses für das vorge­se­hene Pro­duk­tionsver­fahren auch anwenden?

Informationsquellen zur Substitution

Es gibt eine Vielzahl von Infor­ma­tion­squellen, die Sub­sti­tu­tion­s­möglichkeit­en aufzeigen. Die erste Infor­ma­tion­squelle sind die Tech­nis­chen Regeln Gefahrstoffe (TRGS) der Rei­he 600; diese TRGS sind zwin­gend anzuwen­den. Es kön­nen auch andere gle­ich­w­er­tige Schutz­maß­nah­men ergrif­f­en wer­den. Dies muss dann aber in der Gefährdungs­beurteilung doku­men­tiert und begrün­det wer­den, warum von den in den TRGS beschriebe­nen Maß­nah­men abgewichen wird. Zurzeit gibt es zehn Ersatzstoff-TRGS (siehe Kasten).
Außer­dem wer­den vom Län­der­auss­chuss für Arbeitss­chutz und Sicher­heit­stech­nik (LASI) und den Beruf­sgenossen­schaften Empfehlun­gen zur Sub­sti­tu­tion veröffentlicht.
Als Beispiele seien genannt:
  • LV 24 Umgang mit Lösemit­teln im Sieb­druck Hand­lungsan­leitung für die Gefährdungs­beurteilung nach der Gefahrstof­fverord­nung – VSK-TRGS 420
  • BGI 664 Ver­fahren mit geringer Expo­si­tion gegenüber Asbest bei Abbruch‑, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten

Substitutionsprüfung

Nicht für alle Gefahrstoffe beziehungsweise Tätigkeit­en mit Gefahrstof­fen gibt es Muster­lö­sun­gen oder eine Hand­lung­shil­fe. Dann müssen die Gefährdun­gen durch die Tätigkeit mit dem Gefahrstoff und mögliche Ersat­zlö­sun­gen ermit­telt und geprüft wer­den, von welchem Stoff eine gerin­gere Gefährdung aus­ge­ht. Dies kann manch­mal recht ein­fach sein, näm­lich wenn es für einen akut tox­is­chen Stoff als Ersatzstoff einen Stoff mit „nur“ reizen­den Eigen­schaften gibt und sich an den Randbe­din­gun­gen nichts ändert. Bei der Tätigkeit mit dem akut tox­is­chen Stoff ist eine höhere Gefährdung zu erwarten als beim Arbeit­en mit dem reizen­den Stoff.
Schwieriger wird es, wenn der Ersatzstoff zwar gerin­gere tox­is­che Eigen­schaften hat, dafür aber einen wesentlich niedrigeren Flamm­punkt und damit eine höhere physikalisch-chemis­che Gefährdung aufweist.
Oft aber lässt sich nicht auf den ersten Blick erken­nen, ob die Sub­sti­tu­tion­slö­sung die gefährdungsärmere Alter­na­tive ist. Hier kann das Spal­ten­mod­ell hil­fre­ich sein.

Das Spaltenmodell

Das Spal­ten­mod­ell ist in der Anlage der TRGS 600 beschrieben und als eines der bei­den möglichen Ver­fahren anzuwen­den, wenn es keine all­ge­meine Empfehlung für eine Sub­sti­tu­tion­s­möglichkeit gibt oder die Bew­er­tung der Gefährdung nicht ein­deutig ist. Es ermöglicht einen schnellen Ver­gle­ich von Stof­fen und Gemis­chen. Es betra­chtet – getren­nt – fol­gende Gefährdun­gen, die jew­eils eine Spalte bilden:
  • Akute Gesund­heits­ge­fahren
  • Chro­nis­che Gesundheitsgefahren
  • Physikalisch-chemis­che Gefahren
  • Umwelt­ge­fahren
  • Freiset­zungsver­hal­ten
  • Arbeitsver­fahren
In jed­er Spalte gibt es fünf Abstu­fun­gen von Gefährdungen:
  • Sehr hohe
  • Hohe
  • Mit­tlere
  • Geringe
  • Ver­nach­läs­sig­bare
Die Ermit­tlung der gefährlichen Eigen­schaften wird durch die R‑Sätze vorgenom­men, wie in dem vere­in­facht­en Schema dargestellt ist (aus­führliche Darstel­lung in Anlage 2 der TRGS 600).
Bei der Sub­sti­tu­tion­sprü­fung darf der Fokus nicht nur auf den gefährlichen Eigen­schaften liegen; ins­beson­dere kann das Freiset­zungsver­hal­ten für die Sub­sti­tu­tion­sentschei­dung auss­chlaggebend sein. So lange ein Stoff nicht freige­set­zt wird und nicht in die Atem­luft der Beschäftigten gelan­gen kann, ist die Gefährdung rel­a­tiv ger­ing; denn eine Gesund­heits­ge­fährdung beste­ht nur dann, wenn ein Gefahrstoff vom Kör­p­er aufgenom­men wird.
Die bei­den wichtig­sten Para­me­ter für das Freiset­zungspoten­zial sind Siedepunkt (bzw. Dampf­druck) und der Aggre­gatzu­s­tand (Fest­stoff, Flüs­sigkeit, Gas); beim Fest­stoff ist noch das Staubungsver­hal­ten zu betrachten.
Auch das Ver­fahren spielt eine wichtige Rolle. Das Ver­sprühen eines gesund­heitss­chädi­gen­den Stoffes stellt zum Beispiel für die Mitar­beit­er unter Umstän­den eine höhere Gefahr dar als die Ver­wen­dung von kreb­serzeu­gen­den Stof­fen in einem geschlosse­nen System.
Die Anwen­dung des Spal­ten­mod­ells set­zt eine hin­re­ichende Ken­nt­nis der Stoffe und des betra­chteten Ver­fahrens voraus. Daher sind aus­sage­fähige Sicher­heits­daten­blät­ter und/oder ergänzende Infor­ma­tio­nen erforder­lich, aus denen die wichtig­sten stoff­be­zo­ge­nen Dat­en zu den gefährlichen Eigen­schaften und dem Freiset­zungspoten­zial her­vorge­hen. Zusät­zlich ist das angewen­dete Ver­fahren zu betra­cht­en. Sind diese Para­me­ter für bei­de Stoffe ermit­telt, lässt sich manch­mal rel­a­tiv leicht entschei­den, ob von dem Ersatzstof­f/-ver­fahren eine gerin­gere Gefährdung aus­ge­ht (siehe Abb. auf Seite ??). Schnei­det der Ersatzstoff aber in eini­gen Spal­ten bess­er, in anderen schlechter ab, dann ist zu bew­erten, welche Gefahr im Einzelfall eine höhere Gewich­tung hat (siehe Abb. auf Seite ??). Dabei kann das Ver­fahren den Auss­chlag geben; eine hohe Stof­fge­fährdung kann zum Beispiel durch ein geeignetes Ver­fahren (geschlossene Anlage) entschärft wer­den und sich dadurch für die Tätigkeit eine ins­ge­samt gerin­gere Gefährdung ergeben.
Ein zweites Mod­ell, eben­falls in Anlage 2 der TRGS 600 beschrieben, ist das Wirk­fak­toren­mod­ell. Es geht im Gegen­satz zum Spal­ten­mod­ell nicht von der Ein­stu­fung des Gemis­ches aus, son­dern berück­sichtigt anteilig alle Inhaltsstoffe und deren Einstufung.
Grund­lage des Wirk­fak­toren­mod­ells ist die Zuord­nung eines Wirk­fak­tors zu jedem R‑Satz (je höher die Gefahr, desto größer der Wirk­fak­tor). Für jeden Inhaltsstoff wird der Wirk­fak­tor ermit­telt und mit dem jew­eili­gen prozen­tualen Anteil des Stoffes im Gemisch mul­ti­pliziert. Die Summe aller ermit­tel­ten men­gen­normierten Wirk­fak­toren ergibt dann den Gesamtwirkfaktor.
WZ = WA x PA + WB x PB + WC x PC +…
Mit PA, PB, PC,…… = Prozentsatz/100
und WA,WB,WC,…. = Wirk­fak­toren der einzel­nen Stoffe.
Die Formel wird in der Regel nicht so ein­fach anzuwen­den sein, da die Prozent­ge­halte der einzel­nen Stoffe in einem Gemisch sel­ten genau angegeben wer­den. Bei Konzen­tra­tionss­pan­nen liegt der Gesamt­ge­halt eines Gemis­ches oft über 100%, bei fehlen­den Angaben meist unter 100%. Im ersten Fall ist nicht auf 100% zurück­zurech­nen, im zweit­en Fall muss auf 100% hochgerech­net wer­den. Diese und weit­ere Fein­heit­en kön­nen in der TRGS nachge­le­sen werden.
Ein Ver­gle­ich der ermit­tel­ten Gesamtwirk­fak­toren der unter­sucht­en Gemis­che kann bei der Entschei­dung über eine Sub­sti­tu­tion hil­fre­ich sein; ist das Ver­hält­nis der bei­den Wirk­fak­toren >10, so sollte der Stoff mit dem kleineren Wirk­fak­tor zum Ein­satz kommen.
Das Wirk­fak­toren­mod­ell erlaubt eine ver­gle­ichende Gefährdungsab­schätzung allerd­ings nur hin­sichtlich der gesund­heitss­chädlichen Eigen­schaften bei Gemischen.
Im Gegen­satz zum Spal­ten­mod­ell, das sowohl nach dem alten Ein­stu­fungs- und Kennze­ich­nungssys­tem für Stoffe und Gemis­che als auch nach dem neuen CLP-Sys­tem angewen­det wer­den kann, gibt es für die H‑Sätze noch keine (veröf­fentlicht­en) Wirkfaktoren.
Das Spal­ten­mod­ell wurde inzwis­chen von dem Insti­tut für Arbeitss­chutz (IFA) der Deutschen Geset­zlichen Unfal­lver­sicherung (DGUV) auf CLP umgestellt.

Kritische Betrachtung der Modelle

Während das Wirk­fak­toren­mod­ell sich in der Prax­is (noch) nicht so durchge­set­zt hat, da es doch recht aufwändig ist, wer­den Sub­sti­tu­tion­sprü­fun­gen häu­fig anhand des Spal­ten­mod­ells durchge­führt. Doch ist auch hier immer eine kri­tis­che Betra­ch­tung des Ergeb­niss­es ange­bracht, beziehungsweise sollte im Vor­feld über­legt wer­den, ob für den poten­ziellen Ersatzstoff die gle­iche Daten­lage bezüglich der gefährlichen Eigen­schaften vorhan­den ist oder ob es gravierende Daten­lück­en gibt. Liegen keine Prüf­dat­en zur
  • akut tox­is­chen,
  • reizen­den,
  • haut­sen­si­bil­isieren­den,
  • erbgutverän­dern­den Wirkung oder
  • zur Wirkung bei wieder­holter Exposition
vor oder find­en sich im Sicher­heits­daten­blatt keine aus­sagekräfti­gen Hin­weise, dass diese Gefahren nicht zu erwarten sind, so müssen sie angenom­men und entsprechend berück­sichtigt werden.
Wenn ein möglich­er Ersatzstoff gefun­den wurde, der aber Daten­lück­en aufweist, so kann natür­lich der Ersatzstoff neu bew­ertet wer­den, in dem die entsprechen­den Eigen­schaften als vorhan­den betra­chtet wer­den, aber am kon­se­quentesten und besten ist es, diesen Ersatzstoff nicht weit­er in Erwä­gung zu ziehen.
Ein Beispiel, wie ein Ersatzstoff die ver­meintlich ein­deutige bessere Alter­na­tive ist, ist N‑Ethyl-2-pyrroli­don (NEP) als Ersatzstoff für N‑Methyl-2-pyrro­lidin (NMP). Die repro­duk­tion­stox­is­che Wirkung von NMP ist nachgewiesen und bekan­nt. Der mit NMP ver­wandte Stoff NEP, der die gle­ichen guten Eigen­schaften als Lösemit­tel, ins­beson­dere für Far­ben und Lacke hat, gilt nur als poten­ziell repro­duk­tion­stox­is­ch­er Stoff, und das auch erst seit kurzem. Es verdicht­en sich aber Hin­weise, dass die schädlichen Wirkun­gen von NEP denen von NMP in nichts nach­ste­hen; der Stoff ist nur noch nicht hin­re­ichend unter­sucht. Inzwis­chen gibt es schon Betriebe, die von NEP gän­zlich wieder abgerückt sind, und für diesen Stoff wiederum Ersatzstoffe gefun­den haben.

Substititionsentscheidung

Voraus­set­zung für die Entschei­dung über eine Sub­sti­tu­tion ist, dass die Ermit­tlung das Vorhan­den­sein ein­er Ersat­zlö­sung ergeben hat. Ist dies der Fall, so muss der Ersatzstoff oder das Ersatzver­fahren min­destens die bei­den fol­gen­den Bedin­gun­gen erfüllen:
  • Die Ersat­zlö­sung ver­ringert die Gefährdung.
  • Die Ersat­zlö­sung ist tech­nisch geeignet.
Dann greifen fol­gende Regelungen:
  • Gibt es eine Ersatzstoff-TRGS oder eine gle­ichgestellte Empfehlung, muss die Sub­sti­tu­tion­s­möglichkeit umge­set­zt werden.
  • Bei Tätigkeit­en mit gifti­gen, sehr gifti­gen, kreb­serzeu­gen­den, erbgutverän­dern­den oder frucht­barkeits­ge­fährden­den (Kat­e­gorie 1 und 2) Gefahrstof­fen muss eine Sub­sti­tu­tion immer erfol­gen, wenn Alter­na­tiv­en tech­nisch möglich sind und zu ein­er ins­ge­samt gerin­geren Gefährdung der Beschäftigten führen.
  • Bei den anderen Stof­fen kön­nen bei der Entschei­dung über die Sub­sti­tu­tion die wirtschaftlichen Kri­te­rien berück­sichtigt wer­den. Wer­den die Kosten durch die Sub­sti­tu­tion pos­i­tiv bee­in­flusst, muss die Ersat­zlö­sung einge­set­zt werden.

Ersatzstoff gefunden – Einsatz um jeden Preis?

Oft sind Ersatzstoffe teur­er als die bere­its gängi­gen Stoffe; dies wird dann als Grund ange­führt, den Ersatzstoff nicht zu nehmen, was auch geset­zeskon­form ist. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Denn bei einem Stoff mit ein­er gerin­geren Gefährdung sind im All­ge­meinen auch weniger Schutz­maß­nah­men erforder­lich; die Folge: Die Kosten für Maß­nah­men sind geringer.
Weit­ere Fak­toren, die Ein­fluss haben kön­nen, sind:
  • Trans­portkosten
  • Lagerkosten
  • Entsorgungskosten

Dokumentation

Da die Sub­sti­tu­tion­sprü­fung Teil der Gefährdungs­beurteilung ist, welche doku­men­tiert wer­den muss, ist auch zu doku­men­tieren, dass die Sub­sti­tu­tion­sprü­fung erfol­gt ist. Die Doku­men­ta­tion ist nur dann nicht erforder­lich, wenn nur eine geringe Gefährdung vorliegt.
Die Art der Doku­men­ta­tion ist nicht vorgeschrieben; zwei Möglichkeit­en bieten sich an:
  • 1. Im Gefahrstoffverzeichnis
  • 2. Als Teil der Gefährdungsbeurteilung
Aber auch ein ver­gle­ichen­der Ein­trag im Spal­ten­mod­ell ist möglich; let­z­tendlich kann die Sub­sti­tu­tion­sprü­fung auch frei for­muliert wer­den, was aber bei vie­len Stof­fen zu aufwändig wäre.
Doku­men­tiert wer­den muss, dass die Sub­sti­tu­tion­sprü­fung erfol­gt ist sowie das Ergeb­nis dieser Prü­fung. Dafür kön­nen stan­dar­d­isierte Sätze genom­men wer­den, zum Beispiel:
  • Keine Möglichkeit­en ein­er Substitution
  • Möglichkeit­en ein­er Sub­sti­tu­tion sind
  • Lösung ist bere­its Ersat­zlö­sung (Sub­sti­tu­tion wurde durchgeführt)
Oft ist für die Ersatzstoff­suche auch Recherc­hear­beit erforder­lich. Wird keine Möglichkeit ein­er Sub­sti­tu­tion gefun­den, müssen bei kreb­serzeu­gen­den, erbgutverän­dern­den und frucht­barkeits­ge­fährden­den Stof­fen der Kat­e­gorie 1 und 2 die Quellen angegeben wer­den, in denen gesucht wurde.
Wird bei ein­er möglichen Ersat­zlö­sung nicht sub­sti­tu­iert, so erfordert dies eine Begrün­dung; dies gilt aber nur für Tätigkeit­en mit Stof­fen, bei denen zusät­zliche oder ergänzende Maß­nah­men (§§9 und 10 Gef­Stof­fV) erforder­lich sind und bet­rifft ins­beson­dere hautre­sorp­tive und augen- und hautschädi­gende sowie kreb­serzeu­gende, erbgutverän­dernde und frucht­barkeits­ge­fährdende Stoffe der Kat­e­gorie 1 und 2. Auch diese Doku­men­ta­tion kann über Stan­dard­sätze erfolgen:
  • Ersat­zlö­sung tech­nisch nicht geeignet, weil …
  • Ersat­zlö­sung ver­ringert Gefährdung nicht aus­re­ichend, weil …
  • Ersat­zlö­sung betrieblich nicht geeignet, weil…
  • Ersat­zlö­sung ein­geleit­et, erneute Prü­fung bis …

Ersatzstoffprüfung – eine permanente Aufgabe für alle Stoffe?

Die Sub­sti­tu­tion­sprü­fung ist zur Zeit eine Grundpflicht, also für alle Gefahrstoffe anzuwen­den. Den­noch entste­hen in der Prax­is einige Fragen:
  • Wann muss nach ein­er erfol­gten Prü­fung erneut geprüft werden?
  • Muss bei ein­er erfol­gten Sub­sti­tu­tion der Ersatzstoff erneut auf den Prüf­s­tand, wenn dieser gefährliche Eigen­schaften hat, und wenn ja, nach welch­er Zeitspanne?
  • Macht es wirk­lich Sinn, eine Ersatzstoff­prü­fung vorzunehmen, wenn das Ergeb­nis der Gefährdungs­beurteilung zeigt, dass eine nur geringe Gefährdung vorliegt?
  • Wie kann bei ein­er gerin­gen Gefährdung nachgewiesen wer­den, dass die Prüf­pflicht einge­hal­ten wurde, wenn dies nicht zu doku­men­tieren ist?
Man darf ges­pan­nt sein, ob und wie diese und andere Erfahrun­gen aus der Prax­is bei der Nov­el­lierung der Gef­Stof­fV in 2015 Berück­sich­ti­gung finden.

Zusammenfassung

Die Sub­sti­tu­tion­sprü­fung und ‑durch­führung ist eine wichtige und notwendi­ge Maß­nahme für die Min­imierung der Gefährdung bei Tätigkeit­en mit Gefahrstof­fen; sie ist noch vor allen anderen Maß­nah­men zu ergreifen. Oft­mals ist sie ein­fach durchzuführen, da es zahlre­iche Pub­lika­tio­nen zu Ersatzstof­fen, Ersatzver­fahren sowie Hand­lungsan­leitun­gen gibt. Aber auch wenn die Prü­fung zeitaufwändig ist, kann sie sich in vie­len Fällen lohnen, da dadurch Maß­nah­men über­flüs­sig wer­den und somit Kosten gesenkt wer­den kön­nen. Den­noch lässt der Geset­zge­ber den Arbeit­ge­bern Spiel­räume, wenn die Sub­sti­tu­tion auf die Kosten neg­a­tive Auswirkun­gen hat, nimmt ihn aber auch in die Pflicht, wenn von Stof­fen hohe Gefährdun­gen ausgehen.
Autorin
Dr. Clau­dia Carl
Sicher­heit­stech­nik Zen­trum Hannover
B.A.D Gesund­heitsvor­sorge und Sicherheitstechnik

Beispiel Siebdruckerei

3219539

In ein­er Sieb­druck­erei wurde der Raum für die Sieb­waschan­lage als Ex-Bere­ich eingestuft, da eine explo­sions­fähige Atmo­sphäre auf Grund der Eigen­schaften des Siebreinigers nicht aus­geschlossen wer­den kon­nte. Außer­dem mussten die Beschäftigten Atem­schutz tra­gen, da bei vie­len Tätigkeit­en (Öff­nen der Anlage, Her­aus­nehmen der Siebe, Abfüllen von Reiniger etc.) eine Expo­si­tion nicht zu ver­mei­den war. An kosten­in­ten­siv­en Schutz­maß­nah­men fie­len an:
  • Ex-geschützte Aus­führung aller Betriebsmittel
  • Elek­trische Prü­fung der Betrieb­smit­tel im Ex-Bereich
  • Atem­schutz­masken
  • Arbeitsmedi­zinis­che Vor­sorge­un­ter­suchun­gen der Beschäftigten
Der gefun­dene Ersatzstoff hat zwar in 3 von 5 Spal­ten eine iden­tis­che Gefahrene­in­stu­fung, die bei­den entschei­den­den Kri­te­rien Freiset­zungspoten­zial (der Dampf­druck des Ersatzstoffes ist < 1/10 des ersten Stoffes) und die physikalisch-chemis­chen Eigen­schaften (Flamm­punkt 110°C statt 44°C) führen zu ein­er ins­ge­samt wesentlich gerin­geren Gefährdung. Fol­gen: Es muss kein Atem­schutz mehr getra­gen wer­den und der Raum ist nicht mehr Ex-Bere­ich. Trotz der erhe­blich höheren Kosten für den Ersatzstoff und des leicht erhöht­en Ver­brauchs lohnt sich wegen des Fort­falls der oben genan­nten Schutz­maß­nah­men der Ein­satz des Ersatzstoffes allein schon finanziell; die Mitar­beit­erzufrieden­heit kommt als weit­er­er pos­i­tiv­er Fak­tor hinzu.
Anzeige
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Meistgelesen

Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 11
Ausgabe
11.2020
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 11
Ausgabe
11.2020
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de