Startseite » Fachbeiträge » Archiv SI »

PSA mit mehre­ren Schutz­fak­to­ren nach­hal­tig einset­zen

Interview mit Dipl.-Ing. Wolfgang Quednau: Praxisrelevanz ist die Basis
PSA mit mehre­ren Schutz­fak­to­ren nach­hal­tig einset­zen

Anzeige
Die Richt­li­nie 89/656/ EWG aus dem Jahr 1989 legt die gesetz­li­chen Mindest­vor­schrif­ten bei Benut­zung persön­li­cher Schutz­aus­rüs­tun­gen fest. Darüber hinaus exis­tiert eine halbe Hundert­schaft an Normen für die Auswahl von PSA. Dennoch bleibt eine hohe Unsi­cher­heit bezüg­lich der Auswahl von PSA, die Multi-Normkleidung in den vergan­ge­nen Jahren zu einem Boom verhalf. Wolf­gang Qued­nau, Textil-Ingenieur und Mitglied in Normie­rungs­aus­schüs­sen, infor­miert im Gespräch mit Sicher­heits­in­ge­nieur über das Poten­zial multi­funk­tio­na­ler Schutz­be­klei­dung.

Herr Qued­nau, was verste­hen Sie unter Multi-Normkleidung?

Lassen Sie es mich so sagen: Fasst man den Begriff sehr eng, ist jede Klei­dung, die mehr als eine Norm erfüllt, eine Multi-Normkleidung. Es ist jedoch heute kein Hexen­werk, eine vernünf­tige Schutz­klei­dung anzu­bie­ten, die nach drei oder vier Normen zerti­fi­ziert ist. Hitze- und Flamm­schutz­klei­dung zum Beispiel, die das Zerti­fi­kat nach ISO 11611 und ISO 11612 trägt, zusätz­lich einen Anti­sta­tik­schutz für den Ex-Bereich bietet und sich für Arbei­ten unter Span­nung, entspre­chend VDE 0682–306–1–1 oder –2 eignet, ist sinn­voll und sehr gut zu reali­sie­ren. Streng genom­men erfüllt sie damit bereits fünf Normen.
Allge­mein wird unter Multi-Normkleidung jedoch Klei­dung verstan­den, die acht oder sogar zehn Normen erfüllt. Diese Klei­dung trägt in der Regel Zerti­fi­kate aus sehr unter­schied­li­chen Berei­chen, die von chemi­schen über ther­mi­sche bis hin zu mecha­ni­schen Gefähr­dun­gen reichen.
Das klingt nach einem geeig­ne­ten Präven­ti­ons­an­satz. Warum stehen Sie der Anschaf­fung von Multi-Normkleidung dennoch kritisch gegen­über?
Präven­tion ist ein sehr gutes Stich­wort. Klei­dung, die alles bietet vom Wetter‑, Warn- und Chemikalien- bis zum Hitze- und Flamm­schutz, eignet sich als vorbeu­gende Maßnahme. Aber: Was ist, wenn sie tatsäch­lich all diesen Risi­ken täglich und konti­nu­ier­lich ausge­setzt ist? Ihr Zerti­fi­zie­rungs­sta­tus bei der Anschaf­fung ist eine Sache. Die große Frage lautet: Ist die Klei­dung auch praxis­taug­lich?
Jeder Arbeitschutz-Experte weiß, wie facet­ten­reich Gefähr­dun­gen und wie unter­schied­lich hoch deren Eintritts-Risiko sein kann. Jeder Arbeits­platz ist unter­schied­lich! Das gilt selbst für Unter­neh­men der glei­chen Bran­che. Arbeit­ge­ber oder Einkäu­fer, die weni­ger vertraut sind mit den Rahmen­be­din­gun­gen des Arbeits­schut­zes, können durch das Anprei­sen einer Klei­dung, die vielen Normen entspricht, meinen, sie schütze auch effi­zi­ent gegen ebenso viele Gefähr­dun­gen. Das ist aber nicht der Fall. Je mehr Anfor­de­run­gen zu erfül­len sind, desto schwie­ri­ger wird es, faser- und gewe­be­tech­nisch spezi­fi­sche Anfor­de­run­gen auf einem hohen Niveau zu erfül­len. In der Regel senkt sich analog zu der Anzahl der Schutz­fak­to­ren das Niveau der einzel­nen Schutz­fak­to­ren. Bei der Auswahl von Schutz­klei­dung ist es daher sinn­voll zu hinter­fra­gen, ob eine Klei­dung, die auf den ersten Blick so viel kann, auch tatsäch­lich benö­tigt wird. Und sich erst mit der real vor Ort vorlie­gen­den Gefähr­dung zu befas­sen, um gezielt Prio­ri­tä­ten in der Risi­ko­mi­ni­mie­rung zu setzen. Hier ist das Wissen der Sicher­heits­fach­kraft gefragt.
Inwie­weit können Normen helfen?
Sie sind eine gute Orien­tie­rung. Aber man darf die Erfül­lung von Normen nicht mit einem ausrei­chen­den Schutz vor Gefähr­dun­gen gleich­set­zen. Das wäre zwar sehr einfach, ist aber so nicht rich­tig. Eine Norm ist eine Orien­tie­rungs­hilfe. Sie ist eine Orien­tie­rung für die Auswahl von PSA, eine Art Einstiegs­an­for­de­rung. Mehr aber nicht. Denn obwohl an die 50 PSA-relevante Normen im Umlauf sind, können diese nicht jeden Bedarf in der Praxis abde­cken. Doch genau darum geht es: Den Anfor­de­run­gen am realen Arbeits­platz gerecht zu werden. Eine nach Typ 6 zerti­fi­zierte Chemi­ka­li­en­schutz­klei­dung ist ein hervor­ra­gen­des Beispiel. Sie trägt die Zerti­fi­zie­rung EN 13034 – Schutz­klei­dung gegen flüs­sige Chemi­ka­lien. Wer sich nicht genauer mit den tatsäch­li­chen Inhal­ten der Norm auskennt, könnte nun meinen: Ich verwende Chemi­ka­li­en­schutz­klei­dung. Ergo: Diese Klei­dung schützt meine Mitar­bei­ter gegen Chemi­ka­lien. Das stimmt nur sehr bedingt, denn die von der Klei­dung für die Zerti­fi­zie­rung zu erfül­lende Eingangs­an­for­de­rung lautet: Im Rahmen der Prüfung nach Typ 6 muss ihre Bestän­dig­keit gegen­über einer von vier Chemi­ka­lien nach­ge­wie­sen werden! Ob die Klei­dung also vor den Chemi­ka­lien, mit denen in meiner Produk­tion oder meinem Labor umge­gan­gen wird, eben­falls schützt, ist nicht gewähr­leis­tet!
Darüber hinaus gibt es eine große Vari­anz der Schutz­funk­tion, die durch Konzen­tra­tion und Tempe­ra­tur einer Chemi­ka­lie bedingt ist. Welche Schutz­klei­dung sich im konkre­ten Fall eignet, kann ausschließ­lich bezo­gen auf die am Arbeits­platz einge­setz­ten Chemi­ka­lien unter Berück­sich­ti­gung ihrer Konzen­tra­tion und der Tempe­ra­tur abge­fragt werden.
Sehr vorsich­tig sollte man sein, wenn eine Chemi­ka­li­en­schutz­klei­dung gleich­zei­tig laut Zerti­fi­kat als geeig­net für Schwei­ßen und verwandte Verfah­ren ausge­zeich­net ist. Es gibt derzeit kein Gewebe, das sehr gut gegen konzen­trierte Säuren schützt und sich gleich­zei­tig zur Schwei­ß­er­schutz­klei­dung mit schwe­rer Bean­spru­chung eignet. Eigen­schaf­ten des Gewe­bes, die Chemi­ka­li­en­be­stän­dig­keit zu verbes­sern, verschlech­tern seine Resis­tenz gegen Schweiß­fun­ken und –perlen. Im Klar­text: Die Klei­dung geht leich­ter kaputt und dann ist der Schutz dahin.
Was ist aber, wenn wirk­lich mehrere Gefähr­dun­gen gleich­wer­tig vorlie­gen? Nehmen wir einen Mitar­bei­ter, der im Außen­ge­lände Schweiß­ar­bei­ten durch­führt. Wie kann er sich ausrei­chend schüt­zen?
Lassen Sie mich vorweg eines deut­lich unter­strei­chen: Klei­dung ist als persön­li­che Schutz­maß­nahme immer nur eine Möglich­keit, einen Mitar­bei­ter zu schüt­zen. Eine tech­ni­sche Lösung oder eine orga­ni­sa­to­ri­sche Lösung ist immer mit Vorrang zu betrach­ten. Eine Klei­dung mit dem Drei­fach­fak­tor Warn‑, Wetter- und Schwei­ß­er­schutz ist in diesem Fall nur auf den ersten Blick eine gute Lösung. Es gibt sehr gute PSA für den Einsatz bei Schweiß­ar­bei­ten. Doch: Ein Gewebe, das die Anfor­de­run­gen an Warn­schutz­klei­dung erfüllt, ist zwar perfekt mit Wetter­schutz kombi­nier­bar, doch es ist abso­lut unge­eig­net für Schweiß­ar­bei­ten. In dieser Situa­tion ist kritisch zu hinter­fra­gen: Welche Gefähr­dung, welches Risiko steht im Vorder­grund und welche ande­ren Möglich­kei­ten habe ich, um diese Gefähr­dun­gen auszu­schlie­ßen? In dieser Situa­tion kann der Warn­schutz zum Beispiel durch einen Besatz mit erhöh­ter Erkenn­bar­keit oder eine sicht­bare Absper­rung des Arbeits­be­rei­ches erreicht werden.
Hier ein zwei­tes Beispiel aus der Praxis: In einer Produk­tion von Alumi­ni­um­pro­fi­len bestand die Gefähr­dung, dass Alumi­ni­um­sprit­zer auf die Hosen­beine der Mitar­bei­ter gelan­gen konn­ten. Man hätte das Verbren­nungs­ri­siko durch die Art der Schutz­klei­dung mini­mie­ren können. Um jedoch ausrei­chend vor flüs­si­gem Alumi­nium zu schüt­zen, wäre der Trage­kom­fort dieser Hosen extrem nied­rig gewe­sen. Und unbe­queme Klei­dung ist immer eine schlechte Voraus­set­zung für guten Schutz, weil sie ungern und daher oft nicht unter­wei­sungs­ge­mäß von den Mitar­bei­tern getra­gen wird. Die tatsäch­li­che Lösung ist viel einfa­cher ausge­fal­len: Ein auf dem Boden befes­tig­tes Blech schließt die Gefahr, von den Sprit­zern getrof­fen zu werden, komplett aus. Eine sehr gute und einfa­che tech­ni­sche Lösung.
Was raten Sie den Prak­ti­kern, für die Auswahl der opti­ma­len PSA?
Es bleibt bei der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung als Basis: Wenn ich die Bedin­gun­gen am Arbeits­platz eines Mitar­bei­ters genau analy­siere, können bestimmte Risi­ken bereits durch tech­ni­sche oder orga­ni­sa­to­ri­sche Lösun­gen ausge­schlos­sen werden und Prio­ri­tä­ten für die Anfor­de­run­gen an die erfor­der­li­che Klei­dung gesetzt werden. Weni­ger, aber dafür opti­male Schutz­fak­to­ren bieten in der Regel mehr Sicher­heit. Vor allen Dingen unter dem Aspekt der Nach­hal­tig­keit.
In dieser Hinsicht beob­achte ich übri­gens eine sehr vernünf­tige Entwick­lung: Die Wachs­tums­zah­len bei Schutz­klei­dung liegen zwar ganz klar im Multi-Normbereich, aber das Verständ­nis für das Wesent­li­che wächst. Nach einer ersten Eupho­rie findet bei den Arbeitsschutz-Profis eine Rück­be­sin­nung auf das wirk­lich Rele­vante statt.
Wie defi­niert sich Nach­hal­tig­keit bei Schutz­be­klei­dung?
Berück­sich­tigt man die vorhin genann­ten Vorzei­chen, liegt es auf der Hand, dass nach acht oder sogar zehn Normen zerti­fi­zierte Schutz­klei­dung in der Diszi­plin Nach­hal­tig­keit oft nur Plätze in den hinte­ren Rängen belegt. Lassen Sie mich als Beispiel einen weit­ver­brei­te­ten Disput zwischen Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit und der Abtei­lung Einkauf anfüh­ren. Bei der Anschaf­fung von PSA wird viel­fach über den Preis disku­tiert. Für die Wirt­schaft­lich­keit von PSA ist aber ihre Funk­tio­na­li­tät ausschlag­ge­bend. Es wird durch­aus preis­werte Multi-Normkleidung ange­bo­ten. Sie muss aber nicht zwin­gend wirt­schaft­lich sein, wenn sie erstens in den wirk­lich rele­van­ten Risi­ko­be­rei­chen nicht ausrei­chend schützt und zwei­tens einen hohen Verschleiß aufweist. Die Anschaf­fung ist eine Sache. Das andere rele­vante Krite­rium – sowohl hinsicht­lich Sicher­heit als auch Kosten – ist ihre Halt­bar­keit. Hier sind die folgen­den Fragen in die Wirt­schaft­lich­keits­be­rech­nung einzu­be­zie­hen: Wie hoch sind Reparatur‑, Nachrüstungs- und Ersatz­kos­ten der Klei­dung?
Es gibt keinen guten lang­fris­ti­gen Schutz im einma­li­gen Sonder­an­ge­bot. Aber es exis­tie­ren Schutz­klei­dungs­kon­zepte und passende Wartungs­mo­delle, die sich rech­nen, weil sie ihre Träger konti­nu­ier­lich effi­zi­ent schüt­zen.
Anzeige
News­let­ter

Jetzt unse­ren News­let­ter abon­nie­ren

Meistgelesen

Jobs
Sicher­heits­be­auf­trag­ter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 8
Ausgabe
8.2020
ABO
Sicher­heits­in­ge­nieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 7
Ausgabe
7.2020
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de