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Psyche, Körper, Arbeitsschutz und Ergonomie

Psyche? – Ja gerne! Erst recht im Arbeits­schutz

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In letz­ter Zeit tritt verstärkt die Psyche des Menschen auch in den Hori­zont des Arbeits­schut­zes. Forde­run­gen nach entspre­chen­den Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen sind sogar unlängst gesetz­lich fest­ge­schrie­ben worden. Damit wird regu­la­to­risch fest­ge­legt, was eine Selbst­ver­ständ­lich­keit ist, aber aufgrund eines schie­fen Menschen­bil­des verlo­ren gegan­gen ist.

Dr. Gerald Schnei­der [1]

Land­auf, landab erschei­nen in diver­sen Medien immer wieder Berichte zu psychi­schen Erkran­kun­gen oder Belas­tun­gen im Zusam­men­hang mit der beruf­li­chen Tätig­keit. Ohne dabei näher zu beden­ken, dass die psychi­sche Situa­tion eines Menschen ein komple­xes Gewebe aus indi­vi­du­el­len Proble­men und Eigen­schaf­ten, beruf­li­chen Belas­tun­gen sowie gesell­schaft­li­chen Trends und Rahmen­be­din­gun­gen ist [2], wird oft mono­kau­sal die Arbeit als auslö­sen­des Agens ange­pran­gert.
Dabei wird in den meis­ten Fällen die psychisch stabi­li­sie­rende Rolle von Arbeit nicht näher disku­tiert und der Eindruck erweckt, es handele sich um ein neues Phäno­men, das im Rahmen der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung geson­dert zu betrach­ten und der Arbeits­schutz in dieser Hinsicht zu vervoll­stän­di­gen ist.
Tatsäch­lich sind arbeits­be­dingte psychi­sche Belas­tun­gen nicht neu: Sie sind mindes­tens seit Anfang des 19 Jahr­hun­derts nach­weis­bar und aus alten Arbeits­be­schrei­bun­gen rekon­stru­ier­bar [3]. Darüber hinaus war allen Fach­leu­ten bereits bei der Einfüh­rung des Arbeits­schutz­ge­set­zes (ArbSchG) 1996 klar, dass es sich auch auf psychi­sche Belas­tun­gen bezieht, auch wenn diese nicht expli­zit erwähnt wurden. Inso­fern ist die Ergän­zung des ArbSchG von 2013 nur die als notwen­dig erach­tete expli­zite Klar­stel­lung eines an sich schon bekann­ten Tatbe­stan­des. Es handelte sich nicht um eine fach­li­che Auswei­tung des Geset­zes.
Der Autor selbst hat bereits 1997 seine erste Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tun­gen in einem Phar­ma­un­ter­neh­men durch­ge­führt und dabei auf noch heute gültige Metho­den und ausrei­chen­des Hilfs­ma­te­rial seitens der Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten zurück­ge­grif­fen. Bereits vor 50 Jahren, 1964, widmete ein Lehr­buch mit dem heute etwas merk­wür­dig klin­gen­den Titel „Der vorzei­tig verbrauchte Mensch“ [4] ein ganzes Kapi­tel diesem Thema. Darin wurden alle wesent­li­chen Probleme ange­spro­chen. Daher sind – poin­tiert ausge­drückt – die heuti­gen Diskus­sio­nen der hilf­lose Versuch, die Igno­ranz der letz­ten 20 Jahre zu kaschie­ren oder zu entschul­di­gen. Bereits damals konnte man, wenn man wollte. Aber man wollte nicht.
Aber warum wollte man nicht? Einen Grund kann man in der geis­tes­ge­schicht­li­chen Entwick­lung der letz­ten Jahr­hun­derte ausma­chen und wir müssen daher einen Exkurs machen, der in einem Heft über Arbeits­schutz eher unge­wöhn­lich ist.

Schie­fes Menschen­bild

„Psyche“ bezeich­net im Altgrie­chi­schen den „Atem“, den „Lebens­hauch“, wird aber auch als Kenn­zeich­nung des ganzen Menschen verstan­den. Ähnlich weit ist der Begriff „nefesch“ im Hebräi­schen, der eben­falls „Hauch“, aber eben auch „Geist“, „belebt“, „beseelt“ bedeu­ten kann.
In beiden Kultu­ren wird keine Unter­schei­dung zwischen Körper, leben­di­gem Menschen und Geist getrof­fen. Deut­lich wird dies in Mythen oder reli­giö­sen Schrif­ten, wie z. B. dem Alten Testa­ment. Im Schöp­fungs­be­richt schafft Gott den Menschen körper­lich aus Lehm und haucht ihm seinen Geist ein. Erst dadurch wird er ein „hayya nefesch“, ein beseel­tes Wesen. Aller­dings nicht in dem Sinne, dass beide – Mate­rie und Geist – im Menschen neben­ein­an­der koexis­tie­ren, sondern aus der Verbin­dung entsteht etwas Neues, etwas zuvor nicht dage­we­se­nes, das eine eigene Quali­tät besitzt und nicht in seine Elemente zerleg­bar ist.
In ähnli­cher Weise ist nur die Einheit von Männ­li­chem und Weib­li­chem der „ganze“ Mensch (Abb.1). Gott schuf den Menschen (Einzahl!) als Mann und Frau. So wie eine Münze zwei Seiten hat, aber ein Ganzes ist. Das jüdisch-christliche Menschen­bild geht also von einer untrenn­ba­ren Einheit von Körper und Geist und von einer Einheit männ­li­cher und weib­li­cher Eigen­schaf­ten aus. Ähnli­che Vorstel­lun­gen finden sich im alten Ägyp­ten, in den anti­ken vorder­ori­en­ta­li­schen Kultu­ren und in Grie­chen­land.
Diese religiös-mythischen Welt­bil­der sind aber keine ausge­dach­ten Konstrukte sondern beru­hen auf Beob­ach­tun­gen von Genera­tio­nen und haben „psycho­lo­gi­sche“ Lebens­er­fah­run­gen in sich aufge­nom­men. Es sind wissen­schaft­li­che Erkennt­nisse, denn die Kern­ele­mente wissen­schaft­li­chen Arbei­tens – Erfah­rung, Theo­rie­bil­dung und Ablei­tung neuer Thesen und Welt­sich­ten – waren schon damals gege­ben. Aller­dings wurden sie in einer Bilder­spra­che darge­stellt, die uns heute fremd ist.
Diese grund­sätz­li­che Einheit wurde aber spätes­tens in der Renais­sance zerbro­chen. René Descar­tes unter­schied 1644 die geis­tige „res cogi­tans“ und die mate­ri­elle „res extensa“ als gegen­sätz­li­che Pole des Menschen, die streng vonein­an­der getrennt zu betrach­ten sind. Erste­rer zeich­net den Menschen aus, den zwei­ten hat er mit den Tieren gemein­sam.
Diese Auftei­lung wird im Zeit­al­ter der Aufklä­rung und der zuneh­men­den Erklä­rungs­kraft einer mecha­nis­tisch orien­tier­ten Natur­wis­sen­schaft noch verschärft und endet letzt­end­lich in einem alles umgrei­fen­den Mate­ria­lis­mus, der sowohl körper­li­che als auch geis­tige Eigen­schaf­ten als aus der Mate­rie erklär­bar darstellt. Ein irgend­wie gear­te­ter „äthe­ri­scher“ oder gar gött­li­cher Geist wird nicht mehr benö­tigt [5].
Aller­dings passiert dabei etwas ganz Entschei­den­des: Die bei Descar­tes immer- hin noch geschlos­sene geis­tige Welt der „res cogi­tans“ wird gewis­ser­ma­ßen geteilt (Abb. 2). Nur das Denken, die „Ratio“ wird als der dama­li­gen „moder­nen“ Welt adäquat ange­se­hen. Das Irra­tio­nale, Dunkle, Aber­glaube und Glaube, das geis­tig Fremd­ar­tige und eben nicht einfach mecha­nis­tisch Erklär­bare wird beisei­te­ge­scho­ben und passt nicht in das helle, ratio­na­lis­ti­sche Welt­bild einer idea­li­sie­ren­den Menschen­sicht.
Und genau hier liegt zumin­dest eines unse­rer Probleme: Alles Psychi­sche wurde in den Bereich des Irra­tio­na­len und Fremd­ar­ti­gen „abge­scho­ben“.
Psychisch auffäl­lige Menschen hat es zu allen Zeiten gege­ben. Alte Texte liefern entspre­chende Hinweise und das gängige Erklä­rungs­mo­dell waren Dämo­nen, die den Menschen bewohn­ten und seine gott­hafte Eben­bild­lich­keit verdun­kel­ten oder stör­ten. Weise Menschen muss­ten diesen Dämon austrei­ben – dann war seine Gottes­eben­bild­lich­keit wieder herge­stellt, alles war gut.
Das änderte sich im Laufe des Mittel­al­ters als solche Auffäl­li­gen im wahrs­ten Sinne „verteu­felt“ und damit mit dem Gegen­spie­ler Gottes in Verbin­dung gebracht wurden. Im Laufe der Zeiten wurden entspre­chende Menschen an den Rand gedrängt, mit Dämo­nen und Hexen oder gar einer Reprä­sen­ta­tion des Teufels gleich­ge­setzt. Sie waren nicht mehr Eben­bil­der Gottes sondern „Helfer“ seines Gegen­spie­lers und die Prak­ti­ken der Exor­zis­ten, der Teufels­aus­trei­ber, waren hinrei­chend häufig erfolg­los, um das schon bestehende Urteil zu bestä­ti­gen. Der Betrof­fene war für immer und ewig verdammt.
Diese Schief­lage hat die Aufklä­rung nicht besei­tigt, wahr­schein­lich hätte sie es auch nicht gekonnt. Das führte aber dazu, dass psychisch kranke Menschen und dann alles was mit „Psyche“ zu tun hat, nega­tiv konno­tiert wurde, mit dem man nichts zu tun haben wollte. Auch die frühe Psycho­lo­gie und die Psycho­ana­lyse haben es nicht vermocht, dieses Bild zu brechen – und sie haben sicher durch viele merk­wür­dige Thesen auch dazu beigetra­gen, bestehende Vorur­teile zu verfes­ti­gen.
Das Ergeb­nis ist letzt­end­lich, dass wir heute locker über unsere Potenz- und Darm­pro­bleme via Twit­ter und Face­book plau­dern, wenn es aber an die Psyche geht, merk­wür­dig verschwie­gen und unge­hal­ten werden. Ein schie­fes Menschen­bild, dass körper­li­che Dinge als etwas Natür­li­ches, aber Psyche als etwas Abzu­weh­ren­des ansieht und auf krank­hafte Verän­de­run­gen redu­ziert, mit dem man nichts zu tun haben will und das einem selbst nicht wider­fah­ren darf.
Die immer noch massive Stig­ma­ti­sie­rung psychisch kran­ker Menschen [6] und die allge­meine Scheu, sich damit zu befas­sen, haben u.a. hierin ihre Gründe und dies ist im Arbeits­schutz genauso nach­wir­kend wie in ande­ren Lebens­be­rei­chen. So reagie­ren im betrieb­li­chen Kontext die einen mit „Wir sind doch nicht verrückt“ und die ande­ren mit „Mein Unter­neh­men ist kein Irren­haus“.

Das voll­stän­dige Bild

Die moderne Forschung hat diese Sicht schon lange über­wun­den. Körper und Psyche sind eine Einheit und das Wohl­erge­hen des einen hängt auch von dem ande­ren ab (Abb. 3). Dem Körper liegt eine bestimmte Physio­lo­gie zugrunde, deren Störung eine Krank­heit nach sich ziehen kann. Ebenso haben psychi­sche Prozesse gewis­ser­ma­ßen einen „Normal­be­trieb“, dessen Störung eine Erkran­kung oder Auffäl­lig­keit sein kann. Genauso wie bei körper­li­chen Beschwer­den. Nicht mehr, nicht weni­ger und eher die seltene Ausnahme als die Regel.
Das Nerven­sys­tem als mate­ri­elle Grund­lage psychi­scher Reak­tio­nen und die übri­gen Organe koope­rie­ren eng mitein­an­der und eine Tren­nung beider Berei­che ist nicht auszu­ma­chen und künst­lich. Depres­sio­nen z. B. können sowohl aufgrund rein psychi­scher Einwir­kun­gen als auch aufgrund rein orga­ni­scher Erkran­kun­gen entste­hen. Was jedoch den Fach­leu­ten klar sein sollte, hat sich bis zum „Normal­bür­ger“ häufig noch nicht rumge­spro­chen und in nicht weni­gen Fällen drängt sich der Verdacht auf, dass diese Tren­nung aus eigen­nüt­zi­gen Grün­den aufrecht­erhal­ten wird.
Dabei darf nicht über­se­hen werden, dass eine psychi­sche Belas­tung zunächst nichts Nega­ti­ves zu sein braucht. Belas­tun­gen im Verständ­nis des Arbeits­schut­zes sind neutrale Anfor­de­run­gen, die an einen Arbeit­neh­mer heran­ge­tra­gen werden. Erst wenn diese im Über­maß auftre­ten und/oder die jewei­lige Person nicht über genü­gende Unter­stüt­zung von außen oder aus sich heraus verfügt, kommt es zu nega­ti­ven Bean­spru­chun­gen und Bean­spru­chungs­fol­gen, die dann gele­gent­lich in eine Krank­heit münden. Auf der ande­ren Seite kann eine ausrei­chende Unter­stüt­zung und das rechte Maß an Belas­tung posi­tive Bean­spru­chungs­fol­gen haben: Erfolgs­er­leb­nisse, Hebung des Selbst­wert­ge­fühls, Aner­ken­nung durch Vorge­setzte und Kolle­gen etc.
Der nega­tive „Beigeschmack“ psychi­scher Belas­tun­gen ist nicht gerecht­fer­tigt. Im Körper­li­che ist das jedem klar: Wir gehen ins Sport­stu­dio, um uns syste­ma­tisch zu belas­ten und dadurch für Heraus­for­de­run­gen zu trai­nie­ren. Wenn wir es aber über­trei­ben, kann es in einem Muskel­riss enden. Belas­tung ist gut, dauer­hafte Über­be­las­tung ist schlecht.

Ein Arbeits­schutz­thema

Es ist klar, dass die Vertre­ter des Arbeits­schut­zes aus diver­sen Moti­ven psychi­sche Belas­tun­gen nicht hinrei­chend beach­tet haben. Es ist ebenso klar, dass dies geän­dert werden muss. Das heißt aber nicht, dass das Arbeits­schutz­sys­tem über­for­dert wäre und grund­sätz­lich zusätz­li­che Fach­leute in Paral­lel­pro­zes­sen die Psyche „aufar­bei­ten“ müss­ten.
Dabei ist noch einmal klar und deut­lich fest­zu­hal­ten: Bei der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tun­gen geht es nicht um die psychi­sche Situa­tion des Einzel­nen, sondern um die Verbes­se­rung von Arbeits­sys­te­men, die nach allge­mein gülti­gen wissen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen geeig­net sind, unnö­tige psychi­sche Belas­tun­gen hervor­zu­brin­gen oder notwen­dige Belas­tun­gen so zu verstär­ken, dass sie in nega­ti­ven Bean­spru­chungs­fol­gen münden.
Dementspre­chend beginnt die Opti­mie­rung psychi­scher Belas­tun­gen bereits im tech­ni­schen Arbeits­schutz, denn sichere und regel­mä­ßig geprüfte Arbeits­mit­tel vermit­teln auch ein Gefühl von Sicher­heit. Dies aber ist ein notwen­di­ges Grund­be­dürf­nis psychi­scher Gesund­heit. Sinn­volle Unter­wei­sun­gen und Schu­lun­gen eröff­nen Hand­lungs­op­tio­nen, befrie­di­gen das Infor­ma­ti­ons­be­dürf­nis der Arbeit­neh­mer, erhö­hen das Kontroll­ver­mö­gen und vermit­teln den Arbeit­neh­mern das Gefühl, dass ihre Sicher­heit und Gesund­heit ernst genom­men wird. [7]. Ergo­no­misch gestal­tete Arbeits­ab­läufe und Arbeits­mit­tel nehmen die Bedürf­nisse des Menschen auf und verwan­deln sie in ein opti­ma­les Ange­bot an den Mitar­bei­ter.
Arbeits­schutz in seiner jetzi­gen Form sichert daher die körper­li­che Gesund­heit arbei­ten­der Menschen und trägt allein dadurch zu einer Reduk­tion psychi­scher Belas­tun­gen und Bean­spru­chun­gen bei. Er fördert aber auch die psychi­sche Gesund­heit durch diverse unter­stüt­zende Prozesse, die sich nicht nur im rein Körper­li­chen auswir­ken. Selbst­ver­ständ­lich wird hier voraus­ge­setzt, dass die bestehen­den Möglich­kei­ten des Arbeits­schut­zes auch ausge­schöpft werden.
Daher ist die eher nega­tive Einschät­zung der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit in der sog. „SiFa-Langzeitstudie“ [8] in Bezug auf die psychi­schen Belas­tun­gen nicht gerecht­fer­tigt. Sie hängt nämlich davon ab, wie man „psychisch“ defi­niert bzw. welche Vorstel­lun­gen über Psyche kursie­ren. Nur weil Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit nicht wissen, dass sie zumin­dest indi­rekt zur psychi­schen Gesund­heit beitra­gen, heißt das noch lange nicht, dass sie es nicht tun. Inso­fern sind einer­seits Anfra­gen an die kate­go­ria­len Vorga­ben der Studie zu stel­len, ande­rer­seits werden die Mängel der bishe­ri­gen Ausbil­dungs­gänge deut­lich.
Aller­dings ist an dieser Stelle zu diffe­ren­zie­ren. Der gelebte Arbeits­schutz tritt in erster Linie als „Repa­ra­tur­sys­tem“ auf, denn in den meis­ten Fällen werden Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen erst weit nach Inbe­trieb­nahme eines Arbeits­sys­tems ausge­führt. Das hat zur Folge, dass nicht opti­mal gestal­tete Arbeit im Nach­hin­ein nur bedingt verbes­sert werden kann.
Deswe­gen ist eine weit­aus stär­kere Berück­sich­ti­gung ergo­no­mi­scher Forschung bei der Planung zukünf­ti­ger oder der Nach­rüs­tung bestehen­der Arbeits­sys­teme anzu­stre­ben. Im Vergleich zum eher punk­tu­ell gefähr­dungs­be­zo­ge­nen Arbeits­schutz, versteht sich die Ergo­no­mie als eine System­wis­sen­schaft, die physikalisch-technische Lösun­gen mit arbeits­psy­cho­lo­gi­schen Erkennt­nis­sen und medi­zi­ni­schem Wissen verbin­det und dabei den Blick auf den ganzen Menschen – also auf die Einheit aus Körper und Geist – rich­tet, sich also nicht auf eine reine „Schä­di­gungs­lo­sig­keit“ beschränkt.
Ergo­no­misch gut gestal­tete Arbeits­sys­teme „bedie­nen“ daher sowohl den Körper als auch den Geist. Ergo­no­mie ist die Wahr­neh­mung psychi­scher und körper­li­cher Bedürf­nisse des Menschen und deren Über­set­zung in technisch-organisatorische Möglich­kei­ten der Bedürf­nis­er­fül­lung.
Hier leis­ten Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit, Sicher­heits­in­ge­nieure und profes­sio­nelle Ergo­no­men schon seit langem hervor­ra­gende Arbeit, aller­dings ist die Eigen­wahr­neh­mung in diesem Punkt nicht ausrei­chend selbst­be­wusst.

Schnitt­stelle zum BGM

Mit der Forcie­rung der Debatte um die psychi­schen Belas­tun­gen traten plötz­lich diverse „Bera­ter“ auf, die sich dieses Themas bemäch­tig­ten. Neben ehrli­chem Bestre­ben einer Verbes­se­rung der Arbeits­si­tua­tion wirkte dabei auch nicht selten der merkan­tile Aspekt eines sich öffnen­den Mark­tes moti­vie­rend. Und so konkur­rie­ren heute Kran­ken­kas­sen mit Psycho­the­ra­peu­ten, diese wieder mit Betrieb­li­chen Gesund­heits­ma­na­gern, freien Bera­tern und sog. „Ergo­no­mie­be­ra­tern“, die die rich­tige Einstel­lung eines Schreib­tisch­stuhls als Ergo­no­mie miss­ver­ste­hen. Rela­tiv einig sind sich diese Profes­sio­nen häufig vor allem darin, dass sie die Beur­tei­lung psychi­scher Belas­tun­gen aus dem allge­mei­nen Arbeits­schutz­kon­text heraus­lö­sen und in sepa­ra­ten Prozes­sen bear­bei­ten wollen, wobei sie die klas­si­schen Arbeits­schüt­zer nicht für ausrei­chend quali­fi­ziert halten. Leider geben ihnen viele Arbeits­schüt­zer vorei­lig und fälsch­lich Recht.
Ein sich dabei konso­li­die­ren­der Trend geht dahin, psychi­sche Belas­tun­gen im Rah- men des Betrieb­li­chen Gesund­heits­ma­nage­ments (BGM) zu bear­bei­ten. Dies kann nütz­lich sein. Aber nur wenn folgende Aspekte immer mitbe­rück­sich­tigt sind:
  • Psychi­sche Belas­tun­gen sind ein Arbeits­schutz­thema, das dafür zustän­dige Gremium der Arbeits­schutz­aus­schuss (ASA). Die Inte­gra­tion psychi­scher Betrach­tun­gen in ein BGM ist nur dann sinn­voll, wenn die komplette Thema­tik des Arbeits­schut­zes auch Thema des BGM ist. Das beste BGM nützt gar nichts, wenn ein Druck­kes­sel platzt und ggf. viele Tote und Verletzte die Folge sind. Norma­tiv ist dies in der DIN Spec 91020 [9] bereits vorge­se­hen, wenn die „Einbin­dung von Arbeits­schutz (Arbeits­me­di­zin bzw. Arbeits­si­cher­heit) in Prozesse des Betrieb­li­chen Gesund­heits­ma­nage­ments“ gefor­dert wird.
  • Mitglie­der des ASA müssen daher in den BGM-Prozess inte­griert werden, denn Lösun­gen lassen sich nur zusam­men mit den Arbeits­schutz­ex­per­ten erar­bei­ten. Den meis­ten Akteu­ren im BGM und auch vielen psycho-sozial ausge­bil­de­ten Kräf­ten fehlen teil­weise basale Grund­kennt­nisse im Arbeits­schutz. Es ist ein gemein­sa­mes Vorge­hen erfor­der­lich, um die jewei­li­gen profes­si­ons­be­ding­ten Sich­ten und Defi­zite auszu­glei­chen (Abb.4).
  • Die Ergeb­nisse aus vielen gängi­gen Metho­den zur Erfas­sung psychi­scher Belas­tun­gen benö­ti­gen eine Objek­ti­vie­rung durch Fach­kräfte für Arbeitssicherheit/Sicherheitsingenieure/Betriebsärzte. Insbe­son­dere Mitar­bei­ter­be­fra­gun­gen liefern subjek­tiv gefärbte Aussa­gen, denn die Mitar­bei­ter werden in einem bereits bean­spruch­ten Zustand befragt. Die realen Gege­ben­hei­ten werden dadurch vor den eige­nen Erfah­run­gen gespie­gelt und verzerrt darge­stellt. Dies ist zwar wich­tig, um ein Bean­spru­chungs­pro­fil zu erhe­ben, benö­tigt aber die ergän­zende Sicht von Arbeits­schutz­fach­leu­ten, um das Profil ggf. auf verän­der­bare Arbeits­si­tua­tio­nen zurück­füh­ren zu können (Abb. 5).
  • Die Inte­gra­tion psychi­scher Belas­tun­gen in ein BGM ist nicht ohne Gefah­ren. Insbe­son­dere von Arbeit­ge­ber­ver­tre­tern wird ein BGM als frei­wil­li­ges Enga­ge­ment aufge­fasst, dem der verpflich­tend vorge­schrie­bene Arbeits­schutz gegen­über­steht [10]. Das Heraus­lö­sen psychi­scher Belas­tun­gen aus diesen „Pflicht­be­reich“ und sein Trans­fer in ein frei­wil­li­ges Enga­ge­ment ist daher streng genom­men nicht rechts­kon­form. Oder anders: Werden im Rahmen eines BGM die staat­lich gefor­der­ten Aufga­ben bear­bei­tet, kann es nicht mehr völlig frei­wil­lig sein.
  • Wich­tig für die Betriebe ist es daher, sich klar zu machen, was sie bear­bei­ten wollen: Das Arbeits­schutz­ge­setz fordert verpflich­tend eine Beur­tei­lung der psychi­schen Belas­tun­gen, also der objek­tiv vorhan­de­nen Einwir­kun­gen. Es fordert nicht, Bean­spru­chun­gen zu beur­tei­len. Dieses Feld gehört daher – wie bereits erwähnt – den Arbeits­schüt­zern. Auf der ande­ren Seite, kann es sehr sinn­voll sein, frei­wil­lig auch die Bean­spru­chun­gen näher zu beleuch­ten. Dies ist primär die Aufgabe ande­rer Profes­sio­nen, die aber immer die Unter­stüt­zung der Arbeits­schüt­zer benö­ti­gen.

Ein großes Problem

Alle technisch-organisatorischen System­ver­bes­se­run­gen laufen aber de facto ins Leere, wenn Menschen nur als Sache und Betriebs­ka­pi­tal ange­se­hen werden. Soll­ten die Erhe­bun­gen der Münche­ner Perso­nal­be­ra­tung Rochus Mummert allge­mein zutref­fen [11], so herr­schen
  • in 20 % der Firmen eine „Kultur der Angst“
  • in 40 % der Unter­neh­men eine „Kultur allge­mei­ner Unsi­cher­heit“ sowie
  • in 47 % ein Mangel an Wert­schät­zung durch Vorge­setzte.
Psychi­sche Belas­tun­gen entste­hen nicht nur aus dem eigent­li­chen Arbeits­sys­tem, sondern werden in entschei­den­der Weise durch die sozia­len Kompo­nen­ten mitge­prägt. Dabei kommt den Führungs­kräf­ten bzw. dem jewei­li­gen Manage­ment eine Schlüs­sel­po­si­tion zu. Diese können sowohl einen Belas­tungs­fak­tor als auch eine belas­tungs­re­du­zie­rende Ressource darstel­len. Außer­dem verfü­gen in der Regel nur sie über die Möglich­kei­ten, arbeits­be­dingte Belas­tun­gen zurück­zu­drän­gen.
Sie stehen somit in der Verant­wor­tung und wenn es schief läuft, dann darf es nicht akzep­tiert werden, wenn die Schuld auf andere oder das Arbeits­sys­tem abge­scho­ben werden soll. Führungs­kräfte sind Teil des Arbeits­sys­tems – und dazu noch eines der wich­tigs­ten. Treten also massive psychi­sche Bean­spru­chungs­fol­gen auf, muss das Manage­ment seine eigene Rolle dabei reflek­tie­ren. Dies dürfen alle Arbeit­neh­mer und ihre Inter­es­sen­ver­tre­ter einfor­dern.

Zusam­men­fas­sung

  • Körper und Psyche sind eine Einheit, körper­li­ches und seeli­sches Wohl­erge­hen sind mitein­an­der gekop­pelt. Eine getrennte Sicht­weise hat rein histo­ri­sche, keine wissen­schaft­li­chen Hinter­gründe. Sorge um die körper­li­che Sicher­heit und Inte­gri­tät ist daher gleich­zei­tig Pflege der Seele.
  • Psychi­sche Belas­tun­gen sind ein Arbeits­schutz­thema und die „klas­si­schen“ Akteure im Arbeits­schutz sind die ersten Ansprech­part­ner.
  • Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit und Sicher­heits­in­ge­nieure soll­ten sich ihrer dabei schon bewähr­ten, aber häufig nicht wahr­ge­nom­me­nen Rolle bewusst werden. Die Hinzu­zie­hung von Spezia­lis­ten ist aber sicher hilf­reich wenn es um rein psycho-soziale Inter­ak­tio­nen zwischen Menschen geht.
  • Arbeits­schüt­zer soll­ten keine „Angst“ vor der Beur­tei­lung psychi­scher Belas­tun­gen haben. Die wesent­li­chen wissen­schaft­li­chen Erkennt­nisse liegen vor, entspre­chende Beschrei­bun­gen und Hilfs­mit­tel sind vorhan­den.
  • Eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tun­gen ist kein Instru­ment zur Erfas­sung perso­nen­be­zo­ge­ner psychi­scher Bean­spru­chun­gen. Es geht um das Gefähr­dungs­po­ten­zial des Arbeits­sys­tems.
  • Grund­sätz­lich ist anzu­stre­ben, dass Arbeits­sys­teme so konzi­piert werden, dass psychi­sche Belas­tun­gen nur in einem förder­li­chen Maße auftre­ten. Die Fach­dis­zi­plin der Ergo­no­mie kann sich hier­bei zur Leit­wis­sen­schaft im Arbeits­schutz entwi­ckeln.
  • Wir benö­ti­gen eine Kultur der Abwehr unethi­schen Verhal­tens gegen­über Mitar­bei­tern in einem Betrieb. Das gilt für alle Hier­ar­chie­ebe­nen. Arbeits­schutz darf nicht zum Feigen­blatt schlech­ten Führungs­stils verkom­men.
Anmer­kun­gen und Quel­len
  1. Erwei­terte und über­ar­beite Fassung eines Vortra­ges gehal­ten auf dem „Tag der Ergo­no­mie“ am 30. 9. 2014 in Heidel­berg
  2. Winde­muth, D., D. Jung & O. Peter­mann (2009): Das Drei­ebe­nen­mo­dell psychi­scher Belas­tun­gen im Betrieb. – In: Winde­muth, D., D. Jung & O. Peter­mann: Praxis­hand­buch psychi­sche Belas­tun­gen im Beruf, Univer­sum Verlag, Wies­ba­den, 2009, 13–15
  3. z. B. Schnei­der, G. 2013: Psychi­sche Belas­tun­gen – histo­risch gese­hen.- Sicher­heits­in­ge­nieur 10 / 2013, 20–26
  4. Heiss, F und K. Franke 1964: Der vorzei­tig verbrauchte Mensch. Verhü­tung von Zivi­li­sa­ti­ons­schä­den. – Ferbi­n­and Enke Verlag, Stutt­gart, 466 pp.
  5. Auf die Frage Napo­le­ons, wo in seiner Astro­no­mie Gott enthal­ten wäre antwor­tete der fran­zö­si­sche Astro­nom und Mathe­ma­ti­ker Pierre-Simon Laplace selbst­be­wusst: „Sire, diese Hypo­these benö­tige ich nicht“; die dama­lige mecha­nis­ti­sche Welt­sicht brachte Julian Offray de la Mett­rie auf den Punkt: „Denken ist ein natur­wis­sen­schaft­li­ches Phäno­men das sich aus der Mate­rie ergibt“ und „Seele ist ein leerer Begriff“.
  6. z. B. Schome­rus, G. et al. 2012: Evolu­tion of public atti­tu­des about mental illness: a syste­ma­tic review and meta-analysis. – Acta Psych­iatrica Scan­di­na­vica, 125, 440–452
  7. Bereits deswe­gen sind reine „e‑Unterweisungen“ abzu­leh­nen. Sie unter­gra­ben die Kommu­ni­ka­tion, versper­ren den Weg für fach­li­chen und persön­li­chen Austausch, sind in den meis­ten Fällen nicht arbeits­platz­be­zo­gen, sondern „von der Stange“ und nützen für konkrete Probleme so gut wie nichts. In der Gefahr­stoff­ver­ord­nung ist sinn­vol­ler­weise die Konse­quenz gezo­gen: Nach § 14, Abs. 2, Satz 1 haben Unter­wei­sun­gen münd­lich zu erfol­gen.
  8. Trim­pop, R. et al.: Sifa-Langzeitstudie. Tätig­keit und Wirk­sam­keit der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit. – www.sifa-langzeitstudie.de; pdf-Bericht, 844 pp
  9. DIN SPEC 91020:2012–07 Betrieb­li­ches Gesund­heits­ma­nage­ment, 26 pp
  10. BDA, DGB, BMAS, 2013: Gemein­same Erklä­rung zur psychi­schen Gesund­heit in der Arbeits­welt, 9 pp.
  11. Rochus Mummert (2013). – Pres­se­mel­dun­gen unter http://www.rochusmummert.com/aktuelles vom 2. 7. 2013, 25. 9. 2013, 30.10. 2013. Die Studie basiert auf der Befra­gung von Führungs­kräf­ten und 1000 bevöl­ke­rungs­re­prä­sen­ta­tiv ausge­wähl­ten Arbeit­neh­mern.
Autor
Dr. rer nat. Gerald Schnei­der
BAD GmbH Gesund­heits­vor­sorge und Sicher­heits­tech­nik
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