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Psychische Belastungen Teil 1

Psychi­sche Belas­tun­gen – histo­risch gese­hen

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„Volks­krank­heit Burn-out“, „Infarkt der Psyche“ und „Volks­krank­heit Depres­sion“ sind Schlag­worte, die so oder ähnlich regel­mä­ßig in den Massen­me­dien auftre­ten. Dabei wird häufig der Eindruck erweckt, als wären dies neue, mit der Arbeit verbun­dene Gefah­ren, die es früher so nicht gab und die insbe­son­dere mit neuen Arbeits­for­men verbun­den sind. Wirk­lich?

Die Zahlen sind eindeu­tig: In allen Wirt­schafts­zwei­gen steigt die Zahl der Arbeits­un­fä­hig­keits­tage aufgrund „Psychi­scher und Verhal­tens­stö­run­gen“ seit Jahren an [1]. Erklärt wird dies in der Regel mit hohem Zeit­druck, soge­nann­ten „Multitasking-Aufgaben“, Arbeits­un­ter­bre­chun­gen sowie neuen und umwäl­zen­den Arbeits­be­din­gun­gen, die mit „Compu­ter­re­vo­lu­tion“, „Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft“, „Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft“ oder ähnli­chen Ausdrü­cken verkürzt beschrie­ben werden [2]. Aber ist das wirk­lich neu, waren die Menschen vor 100 Jahren seelen­lose Auto­ma­ten, und sind wir die ersten, die Zeit­druck und Umstruk­tu­rie­run­gen zu bewäl­ti­gen haben?
England 1840
Gemes­sen an den Erfah­run­gen der Menschen vor 170 Jahren in England und etwas zeit­ver­setzt in den ande­ren euro­päi­schen Ländern dürf­ten unsere heuti­gen Ände­run­gen der Arbeits­be­din­gun­gen als nicht wirk­lich bedeut­sam erschei­nen. Die Erfin­dung und konse­quente Nutzung des Dampf­be­trie­bes, die Konstruk­tion von zu einem großen Teil auto­ma­tisch arbei­ten­den Maschi­nen, die nach­fol­gende Errich­tung ganzer Fabrik­parks sowie die Einfüh­rung neuer Verkehrs­mit­tel wie der Eisen­bahn haben das Leben der Bevöl­ke­run­gen und der Arbeit­neh­mer dras­tisch verän­dert.
Während die städ­ti­sche Bevöl­ke­rung noch im 18. Jahr­hun­dert vornehm­lich im Hause, in der mehr oder weni­ger nebenan gele­ge­nen eige­nen Werk­statt oder in größe­ren, aber über­schau­ba­ren Manu­fak­tu­ren arbei­tete, verla­gerte sich die Arbeit nun konse­quent aus dem häus­li­chen Umfeld in konzen­trierte Arbeits­stät­ten mit reich­hal­ti­gen Maschi­nen­parks, hoher Arbeit­neh­mer­dichte und zuneh­men­der Lohn­ab­hän­gig­keit der Arbeit­neh­mer. Die Fabrik wurde zum Sinn­bild einer ganzen Epoche, sie stand an der Wende zwischen baro­cker Lebens­welt und moder­ner Hoch­leis­tungs­ge­sell­schaft.
Der Einsatz der moder­nen Maschi­nen erlaubte eine deut­lich schnel­lere Produk­tion, einen immer schnel­ler zuneh­men­den Waren­aus­stoß, der die Arbeits- und Konsum­weise der gesam­ten Gesell­schaft verän­derte.
Die Kehr­seite dieser Entwick­lung hatten in erster Linie die Arbeit­neh­mer zu tragen. Der arbei­tende Mensch wurde zum auswech­sel­ba­ren Maschi­nen­be­die­ner mit Arbeits­be­din­gun­gen, die uns Nach­ge­bo­re­nen „unmensch­lich“ erschei­nen, die aber in vielen Entwick­lungs­län­dern dieser Erde heute noch Reali­tät sind. Insbe­son­dere die Aufga­ben­in­halte wurden extrem auf einfachste mecha­ni­sche Tätig­kei­ten redu­ziert (s. Kasten). Diese geist­lose Arbeit war gepaart mit hoher Arbeits­platz­un­si­cher­heit und mögli­cher Herab­stu­fung zu noch einfa­che­ren Tätig­kei­ten, da Maschi­nen­ver­bes­se­run­gen immer wieder Arbeits­platz­re­duk­tio­nen zur Folge hatten oder dazu führ­ten, dass die Arbei­ten noch einfa­cher und dann schlech­ter bezahlt wurden.
Aufgrund unzu­rei­chen­der Sicher­heits­ein­rich­tun­gen, aber auch des unter diesen Arbeits­be­din­gun­gen zu erwar­ten­den Aufmerk­sam­keits­de­fi­zits, noch verstärkt durch Müdig­keit aus über­lan­gen Arbeits­zei­ten, waren zudem schwere Unfälle an der Tages­ord­nung. Wer morgens aus dem Haus ging, konnte sich nicht sicher sein, am Abend nicht tot, verstüm­melt oder ander­wei­tig verletzt zu sein.
Und nicht zuletzt waren die Mitar­bei­ter körper­li­chen Über­grif­fen, Einschrän­kun­gen der Lebens­äu­ße­run­gen und insbe­son­dere die Frauen und Mädchen sexu­el­len Über­grif­fen ausge­setzt. So wurde nach einer Fabrik­ord­nung z. B. das Spre­chen mit Kolle­gen, Singen am Arbeits­platz, Entfer­nen vom Arbeits­platz, zu spätes Erschei­nen mit Geld­strafe belegt. Zerbro­chene Arbeits­mit­tel muss­ten aus eige­ner Tasche ausge­gli­chen werden.
Es mag damit genug sein. Wertet man den gesam­ten Bericht [3] aus, so lassen sich ohne Probleme die heute gülti­gen Krite­rien psychi­scher Belas­tungs­fak­to­ren auf die dama­lige Zeit anwen­den. Demnach litten die Fabrik­ar­bei­ter unter:
  • Mono­to­nie durch strenge Arbeits­tei­lung und einfa­che Aufga­ben
  • psychi­scher Sätti­gung aufgrund von Unter­for­de­rung
  • mangeln­der Wert­schät­zung seitens der Vorge­setz­ten
  • fehlen­den Entscheidungs- und Mitwir­kungs­mög­lich­kei­ten
  • joher Arbeits­platz­un­si­cher­heit
  • einge­schränk­tem bis nicht vorhan­de­nem sozia­lem Austausch
  • einsei­ti­ger körper­li­cher Über­las­tung (Über­mü­dung, dauern­des Stehen)
  • hoher Unfall- und Lebens­ge­fahr
  • Konkur­renz­druck mit Arbeits­platz­be­wer­bern
  • sexu­el­len Über­grif­fen und Beläs­ti­gun­gen
  • Unzu­rei­chen­der Grati­fi­ka­tion sowohl mate­ri­ell als auch geistig-seelisch
Die Antwort auf diese Bedin­gun­gen ließ nicht lange auf sich warten: Verro­hung, „Trunk­sucht“, Vernach­läs­si­gung der sozia­len Bezie­hun­gen, einschließ­lich der Kinder­er­zie­hung, Krank­heit, Tod. Jeden Sonn­abend sollen in Glas­gow 30.000 Arbei­ter betrun­ken gewe­sen sein und nach Schät­zun­gen von Lord Ashley wurden von der „Arbei­ter­klasse“ jähr­lich 25 Millio­nen Pfund für Alko­hol ausge­ge­ben. In London gingen aufgrund purer Not 40.000 Mädchen und Frauen der Prosti­tu­tion nach, die Krimi­na­li­täts­rate stieg inner­halb von 37 Jahren um den Faktor 7 und ein Apothe­ker (dessen Zahlen wir kennen) verar­bei­tete in einem Jahr 13 Zent­ner Sirup zu „Godfrey’s Cordial“, einem opiat­hal­ti­gen Getränk auf Laudan­um­ba­sis, das den Kindern „zur Beru­hi­gung“ gege­ben wurde. Eine ganze Bevöl­ke­rungs­schicht war aus den Fugen gera­ten.
Dabei ist es nicht so, dass etwa die psychi­schen Kompo­nen­ten damals noch nicht erkannt wurden. Robert Owen – Erfin­der des Begriffs „Sozia­lis­mus“, erfolg­rei­cher Unter­neh­mer und Phil­an­throp – (Abb. 1) schreibt zu der Zeit zu den Proble­men der Fabrik­ar­bei­ter [4]: „Um die Gesund­heit auf Dauer zu erhal­ten, muss auch der Gemüts­zu­stand in Betracht gezo­gen werden“ und fordert „dass es einem jedem möglich wird, unter äuße­ren Umstän­den zu leben, welche die größt­mög­li­che Zahl an ange­neh­men Gefüh­len in einem längst­mög­li­chen Leben hervor­ru­fen.“
Ein einsa­mer Rufer in der Wüste – aber ein konse­quen­ter, denn seine Fabri­ken umgab er mit saube­ren, frisch­luft­um­weh­ten und licht­durch­flu­te­ten Muster­sied­lun­gen und führte Jahr­zehnte vor allen ande­ren verkürzte Arbeits­zei­ten ein. Wirt­schaft­li­chen Erfolg hatte er trotz­dem und seine Garten­stadt New Lanark, ca. 40 km südöst­lich von Glas­gow, ist heute UNESCO Welt­kul­tur­erbe – damit niemand sagen kann, sie hatten es nicht wissen können.
Gemüt­li­che Zeit?
Das 19. Jahr­hun­dert erscheint uns häufig verklä­rend als Hort der Ruhe und Gemüt­lich­keit, als „Biedermeier-Idyll“. Dass dem nicht so war, zeigen die folgen­den Bemer­kun­gen aus einem Bereich, der eher selten im Arbeits­schutz ange­führt wird: der Seeschiff­fahrt.
„Meine Schiffe können und sollen schnelle Reisen machen“ [5], das schrieb die Hambur­ger Reede­rei Laeisz 1903 ihren Kapi­tä­nen per Dienst­an­wei­sung ins Stamm­buch. Und sie mach­ten schnelle Reisen. Die „Preus­sen“, die „Potosi“, „Pamir“, „Passat“, „Ponape“, „Priwall“ und die ande­ren sog. „Flying-P-Liner“ (weil die Namen alle mit „P“ began­nen). Unter charis­ma­ti­schen Kapi­tä­nen wie Robert Hilgen­dorf, Boje Peter­sen oder Hinrich Nissen schaff­ten sie die 11.000 Seemei­len zwischen dem Kanal, rund ums Kap Hoorn nach Chile in rund zwei Mona­ten. Dabei erse­gelte die „Preu­ßen“ eine Spitzen-Tagesleistung von 426 Seemei­len, eine Geschwin­dig­keit, die erst heute durch Hochleistungs-Renn-yachten erreicht und über­trof­fen wurde.
Aber es war nur die letzte Blüte der Segel­schiff­fahrt, eine schöne Blüte, aber doch das letzte Aufbäu­men einer unter­ge­hen­den Tech­no­lo­gie. Die „Welt“ fuhr Damp­fer. Rund ein halbes Jahr­hun­dert zuvor sah die Sache noch anders aus. Diese „goldene Zeit“ steht im Zeichen der Großen Segel­schif­fren­nen: die berühm­ten „Tea-Races“ von China mit dem ersten Tee nach Europa, die „Wool-Races“ von Austra­lien heim zu den hung­ri­gen Textil­fa­bri­ken, später die Weizen­ren­nen, eben­falls von Austra­lien. Freunde der histo­ri­schen Segel­schiff­fahrt kennen die Namen der Schiffe: „Ther­mo­py­lae“, „Ariel“, „Sir Lance­lot“, „Cutty Sark“ und andere.
Aber diese „Rennen“ waren keine sport­li­chen Veran­stal­tun­gen, sondern dien­ten in erster Linie den „knochen­tro­cke­nen“ Anfor­de­run­gen des Mark­tes. Wessen Schiff zuerst einlief, erzielte die höchs­ten Preise. Wenn die „Ther­mo­plyae“ die Stre­cke Melbourne – London in 70 Tagen schaffte, waren höhere Gewinne zu erzie­len als mit einem Schiff, das 80 oder 85 Tage brauchte. Zeit war hier im wahrs­ten Sinne des Wortes Geld und die Reeder dräng­ten Mitte des 19. Jahr­hun­derts genauso auf schnelle Reisen, wie es die Reede­rei Laeisz fünf­zig Jahre später eben­falls tat. Es ging wie heute um Zeit, Gewinn und Inves­ti­tion. Was hohen Gewinn, bei möglichst gerin­gen Kosten in möglichst kurzer Zeit versprach, wurde geför­dert, das andere abge­lehnt.
Deswe­gen waren die Segel­schiffe den Damp­fern anfangs auch über­le­gen, denn letz­tere benö­tig­ten viele teure Kohlen, muss­ten mehr­mals Zwischen­stopp einle­gen um nach­zu­bun­kern, erreich­ten keine höhe­ren Geschwin­dig­kei­ten als die Segel­schiffe und hatten häufig mit Maschi­nen­schä­den zu kämp­fen.
„Fort­schritt­li­che“ Reeder jedoch verbes­ser­ten die Logis­tik, die Inge­nieure die Schiffe und die Maschi­nen. Auf einmal waren die Damp­fer eine ernst zu nehmen­den Konkur­renz, sie wurden zum Teil schnel­ler, erbrach­ten aber vor allem ihre Leis­tun­gen konstant, waren daher besser „auszu­rech­nen“ und konn­ten in Routen und „Timing“ siche­rer in die Erfor­der­nisse und Chan­cen des Mark­tes „einge­tak­tet“ werden. Die Zeit drängte und verlangte kalku­lier­bare Reisen. Der große letzte Erfolg der Segel­schiffe unter den Laeisz-Kapitänen war nicht der Schnel­lig­keit der Reisen geschul­det, sondern dass sie diese Leis­tun­gen regel­mä­ßig wieder­ho­len konn­ten, dass sie kalku­lier­bar waren.
Letzt­end­lich verdräng­ten die Zeit­erfor­der­nisse die Segel­schiffe vom Meer, aber als sie noch fuhren hatten auch sie sich dem Zeit­dik­tat unter­zu­ord­nen. Mit den dazu­ge­hö­ri­gen psychi­schen Belas­tun­gen für Kapi­täne und Mann­schaf­ten. Berichte über übel­ge­launte Kapi­täne, die sich bei fehlen­dem oder zu schwa­chem Wind in Wutaus­brü­chen, Drang­sa­lie­rung der Mann­schaft, vermehr­tem Alko­hol­kon­sum u. a. Luft mach­ten, sind gera­dezu legen­där. Dage­gen gute Laune bei „anstän­di­gem Segel­wet­ter“. Nicht viel anders natür­lich bei den niede­ren Rängen. Dass die ganze Seefahrt mit ihrer mona­te­lan­gen Isolie­rung, der Bedro­hung durch Wind und Wetter, gerin­ger Frei­zeit, Zeit­druck und dem Ausge­lie­fert­sein an ggf. unzu­läng­li­che Führungs­kräfte die Krite­rien unse­rer heuti­gen Kate­go­rien psychi­scher Belas­tun­gen erfüllt, versteht sich von selbst. Diese mona­te­lan­gen Anspan­nun­gen entlu­den sich dann nach Einlau­fen in den Hafen in einer gera­dezu rausch­haf­ten Lebens­wut – bis das Geld alle war und es wieder auf See ging.
Das 19. Jahr­hun­dert war nicht gemüt­lich, es kannte seinen Zeit­druck. Viel­leicht waren die Zeit­span­nen länger, aber die Anspan­nung auf das Ziel war dann auch länger durch­zu­ste­hen.
Der ganze Seemanns­stand sollte sich zwischen ca. 1870 und 1920 grund­sätz­lich verän­dern. Neue Berufe entstan­den, z. B. Heizer, Schiffs­in­ge­nieur, andere wurden in Nischen abge­drängt (Segel­ma­cher, Schiffs­zim­mer­leute), Kennt­nisse und Fähig­kei­ten eines Seeman­nes sahen 1930 völlig anders aus als 1870. Die ganze Bran­che erlebte zu dieser Zeit einen gigan­ti­schen Change-Prozess – das Wort ist neu, der Vorgang alt und die damit einher­ge­hen­den Belas­tun­gen für die Menschen auch.
Eine Wissen­schaft entsteht
Anfang des 20. Jahr­hun­derts bricht sich eine neue Produk­ti­ons­weise Bahn, die in ihren allge­mei­nen Grund­zü­gen bis weit über die Mitte des Jahr­hun­derts beherr­schend werden sollte: der Taylo­ris­mus.
Im Vorder­grund dieses Produk­ti­ons­typs steht die Analyse von Arbeits­vor­gän­gen, die im Sinne einer Opti­mie­rung in kleinste Prozess­ab­schnitte zerlegt und dann extrem arbeits­tei­lig erle­digt werden. Der Mensch wurde strin­gent als Produk­ti­ons­fak­tor begrif­fen, dessen Tätig­kei­ten im Betrieb häufig auf kleinste Arbeits­schritte redu­ziert wurde. Zur Stei­ge­rung der Produk­tion wurden dann leis­tungs­be­zo­gene Lohn­sys­teme entwi­ckelt, die uns allen noch als Akkord­lohn bekannt sind. Die Debatte um die Huma­ni­sie­rung der Arbeit Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre ist ein Ergeb­nis dieses Produk­ti­ons­typs.
In den Begriff­lich­kei­ten heuti­ger Modelle zu psychi­schen Belas­tun­gen sind der Taylo­ris­mus, die Band­ar­beit und ähnli­che Produk­ti­ons­wei­sen insbe­son­dere durch Mono­to­nie, einge­schränk­ten Entschei­dungs­spiel­raum, fehlende Aufga­benganz­heit­lich­keit und Zeit­druck gekenn­zeich­net. Inso­fern ähnelt die Produk­ti­ons­weise sehr stark den Bedin­gun­gen der Früh­in­dus­tria­li­sie­rung, aller­dings unter doch deut­lich verbes­ser­ten Rahmen­be­din­gun­gen.
Ein weite­rer wich­ti­ger Unter­schied ist, dass mit dem begin­nen­den 20. Jahr­hun­dert die Psycho­lo­gen die Arbeits­welt auch als ihr Tätig­keits­feld begrif­fen. Im Jahre 1912 erschien das Buch „Psycho­lo­gie und Wirt­schafts­le­ben“ mit dem Hugo Müns­ter­berg erst­mals psycho­lo­gi­sche Prin­zi­pien auch auf die Wirt­schaft bzw. den Arbeits­pro­zess anwandte [6].
Bereits in diesem ersten Ansatz werden Begriffe wie „Mono­to­nie“ erst­mals ange­spro­chen und in ihrer Komple­xi­tät disku­tiert, denn Mono­to­nie­er­le­ben wird schon hier nicht als objek­tive, quasi natur­wis­sen­schaft­li­che Größe aufge­fasst, sondern entsteht aus der Subjekt-Objekt-Beziehung: „Alles schien mir deshalb dafür zu spre­chen, dass das Gefühl der Mono­to­nie sehr viel weni­ger von der Art der Arbeit als von gewis­sen Dispo­si­tio­nen des Indi­vi­du­ums abhängt“.
Nur wenige Jahre später entwi­ckelt sich die „Psycho­tech­nik“ – zunächst als jede prak­ti­sche Anwen­dung der Psycho­lo­gie verstan­den, schnell aber auf das Wirt­schafts­le­ben redu­ziert –, die ihre Aufgabe letzt­end­lich in einer Analyse und Beglei­tung von Arbeits­vor­gän­gen sah. Karl Müns­ter­berg, Kurt Lewin und Willi Hell­pach seien als Grün­der­vä­ter der neuen Diszi­plin stell­ver­tre­tend genannt. Hell­pach darf dabei viel­leicht als der Vater der „Aufga­ben­voll­stän­dig­keit“ bezeich­net werden, denn 1922 schreibt er:
„Zu einer Aufgabe gehö­ren eigene Planung, Entwurf, wo nicht Entwurf der Aufgabe, so doch Entwurf ihrer Lösung mit freier Wahl unter verschie­de­nen Möglich­kei­ten, Abwä­gung dieser Möglich­kei­ten, Entschei­dung für eine und Verant­wor­tungs­über­nahme für die Entschei­dung……“
Ein sehr modern klin­gen­des Konzept, das in seiner reinen Ausbil­dung in der Regel in der Praxis aufgrund verschie­de­ner inne­rer und äuße­rer Zwänge nie umge­setzt werden kann, dennoch aber als anzu­stre­bende Größe weiter­hin in Geltung ist.
Es ergibt hier keinen Sinn, den Weg der entste­hen­den Wirtschafts- und Arbeits­psy­cho­lo­gie weiter­zu­ver­fol­gen, entschei­dend ist, dass bereits vor 100 Jahren mit der Arbeit verbun­dene psychi­sche Belas­tun­gen erkannt und mit den Mitteln der dama­li­gen Zeit unter­sucht wurden.
Die Vorstel­lung, dass heute etwas Neues auftritt oder beson­ders viru­lent wird, ist offen­sicht­lich eine auf Unkennt­nis beru­hende oder bewusst gesteu­erte Fehl­in­ter­pre­ta­tion, denn die Entwick­lung einer ganzen Wissen­schaft setzt selbst­ver­ständ­lich entspre­chende Probleme sowie ein entspre­chen­des Problem­be­wusst­sein voraus.
Statis­tik einst und jetzt
Im Jahre 1872 veröf­fent­lichte der engli­sche Arzt Henry Mauds­ley eine Arbeit mit dem Titel „Is Insa­nity on the Increase“ [7] oder frei über­setzt „Nehmen psychi­sche Erkran­kun­gen zu?“ Hinter­grund war die Beob­ach­tung, dass sowohl die Zahl psychisch Kran­ker als auch die Anzahl an Betreu­ungs­in­sti­tu­tio­nen in England während eines Zeit­raums von 20 – 30 Jahren deut­lich gewach­sen war. Als Gründe hier­für wurde die Indus­tria­li­sie­rung, die „Komple­xi­tät des moder­nen Lebens­stils“ sowie die Einfüh­rung neuer Tech­no­lo­gien wie der Eisen­bahn disku­tiert. Ziel von Mauds­leys Arbeit war, diesen „gefühl­ten“ Trend durch harte Zahlen zu hinter­le­gen.
Aufgrund seiner Bemü­hun­gen verfü­gen wir über eine Zeit­reihe von 1859 – 1870, also über 12 Jahre (Abb. 2a, Einschalt­fi­gur). Dabei zeigte sich in dem Betrach­tungs­zeit­raum eine Zunahme von erkrank­ten Pati­en­ten, die in Betreu­ungs­ein­rich­tun­gen erfasst wurden, um rund 15.000 Fälle. Bezo­gen auf die Bevöl­ke­rungs­zahl jedoch war die Rate der Neuerkran­kun­gen erstaun­lich konstant. Sie lag jähr­lich bei 48 ± 3 Fälle pro 100.000 Einwoh­ner und zeigte keinen syste­ma­ti­schen Anstieg. Eine Zunahme des Erkran­kungs­ri­si­kos war damit nicht nach­weis­bar und der Anstieg der Gesamt­kran­ken­zah­len resul­tierte vor allem aus der gestie­ge­nen Bevöl­ke­rungs­zahl. Soll­ten also arbeits­be­dingte oder durch den neuen Lebens­stil hervor­ge­ru­fene psychi­sche Erkran­kun­gen aufge­tre­ten sein, so haben sie zumin­dest keine gravie­ren­den Auswir­kun­gen auf die Statis­tik gehabt.
Fast 60 Jahre später frag­ten sich die beiden ameri­ka­ni­schen Ärzte William Ogburn und Ellen Winston [8] von der Univer­si­tät Chicago, wie hoch wohl die Wahr­schein­lich­keit sei, im Laufe des Lebens eine psychi­sche Erkran­kung zu erlei­den. Dabei unter­such­ten sie Daten aus New York und Massa­chu­setts. Das Ergeb­nis erschreckte die Autoren ein wenig, denn es lief auf ein Verhält­nis von etwa 1: 10 heraus, zehn Prozent der Bevöl­ke­rung würden im Laufe ihres Lebens eine psychi­sche Erkran­kung bekom­men – heute rech­nen wir mit deut­lich höhe­ren Zahlen.
Die beiden Autoren sehen in dieser hohen Rate eine unzu­rei­chende Anpas­sung an die zivi­li­sa­to­ri­schen Heraus­for­de­run­gen.
Inter­es­sant ist, dass hier­bei für die Bevöl­ke­rung New Yorks eine lange Zeit­reihe vorliegt, die zeigt, wie sich die Zahl der Erstein­wei­sun­gen in ein Kran­ken­haus wegen psychi­scher Probleme zwischen 1898 und 1926, also über 29 Jahre, entwi­ckelt hat. Abb. 2b zeigt die Zeit­reihe: weder eine signi­fi­kante Zu- noch eine Abnahme ist zu erken­nen. Im Mittel wurden jedes Jahr ca. 90 ± 4 Fälle pro 100.000 Einwoh­ner hospi­ta­li­siert.
Auch dieses Ergeb­nis spricht dage­gen, dass die umgrei­fen­den Ände­run­gen in Amerika bzw. New York während des ersten Vier­tels des letz­ten Jahr­hun­derts zu einem nach­weis­ba­ren Anstieg psychi­scher Probleme geführt haben.
Und heute? 80 Jahre nach Ogburn und Ellen wurde letzt­end­lich die glei­che Frage noch mal gestellt [9] und war Gegen­stand einer sehr inten­si­ven und metho­disch sehr strin­gen­ten Lite­ra­tur­über­sicht. Die Autoren werte­ten 44 Einzel­stu­dien aus Amerika und West­eu­ropa aus und konn­ten weder für Kinder und Jugend­li­che noch für Erwach­sene einen klaren Trend finden. Eine große Zahl der Studien zeigte keine zeit­li­chen Ände­run­gen, einige sogar ein abneh­mende und einige eine zuneh­mende Tendenz.
Die Autoren fassen die Ergeb­nisse knapp und prägnant zusam­men: „Die unter­stellte Zunahme psychi­scher Störun­gen aufgrund des sozia­len Wandels der Gesell­schaft kann nicht bestä­tigt werden.“
Wider­sprü­che?
Wie verträgt sich das eben Gesagte mit den immer wieder geäu­ßer­ten Mahnun­gen, dass Arbeit psychisch krank mache und die Fehl­zei­ten deswe­gen noch nie so hoch waren wie heute? Einige Aspekte seien betrach­tet.
  • 1. In den einschlä­gi­gen Arti­keln werden meist nur die Arbeits­un­fä­hig­keits­tage darge­stellt, nicht die Anzahl der „Krank­schrei­bun­gen“ an sich. Arbeits­un­fä­hig­keits­tage sind aber schlechte Indi­ka­to­ren, da die Erkran­kungs­dauer bei psychi­schen oder Verhal­tens­stö­run­gen in der Regel sehr viel länger ist als bei ande­ren. Es kommt zu einer Verzer­rung in Rich­tung auf die psychi­schen Belas­tun­gen. Insge­samt machen diese Fehl­zei­ten aber trotz­dem „nur“ 10 % aller Fehl­zei­ten am Arbeits­platz aus (bezo­gen auf eine Grund­ge­samt­heit von 19 Millio­nen Kran­ken­kas­sen­ver­si­cherte).
  • 2. Bezo­gen auf die Erkran­kungs­zahl spie­len Diagno­sen psychi­scher und Verhal­tens­stö­run­gen eher eine unter­ge­ord­nete Rolle. Sie mach­ten nach den Statis­ti­ken der Bundes­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin 2011 nur rund 5 % aller Diagno­sen aus [10], im Jahre 2000 waren es dage­gen nur 3 % [11]. Das bedeu­tet zwar eine Stei­ge­rung um 66 % in 12 Jahren, aber eben doch auf einem so nied­ri­gen Niveau, dass Studien zu allen psychi­schen Erkran­kun­gen (also nicht nur auf beruf­li­cher Ebene) bei der zu erwar­ten­den Varia­bi­li­tät Schwie­rig­kei­ten haben werden, diesen Effekt signi­fi­kant nach­wei­sen zu können.
  • 3. Aussa­gen können bei glei­chem Zahlen­ma­te­rial unter­schied­lich „gesteu­ert“ werden. Die Schlag­zeile „Erkran­kun­gen durch psychi­sche Belas­tun­gen genauso bedeut­sam wie Erkran­kun­gen des Atmungs­sys­tems“, lässt sich aufgrund der AU-Tage ohne Probleme vertre­ten (2011: 10,2 gegen 12,3 % aller AU-Tage). Aufgrund der Diagno­se­zahl könnte man aber auch schrei­ben: „Krank­hei­ten des Atmungs­sys­tems vier­mal so hoch wie psychi­sche Belas­tun­gen“ (2011: 22,4 gegen 5,1 % aller Diagno­sen).
  • 4. Die gewählte Aussage ist somit auch abhän­gig von der Inter­es­sen­lage der jewei­li­gen Fach­ver­tre­ter: Eine Kran­ken­kasse, die Ausfall­tage bezah­len muss, wird diese beto­nen, ein Epide­mio­loge, der zunächst an Krank­heits­häu­fig­kei­ten inter­es­siert ist, wird die Diagno­se­zahl ins Auge nehmen. Beide Aussa­gen werden sich unter­schei­den.
  • 5. Etwa jeweils sechs Millio­nen Menschen erfah­ren chro­ni­schen Stress oder eine depres­sive Sympto­ma­tik [12] und unter Abschät­zung abso­lu­ter Zahlen erhiel­ten im Jahre 2011 ca. zwei Millio­nen Arbeit­neh­mer eine Diagnose wegen psychi­scher oder Verhal­tens­stö­run­gen. Die Fest­stel­lung eines Arbeits­aus­fal­les bedeu­tet jedoch nicht, dass die Krank­heit auch in bzw. durch die Arbeit erwor­ben wurde. Eine nach den medi­zi­ni­schen Klas­si­fi­zie­rungs­sys­te­men fest­ge­stellte psychi­sche Erkran­kung erscheint in der Statis­tik, ohne dass ihre Gründe bekannt sind. Auch eine Blind­darm­ent­zün­dung kann zu Arbeits­aus­fall führen, ist aber nicht durch die Arbeit bewirkt. Die unre­flek­tierte und simpli­fi­zie­rende Gleich­set­zung von Arbeits­aus­fall aufgrund psychi­scher Diagno­sen und Arbeit als auslö­sende Ursa­che ist unwis­sen­schaft­lich und unse­riös.
  • 6. Die Wahr­neh­mung einer Krank­heit im gesell­schaft­li­chen Diskurs ist nicht zuletzt eine mediale Ange­le­gen­heit. Wenn stän­dig über eine Krank­heit und deren vermeint­li­che oder tatsäch­li­che Gründe berich­tet wird, so wird dies in der Öffent­lich­keit ganz anders aufge­nom­men, als ein gele­gent­li­cher Report nack­ter Zahlen. Dies ist beson­ders dann bedeut­sam, wenn erho­bene Zahlen mit bestimm­ten Fakto­ren „zuge­scho­ben“ werden, ohne dass eine entspre­chende Daten­ba­sis vorhan­den ist. Meinun­gen werden gemacht, nicht selbst gebil­det.
Zusam­men­fas­sung
Die weni­gen Schlag­lich­ter aus der Vergan­gen­heit lassen ohne Zwei­fel erkenn­bar werden, dass
  • psychi­sche Belas­tun­gen immer mit der Arbeit verbun­den waren, auch wenn es die Begriffe noch nicht gab,
  • ein Über­maß an solchen Belas­tun­gen im Zusam­men­wir­ken mit ande­ren nega­ti­ven Fakto­ren ganze Gesell­schafts­schich­ten schä­di­gen kann,
  • Zeit­druck, Change-Prozesse etc. durch­aus keine Erfin­dung des ausge­hen­den 20. Jahr­hun­derts sind,
  • psychi­sche Aspekte doch schon so früh­zei­tig wahr­ge­nom­men wurden, dass die Arbeits­psy­cho­lo­gie gerade ihren 100. Geburts­tag feiern konnte,
  • die erheb­li­chen gesell­schaft­li­chen und arbeits­be­ding­ten Verän­de­run­gen der letz­ten 150 Jahre keinen nach­weis­ba­ren Einfluss auf die Höhe der psychi­schen Erkran­kun­gen oder Störun­gen insge­samt gehabt haben.
  • es keinen stich­hal­ti­gen Grund gibt anzu­neh­men, dass gesund­heit­li­che Auswir­kun­gen psychi­scher Belas­tun­gen (ob nun „offi­zi­ell“ erkannt oder nicht) früher gerin­ger oder selte­ner waren als heute.
Der Unter­schied zu früher besteht aber sicher darin, dass wir mit der Arbeit verbun­dene psychi­sche Probleme verstärkt wahr­neh­men und entstig­ma­ti­sie­ren. Das ist in Ordnung so, ande­rer­seits so neu aber auch wieder nicht, denn die Huma­ni­sie­rungs­de­batte vor rund 40 Jahren stützte sich zu einem großen Teil auch auf psychi­sche Argu­mente. Aber immer­hin sind wir dabei den psychi­schen Proble­men den Rang einzu­räu­men, den sie schon seit mindes­tens 200 Jahren haben.
Aller­dings neigen Forscher, Poli­ti­ker und gesell­schaft­li­che Grup­pen und Orga­ni­sa­tio­nen dazu, Argu­mente so zu wählen, dass sie eigene Vorstel­lun­gen und Wünsche unter­stüt­zen. Es ist gut und notwen­dig, psychi­sche Belas­tun­gen in den Focus zu nehmen. Es ist aber unehr­lich, ein bisher vernach­läs­sig­tes Thema als grund­sätz­lich neu zu verkau­fen, es ist unwis­sen­schaft­lich in einer komple­xer werden­den Lebens­welt anstei­gende Ausfall­zei­ten allein auf den Faktor Arbeit zurück­zu­füh­ren und es ist letzt­end­lich unmo­ra­lisch mit Begrif­fen wie „Volks­krank­heit“ etc. Ängste zu schü­ren.
Im zwei­ten Arti­kel zu dem Thema wird der Frage nach­ge­gan­gen, ob psychi­sche Erkran­kun­gen eine wesent­li­che Rolle spie­len, ob es sich um einen Medi­en­hype handelt und warum psychi­sche Belas­tun­gen eine wich­ti­ges Thema für den Arbeits­schutz blei­ben.
Anmer­kun­gen und Quel­len
  • 1. Jacobi, F. (2009): Nehmen psychi­sche Störun­gen zu?- reportpsy­cho­lo­gie, 34, 1/2009, 16 – 26; Schnei­der, G. (2012): Arbeits­un­fä­hig­keit und Kosten 2001 – 2010. – BPUVZ 10.12, 440– 444
  • 2. Lohmann-Haislah, A. (2012): Stress­re­port Deutsch­land 2012, BAuA, Dort­mund, 1 – 186
  • 3. Engels, F. (1845): Die Lage der arbei­ten­den Klasse in England.- 7. Unv. Auflage Stutt­gart 1921, 300 pp
  • 4. zitiert nach Gray­ling, A.C. (2008): Frei­heit, die wir meinen. – Bertels­mann, 464 pp
  • 5. Die voll­stän­dige Dienst­an­wei­sung findet sich z. B. in: Villiers, A. (1955): Auf blauen Tiefen.- Dulk, Hamburg, 325 pp
  • 6. Ulich, E. (2011): Arbeits­psy­cho­lo­gie.- vdf Hoch­schul­ver­lag und Schäffer-Pöschel-Verlag, 7. Aufl., 891 pp, ; daraus auch alle gege­be­nen Zitate des Kapi­tels.
  • 7. Mauds­ley, H. (1972): Is insa­nity on the increase?.- The British Medi­cal Jour­nal, 13. 1. 1872, 36 – 39
  • 8. Ogburn, W. F. und E. Winston (1929): The frequency and proba­bi­lity of insa­nity. – Ameri­can Jour­nal of Socio­logy 34, No. 5, 822 – 831
  • 9. Rich­ter, D., K. Berger und T. Reker (2008) Nehmen psychi­sche Störun­gen zu? Eine syste­ma­ti­sche Lite­ra­tur­über­sicht. – Psych­iat. Prax 35, 321 – 330
  • 10. Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit 2011 – Unfall­ver­hü­tungs­be­richt Arbeit. – BAuA, Dort­mund, 194 pp
  • 11. Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit 2000 – Unfall­ver­hü­tungs­be­richt Arbeit. – BAuA, Dort­mund, 192 pp
  • 12. Hapke et. al. (2013): Chro­ni­scher Stress bei Erwach­se­nen in Deutsch­land. – Bunde­ge­sund­heitsbl 2013, 56, 749 – 754; Busch et al. (2013): Präva­lenz von depres­si­ver Sympto­ma­tik und diagnos­ti­zier­ter Depres­sion bei Erwach­se­nen in Deutsch­land. Bundes­ge­sund­heitsbl 2013, 56, 733 – 739; Für die Anga­ben wurden die jeweils den Unter­su­chun­gen zu Grunde liegen­den Bevöl­ke­rungs­teile berück­sich­tigt (über 17 Jahre, nicht über 64 bzw. 75 Jahre).
Autor:
Dr. rer nat. Gerald Schnei­der BAD GmbH Gesund­heits­vor­sorge und Sicher­heits­tech­nik Herbert-Rabius-Str. 1
53225 Bonn
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Glück­li­cher­weise hat uns Fried­rich Engels [3] eine sehr detail­lierte Beschrei­bung der dama­li­gen Zustände hinter­las­sen und es lohnt sich hier wenigs­tens einige Zitate wieder­zu­ge­ben, die die Arbeits­si­tua­tion beleuch­ten.
Arbeits­in­halte:
„In den meis­ten Arbeits­zwei­gen ist die Thätig­keit des Arbei­ters auf eine klein­li­che, rein mecha­ni­sche Mani­pu­la­tion beschränkt, die sich Minute für Minute wieder­holt und Jahr aufs Jahr ein dieselbe bleibt … Die Thätig­keit des Arbei­ters wird leicht, die Anstren­gung der Muskel wird gespart, und die Arbeit selbst unbe­deu­tend, aber eintö­nig im höchs­ten Grade. Sie gewährt ihm kein Feld für geis­tige Thätig­keit…“
„Jede Verbes­se­rung der Maschine wirft Arbei­ter außer Brot…in einer Fabrik allein, wo vor kurzem 80 Spin­ner waren, sind noch 20, die übri­gen sind wegge­schickt oder müssen Kinder­ar­beit für Kinder­lohn thun.“
Unfall­be­richte („Manches­ter Guar­dian“ Juni – August 1843):
„12. Juni – ein Knabe starb in Manches­ter an der Mund­klemme, in Folge einer zwischen Rädern zerquetsch­ten Hand. – 16. Juni, ein Junge in Sadd­le­worth, von einem Rade ergrif­fen und mitge­ris­sen, starb ganz zerquetscht. – 29. Juni, ein junger Mann in Gree­nacres Moor bei Manches­ter, der in einer Maschi­nen­fa­brik arbei­tete, gerith unter einen Schleif­stein, der ihm zwei Rippen zerbrach und ihn sehr zerfleischte. – 24 Juli, ein Mädchen in Oldham starb, von einem Riemen fünf­zig­mal mit herum­ge­ris­sen, kein Knochen blieb ganz. – 27. Juli, in Manches­ter gerith ein Mädchen in den Blower (die erste Maschine, welche die rohe Baum­wolle aufnimmt) und starb an den erlit­te­nen Verstüm­me­lun­gen. – 3. August, ein Spulendrechs­ler starb, von einem Riemen fort­ge­ris­sen, in Dunk­in­field – alle Rippen waren zerbro­chen.“
Frauen als „Frei­wild“:
„Es versteht sich übri­gens, dass die Fabrik­dien­st­ar­beit wie jede andere, und noch mehr, dem Brot­her­ren das Jus primae noctis ertheilt. Der Fabri­kant ist auch in dieser Bezie­hung Herr über den Leib und die Reize seiner Arbei­te­rin­nen. Ist der Fabri­kant gemein genug…so ist seine Fabrik zugleich sein Harem“.
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