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Psycho­lo­gi­sche „Zusatz­aus­bil­dung“ für die Sifa?

Wie tragfähig ist das neue Konzept?
Psycho­lo­gi­sche „Zusatz­aus­bil­dung“ für die Sifa?

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„Schutz und Stär­kung der Gesund­heit bei arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tung“, Kern­ziel der GDA-Periode von 2013 bis 2018, dürfte auch das Arbeits­schutz­thema des kommen­den Jahres 2014 sein.

Sabine Kurz

In der gesetz­lich vorge­schrie­be­nen Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung müssen Unter­neh­men zwar auch die psychi­schen Belas­tun­gen bei der Arbeit bewer­ten, doch bislang erfül­len nur etwa 20 Prozent der Betriebe diese Anfor­de­rung. Nun sollen Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit, zumeist Inge­nieure, Tech­ni­ker oder Meis­ter, dafür quali­fi­ziert werden, „den Unter­neh­mer umfas­send dazu (zu) bera­ten, welche Verfah­ren sich anbie­ten, wann tiefer­ge­hende Analy­sen notwen­dig sind oder gege­be­nen­falls Exper­ten hinzu­ge­zo­gen werden soll­ten“, teil­ten der Verband Deut­scher Sicher­heits­in­ge­nieure (VDSI) und das Insti­tut für ange­wandte Arbeits­wis­sen­schaft (ifaa) mit. Die Quali­fi­zie­rung der Aufsichts­per­so­nen der Länder und der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger für den psycho­lo­gi­schen Aspekt der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung bis zum Jahr 2018 ist bereits beschlos­sene Sache.
Mit dem jetzt ange­streb­ten Modell werden, über­spitzt ausge­drückt, tech­nik­ori­en­tierte Exper­ten für das Hand­ling des vorgeb­lich „weichen“ Themas der psychi­schen Belas­tung im Beruf ange­lernt. Und das, obwohl viele Aspekte des betrieb­li­chen Umgangs mit psychi­schen Belas­tun­gen und Störun­gen bislang unge­klärt sind, etwa die Frage, wie die Unter­neh­men in der Praxis mit Beschäf­tig­ten umge­hen (werden), die tatsäch­lich psychisch erkrankt sind. Die Bundes­psy­cho­the­ra­peu­ten­kam­mer (BPtK) zum Beispiel hat Arbeit­neh­mer unlängst davor gewarnt, Arbeit­ge­ber vorschnell über eine psychi­sche Erkran­kung zu infor­mie­ren, um eine mögli­che Stig­ma­ti­sie­rung zu vermei­den [1]. Nach Ansicht der Thera­peu­ten ist es nämlich „bis heute … so gut wie ausge­schlos­sen, mit einer psychi­schen Erkran­kung Karriere zu machen.“ Dass die Diskri­mi­nie­rung psychisch Erkrank­ter eine reale Gefahr ist, hat auch Bundes­ar­beits­mi­nis­te­rin Ursula von der Leyen durch ihre Forde­rung, psychi­sche Belas­tun­gen bei der Arbeit müss­ten aus der Tabu­zone heraus­ge­holt werden, ange­spro­chen [2]. Von der Leyen erklärte weiter, dem Schutz vor psychi­scher Belas­tung müsse künf­tig der glei­che Stel­len­wert einge­räumt werden wie dem vor Lärm, Staub oder Chemi­ka­lien. Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger, Bund und Länder müss­ten das Wissen um die Präven­tion derar­ti­ger Belas­tun­gen und Erkran­kun­gen gemein­sam in die Fläche brin­gen [3].
Fakten
Fakten zu psychi­schen Belas­tun­gen und Störun­gen dage­gen liegen vor. Jedes Jahr sind 33,3% der Bevöl­ke­rung von mindes­tens einer seeli­schen Störung betrof­fen [4], wobei psychi­sche Erkran­kun­gen häufig zusam­men mit ande­ren gesund­heit­li­chen Beschwer­den auftre­ten. 42,6% der Bevöl­ke­rung erkran­ken im Lauf ihres Lebens einma­lig oder mehr­fach an einer psychi­schen Störung. In 30% aller Fälle von Arbeits- und Erwerbs­un­fä­hig­keit spie­len psychi­sche Erkran­kun­gen derzeit eine Rolle. Betrof­fene werden häufig nicht ange­mes­sen ärzt­lich versorgt, lange Warte­zei­ten auf einen Platz bei einem Psycho­the­ra­peu­ten belas­ten zusätz­lich. Aller Aufklä­rung zum Trotz sieht man in den Unter­neh­men psychi­sche Belas­tun­gen oft noch als ausschließ­lich indi­vi­du­el­les Problem – und zwar von Seiten der Beleg­schaft wie von so mancher Führungs­ebene. Zwar haben Arbeit­ge­ber grund­sätz­lich die betrieb­li­chen Arbeits­ab­läufe so zu gestal­ten, dass psychi­sche Fehl­be­an­spru­chun­gen möglichst vermie­den werden, doch steht dieser Anspruch immer häufi­ger im Kontrast zur wirt­schaft­li­chen Reali­tät, die Perso­nal­ab­bau, Arbeits­ver­dich­tung und immer flexi­ble­res Arbei­ten erfor­der­lich macht – Aspekte von Arbeit also, deren psychisch wie physisch belas­ten­des Poten­zial längst belegt ist. Als ausge­spro­chen heikel einzu­schät­zen ist auch die Tatsa­che, dass zahl­rei­che psychi­sche Belas­tun­gen sich aus beruf­li­chen Bezie­hun­gen der Betrof­fe­nen mit ande­ren Menschen erge­ben – aus dem Führungs­ver­hal­ten des Vorge­setz­ten, den Mobbing­at­ta­cken von Kolle­gen, dem Konkur­renz­kampf um eine begehrte Posi­tion, aber sicher auch einmal aus einer Über­emp­find­lich­keit des betrof­fe­nen Arbeit­neh­mers.
Eine sach­li­che Einschät­zung des Faktors Betriebs­klima – dessen Einfluss auf Leis­tungs­fä­hig­keit, Arbeits­zu­frie­den­heit und Gesund­heit der Beschäf­tig­ten eben­falls umfas­send belegt ist – dürfte eben­falls schwie­rig blei­ben, vor allem unter dem Gesichts­punkt, dass eine wirk­same Inter­ven­tion eine Verstän­di­gung aller Betei­lig­ten voraus­set­zen würde. Inso­fern kann es als sinn­vol­ler erster Schritt gelten, wenn die Betriebe tatsäch­lich damit begin­nen, psychi­sche Belas­tun­gen in ihrer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung zu berück­sich­ti­gen.
Können und sollen Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit und Sicher­heits­in­ge­nieure psychi­sche Belas­tun­gen am Arbeits­platz beur­tei­len?
Wir haben Exper­ten für psychi­sche Belas­tung am Arbeits­platz um eine Einschät­zung gebe­ten, für wie trag­fä­hig sie den Ansatz halten, Teile der einschlä­gi­gen Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung an die Sifa zu über­ge­ben. Diese Fragen haben wir gestellt:
  • 1. „Die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tung bei der Arbeit ist für viele Unter­neh­men mit Unsi­cher­hei­ten verbun­den. Der Verband Deut­scher Sicher­heits­in­ge­nieure (VDSI) und das Insti­tut für ange­wandte Arbeits­wis­sen­schaft (ifaa) entwi­ckeln jetzt ein Quali­fi­zie­rungs­kon­zept fürei­nen wich­ti­gen Exper­ten im betrieb­li­chen Arbeits­schutz: die Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit. Sie soll dazu befä­higt werden, psychi­sche Gefähr­dungs­fak­to­ren zu erken­nen und notwen­dige Schritte einzu­lei­ten.“ Wie beur­tei­len Sie die Initia­tive, Fach­kräfte mit über­wie­gend tech­ni­scher Ausbil­dung füreine so komplexe fach­fremde Aufgabe zu schu­len? Welche Einwände gibt es, welche Vorteile
  • 2. „Die Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit soll den Unter­neh­mer umfas­send dazu bera­ten, welche Verfah­ren sich für die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tun­gen anbie­ten, wann tiefer­ge­hende Analy­sen notwen­dig sind oder ob gege­be­nen­falls Exper­ten hinzu­ge­zo­gen werden soll­ten.“ Ist es aus Ihrer Sicht realis­tisch, im Rahmen einer Fort­bil­dung sowohl das erfor­der­li­che Fach­wis­sen als auch die Fähig­keit, es ange­mes­sen anzu­wen­den, zu vermit­teln? Welche Inhalte wären nach Ihrer Einschät­zung beson­ders wich­tig, welche Metho­den geeig­net? Wie könnte man im Einzel­fall entschei­den, ob Fach­leute hinzu­ge­zo­gen werden soll­ten?
  • 3. Seit März 2013 steht die erste App zur Erfas­sung psychi­scher Belas­tung am Arbeits­platz zur Verfü­gung, in Buch­form liegt unter ande­rem die Hand­lungs­hilfe „KPB – Kurz­ver­fah­ren Psychi­sche Belas­tung“ vor. Beide Instru­mente sollen einen prag­ma­ti­schen Einstieg in die Erfas­sung psychi­scher Arbeits­be­las­tung ermög­li­chen. Halten Sie solche Instru­mente in der Hand von Laien grund­sätz­lich für sinn­voll? Wo liegen die Chan­cen der Anwen­dung, wo die Risi­ken?
  • 4. Auch wenn es grund­sätz­lich erfreu­lich ist, dass psychi­sche Belas­tun­gen am Arbeits­platz thema­ti­siert werden, scheint die Gefahr einer Stig­ma­ti­sie­rung von Betrof­fe­nen nicht gebannt – die dann natür­lich selbst zur Belas­tung wird. Wird diese Gefahr aus Ihrer Sicht verstärkt, wenn tech­nisch orien­tierte Fach­kräfte die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tun­gen maßgeb­lich steu­ern, oder kann dieser Zugang womög­lich im Gegen­teil entzer­rend auf inner­be­trieb­li­che Probleme wirken?
State­ment Dr. Gabriele Rich­ter, Bundes­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin (BAuA)
  • 1. Die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tung ist ein komple­xes Thema. Zu Unsi­cher­hei­ten in den Betrie­ben kommt es u.a., weil das Grund­la­gen­wis­sen fehlt. Hinzu kommt, dass die Methoden- und Gestal­tungs­kom­pe­ten­zen gerade bezo­gen auf das Thema Psychi­sche Belas­tung in den Betrie­ben sehr oft unzu­rei­chend sind. Eine Sensi­bi­li­sie­rung zum Thema psychi­sche Belas­tung der Sifa’s ist insge­samt zu begrü­ßen. Eine Sifa sollte psychi­sche Belas­tungs­fak­to­ren erken­nen können und den Arbeit­ge­ber und/oder den Betriebs­arzt darauf hinwei­sen können. Notwen­dige Schritte kann eine Sifa in der Regel nicht einlei­ten, die Entschei­dun­gen werden an ande­ren Stel­len (Perso­nal­ab­tei­lung, Unter­neh­mens­lei­tung etc.) getrof­fen. Zumin­dest müsste die Sifa den Arbeits­schutz­aus­schuss infor­mie­ren können.
  • 2. In der Zusatz­aus­bil­dung können sicher Grund­la­gen zum Thema psychi­sche Belas­tung vermit­telt werden. Eine fach­ge­rechte Durch­füh­rung der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tung wird auf dieser Basis wahr­schein­lich nicht möglich sein. Eine sach­ge­rechte Entschei­dung, wann tiefer­ge­hende Analy­sen oder die Hinzu­zie­hung von Fach­leu­ten erfor­der­lich sind, müsste jedoch möglich sein, wenn in der Zusatz­aus­bil­dung auf diese Probleme einge­gan­gen wird. Von einem Allein­gang ist drin­gend abzu­ra­ten.
  • 3. Die Fokus­sie­rung auf ein einzel­nes Instru­ment ist nicht zu empfeh­len, da es bei der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung Psychi­scher Belas­tung keinen „one best way“ gibt. Der Gesetz­ge­ber lässt an dieser Stelle Spiel­raum. Bisher haben sich drei Vorge­hens­wei­sen bewährt:
  • Beob­ach­tungs­in­ter­views (diese Methode nutzt der KPB),
  • schrift­li­che Mitar­bei­ter­be­fra­gun­gen,
  • mode­rierte Analy­se­work­shops.
Jeder Betrieb muss selbst entschei­den, welches Vorge­hen das Rich­tige für ihn ist. Wenn es bei einer der drei Vorge­hens­wei­sen schon Exper­tise im Betrieb gibt, sollte sie gewählt werden.
Es wäre wünschens­wert, wenn in der Zusatz­aus­bil­dung auf die Vorge­hens­wei­sen einge­gan­gen wird und die jewei­li­gen Vor- und Nach­teile vermit­telt werden. In diesem Bereich könnte die Sifa nach der Zusatz­qua­li­fi­zie­rung zumin­dest mitre­den und den Betrieb bera­ten.
Wich­tig ist, dass es sich bei der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung Psychi­scher Belas­tung um einen Prozess handelt. Um den Prozess gut zu beglei­ten, ist Prozess­wis­sen wich­tig. Wenn eine Sifa ausrei­chend Exper­tise hat, könnte sie hier bera­tend tätig werden. Für die Planung und Umset­zung des Prozes­ses sind in der Regel andere Stel­len im Betrieb zustän­dig, z.B. die Arbeits­schutz­ab­tei­lung, die Perso­nal­ab­tei­lung, der Arbeits­schutz­aus­schuss (ASA) oder ein Sonder-ASA.
4. Wenn das Arbeits­schutz­ge­setz einge­hal­ten wird, dürfte es nicht zur Stig­ma­ti­sie­rung von Betrof­fe­nen kommen. Im Gesetz wird gefor­dert, dass die Arbeits­be­din­gun­gen hinsicht­lich mögli­cher Gefähr­dun­gen von Sicher­heit und Gesund­heit der Beschäf­tig­ten bei ihrer Arbeit zu beur­tei­len sind (§ 5). Maßnah­men zur Verän­de­rung der Arbeits­be­din­gun­gen müssen mit den verant­wort­li­chen Führungs­kräf­ten und den betrof­fe­nen Mitar­bei­tern abge­stimmt werden. Wenn eine Sifa dafür verant­wort­lich sein soll, muss das im Betrieb klar gere­gelt werden, z.B. mit einer Betriebs­ver­ein­ba­rung.
Indi­vi­du­elle Schutz­maß­nah­men sind nach­ran­gig zu ande­ren (§ 4). Natür­lich können im Einzel­fall auch Maßnah­men der Verhal­tensprä­ven­tion wich­tig sein. Z.B. neigen Lehrer oder auch Pfle­ge­kräfte dazu, sich über ihre Kräfte hinaus auszu­powern. Die Gefahr eines Burnouts ist dann sehr groß. Falls es Probleme in diesem Bereich gibt und die Sifa das erkennt, müsste sie das an den Betriebs­arzt oder Arbeits­psy­cho­lo­gen, die betrieb­li­che Sozi­al­be­ra­tung oder Inter­es­sen­ver­tre­tun­gen weiter­ge­ben.
Fazit:
Die Zusatz­aus­bil­dung zum Thema Psychi­sche Belas­tung ist für Sifa’s sinn­voll, da sich die Belas­tungs­si­tua­tion in den Betrie­ben stark verän­dert hat. Die Unter­neh­mens­lei­tun­gen müssen zusätz­lich zu klas­si­schen Gefähr­dun­gen auch auf psychi­sche Belas­tungs­fak­to­ren aufmerk­sam gemacht werden. Hier könnte die Sifa in Koope­ra­tion mit dem Betriebs­arzt und den Perso­nal­ver­tre­tun­gen gute Arbeit leis­ten.
Die Planung und Durch­füh­rung der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tung sollte durch den Arbeits­schutz­aus­schuss erfol­gen. Die Sifa sollte Mitglied im ASA sein. Von einem Allein­gang durch eine einzelne Sifa oder einen Betriebs­arzt oder eine Inter­es­sen­ver­tre­tung ist drin­gend abzu­ra­ten.
Die Entwick­lung und Umset­zung von Maßnah­men zur Verbes­se­rung der Arbeits­be­din­gun­gen muss im Mittel­punkt aller betrieb­li­chen Aktio­nen stehen, nicht die Profi­lie­rung einzel­ner Berufs­grup­pen.
State­ment Andrea Fergen, IG Metall Vorstand, Ressort­lei­te­rin Arbeits­ge­stal­tung und Gesund­heits­schutz
1. In der Tat ist die Aufgabe komplex, fach­fremd ist sie nicht. Denn das Arbeits­si­cher­heits­ge­setz verlangt auch den Beitrag der Fach­kräfte zum Schutz der Beschäf­tig­ten vor Gefähr­dun­gen durch psychi­sche Arbeits­be­las­tun­gen. So haben die Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit den gesetz­li­chen Auftrag, den Arbeit­ge­ber in allen Fragen der Arbeits­si­cher­heit einschließ­lich der menschen­ge­rech­ten Gestal­tung der Arbeit zu bera­ten. Hierzu gehö­ren etwa die Einfüh­rung von Arbeits­ver­fah­ren, die Gestal­tung der Arbeits­plätze, des Arbeits­ab­laufs und der Arbeits­um­ge­bung. Auch die Beur­tei­lung der Arbeits­be­din­gun­gen gehört zu ihren Aufga­ben. Dass das Arbeits­ver­fah­ren, der Arbeits­ab­lauf und die Arbeits­um­ge­bung Quel­len physi­scher und psychi­scher Arbeits­be­las­tun­gen sind, muss an dieser Stelle nicht beson­ders hervor­ge­ho­ben werden. Kurz gesagt gilt es, das tech­ni­sche Know-how so einzu­set­zen, dass physi­sche und psychi­sche Gefähr­dun­gen für die Beschäf­tig­ten möglichst vermie­den werden.
Es ist also höchste Zeit, dass der VDSI für dieses Aufga­ben­feld Weiter­bil­dung für die Fach­kräfte orga­ni­siert. Sonst laufen sie Gefahr, bei einem zentra­len Thema des moder­nen Arbeits­schut­zes abge­hängt zu werden! Der VDBW (Anm. de. Red.: Verband der Betriebs- und Werks­ärzte) macht dies für die Betriebs­ärzte schon seit länge­rer Zeit. Und die IG Metall bietet eben­falls seit Jahren ein eige­nes Semi­nar zum Thema „Psychi­sche Belas­tun­gen bei der Arbeit“ für Betriebs­räte an.
Ich begrüße es sehr, dass sich alle Arbeitsschutz-Akteure auf diesem wich­ti­gen Feld des Arbeits­schut­zes quali­fi­zie­ren. Der Besuch einer Weiter­bil­dungs­maß­nahme ist aller­dings noch kein Garant für erfolg­rei­che betrieb­li­che Präven­tion. Hier­für ist es unab­ding­bar, dass die betrieb­li­chen Akteure mit ihrem jewei­li­gen Fach­wis­sen auch lösungs­ori­en­tiert mitein­an­der koope­rie­ren. Nicht umsonst gehört die Zusam­men­ar­beit mit dem Betriebs­rat zum gesetz­li­chen Auftrag der Fach­kräfte und Betriebs­ärzte. Mit einer auf Präven­tion orien­tier­ten Quali­fi­zie­rung und Koope­ra­tion lässt sich schon vieles zum Besse­ren bewe­gen. Sollte sich im Einzel­fall heraus­stel­len, dass orien­tie­rende oder Screening-Verfahren zur Gefähr­dungs­er­mitt­lung oder ‑beur­tei­lung nicht ausrei­chen, ist es selbst­ver­ständ­lich ratsam, Unter­stüt­zung etwa durch Arbeits­psy­cho­lo­gen zu orga­ni­sie­ren.
2. Natür­lich kann eine Fort­bil­dung zum Thema nur ein Einstieg sein. Dafür sind die Zusam­men­hänge zu komplex. Eine Fort­bil­dungs­maß­nahme – und dann gleich eine umfas­sende Bera­tung des Arbeit­ge­bers über geeig­nete Instru­mente und Verfah­ren, das wird nicht funk­tio­nie­ren! Ich halte es für wich­tig, dass die Ausein­an­der­set­zung mit den Proble­men psychi­scher Belas­tun­gen im Betrieb weiter­geht, und zwar im Dialog mit den ande­ren betrieb­li­chen Akteu­ren. Genauso machen wir das zurzeit in der GDA: in Ausein­an­der­set­zung mit allen Akteu­ren verstän­di­gen wir uns über Anfor­de­run­gen an Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen psychi­scher Belas­tun­gen. Einen wich­ti­gen Kata­log mit Merk­ma­len und metho­di­schen Vorge­hens­wei­sen haben wir schon ausge­ar­bei­tet, nämlich die Leit­li­nie „Bera­tung und Über­wa­chung bei psychi­scher Belas­tung am Arbeits­platz“. Nun erar­bei­ten vorwie­gend Länder und Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger ein Weiter­bil­dungs­kon­zept für die staat­li­che Aufsicht.
Der VDSI ist gut bera­ten, wenn er diese Konzepte bei seinen eige­nen Weiter­bil­dungs­maß­nah­men berück­sich­tigt: Zum einen kann er davon ausge­hen, dass sie im Konsens mit allen Trägern und Part­nern der GDA zustande gekom­men sind; zum ande­ren werden die hierin genann­ten Arbeits­merk­male und ihre Beur­tei­lung Gegen­stand behörd­li­cher Über­prü­fun­gen sein.
3. Das „KPB“ erfüllt bei weitem nicht alle arbeits­wis­sen­schaft­li­chen Anfor­de­run­gen, die an ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren gestellt werden müssen. So blei­ben etwa soziale Bezie­hun­gen als Quelle psychi­scher Belas­tung unter­be­lich­tet. Zudem setzt dieses Verfah­ren darauf, allein über Fremd­ein­schät­zung zu einer ange­mes­se­nen Beur­tei­lung zu kommen. Das soge­nannte Stress­Ba­ro­me­ter der IG Metall setzt auf die Befra­gung von Beschäf­tig­ten. Die Arbeits­platz­be­ob­ach­tung durch „Exper­ten“ als allei­nige Methode, psychi­sche Arbeits­be­las­tun­gen zu erfas­sen und zu beur­tei­len, halten nicht nur die Gewerk­schaf­ten für unzu­läng­lich. So wird sogar in der jüngst veröf­fent­lich­ten „Gemein­sa­men Erklä­rung zur psychi­schen Gesund­heit in der Arbeits­welt“ von BMAS, BDA und DGB fest­ge­hal­ten, dass zur Erfas­sung belas­ten­der Arbeits­merk­male verschie­dene Metho­den wie Arbeits­platz­be­ob­ach­tun­gen, Beschäftigten-Befragungen oder mode­rierte Verfah­ren in Betracht kommen.
Mit einer Weiter­bil­dung, die sich metho­disch auf das „KPB“ redu­ziert, blei­ben die Fach­kräfte hinter den aktu­el­len arbeits­wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards zurück. Dieses Risiko sollte der VDSI nicht einge­hen. Zudem sollte der Verband sensi­bel genug sein und einse­hen, dass mit einem Quali­fi­zie­rungs­an­ge­bot alleine vom ifaa ein Schat­ten auf das gesetz­li­che Gebot der Weisungs­frei­heit fällt. Immer­hin ist das ifaa das Insti­tut der Metallarbeitgeber- Verbände.
Ratsam wäre es statt­des­sen, sich an den Ergeb­nis­sen der GDA zu orien­tie­ren und mit allen GDA-Akteuren zu koope­rie­ren. Davon abge­se­hen kann ich mir auch gar nicht vorstel­len, dass im Rahmen der GDA Finanz­mit­tel bewil­ligt werden für Leis­tun­gen, die nur einer der Sozi­al­part­ner erbringt. Die konsen­suale Entschei­dung war bislang immer prägend.
4. Die Gefahr einer Stig­ma­ti­sie­rung ist nur dann gege­ben, wenn der Prozess der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung für die Beschäf­tig­ten intrans­pa­rent bleibt. Wenn sie also weder bei der Ermitt­lung von Arbeits­be­las­tun­gen noch bei der Entwick­lung von Maßnah­men betei­ligt werden. Dann drängt sich der Verdacht auf, es ginge viel­leicht mehr um den konkre­ten Beschäf­tig­ten und seine Eignung oder Haltung zu den Arbeits­an­for­de­run­gen als um die Arbeits­be­din­gun­gen selbst. Entschei­dend ist doch, glaub­haft zu machen, dass der Prozess auf den Schutz der Gesund­heit und die menschen­ge­rechte Arbeits­ge­stal­tung zielt. Hierzu können tech­ni­sche Maßnah­men ebenso beitra­gen wie arbeits­or­ga­ni­sa­to­ri­sche oder arbeits­psy­cho­lo­gi­sche.
State­ment Doris Laug­witz, Leite­rin des VDSI-Arbeitskreises „Psychi­sche Belas­tun­gen und Bean­spru­chun­gen“
1. Grund­sätz­lich sind psychi­sche Fakto­ren für die Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit nichts Neues: Bereits seit mehr als zehn Jahren werden die Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit in ihrer Ausbil­dung für arbeits­be­dingte psychi­sche Belas­tun­gen sensi­bi­li­siert; das Thema psychi­sche Fakto­ren steht bereits ab der ersten Ausbil­dungs­wo­che auf dem Lehr­plan. In dem neuen Ausbil­dungs­mo­dell zur Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit, das ab 2016 umge­setzt werden soll, wird dieser Themen­kom­plex vom Umfang her sogar noch zuneh­men. Der VDSI sieht das Quali­fi­zie­rungs­kon­zept als einen weite­ren, wich­ti­gen Schritt in die rich­tige Rich­tung und unter­stützt daher das ifaa bei der Konzep­tion und der Gestal­tung der Lehr­ma­te­ria­lien. Das Quali­fi­zie­rungs­kon­zept soll dazu beitra­gen, dass Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit über ein aktu­el­les, praxis­na­hes Metho­den­in­stru­men­ta­rium verfü­gen, um Arbeit­ge­ber, Führungs­kräfte und Beschäf­tigte bei der Redu­zie­rung von arbeits­be­ding­ten psychi­schen Belas­tun­gen zu bera­ten und zu unter­stüt­zen.
Folgen­des Praxis­bei­spiel zeigt, wie eng der Aufga­ben­be­reich einer Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit seit jeher mit der Beur­tei­lung psychi­scher Fakto­ren verbun­den ist: Ange­nom­men, einem Fach­ar­bei­ter stehen nur defekte Werk­zeuge zur Verfü­gung, um unter Zeit­druck ein Produkt für einen Kunden zu ferti­gen. Das ist nicht nur ein tech­ni­sches Problem, sondern wirkt auch psychisch belas­tend. Bei einer Verbes­se­rung der Arbeits­si­tua­tion muss die Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit sowohl dem defek­ten Werk­zeug als auch dem durch Zeit- und Leis­tungs­druck belas­te­ten Mitar­bei­ter Aufmerk­sam­keit schen­ken. Der Gesetz­ge­ber hat diesen Zusam­men­hang schon vor Jahr­zehn­ten erkannt und im Arbeits­schutz­ge­setz ein ganz­heit­li­ches Arbeits­schutz­ver­ständ­nis formu­liert, das auch die Beur­tei­lung psycho­so­zia­ler Fakto­ren bei der Arbeit umfasst.
2. Durch das Quali­fi­zie­rungs­kon­zept lernen Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit ein aktu­el­les Metho­den­spek­trum kennen, das sie befä­higt, psychi­sche Belas­tun­gen bei der Arbeit zu ermit­teln bzw. zu erfas­sen. Die Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit lernen, wie sie sich zum Beispiel durch Inter­views, Befra­gun­gen oder die Check­lis­ten einen ersten Über­blick verschaf­fen können und was sie mit den erho­be­nen Ergeb­nis­sen tun können. So kann es unter Umstän­den notwen­dig sein, dass sich die Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit noch einmal im Detail unter ande­rem die Arbeits­um­ge­bung, die Arbeits­or­ga­ni­sa­tion oder die Arbeits­auf­gabe anschaut, um beispiels­weise Belas­tungs­fak­to­ren wie extra­au­rea­len Lärm, nicht funk­tio­nie­rende Arbeits­ab­läufe, Unter- oder Über­for­de­rung oder even­tu­ell fehlende Quali­fi­ka­tio­nen der Mitar­bei­ter zu ermit­teln. Durch die Umset­zung des Quali­fi­zie­rungs­kon­zep­tes in der Praxis nimmt die Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit also einzelne Abtei­lun­gen oder Arbeits­be­rei­che in den Fokus – es geht ausdrück­lich nicht um eine psycho­ana­ly­ti­sche Diagnos­tik einzel­ner Perso­nen!
Die Entschei­dung, ob Fach­leute ande­rer Diszi­pli­nen hinzu­ge­zo­gen werden, darf keine „Einzel­fall­ent­schei­dung“ sein: Die DGUV Vorschrift 2 verpflich­tet Betriebs­ärzte und Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit zur konti­nu­ier­li­chen Zusam­men­ar­beit – das gilt auch für die Präven­tion arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tun­gen. Betriebs­ärzte haben bei der Ermitt­lung und Beur­tei­lung von Gefähr­dun­gen im psychi­schen Sektor eine Lotsen­funk­tion; Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit können vor allem – wie am Beispiel des Quali­fi­zie­rungs­kon­zepts darge­stellt – in der Arbeits- und Orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gie tätig werden. Die Heraus­for­de­rung, psychi­sche Belas­tun­gen bei der Arbeit zu redu­zie­ren, ist eine komplexe und deshalb inter­dis­zi­pli­näre Aufgabe: Alle Fach­leute, die im Arbeits- und Gesund­heits­schutz tätig sind, soll­ten mit ihrem Wissen zur der Bewäl­ti­gung dieser Heraus­for­de­rung beitra­gen.
3. Die als Buch erschie­nene Hand­lungs­hilfe wendet sich in erster Linie an Fach­leute im Arbeits- und Gesund­heits­schutz, die sich über ein prag­ma­ti­sches Vorge­hen bei der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung infor­mie­ren und dieses in der Praxis anwen­den möch­ten. Zusätz­lich ist diese Hand­lungs­hilfe auch als App verfüg­bar. Fach­leute im Arbeits- und Gesund­heits­schutz können damit auch mobile Kommu­ni­ka­ti­ons­mit­tel wie Android-Tablets bei ihrer tägli­chen Arbeit einset­zen; das kann in der betrieb­li­chen Praxis von Vorteil sein.
Grund­sätz­lich gibt es im Arbeits- und Gesund­heits­schutz eine Fülle von Hand­lungs­hil­fen, die sich wegen ihrer kompri­mier­ten Darstel­lung als Arbeits­in­stru­mente bewährt haben. Dies gilt auch für das Themen­ge­biet der psychi­schen Belas­tun­gen. Zum Beispiel hat das Insti­tut für Arbeit und Gesund­heit der DGUV einen Report zur Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tun­gen heraus­ge­ge­ben. Mit allen diesen Veröf­fent­li­chun­gen steht der Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit ein brei­tes Spek­trum an Werk­zeu­gen zur Verfü­gung; ihre Kompe­tenz liegt auch darin, das geeig­nete Hilfs­mit­tel auswäh­len zu können. Neben diesen „klas­si­schen“ Medien gibt es mitt­ler­weile auch zuneh­mend aktu­elle Anwen­dungs­pro­gramme wie zum Beispiel Apps oder E‑Learning-Programme. Entschei­dend ist immer die Quali­tät der ange­bo­te­nen Infor­ma­tio­nen. Das Ziel ist es, im Rahmen der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung möglichst struk­tu­riert, ziel­ge­rich­tet und effek­tiv auch die psychi­schen Fakto­ren zu erfas­sen – bei einem möglichst effi­zi­en­ten Arbeits­auf­wand.
4. Arbeits­be­dingte psychi­sche Belas­tun­gen sind sorg­fäl­tig von psychi­schen Erkran­kun­gen zu unter­schei­den: Dies kann sonst schnell zu einer Stig­ma­ti­sie­rung der betrof­fe­nen Mitar­bei­ter führen und die konse­quente Durch­füh­rung von Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen in den Unter­neh­men hemmen. Entschei­dend ist, zum Beispiel persön­li­che Eigen­schaf­ten und Fähig­kei­ten wie das soziale Umfeld am Arbeits­platz – die so genann­ten Ressour­cen – zu stär­ken, damit Mitar­bei­ter arbeits­be­dingte psychi­sche Belas­tun­gen besser abfe­dern können, das heißt Resi­li­enz entwi­ckeln.
Wich­ti­ger als die Frage, wer die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tun­gen maßgeb­lich steu­ert, ist die Tatsa­che, dass diese Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen regel­mä­ßig in den Unter­neh­men durch­ge­führt und doku­men­tiert werden. Nur so können wir dem Ziel, arbeits­be­dingte psychi­sche Belas­tun­gen zur redu­zie­ren, Stück für Stück näher kommen. Die Gemein­same Deut­sche Arbeits­schutz­stra­te­gie – eine konzer­tierte Aktion von Bund, Ländern und Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gern – hat dazu das Arbeits­pro­gramm „Schutz und Stär­kung der Gesund­heit bei arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tung“ in Leben geru­fen. Zentra­les Anlie­gen des GDA-Programms ist es, Unter­neh­men, Sozi­al­part­ner und weitere Koope­ra­ti­ons­part­ner wie die Kran­ken­kas­sen und Fach­ver­bände der Betriebs­ärzte und der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit einzu­be­zie­hen. Der VDSI unter­stützt das GDA-Programm nach Kräf­ten.
State­ment Prof. Dr. Rainer Rich­ter, Präsi­dent der Bundes­psy­cho­the­ra­peu­ten­kam­mer (BPtK)
  • 1. Grund­sätz­lich ist diese Initia­tive zu begrü­ßen. Es ist wich­tig, dass die psychi­sche Gesund­heit in der Arbeits­welt densel­ben Stel­len­wert bekommt wie die körper­li­che Gesund­heit. Die Kompe­ten­zen der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit auf psychi­sche Belas­tun­gen auszu­wei­ten, ist ein wich­ti­ger Schritt in diese Rich­tung. Zur Quali­fi­zie­rung muss aller­dings gehö­ren, dass die Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit die Gren­zen ihrer Kompe­ten­zen bei der Beur­tei­lung psychi­scher Belas­tun­gen kennen und recht­zei­tig exter­nen Sach­ver­stand (z.B. den Betriebs­psy­cho­lo­gen bzw. ‑arzt) einbe­zie­hen.
  • 2. Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit können durch Fort­bil­dun­gen befä­higt werden zu erken­nen, welche Inten­si­tät bzw. Tiefe bei einer Gefähr­dungs­ana­lyse ange­zeigt ist. Ebenso können sie lernen, stan­dar­di­sierte Beur­tei­lungs­ver­fah­ren einzu­set­zen, um Scree­nings auf mögli­che psychi­sche Belas­tun­gen durch­zu­füh­ren. Zur Fest­stel­lung tatsäch­li­cher Belas­tun­gen soll­ten dann aber Exper­ten hinzu­ge­zo­gen werden. Nur sie garan­tie­ren die fach­ge­rechte Verwen­dung von Beobachtungs- und Befra­gungs­me­tho­den sowie geeig­ne­ter Test­ver­fah­ren. Dies gilt auch für die Beur­tei­lung von Maßnah­men, die notwen­dig sind und mit denen die Gefähr­dun­gen anschlie­ßend verrin­gert werden sollen.
  • 3. Die Anwen­dung dieser Verfah­ren ist geeig­net, um einzelne ausge­wählte Belas­tun­gen zu erfas­sen. Damit werden flächen­de­ckende Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen psychi­scher Belas­tun­gen möglich. Solche Instru­mente decken aber nur einen klei­nen Bereich psychi­scher Belas­tun­gen ab. Spezi­fi­sche Belas­tun­gen, die sich beispiels­weise aus Fakto­ren wie dem Betriebs­klima erge­ben, lassen sich auf diese Weise nicht erhe­ben. Dabei sind es durch­aus solche schwer erfass­ba­ren Fakto­ren, die die Beschäf­tig­ten z.B. in Form von Mobbing psychisch stark belas­ten können.
  • 4. Tech­nisch orien­tierte Fach­kräfte, die für das Thema „psychi­sche Belas­tun­gen“ sensi­bi­li­siert sind, können eine höhere Glaub­wür­dig­keit bei den Beschäf­tig­ten erlan­gen. Wir sehen sie daher eher als Chance und weni­ger als Risiko bei der Entstig­ma­ti­sie­rung. Inwie­weit das gelingt, hängt aber sehr von der Schu­lung dieser Fach­kräfte und ihrer eige­nen Einstel­lung zu psychi­schen Erkran­kun­gen ab.
Grund­sätz­lich ist es zutref­fend, dass Menschen mit psychi­schen Erkran­kun­gen in unse­rer Gesell­schaft immer noch stig­ma­ti­siert sind. Ein Grund ist, dass in der Bevöl­ke­rung immer noch viel zu wenig über Erkran­kungs­ri­si­ken, Vorbeu­gung, Behand­lungs­mög­lich­kei­ten oder Heilungs­chan­cen psychi­scher Erkran­kun­gen bekannt ist. Die Stig­ma­ti­sie­rung führt dann dazu, dass Betrof­fene aus Scham oder Sorge um ihren Arbeits­platz trotz massi­ver Beschwer­den zur Arbeit gehen, anstatt über ihre psychi­schen Beschwer­den mit Arbeits­kol­le­gen zu reden und sich recht­zei­tig profes­sio­nelle Hilfe zu suchen. Damit riskie­ren sie, dass ihre psychi­sche Erkran­kung chro­nisch und die Behand­lung umso aufwen­di­ger wird.
Die BPtK schlägt deshalb ein Natio­na­les Akti­ons­pro­gramm Psychi­sche Gesund­heit vor, damit Menschen mit psychi­schen Erkran­kun­gen nicht mehr benach­tei­ligt werden und psychisch kranke Arbeit­neh­mer ihre Erkran­kun­gen nicht mehr verheim­li­chen müssen. Die psychi­schen Belas­tun­gen am Arbeits­platz nehmen dabei einen ganz zentra­len Platz ein.
Anmer­kun­gen
Quel­len
  • Kurz­ver­fah­ren Psychi­sche Belas­tung (KPB). Infor­ma­tio­nen zur Bestel­lung unter: www.baua.de >Infor­ma­tio­nen für die Praxis > Hand­lungs­hil­fen und Praxis­bei­spiele > Tool­box: Instru­mente zur Erfas­sung psychi­scher Belas­tun­gen > Instrumente/Verfahren finden > Alle Verfah­ren der Tool­box > KPB: Kurz­ver­fah­ren Psychi­sche Belas­tung
  • www.dnbgf.de/fileadmin/bilder/5._DNBGF_Konferenz/Dr._Torsten_Kunz.pdf Hand­lungs­schwer­punkte der GDA ab 2013: Schutz und Stär­kung der Gesund­heit bei arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tung (u. a. Schu­lung der Aufsichts­per­so­nen)
  • www.bdp-verband.de/bdp/archiv/gesunde-arbeit/ Broschü­ren „Gesunde Arbeit“ Teil 1: Burnout – Was Unter­neh­men und Führungs­kräfte tun können Teil 2: Führung und Gesund­heit Teil 3: Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung
  • www.vdsi.de > Webcode 43/12281 > Psychi­sche Gefähr­dung bei der Arbeit rich­tig beur­tei­len. Fort­bil­dung für Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit geplant
  • http://publikationen.dguv.de/dguv/pdf/10002/iag-report-2013–01.pdfIAG Report 1/2013. Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tun­gen – Tipps zum Einstieg
  • www.bundesrat.de/cln_320/ nn_2372724/SharedDocs/Beratungsvorgaenge/2013/0301–400/0315–13.html Vorlage des Bundes­rats zum Schutz der Beschäf­tig­ten vor Gefähr­dun­gen durch psychi­sche Belas­tung bei der Arbeit
  • www.report-psychologie.de/news/artikel/stigmatisierung-psychisch-kranker-haelt-an/Stigmatisierung psychisch Kran­ker hält an
Autorin
Sabine Kurz
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