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Risikoabschätzung in der Gefährdungsbeurteilung

Risikokritik
Risikoabschätzung in der Gefährdungsbeurteilung

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Bei der Gefährdungs­beurteilung nach § 5 Arbeitss­chutzge­setz (Arb­SchG) wer­den durch nor­ma­tive Vor­gaben oder infor­ma­tive Hil­festel­lun­gen in vie­len Fällen Risikobeurteilun­gen unter Ein­beziehung von Schadenss­chwere und Ein­trittswahrschein­lichkeit gefordert beziehungsweise angeregt. Es erhebt sich aber die Frage: Sind Risiko­er­wä­gun­gen hil­fre­ich und vor allem in der Prax­is eine Hil­festel­lung?

Dr. Ger­ald Schnei­der

Die Gefährdungs­beurteilung erfordert ein­er­seits die Fest­stel­lung ein­er Gefährdung ander­er­seits eine Beurteilung ihrer Höhe. Das Begrün­dungspa­pi­er zum Arbeitss­chutzge­setz [1] spez­i­fiziert die rein geset­zliche Grund­lage durch die Erläuterung, dass im Rah­men der Beurteilung „eine Gefährdung als solche erkan­nt und hin­sichtlich ihrer Schwere (Art und Umfang des möglichen Schadens) bew­ertet wird.“
Diese For­mulierung lässt zunächst offen, welche Meth­ode dafür ver­wen­det wird, erwäh­nt aber im Zusam­men­hang mit der Fest­stel­lung ein­er Gefährdung die Risiko­er­mit­tlung. Dementsprechend find­en sich in vie­len Nor­men, beruf­sgenossen­schaftlichen Schriften und all­ge­meinen Hand­lung­shil­fen diverse Hin­weise auf Risikoab­schätzun­gen im Zusam­men­hang mit der Gefährdungs­beurteilung. Allerd­ings zeigt eine genauere Prü­fung, dass diese Meth­o­d­en zum Teil for­mal unzure­ichend und inhaltlich irreführend oder nicht aus­sagekräftig sind.

Unzureichende Risikodefinition

Eine ver­bre­it­ete Risikode­f­i­n­i­tion lautet:
Risiko ® = Schadenss­chwere (S) x Ein­trittswahrschein­lichkeit (W) (BGI 5091–2) beziehungsweise Risiko ist das Pro­dukt aus Schadenss­chwere und Ein­trittswahrschein­lichkeit.
Diese und ähn­liche For­mulierun­gen find­en sich sowohl in Lehrbüch­ern als auch in ver­schiede­nen beruf­sgenossen­schaftlichen Schriften [2].
Diese weit ver­bre­it­ete Def­i­n­i­tion entstammt der Ver­sicherungs­math­e­matik beziehungsweise der Öknomie [3] und gehört zu den soge­nan­nten mul­ti­p­lika­tiv­en Risikover­fahren. Das Prob­lem bei der Über­nahme in den Arbeitss­chutz ist, dass ein mul­ti­p­lika­tives Ver­fahren nur dann math­e­ma­tisch kor­rekt angewen­det wer­den kann, wenn bei­de Vari­ablen quan­tifizier­bare Größen sind. Das gilt beson­ders für die Schadenss­chwere. Gibt man diese zum Beispiel als Anzahl der Ver­let­zten oder als finanzielle Größe ein, so kann das Ver­fahren entsprechende Ergeb­nisse liefern.
Ger­ade dies ist aber im Arbeitss­chutz nicht gegeben, da alle Hand­lung­shil­fen et cetera die Schä­den kategorial–qualitativ erfassen: „leichte Ver­let­zun­gen“, „schwere Ver­let­zun­gen“, „Tod“ und so weit­er.
Solche Kat­e­gorien kön­nen aber nicht mul­ti­pliziert wer­den, die Mul­ti­p­lika­tion von „Bein­bruch“ mit einem Wahrschein­lichkeitswert ergibt keinen Sinn. Was in der Ökonomie geht, geht im Arbeitss­chutz noch lange nicht.
Dieses Prob­lem ist wahrschein­lich auch den Autoren viel­er Hand­lung­shil­fen bekan­nt gewe­sen und sie haben daher ein „Kenn­zahlen­sys­tem“ einge­führt. So wird zum Beispiel leicht­en Schä­den der „Wert“ 1, beson­ders schw­eren Schä­den der „Wert“ 3 oder höher zuge­ord­net. Allerd­ings ergibt sich aus diesen Wertzuweisun­gen (deswe­gen auch in Anführungsstrichen) keine Quan­tifizierung des Schadens, son­dern nur dessen Umbe­nen­nung. Die Zahl „2“ hat in diesem Zusam­men­hang keine tief­ere Bedeu­tung als die Zuweisung „gelb“.
Die sich daraus ergeben­den Prob­leme sind am Beispiel der BGI 5135 exem­plar­isch dargestellt (siehe Kas­ten).
Sowohl die auf­tauchen­den for­malen als auch die inhaltlichen Unzulänglichkeit­en soll­ten dazu führen, diese Def­i­n­i­tion im Arbeitss­chutz grund­sät­zlich nicht mehr zur Anwen­dung zu brin­gen. Auch die Ein­fach­heit der Ver­fahren ist kein hin­re­ichen­der Grund, da alter­na­tive ein­fache Meth­o­d­en mit ein­er strin­gen­teren the­o­retis­chen Basis zur Ver­fü­gung ste­hen. Die Def­i­n­i­tion R = S x W ist beson­ders dann abzulehnen, wenn der Arbeitss­chutz für sich reklamiert, einem math­e­ma­tisch-natur­wis­senschaftlichen Par­a­dig­ma zu fol­gen.

Zureichende Risikodefinitionen

Sowohl im neueren Schrift­tum, in Nor­men, eini­gen beruf­sgenossen­schaftlichen Infor­ma­tio­nen (zum Beispiel BGI 891), dem Pro­duk­t­sicher­heits­ge­setz und – für den Arbeitss­chutz sich­er beson­ders bedeut­sam – der OHSAS 18001 wird eine andere Risikode­f­i­n­i­tion ver­wen­det:
  • Risiko = Kom­bi­na­tion der Wahrschein­lichkeit des Ein­tritts eines Schadens und seines Schaden­saus­maßes (nach DIN EN ISO 12100:2011–03)
Die For­mulierun­gen vari­ieren in einem gewis­sen Maße zwis­chen den Quellen, stim­men aber darin übere­in, dass die Verbindung aus Ein­trittswahrschein­lichkeit und Schaden über das Wort „Kom­bi­na­tion“ offen for­muliert ist. Die Beze­ich­nung „Pro­dukt“ oder das Mul­ti­p­lika­tion­sze­ichen sind dage­gen geschlossene For­mulierun­gen, die eine bes­timmte Vorge­hensweise festschreiben.
Die offene For­mulierung lässt dage­gen zu, dass ver­schiedene Aus­führungsvari­anten möglich sind, ohne die Def­i­n­i­tion „ver­biegen“ zu müssen. Dementsprechend lis­tet die OHSAS 18002:2008, der Leit­faden zur Imple­men­tierung der OHSAS 18001, im Anhang D sieben(!) ver­schiedene Risikow­erkzeuge auf: Von der ein­fachen Check­liste bis zur aufwändi­gen Com­put­er­mod­el­lierung. Dies garantiert hin­re­ichende Frei­heits­grade, um im betrieblichen Kon­text und unter Berück­sich­ti­gung der tat­säch­lich vorhan­de­nen Dat­en genau das Werkzeug auszuwählen, das auch wirk­lich bedi­ent wer­den kann. So deck­en sich mit dieser For­mulierung die „klas­sis­chen“ an Nohl [4] ori­en­tierten Risiko­ma­trizes (Abb. 1), Risikobäume wie zum Beispiel in der DIN EN 954.1 [5], aber auch – wenn das Daten­ma­te­r­i­al vorhan­den ist – konkrete Risikozuweisun­gen: Risiko für tödlichen Leit­er­sturz = 1 : 1300 [6].
Aus diesen Grün­den sollte dieser Def­i­n­i­tion der Vorzug gegeben und möglichst sowohl im staatlichen Recht (zum Beispiel Tech­nis­che Regeln) als auch im beruf­sgenossen­schaftlichen Schrift­tum ein­heitlich angewen­det wer­den.
Trotz der unbe­stre­it­baren Vorteile dieser zweit­en Def­i­n­i­tion ist aber die Anwen­dung mit etlichen Schwierigkeit­en behaftet.

Praxisprobleme

1. Para­me­terbes­tim­mung: In der The­o­rie set­zt die Risiko­analyse voraus, dass bei der Ermit­tlung der Gefährdung ein Schaden benan­nt und dessen Wahrschein­lichkeit fest­gestellt wird. Aber welchen Schaden benenne ich und wie bes­timme ich seine Wahrschein­lichkeit?
Typ­is­cher­weise ist ein Unfall oder eine Erkrankung durch eine Hauptbe­din­gung und diverse Randbe­din­gun­gen gekennze­ich­net. Dabei ist die Hauptbe­din­gung ursäch­lich für das Schadensereig­nis ver­ant­wortlich, während die Randbe­din­gun­gen die Höhe des tat­säch­lichen Schadens deter­minieren. Abb. 2 zeigt die Sit­u­a­tion eines Leit­er­ab­sturzes. Die Hauptbe­din­gung ist hier­bei der Absturz selb­st, von den Randbe­din­gun­gen hängt es nun aber ab, wie sich der Schaden man­i­festiert: vom „Schreck­en“ bis zum Tod.
Diese Randbe­din­gun­gen sind aus­ge­sprochen vielfältig, enthal­ten objek­tiv mess­bare physikalis­che Größen (Sturzhöhe, Sturzgeschwindigkeit et cetera), weniger leicht zu erfassende Bedin­gun­gen (zum Beispiel Boden­härte) bis hin zu indi­vidu­ellen, an die jew­eilige Per­son gebun­dene Para­me­ter, die kaum quan­tifizier­bar sind (zum Beispiel Robus­theit des Kör­per­baus).
Die Unter­suchung ein­er großen Zahl von Unfällen ergibt zudem, dass es nicht einen bes­timmten Schaden gibt, son­dern sich ein Schaden­spek­trum mit jew­eils eigen­er Wahrschein­lichkeitsverteilung her­auskristallisiert (Abb. 3). Welch­er Schaden sich aber man­i­festiert ist nicht sich­er vorher­sag­bar. Es ist ein wenig wie in der Quan­ten­physik: Für das Sys­tem gibt es ver­schiedene Wahrschein­lichkeit­szustände, welch­er Zus­tand aber konkret real­isiert wird, ergibt sich erst bei der Mes­sung, das heißt hier mit dem Ereigni­sein­tritt, also zum Beispiel bei einem Unfall.
Dabei kann eben­falls in Anlehnung an die Quan­ten­physik so etwas wie eine Unschär­fer­e­la­tion beobachtet wer­den: Bei nicht scharf definierten Schadensereignis­sen (zum Beispiel Sam­melkat­e­gorie „Leichte Ver­let­zun­gen“) ist eine einiger­maßen konkrete Wahrschein­lichkeits­be­nen­nung möglich. Bei ein­er scharf fest­gelegten Schaden­shöhe (zum Beispiel 1 cm langer Schnitt in die Beere des recht­en Zeigefin­gers) wird dies nahezu unmöglich. Die gestiegene Genauigkeit in der einen Vari­ablen wird mit gesteigert­er Unvorher­sag­barkeit in der anderen erkauft. Diese Unschär­fen sind aber bekan­nt und wer­den akzep­tiert, da all­ge­mein die Risikobeurteilung als eine „Schätzung“ und nicht als exak­te Analyse ange­sprochen wird (z. B. OHSAS 18001) – was vor der Fülle der schaden­vari­ieren­den Nebenbe­din­gun­gen auch gar nicht möglich wäre.
In dem Beispiel der Abb. 2 ste­hen somit fünf Schadensvari­anten mit jew­eils eige­nen Wahrschein­lichkeit­en „zur Auswahl“. Deshalb wird die Bes­tim­mung der Schaden­shöhe als auch der Ein­trittswahrschein­lichkeit immer sub­jek­tiv sein und eine „Einen­gung“ der Möglichkeit­en darstellen, da bes­timmte Wahrschein­lichkeit­en nicht berück­sichtigt wer­den. Die Summe der nicht berück­sichtigten Wahrschein­lichkeit­en kann daher größer sein, als die des angenomme­nen Ereigniss­es. Die Risiko­be­tra­ch­tung lebt also von der Hoff­nung, dass sich das erwartete „Hauptereig­nis“ tat­säch­lich ein­stellt.
Diese grund­sät­zlichen Über­legun­gen sollen in zwei Aspek­ten näher durch­dacht wer­den:
  • Wahrschein­lichkeit­sangabe sin­nvoll? Die Angabe ein­er Wahrschein­lichkeit für ein konkret benan­ntes Schadensereig­nis ist also frag­würdig und wider­spricht meist dem prak­tis­chen Vorge­hen im Arbeitss­chutz. Typ­is­cher­weise wird bei der konkreten Sicher­heit­sar­beit nicht gefragt, welche Wahrschein­lichkeit ein bes­timmtes Schadensereig­nis hat, son­dern mit welch­er Wahrschein­lichkeit über­haupt ein poten­ziell schaden­brin­gen­des Ereig­nis, also zum Beispiel ein Unfall ein­tritt.
Das Arbeitss­chutzge­setz fordert in § 4 Nr. 2 sehr ein­deutig, dass Gefahren an der Quelle zu bekämpfen sind. Insofern kann es nicht darum gehen, die Wahrschein­lichkeit für einen bes­timmten Schaden zu begren­zen, son­dern das oben genan­nte Hauptereig­nis zu ver­mei­den. Knochen­brüche durch Leit­er­ab­stürze sind nicht durch das Unter­legen von Sport­mat­ten zu umge­hen, son­dern nur dadurch, dass der Sturz generell ver­mieden wird. Das senkt die Wahrschein­lichkeit aber für alle Schaden­stypen und welch­er the­o­retis­che Schaden mit dem Ereig­nis ver­bun­den hätte sein kön­nen, spielt keine Rolle. Risikothe­o­rie und Prax­is stim­men hier nicht übere­in.
Let­z­tendlich hat diesen Punkt bere­its Nohl [4, Seite 171] deut­lich her­aus­gear­beit­et: „Es darf also nicht Auf­gabe ein­er Sicher­heit­s­analyse sein, die Höhe der Wahrschein­lichkeit (eines Schadens) zu bes­tim­men, son­dern es muss gefragt wer­den, ob der Ein­tritt eines Ereigniss­es wahrschein­lich oder unwahrschein­lich ist.“
Das „Ereig­nis“ ist das, was über­haupt (irgend) einen Schaden bringt und nicht der Schaden selb­st. Dieses Ereig­nis gilt es zu ver­mei­den. Und genau das will auch §4 Nr. 2 des Arbeitss­chutzge­set­zes.
Insofern ist anzure­gen, das Risiko nicht mehr als Kom­bi­na­tion von Schaden­shöhe und Schadenswahrschein­lichkeit zu definieren, son­dern als Kom­bi­na­tion aus Schaden­shöhe und Ein­trittswahrschein­lichkeit des schade­naus­lösenden Ereigniss­es. In der OHSAS 18001 ist dies bere­its umge­set­zt.
Ein­fach­heit sin­nvoll! Bei Berück­sich­ti­gung der oben genan­nten „Unschär­fer­e­la­tion“ erscheint es nicht gün­stig, zu viele Schadens- und Wahrschein­lichkeit­skat­e­gorien aufzustellen. Bei fünf oder sechs Schaden­skat­e­gorien sind die kor­re­spondieren­den Wahrschein­lichkeit­en geringer als bei zum Beispiel drei Kat­e­gorien. Dies macht es in der Prax­is deut­lich schwieriger, die kor­rek­te Zuord­nung zu tre­f­fen und erhöht damit die Zahl der Fehl­prog­nosen: Das Her­aus­greifen ein­er Kat­e­gorie umfasst im ein­fachen Sys­tem deut­lich mehr Fälle als im dif­feren­ziert­eren (siehe Abb. 4), so dass es bei Anwen­dung kat­e­gorien­re­ich­er Sys­teme zu nicht aus­re­ichen­der sta­tis­tis­ch­er Repräsen­tanz kom­men kann. Daher kön­nen Risiko­be­tra­ch­tun­gen mit vie­len Kat­e­gorien gegebe­nen­falls unsicher­er als solche mit weniger Vari­anten sein, denn rein sta­tis­tisch betra­chtet, ist die Wahrschein­lichkeit, im ein­fachen Sys­tem die richtige Kat­e­gorie zu wählen 1/3 im kom­plex­eren aber nur 1/6 (Abb. 4).
2. Nach­läs­sige Hil­f­s­mit­tel: Bei der Durch­sicht der ver­schiede­nen Anre­gun­gen und Hand­lung­shil­fen fällt auf, dass ins­beson­dere bei der Benen­nung der jew­eili­gen Kat­e­gorien häu­fig ein unangemessen umgangssprach­lich­er Ton herrscht. Wenn wir die BGI / GUV‑I 8700 als ein Beispiel unter vie­len wählen, so fällt zunächst auf, dass die Schaden­skat­e­gorien von reinem Unfalldenken geprägt sind. Erkrankun­gen – möglicher­weise mit langer Entwick­lungszeit – sind über­haupt nicht vorge­se­hen.
Neb­ulös wer­den die Begriffe im Bere­ich der Ein­trittswahrschein­lichkeit­en. Da ste­ht „gele­gentlich“ neben „sel­ten“, „unwahrschein­lich“ neben „prak­tisch unmöglich“. Let­zteres vor allem eine logis­che Unmöglichkeit, da „Unmöglich“ nur die Zustände Ja und Nein und nicht „ein wenig möglich“ umfasst. Begriffe wie „gele­gentlich“ und sel­ten“ sind schon sprach­lich – seman­tisch schw­er zu tren­nen, in der Sicher­heit­sar­beit macht dieses Begriff­s­paar keinen Sinn. Unan­genehmer­weise tren­nen diese bei­den Begriffe die Maß­nah­men der mit­tleren und hohen Stufe, so dass die Ver­suchung entste­ht, die Wahrschein­lichkeit­szuweisun­gen den gewün­scht­en oder nicht gewün­scht­en Maß­nah­men­pak­ten anzu­passen.
Nun kön­nte man mit diesen Begrif­f­en leben, wenn sie als Platzhal­ter ver­standen wür­den, die im betrieblichen Kon­text mit mess­baren Inhal­ten zu füllen wären. Dazu gibt es kein­er­lei Hin­weise, außer dass die Länge und Häu­figkeit der Expo­si­tion eine Rolle spielt. Hin­weise, wie der für die Gefährdungs­beurteilung Ver­ant­wortliche die Worthülsen mit konkreten Inhal­ten füllen kann, fehlen prak­tisch voll­ständig. Aber immer­hin erfährt der Leser, dass die Wahrschein­lichkeit des Schadens von der Wahrschein­lichkeit der Gefährdung abhängt.
Noch ein Drittes fällt auf: Der fün­f­stu­fi­gen 5 x 5 Matrix ste­hen nur drei Kat­e­gorien an Maß­nah­men gegenüber (Abb. 1), das heißt das aus­d­if­feren­zierte Sys­tem wird auf der Ebene der Maß­nah­men wieder vere­in­facht. Wer­den dann über­haupt fünf Stufen benötigt, die schw­er gegeneinan­der abzu­gren­zen sind? Ist eine Überdif­feren­zierung sin­nvoll in Anbe­tra­cht der ver­gle­ich­sweise gerin­gen Frei­heits­grade der prak­tis­chen Sicher­heit­sar­beit? Die vor Ort aus­ge­führten Maß­nah­men wer­den sich nicht unter­schei­den, egal ob auf dem Papi­er „sel­ten“ oder „gele­gentlich“ ste­ht.

Risikobeurteilungen nützlich?

Diese Kri­tik mag dazu ver­leit­en, Risikobeurteilun­gen nur neg­a­tiv zu sehen. Dem muss sich­er wider­sprochen wer­den, denn richtig angewen­det sind sie aus zumin­d­est zwei Grün­den sin­nvoll:
  • sie helfen begründ­bare Entschei­dun­gen zu tre­f­fen und
  • sie ermöglichen eine ein­heitliche Beurteilung­sprax­is bei unter­schiedlichen Tätigkeit­en, in ver­schieden Betrieb­steilen beziehungsweise Nieder­las­sun­gen oder durch ver­schiedene Beurteil­er.
Diese Auf­gabe kön­nen sie aber nur erfüllen, wenn sie mit hin­re­ichen­der Sorgfalt und Prü­fung auf Angemessen­heit angewen­det wer­den. Grund­sät­zlich ist der Arbeit­ge­ber als Nor­madres­sat in der Pflicht, die Gefährdungs­beurteilung und damit auch die Risikoab­schätzun­gen durchzuführen. Dies bedeutet, er muss eine Meth­ode entwick­eln oder übernehmen, die zu seinen Möglichkeit­en passt. Eine Über­nahme aus zum Beispiel einem BG-Werk ohne Reflek­tion, ob dieses Mod­ell auch bedi­ent wer­den kann, ist sinn­los. Eben­so die Anwen­dung hochkom­plex­er Instru­mente, die kein Mitar­beit­er des Betriebes sich­er hand­haben kann. Ger­ade deshalb lässt ja auch die OHSAS 18001 / OHSAS 18002 diverse Risikow­erkzeuge zu.
Bei der Diskus­sion darf ein Punkt nicht überse­hen wer­den: Der betriebliche Arbeitss­chutz ist zunächst eine prak­tis­che und keine the­o­retis­che Tätigkeit und die Gefährdungs­beurteilung ist „nur“ ein Mit­tel, um die Maß­nah­men festzule­gen [7]. Sie darf nicht zur l’art pour l’art, zur Kun­st um der Kun­st willen verkom­men. Wenn eine hoch dif­feren­zierte Risiko­analyse nicht mit entsprechen­den Dat­en zu füllen ist und dann nicht zu eben­falls hoch dif­feren­zierten Maß­nah­men führen kann, ist sie über­trieben.
Wenn wir also von Son­der­si­t­u­a­tio­nen wie kom­plex­en Risiko­er­mit­tlun­gen an Anla­gen und ähn­lichem abse­hen, sollte im „nor­malen“ Arbeitss­chutz Ein­fach­heit und Klarheit herrschen, sowie ein für alle prak­tis­chen Akteure hand­hab­bares Werkzeug vor­liegen. Fol­gende Empfehlun­gen soll­ten berück­sichtigt wer­den.
  • Ein­fach­heit vor Kom­plex­ität: Risikoin­stru­mente soll­ten eher ein­fach beschaf­fen sein. Empfehlenswert ist die Anwen­dung von 3 x 3 – Matrizes, da sie hin­re­ichend gute Ergeb­nisse bei über­schaubaren und rel­a­tiv klar zu definieren­den Inten­sitätsstufen liefern. In der Prax­is ver­fü­gen wir in der Regel nicht über sehr viele Vari­anten bezüglich der sicher­heits­gerecht­en Arbeits­gestal­tung, so dass höher­skalige Sys­teme (zum Beispiel eine 5 x 5 Matrix) häu­fig nicht mit entsprechen­den Strate­gien beant­wortet wer­den kön­nen. Die BGI/GUV – I 8700 mit ein­er 5 x 5 Matrix, die dann doch nur drei Maß­nah­men­typen gener­iert ist ein deut­lich­es Beispiel für überdif­feren­zierte Sys­teme. Außer­dem sollte anhand des Instru­ments eine rel­a­tiv schnelle und saubere Beurteilung möglich sein, denn häu­fig müssen Gefährdungs­beurteilun­gen im laufend­en Betrieb als Reak­tion auf Son­der­si­t­u­a­tio­nen (Repara­turen, Störungs­be­sei­t­i­gun­gen, Not­fälle) erfol­gen. Für aufwändi­ge Analy­sen ist dann keine Zeit – mit der Gefahr, dass gar keine Beurteilung durchge­führt wird.
  • Klare und ermit­tel­bare Kri­te­rien: Sowohl für die Schaden­shöhe als auch die Ein­trittswahrschein­lichkeit soll­ten klare Kri­te­rien fest­gelegt wer­den. Dies kön­nte zum Beispiel für die Schaden­shöhe in Analo­gie zu den Beispie­len in Tab. 1 erfol­gen, wobei auch grund­sät­zlich Erkrankun­gen zu berück­sichti­gen sind. Allerd­ings wird sys­tem­be­d­ingt hier immer eine gewisse Unsicher­heit verbleiben, da es sich um Prog­nosen han­delt. Bei der Ein­trittswahrschein­lichkeit sollte dage­gen immer ver­sucht wer­den, die Wahrschein­lichkeit indi­rekt über solche Kri­te­rien zu erfassen, die tat­säch­lich im Betrieb ermit­telt wer­den kön­nen und keinen Prog­nosecharak­ter haben. Dies kön­nte zum Beispiel die Länge der Tätigkeit/der Expo­si­tion sein. Begriffe wie „sel­ten“ oder „häu­fig“ sind im Betrieb durch fest­stell­bare und mess­bare Para­me­ter zu konkretisieren. Darauf weist auch die OHSAS 18002 hin. Tab. 2 lis­tet einige Beispiele dafür auf.
  • Gewichtete Feld­bele­gun­gen: Die Bele­gun­gen in ein­er Matrix sind nicht vorgegeben, son­dern müssen von den Arbeitss­chutzver­ant­wortlichen fest­gelegt wer­den. Die Hin­ter­legung von grü­nen, gel­ben und roten Bere­ichen (Gefährdung: niedrig – mit­tel – hoch) wird und muss daher die Sicher­heit­spoli­tik des Unternehmens wider­spiegeln. Dabei kann sich das Bele­gungsmuster entwed­er an den Ein­trittswahrschein­lichkeit­en oder der Schaden­shöhe ori­en­tieren. Im ersteren Falle deter­miniert die ansteigende Wahrschein­lichkeit die Rang­folge der Gefährdungsstufen im anderen Falle die prog­nos­tizierte Schaden­shöhe (Abb. 5).
  • Angemessene Infor­ma­tion­swer­tung: Eher mit­tel­bar mit unser­er Diskus­sion ver­bun­den ist eine angemessene Infor­ma­tion­sauswer­tung anzu­rat­en. Wir sind ständig auf Infor­ma­tio­nen angewiesen, diese wirken aber häu­fig verz­er­rend auf die Wahrnehmung. Veröf­fentlichte Unfall­berichte sind meis­tens die drama­tis­chen Fälle, nicht die „typ­is­chen“ Nor­malfälle. Aber ger­ade diese haben die höch­ste Ein­trittswahrschein­lichkeit. Wenn berichtet wird, dass von 26.000 Leiterun­fällen 20 tödlich enden, so bleiben uns diese 20 Fälle im Gedächt­nis und erst beim zweit­en Nach­denken nehmen wir wahr, dass ca. 25980 Leiterun­fälle mit gerin­geren Schä­den ablaufen: Ein Phänomen, das in den Medi­en­wis­senschaften als Risikoverz­er­rung bekan­nt ist [3]. Hier kön­nten sta­tis­tis­che Auswer­tun­gen der tausende von hin­ter­legten Unfall­berichte helfen. Reale, auf Zahlen basierende His­togramme wie in Abb. 3 wür­den dem Prak­tik­er eine große Hil­fe bei der Sicher­heit­sar­beit und bei der Ein­schätzung von Gefährdung­shöhen sein. Mag sein, dass es so etwas bere­its gibt, dann aber wohl so ver­steckt, dass zumin­d­est der Autor sie noch nicht gefun­den hat.

Zusammenfassung: Was ist zu verbessern?

Der Erfolg staatlich­er und beruf­sgenossen­schaftlich­er Präven­tion wird auch davon abhän­gen, dass die einge­set­zten Instru­mente miteinan­der abgeglichen, anwend­bar und konkret sind. Ins­beson­dere Klein- und Mit­telun­ternehmer haben wed­er die Möglichkeit noch den „Sinn“, über All­ge­mein­aus­sagen, unter­schiedliche Def­i­n­i­tio­nen und so weit­er zu reflek­tieren. Deshalb sei fol­gen­des angeregt:
  • Es sollte eine ein­heitliche Risikode­f­i­n­i­tion im Arbeitss­chutz und in den diversen „Schriften“ ver­wen­det wer­den (zum Beispiel nach OHSA 18001). Mul­ti­p­lika­tive Sys­teme soll­ten unterbleiben.
  • Es sollte geprüft wer­den, ob inner­halb ein­er Risikode­f­i­n­i­tion die Ein­trittswahrschein­lichkeit des schade­naus­lösenden Ereigniss­es und nicht die Wahrschein­lichkeit eines bes­timmten Schadens adressiert wird. Da fest­gelegte und im Schrift­tum weit ver­bre­it­ete Def­i­n­i­tion aber meist schw­er zu ändern sind, kön­nte diese Sicht als „Durch­führungsempfehlung“ gegeben wer­den.
  • Hand­lung­shil­fen, Erläuterun­gen et cetera soll­ten auch das Prob­lem von Erkrankun­gen in die Risiko­analyse mit ein­beziehen.
  • Sie soll­ten eben­falls konkrete Begrif­flichkeit­en ver­wen­den oder min­destens erläutern wie beziehungsweise wom­it der Arbeitss­chutzver­ant­wortliche „Stel­lvertreter­be­griffe“ konkret für seinen Betrieb füllen kann.
  • Es sollte ver­stärkt anhand konkreter Beispiele der sachgerechte Gebrauch von Kri­te­rien und Instru­menten in unter­schiedlichen Gefährdungssi­t­u­a­tio­nen der Instru­mente erläutert wer­den.
  • Eine sta­tis­tis­che Auswer­tung der Unfal­lanzeigen / BK-Ver­dacht­sanzeigen et cetera nach Schaden­skri­te­rien und rel­a­tiv­en Häu­figkeit­en würde es den Ver­ant­wortlichen erle­ichtern, möglich Schadensszenar­ien bess­er zu erken­nen und zu benen­nen.
Anmerkun­gen und Quellen
  • 1. Bun­destags­druck­sache 13/3540 vom 22.01.1996
  • 2. zum Beispiel: Lehder, G, R. Ski­ba: Taschen­buch Betriebliche Sicher­heit­stech­nik, ESV Ver­lag 4, Auflage, 2000; BGI / GUV – I 5143, BGI / GUV – I 8668, BGI 5135, BGI 5091 – 2 u. a.
  • 3. Ross­man, C & H.-B. Bro­sius (2013): Die Risiken der Risikokom­mu­nika­tion und die Rolle der Massen­me­di­en. – Bun­des­ge­sund­heits­bl 56: 118 – 123
  • 4. Nohl, J. (1989): Grund­la­gen zur Sicher­heit­s­analyse. – Peter Lang Ver­lag, Frank­furt 252 pp
  • 5. DIN EN 954–1 Sicher­heit von Maschi­nen – Sicher­heits­be­zo­gene Teile der Steuerung – Teil 1: All­ge­meine Gestal­tungs­grund­sätze, 1996
  • 6. Unter Zugrun­dele­gung der Zahlen zu Leiterun­fällen aus „Steine und Erden“, Aus­gabe 5/2010
  • 7. Ver­gle­iche hierzu ins­beson­dere § 1 Abs. 1 Satz 1 mit § 5 Abs. Arb­SchG
Sehr geehrte Leserin­nen und Leser
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Autor
Dr. rer nat. Ger­ald Schnei­der
BAD GmbH Gesund­heitsvor­sorge und Sicher­heit­stech­nik
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