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Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Leiharbeit

Dissertation im FG Arbeitssicherheit/Ergonomie
Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Leiharbeit

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Die Lei­har­beit (auch „Zeitar­beit“, „Arbeit­nehmerüber­las­sung“ oder „Per­son­al­leas­ing“ genan­nt) hat in den ver­gan­genen Jahren europaweit und ins­beson­dere in Deutsch­land zunehmend an Bedeu­tung gewon­nen. Für die Ein­hal­tung der Sicher­heit und des Gesund­heitss­chutzes der Beschäftigten bei der Arbeit stellen die Lei­har­beit­nehmere­in­sätze eine beson­dere Her­aus­forderung dar. Europaweit stim­men die Aus­sagen der meis­ten nationalen Experten darin übere­in, dass es im All­ge­meinen kein gle­ich­es Schutzniveau zwis­chen Lei­har­beit­nehmern und direkt vom Ein­satzun­ternehmen angestell­ten Mitar­beit­ern gibt. Die hierzu vorhan­de­nen Dat­en lassen allerd­ings kaum den sta­tis­tis­chen Nach­weis ein­er Benachteili­gung der Lei­har­beit­nehmer im Ver­gle­ich zu den Nicht-Lei­har­beit­nehmern zu. In Deutsch­land ermöglichen selb­st die für die Zeitar­beit aus­gewiese­nen Arbeit­sun­fal­lzahlen keinen direk­ten Ver­gle­ich mit den Arbeit­sun­fal­lzahlen aus anderen Branchen, da sich die Berech­nung ihrer Quote auf die Anzahl der Ver­sicherten und nicht auf die Anzahl der Vollbeschäftigten bezieht. Ein direk­ter Ver­gle­ich von Dat­en zur Arbeits­be­las­tung und ‑beanspruchung, zur Gesund­heit und zur Arbeit­szufrieden­heit von Lei­har­beit­nehmern und Nicht-Lei­har­beit­nehmern ermöglichen die Ergeb­nisse der BIB­B/BAuA-Erwerb­stäti­gen­be­fra­gung 2005/2006. Ergeb­nisse dieser Befra­gung wur­den im Bericht der Bun­desregierung über den Stand von Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit und über das Unfall- und Beruf­skrankheit­engeschehen in der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land im Jahre 2006 dargestellt (s. Tab. 1).

Bei dem in Tabelle 1 dargestell­ten Ver­gle­ich, der eine ein­deutige Benachteili­gung der Lei­har­beit­nehmer hin­sichtlich der aufge­führten Arbeits­be­din­gun­gen erken­nen lässt, wur­den die Antworten der Gesamtheit der befragten Lei­har­beit­nehmer und die Antworten der Gesamtheit der befragten Nicht-Lei­har­beit­nehmer herange­zo­gen. Die Gruppe der Lei­har­beit­nehmer bestand aus 63,8 % und die der Nicht-Lei­har­beit­nehmer aus 35,9 % Arbeit­er. Mit „Arbeit­er“ sind hier Arbeit­nehmer gemeint, die über­wiegend kör­per­liche Arbeit („Han­dar­beit“) leis­ten. Im Gegen­zug dazu beze­ich­net der im Nach­fol­gen­den ver­wen­dete Begriff „Angestellte“ Arbeit­nehmer, die über­wiegend geistige Arbeit („Kop­far­beit“) leis­ten. Unter den befragten Lei­har­beit­nehmern waren 31 % und unter den befragten Nicht-Lei­har­beit­nehmern 45 % Frauen. Dementsprechend waren die Verteilun­gen von Beschäf­ti­gungssta­tus (Arbeit­er – Angestellte) und Geschlecht in den Ver­gle­ichs­grup­pen sehr unter­schiedlich.
In der hier vorgestell­ten Dis­ser­ta­tion wurde die Hypothese aufgestellt, dass es bei gle­ichen Verteilun­gen von Beschäf­ti­gungssta­tus (Arbeit­er – Angestellte) und Geschlecht in den Ver­gle­ichs­grup­pen keinen sig­nifikan­ten Unter­schied zwis­chen den durch kör­per­liche (physis­che) Arbeits­be­din­gun­gen und durch die Arbeit­sumge­bung (physikalis­che Arbeits­be­din­gun­gen) verur­sacht­en Belas­tungssi­t­u­a­tio­nen von Lei­har­beit­nehmern und Nicht-Lei­har­beit­nehmern gibt. Ins­ge­samt war es Ziel zu unter­suchen, ob sich die ggf. fest­gestell­ten Unter­schiede bei dem Ver­gle­ich von Lei­har­beit­nehmern und Nicht-Lei­har­beit­nehmern nicht vielmehr aus der aus­geübten Tätigkeit als aus der Art des Arbeitsver­hält­niss­es ergeben. Die Fragestel­lun­gen hierzu lauteten:
Hat die Zusam­menset­zung der Ver­gle­ichs­grup­pen hin­sichtlich Beschäf­ti­gungssta­tus und Geschlecht einen wesentlichen Ein­fluss auf die Ergeb­nisse des Ver­gle­ichs von Lei­har­beit­nehmern und Nicht-Lei­har­beit­nehmern bei der Betra­ch­tung
der Belas­tungs- und Beanspruchungssi­t­u­a­tion infolge
der physis­chen und physikalis­chen Arbeits­be­din­gun­gen (Arbeit im Ste­hen, Las­ten­hand­habung, Lärm, Erschüt­terun­gen, …),
der psy­chosozialen Arbeits­be­din­gun­gen (Möglichkeit, die Arbeit selb­st zu pla­nen, gefühlsmäßige Belas­tung durch Arbeit, Unter­stützung von Kol­le­gen, von Vorge­set­zten, …),
der Arbeit­san­forderun­gen (unter Ter­min­druck arbeit­en, Wieder­hol­ung der Arbeits­gänge, ver­schiedenar­tige Arbeit­en gle­ichzeit­ig im Auge behal­ten, …),
des all­ge­meinen Gesund­heit­szu­s­tands,
der Arbeit­szufrieden­heit ins­ge­samt?
Daten­grund­lage der ange­wandten Methodik war die BIB­B/BAuA-Erwerb­stäti­gen­be­fra­gung 2005/2006. Um Antworten auf die Fragestel­lun­gen zu find­en, wur­den ein­er­seits Lei­har­beit­nehmer und Nicht-Lei­har­beit­nehmer mit gle­ichen Verteilun­gen hin­sichtlich Beschäf­ti­gungssta­tus und Geschlecht („gematcht“) und ander­er­seits Lei­har­beit­nehmer und Nicht-Lei­har­beit­nehmer mit sehr unter­schiedlichen Verteilun­gen hin­sichtlich Beschäf­ti­gungssta­tus und Geschlecht („nicht gematcht“) ver­glichen (s. Abb. 1).
Für die Inferen­zs­ta­tis­tik wur­den uni­vari­ate, ein­fak­to­rielle Var­i­an­z­analy­sen ohne Mess­wieder­hol­un­gen für unab­hängige Stich­proben mit der Soft­ware „Sta­tis­ti­cal Pack­age for the Social Sci­ence“ (SPSS) gerech­net. Es wur­den zwei­seit­ige Sig­nifikanztests ver­wen­det, wobei das Sig­nifikanzniveau auf p # .05 fest­gelegt wurde. Werte von p # .01 wur­den als hoch sig­nifikant, Werte von p # .001 als höchst sig­nifikant inter­pretiert. Als abhängige Vari­able wur­den Fra­gen zur Arbeits­be­las­tung und ‑beanspruchung sowie eine Frage zum all­ge­meinen Gesund­heit­szu­s­tand und eine Frage zur Arbeit­szufrieden­heit ins­ge­samt ver­wen­det.
Die Gegenüber­stel­lung der Ver­gle­ich­sergeb­nisse für die unter­sucht­en Vari­ablen hat zu den in Tabelle 2 dargestell­ten Ergeb­nis­sen geführt.
Die Unter­suchungsergeb­nisse zeigen, dass eine ver­gle­ich­bare Zusam­menset­zung der Ver­gle­ichs­grup­pen hin­sichtlich Beschäf­ti­gungssta­tus und Geschlecht bei dem Ver­gle­ich von Lei­har­beit­nehmern und Nicht-Lei­har­beit­nehmern bei zwei der unter­sucht­en Vari­ablen zu einem anderen Ergeb­nis führt als eine sehr unter­schiedliche Zusam­menset­zung der Ver­gle­ichs­grup­pen. Hier­bei han­delt es sich um die Belas­tun­gen durch physis­che und physikalis­che sowie durch psy­chosoziale Arbeits­be­din­gun­gen. Die durch physis­che und physikalis­che Arbeits­be­din­gun­gen verur­sachte Belas­tungssi­t­u­a­tion von Lei­har­beit­nehmern unter­schei­det sich nicht von der von Nicht-Lei­har­beit­nehmern, wenn die Verteilun­gen von Beschäf­ti­gungssta­tus und Geschlecht in den Ver­gle­ichs­grup­pen gle­ich sind. Bei sehr unter­schiedlichen Verteilun­gen von Beschäf­ti­gungssta­tus und Geschlecht in den Ver­gle­ichs­grup­pen gibt es hinge­gen einen sta­tis­tisch höchst sig­nifikan­ten Unter­schied in der durch physis­che und physikalis­che Arbeits­be­din­gun­gen verur­sacht­en Belas­tungssi­t­u­a­tion von Lei­har­beit­nehmern und Nicht-Lei­har­beit­nehmern. Was die durch psy­chosoziale Arbeits­be­din­gun­gen verur­sachte Belas­tungssi­t­u­a­tion bet­rifft, ist der Unter­schied zwis­chen Lei­har­beit­nehmern und Nicht-Lei­har­beit­nehmern geringer bei gle­ichen Verteilun­gen hin­sichtlich Beschäf­ti­gungssta­tus und Geschlecht als bei sehr unter­schiedlichen Verteilun­gen dieser Aspek­te in den Ver­gle­ichs­grup­pen.
Diese Ergeb­nisse zeigen, dass die üblicher­weise in der Lit­er­atur und den Fachzeitschriften vorgestell­ten Ver­gle­ich­sergeb­nisse hin­sichtlich der Arbeits­be­din­gun­gen (kör­per­lich, Arbeit­sumge­bung, psy­chosozial) von Lei­har­beit­nehmern und Nicht-Lei­har­beit­nehmern die Schlussfol­gerung ein­er grund­sät­zlichen Benachteili­gung der Lei­har­beit­nehmer auf­grund der Art ihres Arbeitsver­hält­niss­es nicht zulassen. Die Tat­sache, dass bei der Ausübung ver­gle­ich­bar­er Tätigkeit­en kein sig­nifikan­ter Unter­schied zwis­chen den kör­per­lichen Arbeits­be­las­tun­gen und den Umge­bungs­be­din­gun­gen am Arbeit­splatz von Lei­har­beit­nehmern und Nicht-Lei­har­beit­nehmern festzustellen ist, lässt schlussfol­gern, dass eine all­ge­meine Verbesserung der physis­chen und physikalis­chen Arbeits­be­din­gun­gen der Lei­har­beit­nehmer nur durch eine all­ge­meine Verbesserung entsprechen­der Arbeits­be­din­gun­gen an den Arbeit­splätzen, die von der Mehrheit der Lei­har­beit­nehmer beset­zt wer­den, erre­icht wer­den kann. In Deutsch­land wird die Mehrheit der Lei­har­beit­nehmer in der Fer­ti­gung und für Hil­f­stätigkeit­en einge­set­zt. Eine deut­liche Verbesserung der physis­chen und physikalis­chen Arbeits­be­din­gun­gen der Lei­har­beit­nehmer kann nur erfol­gen, wenn die Arbeits- und Umge­bungs­be­din­gun­gen an den Low-End-Arbeit­splätzen in der Indus­trie im All­ge­meinen verbessert wer­den.
Die Pro­mo­tion erfol­gte an der Ber­gis­chen Uni­ver­sität Wup­per­tal, FB D, Abteilung Sicher­heit­stech­nik, Fachge­bi­et Arbeitssicherheit/Ergonomie bei Prof. B. H. Müller.

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