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Verkauf dichlormethanhaltiger Abbeizer verboten – eine Nachfrage

Langer Atem
Verkauf dichlormethanhaltiger Abbeizer verboten – eine Nachfrage

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Dichlormethanhaltige Abbeiz­er sind eine der gefährlich­sten Stoffe auf Baustellen. Immer wieder wird über schwere Unfälle berichtet – nicht sel­ten mit Todes­folge. Über Unfälle weltweit wird eine Liste auf ein­er Web­seite gepflegt. Seit 6. Dezem­ber 2011 dür­fen dichlormethanhaltige Abbeiz­er in Europa nicht mehr verkauft wer­den.

Dr. Rein­hold Rühl

Seit Ende der 80er Jahre wird ver­stärkt über Unfälle, vor allem über tödliche Unfälle, beim Entschicht­en mit dichlormethanhalti­gen Abbeiz­ern berichtet. Anfang der 90er Jahre hat der Auss­chuss für Gefahrstoffe die The­matik aufge­grif­f­en und die TRGS 612 „Ersatzstoffe, Ersatzver­fahren und Ver­wen­dungs­beschränkun­gen für dichlormethanhaltige Abbeiz­er“ erar­beit­et. Die Ini­tia­tive für diese TRGS ging von der Fir­ma Schei­del aus Hirschaid bei Bam­berg aus, die 1982 den bay­erischen Umwelt­preis für die Entwick­lung eines alter­na­tiv­en dichlormethanfreien Abbeiz­ers erhal­ten hat­te.
Die Chemikalien­ver­botsverord­nung führte dann ein Selb­st­be­di­enungsver­bot für Pro­duk­te mit dem R40 (Ver­dacht auf kreb­serzeu­gende Wirkung) ein. Da Dichlormethan mit dem R40 gekennze­ich­net ist und diese Abbeiz­er zu mehr als 75% aus diesem Stoff beste­hen, ist auch das Pro­dukt entsprechend zu kennze­ich­nen.
Auch dieses Selb­st­be­di­enungsver­bot wurde zunächst weit­ge­hend mis­sachtet. Erst einige Beiträge im ARD-Rat­ge­ber Bauen & Wohnen sorgten für den entschei­den­den Wan­del. Trotz­dem ist davon auszuge­hen, dass bis vor weni­gen Jahren noch über 75% aller Fas­sade­nentschich­tun­gen mit dichlormethanhalti­gen Abbeiz­ern durchge­führt wur­den.
Arbeitss­chutz bei dichlormethan- halti­gen Abbeiz­ern
Auf die größte Gefahr dichlormethanhaltiger Abbeiz­er weist keine Kennze­ich­nung hin, den niedri­gen Siedepunkt und den damit ver­bun­de­nen hohen Dampf­druck. Beim Ein­satz dichlormethanhaltiger Abbeiz­er in Räu­men liegen Expo­si­tio­nen bis zum zehn­fachen und selb­st bei Abbeizarbeit­en im Freien an der Fas­sade bis zum sechs­fachen des Arbeit­splatz­gren­zw­ertes von 260mg/m³ vor. Da auf entsprechen­den Baustellen in der Regel eine Absaugung nicht möglich ist, muss Atem­schutz ver­wen­det wer­den. Auf­grund des niedri­gen Siedepunk­tes von 40°C ist Dichlormethan ein soge­nan­nter „Niedrigsieder“ (Siedepunkt < 65°C) und Atem­schutz­fil­ter sind, wenn Dichlormethan nicht allein vor­liegt, unwirk­sam. Es müssen umge­bungsluftun­ab­hängige Atem­schutzgeräte ver­wen­det wer­den. Bis heute sind wed­er der BG BAU noch der Malerin­nung Baustellen bekan­nt, an denen dieser sehr teure Atem­schutz einge­set­zt wurde.
Auch die Auswahl der Hand­schuh­ma­te­ri­alien gestal­tet sich schwierig. Tabelle 1 gibt die Durch­bruchzeit­en für die gängi­gen Hand­schuh­ma­te­ri­alien an. Selb­st Hand­schuhe aus Flu­o­rkautschuk sind nur 150 Minuten geeignet, müssen somit alle 2,5 Stun­den gewech­selt wer­den. Dies bedeutet, dass pro Schicht min­destens 3 Paar dieser sehr teuren Hand­schuhe ver­wen­det wer­den müssen. Auch hier ist keine Baustelle bekan­nt, bei denen diese Hand­schuhe einge­set­zt wur­den. Die auf ein­er Test­baustelle einge­set­zten richti­gen Schutz­maß­nah­men (Abb. 1) gegen dichlormethanhaltige Abbeiz­er sind somit so bish­er noch nie auf ein­er Baustelle gese­hen wor­den.
EU-weite Regelung
Ende der 90er Jahre regte Deutsch­land eine EU-weite Beschränkung chro­math­altiger Zemente und dichlormethanhaltiger Abbeiz­er an. Lange liefen bei­de Aktiv­itäten par­al­lel in einem Entwurf ein­er Ver­bot­srichtlin­ie. Auf­grund sehr guter Lob­b­yarbeit der chemis­chen Indus­trie wur­den bei­de Vorge­hen getren­nt. Das Ver­bot von Zement mit Chro­mat­ge­hal­ten über 2 mg/kg trat am 17. Jan­u­ar 2005 in Kraft.
Es hat noch einige Jahre gedauert, bis die EU endlich auch ein Ver­bot dichlormethanhaltiger Abbeiz­er beschloss. Dabei mussten in Brüs­sel Argu­mente von wichti­gen EU-Staat­en wie Mal­ta entkräftet wer­den: „Wir brauchen die dichlormethanhalti­gen Abbeiz­er, um das Abfalldichlormethan aus der phar­mazeutis­chen Indus­trie zu entsor­gen.“ Doch eben­falls in Deutsch­land wurde dieses mal­te­sis­che Argu­ment bei ein­er Anhörung im Arbeitsmin­is­teri­um vorge­bracht.
Schließlich kon­nte aber am 3. Juni 2009 eine Beschränkung des Inverkehrbrin­gens und der Ver­wen­dung von Dichlormethan in Abbeizmit­teln im Amts­blatt der Europäis­chen Union (L137/3–6) veröf­fentlicht wer­den. Allerd­ings enthält diese Beschränkung sehr lange Über­gangs­fris­ten. So ist der Verkauf dichlormethanhaltiger Abbeiz­er erst seit 6. Dezem­ber 2011 ver­boten, die Maler dür­fen bis dahin gekaufte dichlormethanhaltige Abbeiz­er bis zum 6. Juni 2012 ver­wen­den.
Zum Niko­laus 2011: Verkaufsver­bot
Im Wesentlichen wur­den dichlormethanhaltige Abbeiz­er bei den Maler-Einkauf­sgenossen­schaften verkauft. Dort beste­ht eine entsprechende Beratung, so dass dieser Verkauf nicht unter das Selb­st­be­di­enungsver­bot fällt. Seit 6. Dezem­ber 2011 bieten auch die Maler-Einkauf­sgenossen­schaften dichlormethanhaltige Abbeiz­er nicht mehr an.
Beim Maler-Einkauf Süd-West eG in Wies­baden bestätigte Nieder­las­sungsleit­er Jür­gen Jung, dass die dichlormethanhalti­gen Abbeiz­er nicht mehr verkauft wer­den. Das Fach­per­son­al der MEG berät die Maler über den Ein­satz der dichlormethanfreien Pro­duk­te. Es gibt jet­zt nicht mehr den Uni­ver­sal­abbeiz­er, son­dern je nach zu ent­fer­nen­der Beschich­tung muss der richtige Abbeiz­er aus­ge­sucht wer­den.
Dies ist die Chance für die Fach­be­triebe des Bun­desver­ban­des „Farbe Gestal­tung Baut­en­schutz“, der Malerin­nung. Nur sie kön­nen mit ihrer Fachkom­pe­tenz die Art der zu ent­fer­nen­den Beschich­tung erken­nen und den richti­gen Abbeiz­er auswählen. Richtig einge­set­zt, wirken diese dichlormethanfreien Abbeiz­er wie die gefährlichen dichlormethanhalti­gen Abbeiz­er (siehe Kas­ten oben links).
Auch die Her­steller der dichlormethanhalti­gen Abbeiz­er haben sich umgestellt. So wirbt ein Her­steller für die neuen Abbeiz­er mit den Sätzen „Inzwis­chen gibt es Abbeiz­er, die zwar spez­i­fis­ch­er in der Anwen­dung sind, jedoch in ihrer Wirk­weise in nichts den CKW-halti­gen Abbeiz­ern nach­ste­hen. Der Anwen­der muss sich im Vor­feld über­legen, welch­er Abbeiz­er sich am besten für die jew­eilige Auf­gabe eignet.“
Auch dichlormethanfreie Abbeiz­er erfordern Schutz­maß­nah­men
Für unter­schiedliche Beschich­tun­gen (und unter­schiedliche Unter­gründe) wer­den Abbeiz­er benötigt, die den jew­eili­gen Anforderun­gen gerecht wer­den. Die Her­steller lösen diese Auf­gabe mit sehr unter­schiedlichen Rezep­turen.
In der TRGS 612 wird eine Liste von Inhaltsstof­fen genan­nt. Diese Liste ist aber schon einige Jahre alt, so dass sicher­lich weit­ere Stoffe ver­wen­det wer­den.
Prob­lema­tisch sind dabei vor allem Dimethyl­sul­fox­id (hautre­sorp­tiv), N‑Methyl-2-pyrroli­don (fruchtschädi­gend) und Ameisen­säure (ätzend). Abbeiz­er mit diesen Inhaltsstof­fen soll­ten nach Möglichkeit nicht ver­wen­det wer­den. Ins­beson­dere ist Vor­sicht geboten bei Abbeiz­ern, die Kom­bi­na­tio­nen dieser Stoffe enthal­ten. Dann kann ungenü­gen­der Hand­schutz schlimme Fol­gen haben wie Unfälle zeigen.
Auf jeden Fall sind die Schutz­maß­nah­men wie Hand­schuhe und Atem­schutz auf den jew­eili­gen Abbeiz­er abzus­tim­men. Die Her­steller sind nach der REACH-Verord­nung verpflichtet, im Sicher­heits­daten­blatt unter Punkt 8 bei Hand­schutz zumin­d­est Mate­r­i­al und Durch­dringungszeit aufzuführen. Die Bekan­nt­machung 220 macht klar, dass mit Durch­dringungszeit die max­i­male Tragedauer gemeint ist. Die 220 schlägt auch vor, die geeigneten Hand­schuh­fab­rikate anzugeben (siehe Kas­ten oben rechts).
Die BG BAU über­ar­beit­et den GISCODE für Abbeiz­er, sodass in Kürze WINGIS in gewohn­ter Form über die ver­schiede­nen Abbeiz­er informieren wird. Auf jeden Fall zeigen die von der BG BAU durchge­führten Mes­sun­gen, dass Abbeiz­er auf Basis von Ben­zy­lalko­hol ohne Atem­schutz ver­wen­det wer­den kön­nen, wenn keine anderen prob­lema­tis­chen Stoffe enthal­ten sind.
Autor
Dr. Rein­hold Rühl
BG BAU Präven­tion Reinhold.Ruehl@bgbau.de

Beispiel­hafte Angabe eines Hand­schuh­fab­rikates im Sicher­heits­daten­blatt für den dichlormethanfreien Abbeiz­er ‚Peel Away’:
Durch­dringzeit des Hand­schuh­ma­te­ri­als: Geeignet ist ein nach EN 374 geprüfter Chemikalien­schutzhand­schuh. Zum Beispiel: Buto­ject 898 der Fir­ma KCL, D‑36124 Eichen­zell, Butylka­utschuk, Wand­stärke 0,7 mm, Richtwert für den Durch­bruch der ver­wen­de­ten Inhaltsstoffe: Lev­el 6 > 480 min.

Dichlormethanfreie Abbeizer sind effektiver
Ein Amt für Denkmalpflege hat die Entschich­tung ein­er Muse­ums­fas­sade mit dichlormethanhaltigem Abbeiz­er aus­geschrieben. Beim Anle­gen von Test­flächen war die Auf­sichtsper­son der Beruf­sgenossen­schaft der Bauwirtschaft anwe­send und machte deut­lich, dass entwed­er die notwendi­gen Schutz­maß­nah­men ver­wen­det wer­den müssen oder dichlormethanfreie Abbeiz­er einzuset­zen sind. Die Arbeit­en wur­den dann mit dichlormethanfreien Abbeiz­ern durchge­führt. Das Amt war über­rascht, dass diese Abbeiz­er in einem Arbeits­gang alle Schicht­en ent­fer­n­ten.
Nach eini­gen Wochen beschw­erte sich das Denkmal­samt bei der BG BAU, dass die Arbeit­en mit dem dichlormethanfreien Abbeiz­er teur­er gewe­sen seien als das Ange­bot auf Basis des dichlormethanhalti­gen Abbeiz­ers.
Dem Ange­bot lag aber nur der Preis für den dichlormethanhalti­gen Abbeiz­er zu Grunde. Die notwendi­gen Schutz­maß­nah­men waren nicht berück­sichtigt wor­den.
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