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Visualisierung beeinflusst Mitarbeiterverhalten

Lärm in offenen Büroräumen
Visualisierung beeinflusst Mitarbeiterverhalten

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Ein neues, von den Anbi­etern Jabra, SoundEar und Delta entwick­eltes Konzept misst Geräusche nicht mehr an einzel­nen Punk­ten, son­dern visu­al­isiert den Lärm­pegel in offe­nen Büroräu­men in Echtzeit mith­il­fe von Sen­soren. Durch eine kon­tinuier­liche Mes­sung und Analyse von Geräuschen sowie die Darstel­lung von Bere­ichen, in denen in offe­nen Büros Lärm entste­ht, wer­den den Mitar­beit­ern Lärm erzeu­gende Tätigkeit­en bewusst und sie kön­nen ihr Ver­hal­ten ändern. Das macht Hoff­nung für das Arbeit­skli­ma in offe­nen Büroräumen.

Immer mehr Unternehmen entschei­den sich dafür, ihre Mitar­beit­er in offe­nen Büroräu­men arbeit­en zu lassen – trotz der bekan­nten Lärm­beläs­ti­gun­gen, die dabei für die Mitar­beit­er entste­hen. Eine Rei­he von Unter­suchun­gen zeigen1, dass Mitar­beit­er in Großraum­büros Schwierigkeit­en haben, sich auf ihre Arbeit zu konzen­tri­eren, wenn unen­twegt Tele­fone klin­geln, Kol­le­gen laut miteinan­der reden und immer wieder Leute an ihrem Arbeit­splatz vor­beige­hen. Durch die häu­fi­gen Störun­gen bei der Arbeit entste­hen mehr Fehler, gerin­gere Pro­duk­tiv­ität und ein schlecht­es Arbeitsklima.

Auch wenn viele Unternehmen im Büro Lärmab­schir­mungen auf­stellen, schal­lab­sorbierende Wand­verklei­dun­gen anbrin­gen oder „kün­stlichen Lärm“ aussenden, um Geräusche zu über­spie­len, lässt sich die Lärm­beläs­ti­gung kaum ger­ing hal­ten. Vielle­icht weil diese Lösun­gen pas­siv sind und nicht darauf aus­gerichtet wer­den, das Ver­hal­ten der Mitar­beit­er zu ändern – das ja die eigentliche Lär­mur­sache ist.
Die Visu­al­isierung von Lärm
Um das Lärm­prob­lem anzuge­hen, haben SoundEar, Jabra und Delta 2013 gemein­sam an der Entwick­lung eines völ­lig neuen Sys­tems gear­beit­et, das die Geräusche im Büro visu­al­isiert, um den Mitar­beit­ern dabei zu helfen, ihr Ver­hal­ten zu ändern. Die drei Part­ner haben jew­eils ihr Spezial­wis­sen und ihre Kom­pe­ten­zen aus den Bere­ichen Akustik, Schallpegelmess­geräte und draht­lose Sen­soren einge­bracht. Das Pro­jekt konzen­tri­ert sich speziell auf ein Sys­tem für Großraum­büros und Call­cen­ter, in denen die Lärm­beläs­ti­gung oft von den Mitar­beit­ern selb­st, z.B. durch Tele­fonge­spräche oder Diskus­sio­nen und Gespräche mit Kol­le­gen, verur­sacht wird.
Das Visu­al­isierungssys­tem selb­st ist darauf aus­gerichtet, Lärm­prob­leme dadurch zu lösen, dass in einem größeren Bere­ich die Geräusche simul­tan an mehreren Punk­ten gemessen und unmit­tel­bar auf großen Bild­schir­men visu­al­isiert wer­den. Auf diese Weise kann man sich einen Überblick über die Geräuschverteilung im Büro ver­schaf­fen und Lär­mquellen erkennen.
„Die Ohren eines Men­schen gewöh­nen sich sehr schnell an den aktuellen Lärm­pegel und die Gren­ze dafür, wann man sich durch Lärm gestört fühlt, ist sehr indi­vidu­ell. Die Visu­al­isierung von Geräuschen bietet eine objek­tive und leicht ver­ständliche Infor­ma­tion über den Lärm­pegel im Raum und gle­ichzeit­ig wird die Sen­si­bil­ität dafür, wann die Lär­m­gren­ze über­schrit­ten ist, deut­lich erhöht“, sagt Lars Boldt Ras­mussen, Geschäfts­führer von SoundEar A/S.
Ein Schritt weit­er als Mes­sun­gen an einem einzi­gen Punkt
Das neue Visu­al­isierungssys­tem ver­ab­schiedet sich von tra­di­tionellen Mess­geräten, die wir bish­er für Schallpegelmes­sun­gen ken­nen, bei denen die Geräusche an einzel­nen Stan­dorten im Raum gemessen und auf ein­er so genan­nten „Lärmkarte“ als Sit­u­a­tions­bild dargestellt wer­den. Diese Lärmkarten bieten schon einen Überblick darüber, wo sich Lär­mquellen befind­en, doch sie nutzen gesam­melte Mess­dat­en und zeigen die Geräusche nicht in Echtzeit.
Darüber hin­aus erfol­gen die Mes­sun­gen häu­fig zeit­ver­set­zt, weil man nur ein Schallpegelmess­gerät ver­wen­det, um alle Punk­te zu messen. Darum eignet sich diese Meth­ode am besten zur Analyse von kon­stan­ten Geräuschen. Das bedeutet konkret, dass es in Umge­bun­gen mit mobilen und ver­schiedenar­ti­gen Geräuschquellen schwierig sein kann, spez­i­fis­che Lär­mquellen zu iden­ti­fizieren, wenn man sich eine Lärmkarte mit „alten“ Mes­sun­gen anschaut.
Die Stärke des neuen Lär­mvi­su­al­isierungssys­tems beste­ht darin, dass es mith­il­fe ein­er Soft­ware Echtzeit-Mes­sun­gen aus einem Net­zw­erk von Schallpegelmess­geräten zur Erstel­lung ein­er dynamis­chen Lärmkarte kom­biniert, sodass man ein sehr detail­liertes Bild der aktuellen Lärmbe­din­gun­gen erhält und die Geräusche über einen Zeitraum überwachen kann – selb­st, wenn sich die Geräusche im Laufe des Tages örtlich verän­dern. Die Vorteile des Sys­tems beste­hen darin, dass:
  • man sehen kann, woher Lärm kommt und wie sich Geräusche in der Umge­bung ausbreiten.
  • man Bere­iche mit weniger Lärm für Sit­u­a­tio­nen erken­nen kann, wenn Ruhe und Konzen­tra­tion erforder­lich sind.
  • Mitar­beit­er ihren eige­nen Geräusch­pegel überwachen und Lärm­prob­leme ver­mei­den können.
Getestet in einem Finanzunternehmen
Das Pro­jekt wurde durch das Inno­va­tion­snet­zw­erk InfinIT sowie von SoundEar und Jabra finanziert und im Herb­st 2013 mit einem ein­monati­gen Pro­to­typtest in einem Großraum­büro eines größeren dänis­chen Finanzun­ternehmens abgeschlossen. Die Ergeb­nisse sind vielversprechend.
Das Großraum­büro, in dem der Test stat­tfand, wurde durch den Auss­chuss für Arbeitss­chutz speziell aus­gewählt, weil dort Lärm­prob­leme bekan­nt waren und schon zuvor Ver­suche zur Lär­mver­ringerung unter­nom­men wur­den. Das Büro hat­te 26 Arbeit­splätze, von denen in der Regel 16 bis 18 beset­zt waren. Die Echtzeit-Visu­al­isierung der Lärmkarte lief auf zwei im Raum verteil­ten Großbildschirmen.
Ein Lär­mGuide überwacht den Geräusch­pegel im Detail
Der während der Test­phase unter­suchte Pro­to­typ wurde Lär­mGuide genan­nt und bestand aus ein­er Kom­bi­na­tion von zehn Sen­soren (Mikro­fo­nen) und zwei großen Flach­bild­schir­men. Die Sen­soren wur­den über den Arbeit­stis­chen im Großraum-büro ange­bracht und übertru­gen kon­tinuier­lich Schallpegelmes­sun­gen an die Flach­bild­schirme, auf denen eine Skizze der Büroumge­bung mit dem entsprechen­den Geräusch­pegel angezeigt wurde. Die Flach­bild­schirme waren so platziert, dass die meis­ten Mitar­beit­er im Büro sie sehen konnten.
„Die Entwick­lung bei Sen­soren und draht­losen Geräten hat es in den let­zten Jahren ermöglicht, ein Sys­tem wie dieses im Ver­gle­ich zu tra­di­tionellen Schallpegelmes­san­la­gen sehr preiswert einzuricht­en. Hier ist außer­dem die Präzi­sion der Mes­sun­gen nicht so entschei­dend und es kön­nen viele Mes­sun­gen simul­tan an ver­schiede­nen Punk­ten durchge­führt wer­den – das ist die Stärke des Sys­tems. Das Sys­tem lässt sich leicht erweit­ern, sodass es selb­st in großen Büroland­schaften ein­gerichtet wer­den kann, und es ist leicht zu instal­lieren, weil es draht­lose Tech­nik nutzt”, erläutert Morten Georg Jensen, Elec­tron­ic Sketch­ing Spe­cial­ist bei Delta.
Die Ergeb­nisse der Schallpegelmes­sun­gen wur­den auf den bei­den Bild­schir­men als sechs ver­schiedene Smi­leys (von Grün bis Rot) entsprechend der Stan­dorte der Sen­soren angezeigt. Die Smi­leys stellen wie eine Skala mith­il­fe ein­er Farbe und einem Lächeln einen Schall­w­ert zwis­chen 45 und 85 dBA dar. Auf diese Weise fungiert der Bild­schirm als visuelle Darstel­lung des aktuellen Geräusch­pegels an zehn ver­schiede­nen Stellen im Raum.
Doch der Lär­mGuide erstellte nicht nur Sit­u­a­tions­bilder der Geräusch­pegel im Büro. Mith­il­fe der Hin­ter­grund­farbe zeigte der Lär­mGuide die Entwick­lung des Geräusch­pegels über einen bes­timmten Zeitraum. Die Hin­ter­grund­far­ben für die Sen­sor­po­si­tio­nen änderten sich entsprechend der durch­schnit­tlichen Mes­sun­gen in den let­zten 6 Minuten. Damit kon­nte gezeigt wer­den, ob es in bes­timmten Bere­ichen in bes­timmten Zeiträu­men beson­ders hohe Geräusch­pegel gab und wie sich diese Pegel im Laufe eines Arbeit­stags änderten. Die Hin­ter­grund­farbe änderte sich auf ein­er Skala von Dunkel­grün und Hell­grün über Hell­gelb und Dunkel­gelb bis Hell­rot und Dunkelrot.
Außer­dem bot der Lär­mGuide die Möglichkeit, eine Über­sicht auszu­druck­en, auf der die Schallpegelmes­sun­gen der einzel­nen Sen­sor­po­si­tio­nen zeitlich über 24 Stun­den verteilt dargestellt wurden.
Die Men­schen änderten ihr Verhalten
Die Idee des Lär­mGuides ist, dass die visuelle Rück­mel­dung zu Ver­hal­tensän­derun­gen führt, wenn die Mitar­beit­er eine visuelle Darstel­lung des Geräusch­pegels im Raum sehen kön­nen. Das visuelle Feed­back bietet die Möglichkeit, dass die Mitar­beit­er ihr eigenes Ver­hal­ten anpassen kön­nen. Durch die Darstel­lung der Posi­tio­nen, an denen Lärm auftritt, erfol­gt auch eine Darstel­lung von Lärm erzeu­gen­den Tätigkeit­en. Damit erhal­ten die Mitar­beit­er die Möglichkeit, gemein­sam zu berat­en, wie Lärm ver­ringert wer­den kann.
Die Ergeb­nisse der Befra­gung, die die Mitar­beit­er am Ende des Tests aus­füll­ten, unter­mauern diese These:
  • Über 70% gaben an, dass die Lär­mvi­su­al­isierung das The­ma Lärm­be­las­tung im Büro in den Mit­telpunkt gerückt hatte.
  • 72% achteten in „gewis­sem“ oder „hohem Umfang“ auf ihre eigene Laut­stärke beim Sprechen.
  • Die Hälfte der Mitar­beit­er schätzte ein, dass sich durch die Lär­mvi­su­al­isierung die Lärm­beläs­ti­gung ver­ringert hat.
  • 89% mein­ten, dass die Visu­al­isierung „in geringem Umfang“ sowie „in gewis­sem Umfang“ zu einem verän­derten Ver­hal­ten in der Abteilung geführt hat.
Die Ergeb­nisse der Unter­suchung, die durch ein Inter­view mit mehreren Mitar­beit­ern unter­mauert wur­den, zeigten ins­ge­samt, dass den Mitar­beit­ern ihr Ver­hal­ten auf­grund der Visu­al­isierung durch den Lär­mGuide bewusst wurde und sie ver­sucht­en, ihr Ver­hal­ten anzu­passen, damit sie andere so wenig wie möglich störten.
Erwartungs­gemäß zeigte der Test auch, dass diejeni­gen, die die Groß­bild­schirme von ihrem Arbeit­splatz aus sehen kon­nten, den Lär­mGuide aktiv­er nutzten, als diejeni­gen, die mit dem Rück­en zu den Bild­schir­men saßen. Um das Sys­tem zu opti­mieren, schlu­gen mehrere Mitar­beit­er vor, an jedem Arbeit­splatz eine per­sön­liche Anzeige einzuricht­en, damit der Geräusch­pegel ein­fach ver­fol­gt wer­den kann.
Die Visu­al­isierung führt zu gemein­samem Verständnis
Men­schen sind natür­lich unter­schiedlich und jed­er Mitar­beit­er hat ein anderes Empfind­en dafür, ab wann Gespräche und Lärm störend sind. Wenn in einem Büro die Geräusche von Tätigkeit­en objek­tiv überwacht wer­den kön­nen, ist diese Meth­ode poten­ziell auch dafür ein­set­zbar, Büroar­beit­splätze je nach Tätigkeit und Ver­hal­ten einzuricht­en und auf diese Weise einige Lärm­prob­leme zu lösen.
„Das Pro­jekt war ein gutes Beispiel dafür, dass man durch die Unter­suchung der ursprünglichen Ursachen von Lärm­beläs­ti­gun­gen in Großraum­büros in der Lage ist, eine attrak­tive Lösung zu entwick­eln, die nicht nur die Symp­tome ange­ht, son­dern eher auf die Ursache des Prob­lems abzielt”, erläutert Michael Hoby Ander­sen, Senior Research Engi­neer bei Jabra.
Das Lär­mvi­su­al­isierungssys­tem befind­et sich noch immer in der Pro­to­typ-Phase und erfordert weit­ere Anpas­sun­gen, um in einem größeren Maßstab einge­set­zt wer­den zu kön­nen. Doch die Ergeb­nisse des Pro­jek­tes zeigen, dass das Sys­tem ein guter Ansatz ist, wie man Mitar­beit­er ein­beziehen kann, um Lärm im Büro zu ver­ringern und damit das Arbeit­skli­ma zu verbessern, mehr Wohlbefind­en zu schaf­fen und pro­duk­ti­vere Mitar­beit­er zu erhalten.
Für weit­ere Infor­ma­tio­nen zum Pro­jekt wen­den Sie sich bitte an:
  • Morten Georg Jensen Elec­tron­ic Sketch­ing Spe­cial­ist, Delta Tel.: +45 22 31 67 34 E‑Mail: mgj@delta.dk
  • Michael Hoby Senior Research Engi­neer, Inter­ac­tion Design & Acoustics, Jabra Tel.: +45 30 76 29 07 E‑Mail: mhandersen@jabra.com
  • Lars Boldt Ras­mussen Geschäfts­führer, SoundEar A/S Tel.: 089 2555 7146 E‑Mail: lars.boldt@soundear.dk

Projektteilnehmer
  • Delta ist ein Hochtech­nolo­gie-Unternehmen und spezial­isiert auf Akustik, Elek­tron­ik, Mikroelek­tron­ik, Licht, Optik, Vibra­tion und Sen­sorsys­teme. Die Ide­mo­Lab-Abteilung von Delta hat mehrere Unternehmen bei der Entwick­lung von Pro­to­typen und elek­tro­n­is­chen Skizzierun­gen von Pro­duk­ten mit Sen­sortech­nolo­gie unterstützt.
  • Jabra ist ein glob­aler Her­steller inno-vativ­er Head­set- und Speak­er-Phone-Sys­teme. Das Unternehmen ver­fügt über umfan­gre­iche Erfahrun­gen bei der Pro­duk­ten­twick­lung für inno­v­a­tive Lösun­gen, bei denen Geräusch und Schall im Mit­telpunkt stehen.
  • SoundEar entwick­elt und pro­duziert Schallpegelmess­geräte unter anderem für Call­cen­ter und Kindertagesstät­ten, in denen es häu­fig Lärm­prob­leme gibt.
  • Das Pro­jekt wurde von InfinIT sowie Jabra und SoundEar gespon­sert und lief im Jahr 2013 neun Monate lang.
  • InfinIT gehört zur dänis­chen Behörde für Forschung und Innovation.
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