Startseite » Fachbeiträge » Archiv SI »

Was muss bei der Prüfung des Schutzleiters über eine Parallelverbindung beachtet werden?

Prüfung des Schutzleiterwiderstands nach VDE 0701–0702
Was muss bei der Prüfung des Schutzleiters über eine Parallelverbindung beachtet werden?

Anzeige
Nicht alle ortsverän­der­lichen elek­trischen Arbeitsmit­tel kön­nen vom Ver­sorgungsnetz getren­nt wer­den. Dem Prüfer bleiben die Sicht­prü­fung, die Prü­fung des Schut­zleit­er­wider­stands und eine Prü­fung auf Berührungsstrom. Bei der Mes­sung des Schut­zleit­er­wider­stands muss – wie stets – der Prü­fauf­bau berück­sichtigt wer­den. Auch kann der Anschluss des Mess­geräts an eine in einem anderen Stromkreis befind­liche Net­zsteck­dose zu einem erhöht­en Mess­wert führen. Die Prü­fung muss mit einem Hin­weis darauf, dass es sich nur um eine Teil­prü­fung han­delte, rechtssich­er doku­men­tiert wer­den. Grund­sät­zlich bedarf es dabei eines ganzheitlichen Prüfkonzepts.

Richard Lauer , Ste­fan Euler

Ver­ant­wor­tung und Ermit­tlung des Prüfumfangs
Grund­sät­zlich ist der Arbeit­ge­ber ver­ant­wortlich für die sichere Bere­it­stel­lung und bes­tim­mungs­gemäße Ver­wen­dung von Arbeitsmit­teln in seinem Unternehmen/Betrieb. Im Bere­ich der Elek­trotech­nik wird diese Ver­ant­wor­tung – in den meis­ten Fällen – auf die ver­ant­wortliche Elek­tro­fachkraft (VEFK) über­tra­gen. Fällt ein Unternehmen/Betrieb in den Anwen­dungs­bere­ich der VDE 1000-10 (Anforderun­gen an die im Bere­ich der Elek­trotech­nik täti­gen Per­so­n­en) und/oder der VDE 0105–100 (Betrieb von elek­trischen Anla­gen), ist eine VEFK, für die ihr über­tra­ge­nen Auf­gaben, in ein­er schriftlichen Bestel­lung zu beauf­tra­gen. In der Ver­ant­wor­tung der VEFK liegt es dann auch der Forderung nach Gefährdungs­beurteilun­gen für elek­trische Arbeitsmit­tel nachzukom­men. Nach § 3 der Betrieb­ssicher­heitsverord­nung (Betr­SichV) ist durch diese Gefährdungs­beurteilung Prü­fart, Prüf­frist und Prü­fum­fang der zu prüfend­en Arbeitsmit­tel zu ermitteln.
Wenn die Tren­nung vom Ver­sorgungsnetz nicht möglich ist
Wer­den ortsverän­der­liche elek­trische Arbeitsmit­tel geprüft, sind diese wenn möglich vom Ver­sorgungsnetz zu tren­nen. Zur Prü­fung wird dann der Net­zsteck­er des Arbeitsmit­tels in die dafür vorge­se­hene Prüf­steck­dose am Mess­gerät eingesteckt. Allerd­ings gilt es fol­gende wichtige Punk­te zu beacht­en: Zum einen kommt es auf das ver­wen­dete Mess­gerät an, denn einige auf dem Markt erhältliche Mess­geräte kön­nen keine Net­zs­pan­nung, also 230 V, auf den Prüfling geben und in vie­len Fällen kann dann am Prüfling keine vol­lum­fängliche Prü­fung durchge­führt wer­den. Zum anderen kann nicht jedes elek­trische Arbeitsmit­tel zur Prü­fung auf­grund betrieblich­er Gegeben­heit­en vom Ver­sorgungsnetz getren­nt wer­den (Serv­er, evtl. PC, etc.).
Ein ganzheitlich­es Prüfkonzept ist notwendig
Hier muss eine entsprechende Prü­for­gan­i­sa­tion in einem funk­tion­ieren­den ganzheitlichen Prüfkonzept (Man­age­mentsys­tem) erstellt wer­den, um auch diese Arbeitsmit­tel in einem gewis­sen Umfang sicher­heit­stech­nisch zu über­prüfen. Im Anhang D der VDE 0701–0702 ist hierzu fol­gen­des erläutert:
„(…) Es ist Sache der für die Prü­fung ver­ant­wortlichen Elek­tro­fachkraft zu entschei­den, ob ein fest mit der Anlage ver­bun­denes elek­trisches Gerät bei Wiederholungsprüfungen
mit der Anlage (freigeschal­tet oder unter Span­nung ste­hend) nach VDE 0105–100
oder
für sich nach dieser Norm elek­trisch getren­nt von der Anlage oder gemein­sam mit einem Teil der Anlage (span­nungs­freier oder unter Span­nung ste­hen­der Stromkreis)
geprüft wird. (…)“
Schon in der VDE 0701 Teil 240 (Instand­set­zung, Änderung und Prü­fung elek­trisch­er Geräte) vom April 1986 wurde auf diese The­matik genauer einge­gan­gen. Seit Juni 2008 ist nun für die Prü­fung von ortsverän­der­lichen elek­trischen Arbeitsmit­teln die vere­inigte Norm VDE 0701–0702 (Prü­fung nach Instand­set­zung, Änderung elek­trisch­er Geräte – Wieder­hol­ung­sprü­fung elek­trisch­er Geräte) maßge­blich. Hier wird unter dem Punkt 5.3 „Schut­zleit­er­wider­stand“ eben­falls die The­matik der Mes­sung über eine Par­al­lelverbindung genauer aufge­grif­f­en und stellt somit eine Möglichkeit dar, ohne Tren­nen der Net­zverbindung den Prüfling in einem gewis­sen Umfang zu überprüfen.
Erster Schritt: Sichtprüfung
Wie bei allen Prü­fun­gen begin­nt auch die Über­prü­fung des ver­meintlich orts­festen Prüflings mit ein­er Sicht­prü­fung. Beispiel­hafte Sicht­prü­fungspunk­te wer­den in der VDE 0701–0702 unter dem Punkt 5.2 genannt.
Je nach Mess­gerät kann sich der Auf­bau der Mes­sung des Schut­zleit­er­wider­standes (RSL) unter­schei­den. In den meis­ten Fällen muss das Mess­gerät über die zum Prüfling benach­barte Steck­dose mit dem Ver­sorgungsnetz ver­bun­den werden.
Wird nun die Prüf­sonde mit dem Schut­zleit­er des Prüflings ver­bun­den, fli­est der vom Mess­gerät erzeugte Min­dest­prüf­strom von 200 mA (AC oder ± DC) über die Anschlus­sleitung des Mess­gerätes, die bei­den Net­zsteck­dosen, die Anschlus­sleitung des Prüflings über die Kon­tak­t­stelle zur Prüf­sonde. Durch die Prüf­sonde wird der Stromkreis zum Mess­gerät wieder geschlossen und der Wider­stand kann vom Mess­gerät ermit­telt werden.
Beurteilung des Messwertes
Allerd­ings obliegt es dem Prüfer als „befähigte Per­son“ nach Betr­SichV § 2.7 und nach Abschnitt 3.3 der konkretisieren­den tech­nis­chen Regel für Betrieb­ssicher­heit TRBS 1203 (Befähigte Per­so­n­en – All­ge­meine Anforderun­gen), den gemessen Wert mit dem physikalis­chen Üblichkeitswert, der durch Leitungslänge, Leitungs­quer­schnitt, dem spez­i­fis­chen Wider­stand und den Über­gangswider­stän­den zu erwarten ist, zu beurteilen.
Anschluss des Mess­geräts an einen anderen Stromkreis
So auch bei Anschluss des Mess­gerätes an eine zwar benach­barte, aber keines­falls im gle­ichen Stromkreis befind­liche Net­zsteck­dose. Bei dieser Mes­sung des RSL würde der Prüf­strom den Weg über die Verteilung und über den Prüfling hin zur Prüf­sonde wählen. Dieser Umstand hätte einen erhöht­en Mess­wert zur Folge, den es zu bew­erten gilt. Bei dieser Mess­meth­ode ist außer­dem zu beacht­en, dass par­al­lele Erd­verbindun­gen (z.B. Wasser­leitun­gen oder Daten­leitun­gen) das Messergeb­nis bee­in­flussen oder das Vorhan­den­sein des Schut­zleit­ers vortäuschen können.
Gegebe­nen­falls ist der Prüfling während der Mes­sung von Erde isoliert aufzustellen und von geerde­ten Sys­te­men wie Daten­leitung etc. zu tren­nen, um den exak­ten Zus­tand des Schut­zleit­ers zu ermit­teln. Während der Mes­sung ist die Anschlus­sleitung zu bewe­gen, um eventuelle Leitungs­brüche aufzudeck­en. Die Mes­sung über die benach­barte Steck­dose mit einem Prüf­strom von mehr als 200 mA durchzuführen ist nicht zu empfehlen.
Prüfen auf Berührungsstrom
Neben der Mes­sung des RSL kann, ohne Tren­nung vom Netz, nur noch der Berührungsstrom (IB) an allen berührbaren leit­fähi­gen Teilen des Prüflings ermit­telt wer­den. Sollte auf einem berührbaren leit­fähi­gen Teil des Prüflings ein Berührungsstrom vorhan­den sein, wird beim Abtas­ten mit der Prüf­sonde (Erd­poten­zial) der Stromkreis zur Erde geschlossen. Der nun fließende Strom wird durch ein Ampereme­ter im Mess­gerät ermit­telt und als Berührungsstrom (IB) angezeigt. Allerd­ings kann eine sicher­heit­stech­nis­che Aus­sage nur für die jew­eils vorhan­dene Steck­er­po­si­tion getätigt werden.
Wichtiger Hin­weis in der Dokumentation
In der erforder­lichen Doku­men­ta­tion, die dem Prüfling wegen der Gerichtsver­w­ert­barkeit ein­deutig zuge­ord­net ist, muss neben den Einzelmes­sun­gen und Mess­werten auch fol­gen­der Hin­weis für den Betreiber enthal­ten sein:
Die Prü­fung nach der oben beschriebe­nen Mess­meth­ode ist nur eine Teil­prü­fung. Bei der näch­sten Abschalt­möglichkeit oder bei dem Tausch der Steck­er­po­si­tion ist am Prüfling eine kom­plette Prü­fung nach VDE 0701–0702 vorzunehmen.
VDE 0701–0702 Punkt 5.1
„(…) Kann eine der Einzelmes­sun­gen nicht durchge­führt wer­den, so ist vom Prüfer zu entschei­den, ob die Sicher­heit des Gerätes trotz­dem bestätigt wer­den kann. Diese Entschei­dung ist zu begrün­den und zu dokumentieren. (…)“
VDE 0701–0702 Anhang D zu 5.1
„(…) Zu beacht­en ist dabei, dass Geräte, die über einen Steck­er angeschlossen wer­den, nach dem Tren­nen von der Anlage vor dem näch­sten Benutzen ein­er voll­ständi­gen Wieder­hol­ung­sprü­fung nach dieser Norm unter­zo­gen wer­den sollten. (…)“
Prüf­plakette reicht nicht
Dies macht deut­lich, dass das reine Anbrin­gen ein­er Prüf­plakette zur Doku­men­ta­tion der Prü­fung, wie es teil­weise namhafte Insti­tu­tio­nen propagieren, nicht aus­re­icht. Auch die neue TRBS 1201 (Prü­fung von Arbeitsmit­teln und überwachungs­bedürfti­gen Anla­gen) vom August 2012 fordert neben dem Anbrin­gen ein­er Prüf­plakette am Prüfling eine zusät­zliche Doku­men­ta­tion z.B. der Einzel­prü­fun­gen und Aus­sagen zum Weiterbetrieb.
Weit­er heißt es unter Punkt 4.2.2,
Abschnitt 2:
„Prü­fun­gen kön­nen auch in elek­tro­n­is­chen Sys­te­men und zusät­zlich in Form ein­er Prüf­plakette doku­men­tiert werden.“
Ein ganzheitlich­es Prüfkonzept ist notwendig
In einem ganzheitlichen Prüfkonzept (Man­age­mentsys­tem) kann diese Art der Teil­prü­fung als zusät­zliche Maß­nahme zur Sich­er­stel­lung des sicheren Betriebes von Arbeitsmit­teln (z.B. Serv­er) einge­set­zt wer­den. Hier­bei wird schon die Beschaf­fung eines elek­trischen Arbeitsmit­tels in das ganzheitliche Prüfkonzept (Man­age­mentsys­tem) mit ein­be­zo­gen. So kann mit einem Her­steller­nach­weis über die elek­trische Sicher­heit und ein­er doku­men­tierten Sicht­prü­fung im Unternehmen/Betrieb (Trans­ports­chaden) eben­falls der Forderung ein­er Prü­fung vor der ersten Inbe­trieb­nahme (Betr­SichV § 10) nachgekom­men und der Nach­weis der sicheren Bere­it­stel­lung von elek­trischen Arbeitsmit­teln geführt wer­den. Weit­er kön­nen über eine Gefährdungs­beurteilung zusät­zliche Maß­nah­men wie regelmäßige Sicht­prü­fung, eine „Par­al­lelmes­sung“ und eine Unter­weisung der Benutzer im Umgang mit den elek­trischen Arbeitsmit­teln fest­gelegt wer­den. Durch diese „vor­beu­gen­den Maß­nah­men“ lässt sich ein Prüfin­ter­vall für eine voll­ständi­ge messtech­nis­che Wieder­hol­ung­sprü­fung sin­nvoll und nachvol­lziehbar anpassen.
Autoren
Richard Lauer
BDSH geprüfter Sachver­ständi­ger Elektrotechnik
Ste­fan Euler
BDSH geprüfter Sachverständiger
Anzeige
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Meistgelesen

Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 12
Ausgabe
12.2020
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 11
Ausgabe
11.2020
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de