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Was sagt die Statistik?

Die differenzierende Arbeitsunfallanalyse
Was sagt die Statistik?

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Arbeit­sun­fall­berichte bein­hal­ten eine Vielzahl von Aspek­ten. Nicht immer wer­den diese Infor­ma­tio­nen umfassend aus­gew­ertet. Sie sind jedoch für die Geschäft­sleitung sta­tis­tisch inter­es­sant und kön­nen eine Grund­lage für entsprechende Präven­tions- und Inter­ven­tion­s­maß­nah­men sein.

Univ.-Dipl.-Ing. Thomas Bossel­mann

Dieser Artikel möchte einige rel­e­vante Aspek­te des Arbeit­sun­fall­berichts aufzeigen und anhand ein­er von ibb con­sult­ing durchge­führten Drei­jahres-Arbeit­sun­fall­sta­tis­tik (2000) aus der Auto­mo­bil­teilein­dus­trie in Düs­sel­dorf betrieblich wertvolle Analy­seergeb­nisse vorstellen.
All­ge­meines
Die bish­er geführte Unfall­sta­tis­tik erwies sich als zu undif­feren­ziert. ibb con­sult­ing hat daraufhin eine para­me­terop­ti­mierte und dif­feren­zierende Unfall­sta­tis­tik [1] ini­ti­iert und zusät­zlich die aufge­trete­nen Arbeit­sun­fälle mit Hil­fe eines psy­chosozial ori­en­tierten Unfall­er­he­bungs­bo­gens unter­sucht. Berück­sichtigt wur­den fol­gende Para­me­ter:
Unfall­monat
Aus­ge­hend von der Ver­mu­tung, dass das Unfallgeschehen über den Ablauf eines Jahres monatlich auf­grund ggf. kor­re­lieren­der sozialer, betrieblich­er, biol­o­gis­ch­er und umwelt­gegeben­er Fak­toren vari­iert, wurde eine genaue Analyse des drei­jähri­gen Unfallgeschehens im Hin­blick auf den jew­eili­gen Unfall­monat durchge­führt. Als mögliche unfall­bee­in­flussende Fak­toren kön­nen z.B. angenom­men wer­den:
  • Ferien­zeit­en, jahres­pe­ri­odis­che Beson­der­heit­en wie z.B. Karneval,
  • Ein­satz von Zeitar­beit­ern und Aushil­f­skräften,
  • saisonbe­d­ingte Auf­tragsvol­u­men­schwankun­gen,
  • saisonbe­d­ingte Schwankun­gen psy­chis­ch­er und physis­ch­er Leis­tungs­fähigkeit,
  • Wit­terungsver­hält­nisse.
In der Analyse ließ sich fest­stellen, dass der Feb­ru­ar in allen drei Jahren sig­nifikant unfall­ex­poniert war, gefol­gt von dem Juni und dem Novem­ber. Lassen sich also arbeit­sun­fall­spez­i­fisch rel­e­vante Monate in der Analyse isolieren, so ist es sin­nvoll im Betrieb entsprechende Präven­tions- und Inter­ven­tion­s­maß­nah­men zu ini­ti­ieren und gezielte Arbeitss­chutzkam­pag­nen in diesen Monat­en durchzuführen.
Unfall­wochen­tag
Bere­its im Jahr 1925 wurde in vier von acht unter­sucht­en europäis­chen Län­dern eine bemerkenswerte Unfall­häu­figkeit am Mon­tag fest­gestellt. Auch heutzu­tage wird in der Lit­er­atur der Mon­tag als unfall­häu­fig­ster Tag der Woche ange­se­hen. Neu­bert hat 1976 das bun­desweite Unfallgeschehen über Tage, Wochen und Monate sta­tis­tisch auf­bere­it­et. Auch er kommt zu dem Ergeb­nis, dass der Mon­tag sowohl für Arbeits- und Wege­un­fälle der unfall­re­ich­ste Tag ist. Er führt dies auf die Anpas­sungss­chwierigkeit­en nach dem Woch­enende zurück. Generell ist auch der Fre­itag unfall­ex­poniert, da hier die Mitar­beit­er sich men­tal schon im Woch­enende befind­en; es kommt zu entsprechen­den Aufmerk­samkeits­de­fiz­itun­fällen.
Die Unter­suchun­gen von ibb con­sult­ing bestäti­gen das in der Lit­er­atur beschriebene Max­i­mum am Mon­tag. Empfehlenswert wären hier entsprechende Aufk­lärungskam­pag­nen der betrieblichen Arbeits- und Gesund­heitss­chutza­k­teure, in denen die sig­nifikante Unfall­häu­figkeit rel­e­van­ter Wochen­t­age bei der Belegschaft her­vorge­hoben wird.
Unfal­luhrzeit
Uhrzeit­spez­i­fis­che Betra­ch­tun­gen, ähn­lich wie die all­ge­meine Bew­er­tung wochen­tagstyp­is­ch­er Unfall­häu­fun­gen, müssen immer durch die Vielzahl der jew­eils unternehmens- und branchenbes­timmten Vari­a­tio­nen der Analy­seaus­gangspo­si­tio­nen und ‑bedin­gun­gen wie z.B. das inner­be­triebliche Zusam­men­spiel von unter­schiedlichen Schicht- und Pausen­zeit­mod­ellen im Rah­men von Inter­pre­ta­tion und Präsen­ta­tion rel­a­tiviert wer­den.
Generell ist in der Unfall­sta­tis­tik eine Häu­fung der Unfälle um 7:00 Uhr, also zum Beginn der Früh­schicht, festzustellen. Gle­ich­es gilt für das Ende der Früh­schicht. Die betrieblichen Arbeitss­chutza­k­teure kön­nen nun expliz­it ihre Mitar­beit­er auf die unfall­ex­ponierten Uhrzeit­en hin­weisen.
Alter des Verun­fall­ten
Jugendliche bzw. junge Erwach­sene sind bei der Arbeit auf­grund ihrer Uner­fahren­heit beson­ders gefährdet [3]. Sie nehmen größere Risiken in Kauf als ältere, erfahrene Beschäftigte. Die Folge ist ein über­pro­por­tionaler Anteil an den Unfällen der Gesamt­belegschaft.
Die Unfall­sta­tis­tik zeigte, dass tat­säch­lich junge Erwach­sene sig­nifikant häu­figer verun­fall­en als ihre älteren Kol­le­gen. Die Sta­tis­tik kann also eine Ini­tialzün­dung für die Durch­führung entsprechen­der Sen­si­bil­isierungskam­pag­nen für junge Erwach­sene im Betrieb sein. So ist z.B. ein beobachteter Unfall­rück­gang junger Erwach­sen­er im let­zten Jahr der Unter­suchung auf eine Inter­ven­tion­s­maß­nahme von ibb con­sult­ing zurück­zuführen, bei der die jün­geren Belegschaftsmit­glieder auf der Belegschaftsver­samm­lung und im Rah­men von durchge­führten Sen­si­bil­isierungs­maß­nah­men zu einem sicher­heits­be­wussteren Arbeit­en ange­hal­ten wur­den.
Inlän­der- bzw. Aus­län­der­sta­tus des Verun­fall­ten
Die Tat­sache, dass Hoff­mann im BGZ-Report 2/99 [2] eine nation­al­itätenori­en­tierte sta­tis­tis­che Betra­ch­tung der Unfall­beteili­gung durch­führt und Ski­ba [3] eine Kor­re­la­tion zwis­chen deutschen bzw. aus­ländis­chen Mitar­beit­ern und ein­er zu erwartenden spez­i­fis­chen Unfall­häu­figkeit fest­stellt, hat ibb con­sult­ing ver­an­lasst, in dem unter­sucht­en Unternehmens­stan­dort eine Analyse dieses Aspek­tes durchzuführen.
Betra­chtet man die Drei­jahressta­tis­tik, so lässt sich fest­stellen, dass tat­säch­lich Aus­län­der häu­figer verun­fall­en als inländis­che Mitar­beit­er, und das mit steigen­der Ten­denz im Laufe der unter­sucht­en drei Jahre. Eine von Ski­ba pos­tulierte dop­pelte Unfall­häu­figkeit kon­nte allerd­ings nicht fest­gestellt wer­den. Die sig­nifikante Unfall­häu­fung ist wahrschein­lich auf die arbeitssicher­heits­be­den­kliche „dop­pelte Halb­sprachigkeit“ der aus­ländis­chen Mitar­beit­er zurück­zuführen. Sin­nvoll wäre es hier, die aus­ländis­chen Mitar­beit­er (am besten in ihrer Mut­ter­sprache) für Aspek­te des sicher­heits­be­wussten Arbeit­ens zu sen­si­bil­isieren.
Psy­chosozial ori­en­tiert­er Arbeit­sun­fall­frage­bo­gen
2000 wurde von Schön­berg­er an der Uni­ver­sität Wup­per­tal ein psy­chosozial ori­en­tiert­er Unfall­frage­bo­gen entwick­elt und von Bossel­mann [1] mod­i­fiziert und vali­diert (siehe Tabelle 2). Aus­ge­hend von der Ver­mu­tung, dass der größte Teil der Arbeit­sun­fälle erhe­blich auf psy­chosoziale Umstände bzw. Belas­tun­gen zurück­zuführen ist, wur­den die über drei Jahre verun­fall­ten Mitar­beit­er zu den psy­chosozialen Aspek­ten „ihres“ Unfalls befragt. Es kon­nte fest­gestellt wer­den, dass eine der Haup­tur­sachen für Unfälle betrieblich­er Stress war. Generell waren rund 80 Prozent der beobachteten Arbeit­sun­fälle stress­be­d­ingt.
In Zusam­me­nar­beit mit dem Betrieb­sarzt und ein­er ggf. vorhan­de­nen Sozialkraft des Unternehmens kön­nen nun entsprechende Stress­in­ter­ven­tion­s­maß­nah­men ein­geleit­et wer­den; das The­ma Stress sollte hier auch auf Belegschaftsver­samm­lun­gen, Arbeitss­chutzauss­chuss­sitzun­gen und betrieblichen Gesund­heit­szirkeln the­ma­tisiert wer­den.
Faz­it
Es hat sich gezeigt, dass die Unternehmensleitung mit ein­er dif­feren­zieren­den Unfall­sta­tis­tik erhe­blich effizien­ter und ziel­gerichteter in Zusam­me­nar­beit mit den betrieblichen Arbeits- und Gesund­heitss­chutza­k­teuren Präven­tions- und Inter­ven­tion­s­maß­nah­men ein­leit­en kann. Der erhöhte Aufwand dieser Unfall­sta­tis­tik wird dabei von den Vorteilen der Elim­i­na­tion unnötiger Unfal­lur­sachen gerecht­fer­tigt.
Lit­er­atur
  • 1. Bossel­mann, Th. „Unter­suchung vonAr­beit­sun­fällen der Auto­mo­bil­teile-Zulieferindus­trie mit Hil­fe ein­er para­me­terop­ti­mierten und dif­feren­zieren­den Unfallschw­er­punk­t­analyse und betriebliche Erprobung eines psy­chosozialo­ri­en­tierten Unfall­er­he­bungs­bo­gens“, Studie an der Ber­gis­chen Uni­ver­sität Wup­per­tal, 2000
  • 2. Hoff­mann, B. et al. „BGZ-Report Arbeit­sun­fall­sta­tis­tik“ Beruf­sgenossen­schaftliche Zen­trale für Sicher­heit und Gesund­heit – BGZ des HVBG, Sank­tAu­gustin, 1999
  • 3. Ski­ba, R. „Taschen­buch der Arbeitssicher­heit“, 8. neubear­beit­ete Auflage, Erich-Schmidt-Ver­lag, Biele­feld, 1994
Autor
Univ.-Dipl.-Ing. Thomas Bossel­mann Inge­nieur­büro Bossel­mann E‑Mail: buero@ibb-consulting.de
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