1 Monat GRATIS testen, danach für nur 3,90€/Monat!
Startseite » Fachbeiträge » Archiv SI »

Kennzeichnung von Lebensmitteln und billiger Arbeitsschutz?

Wie Gutes von Schlechtem unterscheiden?
Kennzeichnung von Lebensmitteln und billiger Arbeitsschutz?

Nach­dem Paul Joseph Goebbels in sein­er berüchtigten Sport­palas­trede die „Volksgenossen“ vor die Alter­na­tive „But­ter oder Kanonen“ gestellt und die Mehrheit der anwe­senden Claque­ure sich für die Kanonen entsch­ieden hat­te, kur­sierte in Deutsch­land der böse Spruch: „Endlich ist es uns gelun­gen, But­ter aus Scheiße herzustellen. Nur am Geruch und Geschmack wird noch gear­beit­et.“ Heute, 65 Jahre später scheinen einige aus der Lebens­mit­telin­dus­trie das Prob­lem mit Geruch und Geschmack in den Griff bekom­men zu haben.

Dr. Ulrich Welzbacher

Diesen Ein­druck kann man zumin­d­est gewin­nen, wenn man die öffentliche Diskus­sion in den let­zten Wochen zu Form­schinken, Analogkäse und anderen „mod­er­nen“ Pro­duk­ten der Lebens­mit­tel­branche ver­fol­gt. Wohlge­merkt: alles im Rah­men der gel­tenden Gesetze!

Bald auch „Analog-Arbeitsschutz“?

Wird es dem­nächst also auch Ange­bote für „Ana­log-Arbeitss­chutz“ geben? Immer­hin wurde in ein­er Podi­ums­diskus­sion auf den Münch­n­er Gefahrstoff­ta­gen vor eini­gen Jahren schon über Ange­bote zur arbeitsmedi­zinis­chen Betreu­ung von Betrieben für einen Stun­den­satz unter fünf Euro berichtet.
  • Frühe Vor­boten ein­er zukün­fti­gen Entwicklung?
  • Wie kon­nte es zu solchen Zustän­den kommen?
Ursache ist sicher­lich der gnaden­lose Preiskampf der Dis­counter um die Gun­st des Kun­den und um Mark­tan­teile. Sind wir Ver­brauch­er also selb­st Schuld an dieser Entwicklung?

Billig ist besser!?

Allerd­ings haben uns Ver­brauch­er­schützer und Stiftung War­entest jahrzehn­te­lang ver­sucht zu „kri­tis­chen Kun­den“ zu erziehen und zu Preisver­gle­ichen der ver­schiede­nen Ange­bote aufgerufen. Es wurde uns einge­bläut, das preiswert­ere Ange­bot sei das bessere. Nach­dem die Geil­heit sich heute fol­glich nicht mehr auf das andere Geschlecht son­dern auf den Preis richtet, soll dies nun plöt­zlich auch nicht mehr richtig sein. Wie denn nun?

Qualität …

Die Qual­ität der ange­bote­nen Pro­duk­te ist sicher­lich ein Kri­teri­um für die Auswahl eines Ange­botes. Jedem Fach­mann ist klar, dass eine sin­nvolle arbeitsmedi­zinis­che Betreu­ung für fünf Euro pro Stunde nicht zu haben ist und diese „Dien­stleis­tung“ sich wahrschein­lich in der Ausstel­lung ein­er Rech­nung erschöpft, die man der Auf­sichts­be­hörde dann zum „Nach­weis“ der Erfül­lung geset­zlich­er Pflicht­en vor­legen soll. Schlimm genug, dass es offen­bar Unternehmer gibt, die solche unmoralis­chen Ange­bote in Anspruch nehmen; denn es gibt am Markt keine Ange­bote, wenn diesen nicht auch eine entsprechende Nach­frage gegenübersteht …
Aber wie soll der „Otto Nor­malver­brauch­er“ fest­stellen, ob ein ver­langter Preis für den Liefer­an­ten „auskömm­lich“ ist? Auch ich frage mich manch­mal, wie es möglich ist einen HiFi-Vide­o­recorder für weniger als 80 Euro oder eine Kaf­feemas­chine für 9,95 Euro anzu­bi­eten (die Liefer­an­ten­kette will schließlich auch noch etwas daran verdienen)?
Wir alle haben von Sklave­nar­beit und der Aus­beu­tung von Kindern in indis­chen oder chi­ne­sis­chen Fab­riken gehört, möglicher­weise Berichte darüber im Fernse­hen ver­fol­gt. Soll­ten wir also nur noch „teurere“ Pro­duk­te kaufen? Wo aber liegt eine „vernün­ftige“ Preisgrenze?
Oder hil­ft es, wenn wir nur noch Marken­ware erwer­ben (schließlich ver­sich­ern viele inter­na­tionale Unternehmen, dass ihre Pro­duk­te auss­chließlich unter men­schen­würdi­gen Bedin­gun­gen gefer­tigt wer­den und schließen sich dafür den ver­schieden­sten Qual­itätssiegelor­gan­i­sa­tio­nen an)? Ander­er­seits gin­gen sein­erzeit aber Mel­dun­gen durch die Presse, dass die Welt­meis­ter­schafts-Fußbälle im deutschen „Som­mer­märchen“ 2006 ange­blich von chi­ne­sis­chen oder indis­chen Kinder­hän­den zusam­men­genäht wor­den seien. Und bil­lig waren die sicher­lich nicht!
Und in Fernsehmagazi­nen wird immer wieder darüber berichtet, dass für ser­iös gehal­tene deutsche Her­steller häu­fig gar nicht wis­sen, unter welchen Bedin­gun­gen bei ihren aus­ländis­chen Vor­liefer­an­ten gear­beit­et wird. Viele inter­essieren sich auch gar nicht dafür: Haupt­sache der Preis stimmt? (Ich bin doch nicht blöd!)

Polohemd mit oder ohne Krokodil?

Stellen Sie sich vor, Sie verzicht­en auf den Erwerb eines Polo­hemdes für fünf Euro von einem türkischen Straßen­verkäufer und erwer­ben ein ver­gle­ich­bares Pro­dukt dafür in einem deutschen Fachgeschäft für 80 Euro: Wer garantiert Ihnen eigentlich, dass Sie nicht auch hier für das Hemd in Wirk­lichkeit nur fünf Euro bezahlt haben und 75 Euro für das auf der Vorder­seite auf­genähte Krokodilchen?
Erhal­ten die Bauern, deren Kühe die „Marken­milch“ zum dreifachen Preis des Dis­counter-Ange­botes gegeben haben, für den Liter wirk­lich mehr als die anderen?
Als Stu­dent hat­te ich ein­mal Gele­gen­heit, ein Salzberg­w­erk zu besuchen. Über Tage wurde das gewonnene Kochsalz gle­ich in die ver­schiede­nen Verkaufsver­pack­un­gen abge­füllt. Dabei floss das Salz aus dem­sel­ben Silo sowohl in den Aldi-Kar­ton (aufge­druck­ter Preis damals 0,19 DM) als auch in die Pack­ung eines mehr als fünf­mal so teuren „Marken­salzes“… In mein­er Jugendzeit nan­nte man das „Für die Marke bezahlen“.
Über die man­gel­hafte Qual­ität und Zuver­läs­sigkeit der Deutschen Bahn – nicht ger­ade als „Bil­ligheimer“ bekan­nt – ist in let­zter Zeit so viel berichtet wor­den, dass ich dem hier nichts hinzufü­gen muss.

Gibt es belastbare Kriterien?

Nach welchen Kri­te­rien kön­nen wir Ver­brauch­er nun also „gute“ von „schlecht­en“ Pro­duk­ten unterscheiden?
Bei tech­nis­chen Pro­duk­ten wie Fernse­hern, Waschmaschi­nen oder Autos mag dies noch ange­hen. In zahlre­ichen Tests schei­det sich hier häu­fig die Spreu vom Weizen und bes­timmte Marken erar­beit­en sich gegenüber der Konkur­renz einen besseren Ruf. Aber bei Milch und Käse, Nudeln und Eiern oder Brot und Fleisch? Die Fleis­ch­er-Fachgeschäfte oder der Bäck­er um die Ecke behaupten zwar, die Qual­ität ihrer Pro­duk­te sei bess­er als die aus dem Super­markt, aber auch diese Aus­sage wird von War­entestern nicht in allen Fällen bestätigt. Und wer im Bil­liglohnsek­tor arbeit­en muss, wird sich die Pro­duk­te aus dem Fachgeschäft kaum leis­ten können.
Die unüberse­hbare Auswahl an hoch ver­ar­beit­eten Fer­tig­pro­duk­ten entzieht sich allein schon auf­grund ihrer Vielgestaltigkeit ein­er sys­tem­a­tis­chen Bew­er­tung durch War­entests. Das einzige was hier dem Ver­brauch­er wirk­lich helfen würde, wäre eine ehrliche und ver­ständliche Kennze­ich­nung und unver­schlüs­selte Dekla­ra­tion der Inhaltsstoffe, die man auch ohne Lupe lesen kann. Warum geht bei unser­er Nahrung nicht, was bei Chemikalien seit Jahrzehn­ten üblich ist?

Kein Bier auf Hawaii? (Doch! Aber nicht im Bierschinken)

In Eng­land gibt es seit eini­gen Jahren das auch hier von Ver­braucheror­gan­i­sa­tio­nen geforderte Ampel­sys­tem bei der Kennze­ich­nung von Lebens­mit­tel­pro­duk­ten. Lebens­mit­telin­dus­trie und Land­wirtschaftsmin­is­teri­um haben ein solch­es Sys­tem in Deutsch­land jedoch bish­er ver­hin­dert. Die Poli­tik stützt sich dabei auf Argu­mente ein­er Lob­by, die die voll­ständig leber­freie Leber­wurst allen Ern­stes damit zu recht­fer­ti­gen ver­sucht, dass im Bier­schinken ja schließlich auch kein Bier enthal­ten wäre! Warum bezieht man sich eigentlich nicht gle­ich auf Jäger­schnitzel und Zigeunersuppe?
Warum aber nicht zumin­d­est die ver­wen­de­ten Zutat­en und Inhaltsstoffe ehrlich benen­nen und das mit Begrif­f­en, die auch der Nor­mal­bürg­er ver­ste­ht? Fach­be­griffe für die Spezial­is­ten haben sicher­lich ihre Bedeu­tung, aber ger­ade wir als Sicher­heits­fach­leute wis­sen, wie wichtig es ist, unser Anliegen „rüberzubrin­gen“. Oder habe ich hin­sichtlich der Lebens­mit­telkennze­ich­nung da etwa falsch verstanden …?
Wenn Sie jet­zt Früh­stücks- oder Mit­tagspause machen: Ich wün­sche Ihnen einen guten Appetit!
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Gewinnspiel
Meistgelesen
Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 12
Ausgabe
12.2021
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 11
Ausgabe
11.2021
ABO

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de