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Weder Verklä­rung noch Verdamm­nis

Leserbrief zu den Artikeln von Dr. Lutz Wienhold über den Arbeitsschutz der DDR in den Heften 3 u. 4 /2012 des „Sicherheitsingenieurs“
Weder Verklä­rung noch Verdamm­nis

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Wer den Arbeits­schutz in der DDR mit vollem Enga­ge­ment, mit Herz und Verstand mit gestal­tet hat, der für ihn über Höhen und Tiefen gegan­gen ist, der wird ihn nicht verklä­ren, der kennt die Vorteile und auch die Schwä­chen.

Derje­nige kann jedoch auch Verglei­che zum Arbeits­schutz jener Zeit in ande­ren Ländern, oder zum Arbeits­schutz in unse­rem heuti­gen gemein­sa­men Staat ziehen. Ich kann das. Von 1959 bis in die heutige Zeit, in der ich mich nach und nach aus der akti­ven Arbeit im Arbeits­schutz zurück ziehe, gehört mein volles Inter­esse diesem Fach­ge­biet. Bis zur Wende habe ich viele Jahre in der glei­chen Funk­tion wie Dr. Lutz Wien­hold in der glei­chen Einrich­tung, dem Zentral­in­sti­tut für Arbeits­schutz in Dres­den, gewirkt. Seine Darstel­lun­gen und seine Einschät­zun­gen kann ich nicht unwi­der­spro­chen lassen, obwohl erst zwei Folgen erschie­nen. Ich kenne aber jetzt auch seinen Beitrag in der Ausgabe 10/2007 dieser Zeit­schrift, den ich leider damals „verpasste“.
Seine Darstel­lun­gen sind nicht objek­tiv, sie sind tenden­ziös nega­tiv. Sie sind so ange­legt, dass damit nicht nur „Verklä­rung vermie­den werden kann“, sondern auch der kleinste posi­tive Ansatz negiert oder ins Gegen­teil verdreht wird.
Es ist unbe­strit­ten: Es gab Dinge in der DDR, die man in keiner Weise vertei­di­gen kann. Aber deshalb muss man nicht alles – auch das Posi­tive und das was noch nicht perfekt, aber auch nicht schlech­ter war als in ande­ren Ländern – als nur nega­tiv be- und verur­tei­len. Auf Seite 33 in Heft 3/2012 beispiels­weise schreibt er: „Die Fakten stel­len ebenso posi­tive Seiten des Arbeits­schut­zes in der DDR zusam­men – aber sie sind zu rela­ti­vie­ren, stehen unter dem Vorbe­halt ihrer poli­ti­schen Einord­nung in ein Unterdrückungs- und Unrechts­re­gime“. Ich habe Lutz Wien­hold in unse­rem per Mail geführ­ten Disput gefragt: „Können Fakten / Tatsa­chen, ‚die ja wirk­lich gut waren‘, durch Hemm­nisse unter denen sie entstan­den sind, schlecht und verdam­mens­wert werden? Ich glaube nicht, dass sich das logisch erklä­ren lässt.“ Er konnte es nicht.
Auf Seite 39 des glei­chen Heftes kann man in der mitt­le­ren Spalte ausführ­lich lesen, dass „fata­ler­weise“ der im Natio­nal­so­zia­lis­mus einge­führte Begriff Betriebs­ärzte „ohne Skru­pel in der SBZ / DDR weiter genutzt wurde“. Logi­sche Frage: Müssen wir jetzt auch unser heuti­ges ASiG mit seinem Titel und den entspre­chen­den Para­gra­fen schleu­nigst ändern?
Die kurz danach folgende Formu­lie­rung „Die Aufga­ben wurden zwar neu geord­net – aber eben ohne jede Ausein­an­der­set­zung mit der profes­sio­nel­len Ausrich­tung im Natio­nal­so­zia­lis­mus“ ist eine unge­heuere poli­ti­sche Provo­ka­tion. Ich kenne genü­gend Zeit­zeu­gen (hier verwende ich einmal eine Quelle, die L. Wien­hold recht oft zitiert) die das Gegen­teil bele­gen können.
Von ihm selbst genannte Maßnah­men, wie das 1945 erfolgte Zusam­men­tra­gen und Über­neh­men von Unter­la­gen für einen SMAD-Befehl durch die Deut­sche Verwal­tung für Arbeit und Sozi­al­für­sorge, die „sich hier­bei auch auf Diskus­sio­nen der Weima­rer Repu­blik gestützt“ hat (S. 33), oder die Über­nahme der „Vorschläge deut­scher Fach­ex­per­ten“ „zur Zusam­men­fas­sung der Zustän­dig­kei­ten“ sind für L. Wien­hold kein Grund für eine posi­tive Erwäh­nung als Über­nahme und Fort­set­zung guter deut­scher Tradi­tio­nen und Forde­run­gen, sondern dienen ledig­lich dem Nach­weis, dass die „Rolle der Sowjet­union … oft verfälscht wurde“ und den „größe­ren Kontroll­mög­lich­kei­ten“ diente.
Das sind nur einige wenige heraus­ge­grif­fene Beispiele, die aber sympto­ma­tisch dafür sind, dass eine objek­tive Darle­gung, das dass wert­freie Aufzei­gen des Für und Wider der einzel­nen Fakten völlig fehlt. Aber nur so könnte der mündige Leser selbst entschei­den zwischen Verklä­rung und Verdamm­nis. Darauf sollte meiner Meinung nach am Anfang einer offen­sicht­lich umfang­rei­che­ren Veröf­fent­li­chungs­reihe fairer Weise auch hinge­wie­sen werden. Wir kommen am schnells­ten – und vor allem mit Herz und Verstand – zu einem einheit­li­chen Deutsch­land, wenn nach gründ­li­cher Prüfung unvor­ein­ge­nom­men das Gute von beiden Seiten für einen zeit­ge­mä­ßen und zukunfts­ori­en­tier­ten Arbeits­schutz über­nom­men wird.
Wenn man Dr. Wien­holds Ausfüh­run­gen liest, muss man dem altehr­wür­di­gen Egon Bahr Recht geben, der vor mehre­ren 100 Gästen zum 75. Geburts­tag des ehema­li­gen Minis­ter­prä­si­den­ten von Bran­den­burg und Konsis­to­ri­al­prä­si­dent Manfred Stolpe sagte: „Wir versöh­nen uns eher mit unse­ren Nach­barn als mit uns selbst“.
Dr.-Ing. Herbert Hartig
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