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„Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt in ihr um!“

Blended Learning
„Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt in ihr um!“

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Rico S. ist nervös. Das Fass läuft über! Explo­sion­s­ge­fahr! Er hat die Pumpe zu spät abgeschal­tet. Jet­zt nur keinen Fehler machen, son­st fliegt der Laden in die Luft! Und Rico mit. Seine Hand zit­tert. Da greift ihm jemand über die Schul­ter und führt ihm die Maus. Es ist der Seminardozent.

Rico sitzt mit anderen Teil­nehmern eines Gefahrstoff-Sem­i­nars am PC und absolviert eine Train­ing­sein­heit mit einem prax­is­na­hen 3D-Sim­u­la­tion­spro­gramm. Mit­tels virtueller Szenar­ien (Vir­tu­al Real­i­ty) kön­nen Sem­i­narteil­nehmer gefährdungs­frei trainieren, Fehler machen und aus diesen Fehlern nach­haltig ler­nen. Vor­bild sind zum Beispiel Flugsim­u­la­toren, die in der Pilote­naus­bil­dung erfol­gre­ich einge­set­zt wer­den. In den E‑Learn­ing-Work­shops des Insti­tutes für Arbeit und Gesund­heit (IAG) der Deutschen Geset­zlichen Unfal­lver­sicherung sind „Inter­ak­tive 3D-App­lika­tio­nen in der Qual­i­fizierung“ (Vor­tragsti­tel von 2006) schon länger The­ma. Die 3D-Sim­u­la­tion „Umfüllen brennbar­er Flüs­sigkeit­en“ zeigt nun, wie ein virtuelles Train­ing in der Präven­tion­sar­beit der geset­zlichen Unfal­lver­sicherung konkret ausse­hen kön­nte. Sie wurde von der BG RCI gemein­sam mit dem Fraun­hofer Insti­tut für Fab­rik­be­trieb und ‑automa­tisierung (IFF) erstellt und ist auf Fachmessen bere­its auf großes Inter­esse gestoßen. Das IAG will deshalb weit­ere Szenar­ien entwick­eln und evaluieren, ob die Aus­bil­dung durch Sim­u­la­tio­nen nach­haltiger wird und der Prax­is­trans­fer verbessert wer­den kann.
Viele Ein­satzmöglichkeit­en
Mit virtuellen Szenar­ien lassen sich aber nicht nur gefährliche Vorgänge simulieren. Auch bish­er ver­bor­gene Vorgänge kön­nen sicht­bar gemacht wer­den, zum Beispiel die chemis­chen Prozesse in einem Ver­bren­nung­sofen oder ein gekapseltes Getriebe in Funk­tion. Auch die Bege­hung eines virtuellen Baupro­jek­ts noch während der Pla­nungsphase ist eine für die Präven­tion­sar­beit inter­es­sante Möglichkeit.
Angesichts stark gefal­l­en­er Entwick­lungs- und Ausstat­tungskosten für 3D-Tech­nolo­gien ist es denkbar, schon in naher Zukun­ft Präsenz-Sem­i­nare und Prax­is­felder des IAG mit Sim­u­la­tion­spro­gram­men zu ergänzen. Die Her­aus­forderung für die Präven­tion­sar­beit beste­ht dabei darin, das notwendi­ge Wis­sen so zu ver­mit­teln, dass die Akteure im beru­flichen All­t­ag han­deln kön­nen und wollen. Fach­wis­sen allein reicht an dieser Stelle nicht. Es kommt darauf an, die beru­fliche Hand­lungskom­pe­tenz zu fördern. Das schließt neben dem Wis­sen auch die Entwick­lung von Fähigkeit­en zur Selb­stor­gan­i­sa­tion, Erfahrun­gen, Moti­va­tion, Werten und Ide­alen mit ein.
E‑Learning und klas­sis­che Seminare
Die Kom­bi­na­tion virtueller Lern­wel­ten mit Präsen­zsem­inaren ist dabei nur eine Vari­ante des Blend­ed-Learn­ing-Ansatzes. Er umfasst die com­put­ergestützte Ver­mit­tlung von Fak­ten und Fer­tigkeit­en in Verbindung mit ein­er Förderung des Prax­is­trans­fers in Präsen­zver­anstal­tun­gen. Ein anderes sehr erfol­gre­ich­es Beispiel für eine Blend­ed-Learn­ing-Lösung ist seit 2001 die Aus­bil­dung zur Fachkraft für Arbeitssicher­heit. Hier wird ein Teil des Fak­ten­wis­sens in E‑Learn­ing-Pro­gram­men ver­mit­telt, die die Teil­nehmer selb­st­ständig dur­char­beit­en. Die beglei­t­en­den Präsenz-Sem­i­nare kön­nen sich dadurch stärk­er auf Meth­o­d­en- und Sozialkom­pe­tenz konzen­tri­eren. Die Abwe­sen­heit vom Betrieb wird erhe­blich verkürzt, da das Ler­nen am PC in der Regel im Betrieb oder auch zu Hause stat­tfind­en kann.
Führungskräfte-Schu­lun­gen
Ein weit­eres klas­sis­ches Blend­ed-Learn­ing-Szenario ist die Führungskräfte-Schu­lung der Unfal­lka­sse Hes­sen für Mitar­beit­er der Fra­port AG, dem Betreiber des Frank­furter Flughafens. Sie wurde ab Novem­ber 2009 erst­mals mit Unter­stützung eines E‑Learning – Pro­gramms durchge­führt, das die Führungskräfte vor Beginn des Präsenz-Sem­i­nars dur­char­beit­en mussten. Auf diese Weise waren sie zu Beginn des Sem­i­nars Mitte Feb­ru­ar 2010 bere­its mit wesentlichen Fak­ten des geset­zlichen Unfal­lver­sicherungssys­tems und der Arbeitss­chut­zor­gan­i­sa­tion des Flughafens ver­traut und das Sem­i­nar kon­nte sich an drei Tagen ganz auf die konkreten Umset­zung­sprob­leme am Arbeit­splatz konzen­tri­eren. Dabei war die Blend­ed-Learn­ing-Meth­ode den Fra­port-Mitar­beit­ern dur­chaus ver­traut. Auch andere große Unternehmen prak­tizieren diese Mis­chung aus E‑Learning und Präsen­zler­nen seit Jahren mit wach­sen­dem Erfolg. Der PC und das auf ihm basierende E‑Learning ist dabei zunächst nur ein Lern­medi­um (wie ein Buch oder eine Bib­lio­thek), allerd­ings ein poten­ziell mul­ti­me­di­ales mit vie­len Möglichkeit­en. Beru­fliche Hand­lungskom­pe­tenz und Ver­hal­tensän­derung aber wer­den kaum beim Ler­nen am PC, son­dern meist erst in der Präsenz-Gruppe realisiert.
Auf­grund des pos­i­tiv­en Echos wird das Konzept derzeit für den Trans­fer auf alle deutschen Flughäfen vor­bere­it­et, unter Beteili­gung weit­er­er geset­zlich­er Unfal­lver­sicherungsträger wie z.B. der BG Verkehr. Eine weit­ere um die Spez­i­fi­ka der Luftverkehrs­branche bere­inigte Fas­sung wird sich an Führungskräfte all­ge­mein wen­den. Auch dieses Konzept soll inter­essierten geset­zlichen Unfal­lver­sicherungsträgern zur Ver­fü­gung gestellt werden.
Method­isch-didak­tis­che Grundsätze
  • 1. Beson­ders Erwach­sene soll­ten selb­st­ges­teuert ler­nen kön­nen. Die Struk­tur von Lern­pro­gram­men sollte keinen star­ren Weg durch die Lern­in­halte aufzwin­gen, weil Vor­wis­sen, Lernge­wohn­heit­en, Lernbe­darf indi­vidu­ell ver­schieden sind. Ide­al­er­weise wird aber Führung ange­boten, so dass die Ler­nen­den wählen kön­nen. „Ermöglichungs­di­dak­tik“ löst die stof­fori­en­tierte „Ver­mit­tlungs­di­dak­tik“ ab.
  • 2. Lern­in­halte müssen ein­fach auf­bere­it­et sein, es gilt die Konzen­tra­tion auf sich zu lenken und zum „Weit­er­spie­len“ zu motivieren. Arbeit­splatz­na­h­es Ler­nen ist mit vie­len Störun­gen ver­bun­den, die die Konzen­tra­tion auf kom­plexe Zusam­men­hänge erschw­eren. Sim­u­la­tio­nen sind z.B. eine Möglichkeit, „spielerisch“ die Auswirkun­gen bes­timmten Han­delns auf nachge­lagerte Prozesse zu erfahren, ohne reale Folgen.
  • 3. E‑Learn­ing-Sys­teme soll­ten die Möglichkeit bieten, sub­jekives „Erfahrungswis­sen“ in die Lern­the­matik einzubrin­gen und sich in der Gruppe der Ler­nen­den darüber auszu­tauschen. Per­sön­liche Erleb­nisse, Fehler und deren Fol­gen, beson­dere Tricks usw. kön­nen in Weblogs pro­tokol­liert und mit Lernein­heit­en verknüpft wer­den. Diskus­sions­foren, Chats oder FAQs (Fre­quent­ly Asked Ques­tions) unter­stützen den Erfahrungsaus­tausch und ermöglichen Grup­pe­nar­beit­en. Das Lernarrange­ment sollte Kom­mu­nika­tion am Arbeit­splatz inte­gri­eren, sowohl organ­isiert als auch informell („Dial­o­gis­ches Lernen“).
Soft­ware zur Unterstützung
Solche Pro­gramm­sys­teme wer­den auch als „Learn­ing Con­tent Man­age­ment Sys­tem“, „Lern­plat­tform“ oder „Kom­mu­nika­tion­splat­tform“ beze­ich­net. Neben der Möglichkeit, Hun­derten oder Tausenden von Ler­nen­den ihren indi­vidu­ellen Kurs mit dem jew­eils aktuellen Lern­stand anzu­bi­eten, gibt es viele zusät­zliche Mod­ule. Diese erlauben es, in aus­gek­lügel­ten Lernarrange­ments den Nachteil des E‑Learnings, die Vere­inzelung des Ler­nen­den vor seinem PC, wenig­stens teil­weise aufzuheben.
Außer­dem ermöglichen diese Pro­gramme „Lern­prozess-Con­trol­ling“, (der Lern­fortschritt kann bei Bedarf ver­fol­gt und betreut wer­den), ver­fü­gen über kom­fort­able Lern­test-Gen­er­a­toren und kön­nen bei erfol­gre­ichem Abschluss auf Wun­sch auch Zer­ti­fikate ausstellen.
Anforderun­gen an Seminardozenten
Der Ein­satz ein­er Lern­plat­tform ist nur sin­nvoll, wenn für die einzel­nen Kurse auch Kursleit­er, Tutoren oder Lern­ber­ater vorhan­den sind. Diese „Tele­tu­toren“ oder „Tele­train­er“ soll­ten im Rah­men eines Blend­ed-Learn­ing-Konzepts auch als Dozen­ten im Präsen­zteil der Aus­bil­dung tätig sein. Sie kön­nen den einzel­nen Lern­er im E‑Learn­ing-Teil betreuen und organ­isieren die gemein­samen Ler­nak­tiv­itäten auf der Plat­tform. Tele­train­er soll­ten über fundierte EDV-Ken­nt­nisse ver­fü­gen und eine beson­dere Aus­bil­dung zu Methodik und Didak­tik des E‑Learnings absolviert haben. „Das IAG bietet dazu in seinem „Train the Train­er“ – Pro­gramm 2011 die Fort­bil­dung zum „Cer­ti­fied Euro­pean E‑Learn­ing-Man­ag­er“ an. Dieser Zer­ti­fikat­slehrgang wurde im Rah­men eines EU-Pro­jek­tes von führen­den Experten aus sechs europäis­chen Län­dern konzipiert.“
Autor
Michael Peters, Insti­tut für Arbeit und Gesund­heit (IAG) der Deutschen Geset­zlichen Unfal­lver­sicherung e.V.

Blended Learning
Blend­ed Learn­ing bedeutet „ver­mis­cht­es Ler­nen“. Ver­schiedene Lern­meth­o­d­en, Medi­en sowie lern­the­o­retis­che Aus­rich­tun­gen wer­den miteinan­der kom­biniert. Ziel ist eine Ler­nor­gan­i­sa­tion, bei der die Vorteile durch die Kom­bi­na­tion ver­schieden­er Medi­en und Meth­o­d­en ver­stärkt und die Nachteile min­imiert wer­den. Das Konzept verbindet Effek­tiv­ität und Flex­i­bil­ität von elek­tro­n­is­chen Lern­for­men mit den sozialen Aspek­ten der Face-to-Face-Kom­mu­nika­tion, eine didak­tisch sin­nvolle Verknüp­fung von „tra­di­tionellem Klassen­z­im­mer­ler­nen“ und E‑Learning wird angestrebt. Präsenz- und Online-Phasen müssen opti­mal aufeinan­der abges­timmt sein!
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