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Wie kann Belastungsmanagement trainiert werden?

Sicherheit und der menschliche Faktor Teil 2
Wie kann Belastungsmanagement trainiert werden?

In der Ruhe liegt die Kraft und die Besonnenheit - und dies lässt sich trainieren. Foto: MaFiFo - Fotolia.com
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Stress­si­t­u­a­tio­nen oder noch schlim­mer die Ignorierung offen­sichtlich­er Prob­leme sind hochriskant für die Sicher­heit ein­er Anlage und für den Unternehmenser­folg. Inge­nieure und Man­ag­er müssen daher trainieren, wie in schwieri­gen Sit­u­a­tio­nen der Kopf hellwach und klar und der Kör­p­er entspan­nt bleibt.

“Com­plex prob­lems have sim­ple, easy to under­stand wrong answers.” (Bloch)
Sicher­heit, Effizienz der Leis­tung und Unternehmenser­folg sind untrennbar mit der Qual­ität men­schlich­er Leis­tung ver­bun­den. Ger­ade unter stark­er Belas­tung muss klar-struk­turi­ert und den­noch flex­i­bel-entspan­nt gehan­delt wer­den kön­nen. Diese Fähigkeit­en sind trainier­bar.
Jedes Unternehmen hat unter­schiedliche Bedarfe, Beson­der­heit­en und Sor­gen, die erkan­nt und abge­wogen wer­den. Durch struk­turi­erte Befra­gun­gen, in Pla­nungswork­shops oder Coach­ings kön­nten Bedarfe pri­or­isiert, Ideen entwick­elt wer­den, um die Unternehmen­skul­tur sin­nvoll weit­erzuen­twick­eln. Vielle­icht müssen auch struk­turelle Voraus­set­zun­gen geschaf­fen wer­den, damit in unsicheren Sit­u­a­tio­nen entspan­nt und sich­er gehan­delt wer­den kann. Im Ergeb­nis solch­er Pla­nung­sprozesse kön­nen ganz unter­schiedliche Train­ings­be­darfe auf­tauchen.
Kom­mu­nika­tion, ins­beson­dere die Kom­mu­nika­tion in Kon­flik­ten: Die Art wie Men­schen miteinan­der in Beziehung treten, hat eine zen­trale Bedeu­tung für die Effizienz der Arbeit und führt dazu, dass Risiken sehr schnell erkan­nt wer­den, bevor sie sich zu Prob­le­men auswach­sen. Das Trainieren wirk­samer Kom­mu­nika­tion ist die Grund­vo­raus­set­zung für effek­tives Belas­tungs­man­age­ment.
Vor­bere­itung auf ungewöhn­liche Sit­u­a­tio­nen ‑Interkul­turelle Kom­mu­nika­tion: Vor Entsendun­gen ins Aus­land kann die Ein­stel­lung zu Neuem pos­i­tiv bee­in­flusst wer­den: Es wird weniger bedrohlich emp­fun­den und erscheint in einem inter­es­san­ten per­sön­lichen Bezug. Das Auswendigler­nen von Ver­hal­tensregeln ist wenig effizient. Wichtiger ist die Entwick­lung eines Grund­ver­ständ­niss­es, um daraus abzuleit­en, wie das Sam­meln neuer Erfahrun­gen wirk­sam und risiko­los gestal­tet wer­den kann.
Umgang mit kom­plex­en Sit­u­a­tio­nen – die opti­male Nutzung bei­der Großhirn­hälften: In unser­er Kul­tur sind wir bemüht ist, Kom­plex­ität kon­se­quent ein­fach auf etwas Kom­pliziertes, Steuer­bares zu reduzieren („Prob­lem­bär erschla­gen“). Nicht-lin­eare Beziehun­gen unscharf begren­zter Sys­teme in neg­a­tiv­en und pos­i­tiv­en Feed­backschleifen, sind uns sus­pekt. Plöt­zlich, nach lan­gen Phasen der Sta­bil­ität kön­nen sie aus schein­bar nichtigem Anlass, eigen­dy­namisch Merk­würdigkeit­en entwick­eln: wie ein Schw­ergut­trans­port, der auf der Auto­bahn, zuerst kaum merk­bar, zu vib­ri­eren und zu schlingern begin­nt.
Ein kom­pe­ten­ter Umgang mit eigen­dy­namis­chen Sys­te­men oder kom­plex­en Sit­u­a­tio­nen erfordert nüchternes und klares Denken, am besten gegrün­det auf Selb­st­be­wusst­sein und Erfahrung. Kom­pe­tenz ist hier also genau das Gegen­teil von dem, was sich manche unter kom­plex­em Han­deln vorstellen: „… einem Bauchge­fühl fol­gen“. Opti­mal an kom­plexe Sit­u­a­tio­nen angepasstes Han­deln kann sog­ar kon­tra-intu­itiv sein, z.B. hellwach auf eine Gefahren­quelle zuge­hen, um sie, mit ihrer Dynamik gut ver­bun­den, wirk­sam lenken zu kön­nen.
Gewandtheit, Flow, Aufmerk­samkeits­fokussierung – den 4‑Wheel-Dri­ve des Gehirns nutzen
Ger­ade unter hohen Belas­tun­gen sind schein­bar von selb­st ablaufende All­t­agsphänomene, bei denen das Zeit­ge­fühl ver­schwindet, von großer Bedeu­tung. Ger­ade dann, wenn „draußen der Sturm“ tobt, ist die Kom­pe­tenz nötig, sich qua­si im Auge des Sturms mit­be­we­gen zu kön­nen. Flow und Gewandtheit kön­nen trainiert wer­den.
Emo­tionale Intel­li­genz – die opti­male Nutzung des Zwis­chen­hirns
Wer Emo­tio­nen und Gefüh­le erken­nt, ver­ste­ht und in ihrem Kör­per­aus­druck wahrn­immt, kann sie in der Kom­mu­nika­tion nutzbrin­gend und wirk­sam ein­set­zen. Bewusst­sein ist mit emo­tionaler Bew­er­tung untrennbar ver­bun­den und reflex­haft mit Bewe­gungsmustern ver­schal­tet. Wer diese ele­mentare und weltweit nahezu iden­tis­che Sprache ver­ste­ht, hat im Umgang mit Men­schen die größten Erfol­gschan­cen und geht zugle­ich die ger­ing­sten Risiken ein.
Mit Stress umge­hen – das Stammhirn ver­ste­hen, opti­mal ein­stellen, Fehle­in­stel­lun­gen lösen
Aus dem Ver­ständ­nis der Stress­reak­tion ergeben sich die Lösungsstrate­gien, die meist damit begin­nen, die Bor­dinstru­mente wahrzunehmen, die den inneren Zus­tand anzeigen. Damit die Mel­dun­gen der Bedürfnisse von Kör­perzellen ins Bewusst­sein vor­drin­gen kön­nen, müssen andere Anteile beruhigt wer­den: das Denken und die füh­lende Bew­er­tung des Gedacht­en. Eine Stress-Akutreak­tion kann sich bei Gesun­den in Sekun­den­bruchteilen lösen, auch wenn der Sturm der Stresshormone und die Verspan­nun­gen anschließend noch länger nachk­lin­gen wer­den.
Das Stammhirn, das essen­tielle Steuerkreise regelt, ver­ste­ht keine Worte. Es ist daher ein­fach­er, diese Organ­funk­tion kör­per­lich zu bee­in­flussen: z.B. durch Train­ing von Aufmerk­samkeit und Gewahr­sein im Rah­men entspan­nen­der Bewe­gung.
“Things get worse under pres­sure.” (Bloch)
Stress-Folgeschä­den ver­ste­hen und ausheilen lassen
Folgeschä­den (Tin­ni­tus, Herz­in­farkt, Immun­störun­gen, Band­scheiben­vor­fall, Suchtver­hal­ten, …) sind Ursache für neuen Stress. Nichts geht mehr (wie früher) und Abgründe tun sich auf. Solche Teufel­skreise kön­nen unter­brochen wer­den, durch Ver­ste­hen und Erler­nen neuer Hand­lung­sop­tio­nen. Hier kann Gesund­heits-Coach­ing nüt­zlich sein, eine ther­a­pie­un­ab­hängige Begleitung schwieriger Lebenssi­t­u­a­tio­nen, deren Ziel es ist, Flex­i­bil­ität und Hand­lungs­fähigkeit zu fördern, damit der Gesund­heits­markt möglichst wenig in Anspruch genom­men wer­den muss.
Coach­ing
Alle genan­nten möglichen Train­ings­bere­iche kön­nen ohne Train­ing und gute Ratschläge im Prozess des sys­temis­chen Coach­ings the­ma­tisiert wer­den. Coach­ing unter­stützt dabei, den eige­nen Stand­punkt zu betra­cht­en, ihn wertzuschätzen, und wenn nötig, auch zu wech­seln. Dieser Prozess des Begleit­ens wirkt in Sys­te­men wie ein Katalysator, der eigen­dy­namis­che Prozesse begün­stigt. Dabei gibt es wed­er einen guten Rat noch Besser­wis­sen. Die auf­blühen­den neuen Ideen sind zwangsläu­fig die eige­nen.
Faz­it
Wir kön­nen die Sit­u­a­tio­nen, in denen wir leben und han­deln nur in sehr begren­ztem Maß verän­dern. Aber es ist im Prinzip leicht möglich, zu beliebi­gen Sit­u­a­tio­nen, die jew­eils opti­male Ein­stel­lung zu find­en. Das Not­fall­pro­gramm Stress ist nicht nur inef­fizient, son­dern unnötig. Es bieten sich immer wirk­samere und scho­nen­dere Alter­na­tiv­en an: Es lohnt, die zu ent­deck­en.
Lit­er­atur
  • 1. BMAS/BAuA 2012: Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit (SUGA) 2010. Down­load: www.baua.de/suga
  • 2. Buzsá­ki G: Rhythms of the brains. Oxford 2006. Inter­view 2010: http://thesciencenetwork.org
  • 3. Damá­sio: A Self Comes to Mind : Con­struct­ing the Con­scious Brain. New York: Pan­theon Books 2010. dt.: Selb­st ist der Men­sch. Siedler 2011, Vor­trag: http://fora.tv/2009/07/04/Antonio_Damasio_This_Time_With_Feeling
  • 4. Dehn­er G: WHO knows best? Nation­al and inter­na­tion­al respons­es to pan­dem­ic threats and „lessons“ of 1976. J Hist Med Allied Sci 2010. 65: 478–513.
  • 5. Dörn­er D: Die Logik des Misslin­gens – Strate­gis­ches Denken in kom­plex­en Sit­u­a­tio­nen, Rowohlt 2001
  • 6. Gole­man D: Emo­tionale Intel­li­genz. Hanser, München 1996; dtv, München 2011
  • 7. Humphrey N: See­ing Red, Har­vard Uni­ver­si­ty Press 2006
  • 8. Hofin­ger G et al.: Men­schengemachte Umweltkatas­tro­phen. Psy­chol­o­gis­che Hin­ter­gründe am Beispiel Tsch­er­nobyl, Umweltpsy­cholo­gie 2006, 10(1):26–45
  • 9. IAEA: The Great East Japan Earth­quake Expert Mis­sion – Inter­na­tion­al Fact Find­ing Expert Mis­sion of the Fukushi­ma Dai-Ichi Acci­dent … Tokyo, Japan 24.05.– 02.06.2011 – Amano Yukiya, IAEA, Inter­view Kyo­donews, März 2012:http://english.kyodonews.jp/news/2012/03/146365.html
  • 10. Jaeger H: Arsen im Grund­wass­er – eine Katas­tro­phe in Bangladesh und Indi­en, Flug- und Reisemedi­zin 2006, 13 (4) 41–42, Update Dezem­ber 2011:www.gesundes-reisen.de/view_artikel_details.php?contentType=3&themaID=688
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  • 12. McGilchrist I: The Mas­ter and His Emis­sary –The Divid­ed Brain and the Mak­ing of the West­ern World, Yale Uni­ver­si­ty Press 2009. Ani­miert­er Vor­trag 2011: www.youtube.com/watch?v=dFs9WO2B8uI
  • 13. Miller M et al.: The effect of mirth­ful laugh­ter on the human car­dio­vas­cu­lar sys­tem, Med Hypo 2009 73:636–639
  • 14. Merö L: Die Gren­zen der Ver­nun­ft: Kog­ni­tion, Intu­ition und kom­plex­es Denken, Rowohlt 2006
  • 15. Bloch A: Mur­phys Law: All the rea­son why ervery­thing goes wrong. Lon­don 1983
  • 16. Porges S.: Die Poly­va­gal The­o­ry, Jungfer­mann 2010, Vorträge 2009: www.psychevisual.com/Stephen_Porges.html?othertalks=1
  • 17. Pulitz H: The Fukushi­ma Dis­as­ter, IPPNW, 12.03.2012, PDF: www.fukushima-disaster.de/fukushima_supergau_studie.pdf
  • 18. Ten­ner E: Why Things bite back – Pre­dict­ing the Prob­lems of Progress, Fourth Estate Ltd. 1996
  • 19. Wolpert D: Prin­ci­ples of sen­si­mo­tor learn­ing, Nature Review 2011, 12:739–751. Vor­trag: www.youtube.com/watch?v=7s0CpRfyYp8
  • 20. World Eco­nom­ic Forum Risks 2012: www.weforum.org/issues/global-risks
Autor
Dr. med. Hel­mut Jäger
MD Medicus Reise- und Tropen­medi­zin GmbH
Bern­hard-Nocht-Insti­tut für Tropen­medi­zin E‑Mail: jaeger@gesundes-reisen.de
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