Startseite » Fachbeiträge »

„Die Ambivalenz wird steigen“

Industrie 4.0 und die Folgen
„Die Ambivalenz wird steigen“

Oleg Cernavin, Geschäftsführer der BC GmbH Forschung in Wiesbaden Foto: ©privat
Anzeige
Die vierte indus­trielle Rev­o­lu­tion ist kein Gedanken­spiel mehr: Viele Unternehmen set­zen längst auf dig­i­tal­isierte und ver­net­zte Pro­duk­tion. Wie wer­den Cyber-Physikalis­che Sys­teme (CPS) den Arbeits­markt verän­dern? Wir sprachen darüber mit dem Arbeitswis­senschaftler Oleg Cer­navin.

Herr Cer­navin, über den Motor­rad­her­steller Harley David­son war unlängst zu lesen, dass dieser seine Pro­duk­tion­sprozesse von 26 Tagen auf sechs Stun­den verkürzt hat. Den­noch kön­nen die Kun­den aus unzäh­li­gen Kom­bi­na­tion­s­möglichkeit­en ein indi­vidu­elles Mod­ell kon­fig­uri­eren lassen. Wie beurteilen Sie solche Beispiele?

Cer­navin: Diese und andere Beispiele zeigen uns, dass Indus­trie 4.0 in den Betrieben angekom­men ist. Wir befind­en uns in einem Verän­derung­sprozess, der sehr viel schneller ist, als wir es vor noch vier oder fünf Jahren prog­nos­tiziert haben. Der zen­trale Begriff, der hin­ter diesen Entwick­lun­gen ste­ht, lautet: Cyber-physikalis­che Sys­teme, kurz CPS. Physikalis­che Wel­ten wie Arbeitsmit­tel oder ‑räume wer­den über Sen­soren und Aktoren mit virtuellen Din­gen, also pro­gram­mierten Algo­rith­men, verknüpft. So entste­hen Big Data und 4.0‑Prozesse: Riesige Daten­men­gen, die von intel­li­gen­ten Soft­waresys­te­men ges­teuert wer­den.
Beim Weltwirtschafts­fo­rum in Davos wurde eine Studie vorgestellt, die für Europa einen Abbau von bis zu fünf Mil­lio­nen Stellen bis zum Jahr 2020 prog­nos­tiziert. Wie schätzen Sie die Sit­u­a­tion für Deutsch­land ein – ver­drängt Indus­trie 4.0 die Men­schen vom Arbeits­markt?
Cer­navin: Mit dieser Frage beschäfti­gen sich viele Stu­di­en, die häu­fig inter­es­sen­geleit­et in die eine oder die andere Rich­tung weisen. Das Insti­tut für Arbeits­markt- und Berufs­forschung (IAB), eine Forschung­sein­rich­tung der Bun­de­sagen­tur für Arbeit in Nürn­berg, liefert aus mein­er Sicht nachvol­lziehbares Zahlen­ma­te­r­i­al für Deutsch­land. Das IAB prog­nos­tiziert eine Umschich­tung von rund 920.000 Arbeit­splätzen bis zum Jahr 2025. Diese Arbeit­splätze gehen also nicht ver­loren, son­dern ver­lagern sich auf andere Tätigkeits­felder. Ins­ge­samt sieht das IAB nur geringe Auswirkun­gen auf das gesamte Beschäf­ti­gungsvol­u­men in Deutsch­land.
Wie kann man sich diese Umschich­tung vorstellen? In welchen Berufen beste­ht Gefahr, durch CPS erset­zt zu wer­den?
Cer­navin: Die Nach­frage nach Beschäftigten mit höheren Qual­i­fizierun­gen wird weit­er steigen. Diese Entwick­lung geht zu Las­ten von Men­schen, die keine Aus­bil­dung oder Abschlüsse haben, denn Rou­tin­ear­beit­en oder ein­fache manuelle Tätigkeit­en wer­den kün­ftig noch stärk­er durch Maschi­nen und Robot­er erset­zt. Wir wer­den einen erhe­blichen Struk­tur­wan­del hin zum Dien­stleis­tungs­bere­ich erleben: IT-Berufe und lehrende Berufe wer­den davon prof­i­tieren. Im Gegen­satz dazu wer­den Berufe im ver­ar­bei­t­en­den Gewerbe, ins­beson­dere bei Anla­gen und Maschi­nen, vom Per­son­al­ab­bau betrof­fen sein. In diesem Prozess wird es auch neue Beruf­saus­bil­dun­gen geben: Die neuen Fachar­beit­er wer­den die Beschäftigten sein, die sich mit der Aufar­beitung und Kon­trolle von Dat­en beschäfti­gen.
Sind Unternehmen und Beschäftigte fit für diesen Wan­del? Wird genug in betriebliche Weit­er­bil­dung investiert?
Cer­navin: Inno­v­a­tive Unternehmen acht­en schon jet­zt auf die kon­tinuier­liche Weit­er­bil­dung ihrer Beschäftigten. Stu­di­en zeigen, dass diese Unternehmen in der Regel auch wirtschaftlich erfol­gre­ich sind. Der Bedarf nach indi­vidu­eller Kom­pe­ten­z­er­weiterung steigt ständig. Die Beschäftigten wer­den jedoch immer sel­tener zu Weit­er­bil­dun­gen geschickt, son­dern sie qual­i­fizieren sich selb­st im Arbeit­sprozess, zum Beispiel über tuto­rielle Assis­ten­zsys­teme. Durch die 4.0‑Prozesse wird das Ler­nen im Betrieb noch schneller. Auf diese Entwick­lung stellen sich auch Infor­ma­tions- und Weit­er­bil­dungs­di­en­stleis­ter ein.
Kön­nen Sie ein Beispiel geben?
Cer­navin: Ein Beispiel aus dem klas­sis­chen Arbeitss­chutzbere­ich ist GISBAU, das Gefahrstoff-Infor­ma­tion­ssys­tem der BG BAU. GISBAU stellt sich schon heute auf den dig­i­tal­en Aus­tausch von Sicher­heits­dat­en in der Liefer­kette der Bauwirtschaft ein: So wur­den in dem Förder­pro­jekt SDB­trans­fer Sicher­heits­daten­blät­ter und andere Infor­ma­tio­nen zu den einzel­nen Stof­fen so auf­bere­it­et, dass Nutzer nur noch den Strich-Code eines Gebindes am Arbeit­splatz über das Smart­phone ein­le­sen müssen, um alle rel­e­van­ten Infor­ma­tio­nen zu dem Gefahrstoff in Echtzeit auf Handy, Tablet, Smart­watch oder Daten­brille zu erhal­ten. Auch Fes­to Didac­tic SE, ein Dien­stleis­ter im indus­triellen Bil­dungswe­sen, hat Pro­gramme entwick­elt, um Weit­er­bil­dung in die Betriebe zu inte­gri­eren. In Lern­fab­riken kön­nen Beschäftigte hier zeit­nah in kurzen Mod­ulen direkt im Betrieb 4.0‑Prozesse erler­nen, zum Beispiel wie Dat­en aus SAP in die Anlage über­nom­men wer­den oder wer RFID-Sys­teme zum Schreiben, Lesen oder Löschen von Dat­en nutzen darf.
Was verän­dert sich für die Fachkräfte für Arbeitssicher­heit?
Cer­navin: Aus mein­er Sicht gibt es drei große Anforderun­gen an die Fachkräfte für Arbeitssicher­heit, mit denen Chan­cen und Möglichkeit­en ver­bun­den sind. Erstens sollte sich die Sifa stärk­er zum Sys­tem- und Prozess­man­ag­er entwick­eln. Wenn die Arbeit­sprozesse in den Betrieben immer mehr durch Soft­ware ges­teuert wer­den, müssen Sicher­heit und Gesund­heit in den Algo­rith­men dieser Soft­ware inte­gri­ert wer­den. Es ist die Auf­gabe der Sifa, darauf zu acht­en: Sie sollte frühzeit­ig dafür sor­gen, dass Arbeitss­chutz in den CPS aus­re­ichend berück­sichtigt wird. Entschei­dend sind auch die Kri­te­rien und Werte, nach denen CPS angeschafft und ges­teuert wer­den. Wie wird hier mit Präven­tion und per­so­n­en-bezo­ge­nen Dat­en umge­gan­gen? Wenn in einem Betrieb keine Präven­tion­skul­tur vorhan­den ist, die für die Art des Umgangs mit den neuen Tech­nolo­gien und dem The­ma Präven­tion im Betrieb sen­si­bil­isiert, dann ist es schwierig, Arbeits- und Gesund­heitss­chutz in CPS zu inte­gri­eren.
Welche Anforderun­gen gibt es noch?
Cer­navin: Zweit­ens sollte sich die Sifa mit Risiko­man­age­ment auseinan­der­set­zen: Welche Chan­cen und Gefahren gehen von den neuen Arbeit­sprozessen aus und wie wer­den diese gestal­tet? Wie kann die Gefährdungs­beurteilung genutzt wer­den, um die neuen Risiken zu erken­nen und geeignete Maß­nah­men einzuleit­en? Wie kön­nen die neuen Tech­nolo­gien für die Gefährdungs­beurteilung genutzt wer­den, um Risiken bess­er und frühzeit­iger wahrzunehmen? Drit­tens bieten die neuen Tech­nolo­gien viele Ansätze in der Gesund­heits­förderung. So kön­nen zum Beispiel Adap­tive Assis­ten­zsys­teme Men­schen dabei helfen, schwere Arbeit­en zu ver­richt­en. Andere Beispiele kom­men aus dem Bere­ich der Ambiant Intel­li­gence: Es gibt Entwick­lun­gen, die darauf abzie­len, das Arbeit­sum­feld auf den Men­schen abzus­tim­men. So lassen sich unter anderem Raumtem­per­atur, Beleuch­tung, ergonomis­che Gegeben­heit­en und Arbeit­sprozesse an die physis­chen und psy­chis­chen Bedürfnisse von Beschäftigten ein­stellen.
Liegt darin nicht auch eine Gefahr?
Cer­navin: Sicher­lich. Bei diesen Prozessen wer­den Dat­en erhoben, die auf unter­schiedliche Weise genutzt wer­den kön­nen: Entwed­er zur vol­lkomme­nen Beteili­gung der Beschäfti­gen oder zur men­tal­en Überwachung in Echtzeit. Bei­de Per­spek­tiv­en sind möglich, die Ambivalenz wird steigen. Es kommt auf die Unternehmen­skul­tur und die betrieblichen Vere­in­barun­gen an. Sicher­lich benöti­gen wir auch über­be­triebliche Vere­in­barun­gen, beispiel­sweise zwis­chen den Sozial­part­nern sowie neue gesellschaftliche Regelun­gen, zum Beispiel zum Daten­schutz.
Wie nähert man sich am besten der 4.0‑Thematik?
Cer­navin: Nie­mand muss befürcht­en, dass von heute auf mor­gen alles anders wird. Die 4.0‑Prozesse sind eine tägliche, schle­ichende Entwick­lung. Wir müssen ler­nen, damit umzuge­hen und das bedeutet auch, neugierig zu bleiben und die Möglichkeit­en dieser Entwick­lung zu sehen. Vielfach beste­ht der Ein­druck, man wird von den neuen Begrif­f­en und Tech­nolo­gien über­rollt. Dabei sind es gar nicht so viele Dinge, die wirk­lich neu sind. Es ist eine Auf­gabe der gesamten Arbeitss­chutz­com­mu­ni­ty, gemein­sam Kri­te­rien zu entwick­eln, welche Prozesse wichtig sind und welche nicht. Der Umgang mit erhobe­nen Dat­en und die Inte­gra­tion von Sicher­heit und Gesund­heit in CPS gehören auf jeden Fall dazu.
Vie­len Dank für das Gespräch.
Das Inter­view führte Nina Sawod­ny.
Oleg Cer­navin ist Geschäfts­führer der BC GmbH Forschung mit Sitz in Wies­baden und stel­lvertre­tender Vor­sitzen­der der „Offen­sive Mit­tel­stand — Gut für Deutsch­land“. Cer­navin leit­et außer­dem die Fach­gruppe Mit­tel­stand 4.0 in der „Offen­sive Mit­tel­stand“.
Anzeige
Gewinnspiel

Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abon­nieren

Meistgelesen

Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 10
Ausgabe
10.2020
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 10
Ausgabe
10.2020
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de