Startseite » Fachbeiträge »

Die Macht der Musik

Mehr als nur Töne
Die Macht der Musik

Anzeige
Musik berührt uns, Musik bewegt uns. Begeis­tert sprin­gen Men­schen von ihren Sitzen, wenn in einem Konz­ert so richtig einge­heizt wird. Riesige Hallen ger­at­en ins Beben – allein mit Musik und ansteck­enden Rhyth­men. Musik tut gut, Kör­p­er und Seele nehmen musikalis­che Klänge „dankbar“ auf und lassen das Stim­mungs­barom­e­ter schnell mal ansteigen. Warum Musik lebenswichtig ist und wie sie Gesund­heit und Wohlbefind­en bee­in­flussen kann, erfahren Sie hier.

Brit­ta Surholt

Chris­t­ian Gehrkens (53) hat unbe­merkt einen Schla­gan­fall erlit­ten. „Komisch“, denkt er eines mor­gens, „wieso habe ich immer so einen met­al­lenen Geschmack im Mund? Und warum bloß habe ich das Gefühl, nicht mehr deut­lich sprechen zu kön­nen?“ Hät­ten seine Mitar­beit­er sich nicht gewun­dert über das schiefe Lachen, das ihr Chef plöt­zlich zeigte – er wäre bes­timmt nicht zum Arzt gegan­gen. Aber der Hin­weis auf den „ulkig her­ab­fal­l­en­den Mund­winkel“ erschien ihm dann doch einen Arztbe­such wert. Ein­deutig kon­nte schließlich im Kranken­haus nachgewiesen wer­den, dass ein leichter Schla­gan­fall das Sprachzen­trum getrof­fen haben musste. Nun lernt Gehrkens sin­gend wieder sprechen. Eine beson­dere Ther­a­pie macht‘s möglich. „Melodis­che Into­na­tion­s­ther­a­pie“ heißt das Prinzip, bei dem die bei­den Hirn­hälften (rechts und links) qua­si gegeneinan­der aus­get­rickst werden.
Denn: Ist das Sprachzen­trum in der dom­i­nan­ten Gehirn­hälfte durch einen Schla­gan­fall oder Unfall beschädigt, kann die Aktivierung der musikalis­chen Aspek­te in der Sprache in den noch gesun­den Hirn-Arealen die Sprach­fähigkeit deut­lich verbessern. Sin­gen und Rhyth­men wahrnehmen gehören hier mit zur Ther­a­pie. Men­schen, die lange kaum oder nur sehr schlecht sprechen kon­nten, ver­hil­ft dieses Train­ing oft zu großar­ti­gen Erfol­gen. Es ste­ht ihnen wieder ein Wortschatz zur Ver­fü­gung, Ver­ständi­gung ist wieder möglich. Auch Chris­t­ian Gehrkens hat das Sin­gen richtig gut geholfen – alle Mund­be­we­gun­gen sind wieder möglich und jedes noch so kom­plizierte Wort kann er wieder aussprechen.
Mit anderen singen
Und: Das Sin­gen hat dem Bauin­ge­nieur (ohne musikalis­che Vor­erfahrung!) so viel Spaß gemacht, dass er sich nun bei einem Chor angemeldet hat. „Auf die Idee wäre ich früher nie gekom­men“, geste­ht er lachend. „Aber jet­zt habe ich am eignen Leib erfahren, wie gut Musik tut und dass sie wirk­lich heilen kann!“ Ein­mal wöchentlich singt er seit einiger Zeit in einem gemis­cht­en Chor und spürt deut­lich: Die Proben zwin­gen zu großer Konzen­tra­tion und den­noch kön­nte man nach dem Sin­gen immer noch Bäume aus­reißen – so viel Energie ver­schafft die Musik. Ein Gefühl übri­gens, dass auch Profi-Musik­er ken­nen: Musik zu hören oder selb­st zu musizieren ver­schafft in jedem Fall Glücks­ge­füh­le. Denn dabei wird das Moti­va­tion­shormon Dopamin und das Glück­shormon Endor­phin in den Beloh­nungszen­tren des Gehirns aus­geschüt­tet. Hören Paare, Fam­i­lien oder Müt­ter gemein­sam mit ihren Kindern Musik – etwa, weil sie ein Konz­ert besuchen – wird zusät­zlich das Kuschel­hor­mon Oxy­tocin aus­geschüt­tet. So wer­den emo­tionale Bindun­gen gestärkt, zudem bleibt die Erin­nerung an das gemein­same Erleb­nis inten­siv­er im Gedächt­nis haften.
„Schon das tägliche Hören von ein bis zwei Stun­den Lieblingsmusik nach einem Schla­gan­fall fördert die Aufmerk­samkeit, das Sprechen und die Gedächt­nisleis­tung“, bestätigt auch der Neu­rologe Eckart Alten­müller, Leit­er des Insti­tuts für Musik­phys­i­olo­gie und Musik­er­medi­zin an der Hochschule für Musik, The­ater und Medi­en in Han­nover. „Bei leicht­en bis mit­telschw­eren Depres­sio­nen kann das regelmäßige Hören von Musik zudem deut­lich die Stim­mung verbessern.“
Sprache der Seele
Musik spielt seit Jahrhun­derten quer durch alle Kul­turen und Zeit­en eine wichtige Rolle. So begleit­et die Macht der Töne den Men­schen von Geburt an. Die „Sprache der Seele“ wird Musik oft auch genan­nt. Denn sie berührt unser Inner­stes, beein­druckt uns, spricht unsere emo­tionale Seite an. Ob uns Musik Trä­nen in die Augen treibt oder zum laut­en Mitsin­gen anregt, ist sich­er Geschmack­sache. Aber: Nichts spricht uns tiefer und inten­siv­er an als Musik, die Erin­nerun­gen und Gefüh­le weckt.
Sie bringt uns in Fahrt …
Dass Musik auch in Schwung bringt, uns sozusagen den Takt vorgibt, haben wir alle schon am eige­nen Leib ver­spürt: Im Auto drehen wir das Radio laut und fahren beschwingt weit­er, sobald der richtige Inter­pret gespielt wird. Zu Hause kann das Putzen in Null-Kom­ma-Nichts erledigt wer­den, wenn denn die richtige Musik die lästige Arbeit unter­malt. Und: nach einem Konz­ert gehen wir beseelt nach Hause, wenn uns die Musik bis tief ins Herz berührt hat. Warum ist das so? Welche Areale im Gehirn reagieren so inten­siv auf Töne, dass wir uns der Wirkung nicht erwehren können?
Ganz sich­er ist, wie amerikanis­che Medi­zin­er in ein­er Studie her­aus­ge­fun­den haben: Musik ist auch gut fürs Herz. Melo­di­en, die uns erfreuen, wirken sich pos­i­tiv auf die Gefäß­funk­tion aus. Die Blut­ge­fäße im Kör­p­er weit­en sich und geben so einem verbessertem Blut­fluss eine Chance. Erklin­gen hinge­gen beängsti­gende Töne, hat das den gegen­teili­gen Effekt. Deshalb: Tun Sie sich etwas Gutes, hören Sie – wann immer es möglich ist – schöne Musik!
Melo­di­en – gut für Demenzkranke
Men­schen, die an Demenz erkranken, ver­lieren nach und nach ihr Gedächt­nis. Zunächst ist vor allem das Kurzzeit-gedächt­nis von auf­fäl­li­gen Störun­gen betrof­fen. Da wird vergessen, dass es ger­ade ein Mit­tagessen gab, Dinge kön­nen nicht wiederge­fun­den wer­den und der Besuch der Nach­barin, der wirk­lich stattge­fun-den hat, wird glat­tweg als „erfun­den“ abge­tan. Ange­hörige haben es oft schw­er, mit ein­er an Demenz erkrank­ten Per­son umzugehen.
Musik kann in der Pflege von dementen Men­schen dur­chaus hil­fre­ich sein. Denn das musikalis­che Gedächt­nis ist aus­ge-sprochen stark: Der an Demenz erkrank-te Opa kann nicht mehr sagen, was er zu Abend gegessen hat? Dafür wird er sich an die Musik erin­nern kön­nen, zu der er in sein­er Jugend immer getanzt hat. Wird der Zugang zu Musik von früher ermög-licht, wird für die Gen­er­a­tion der Alten oft­mals ein wenig Lebens­geschichte wieder lebendig: Das Lieblingslied der ver­stor­be­nen Frau, das Schlaflied für den Enkel, der Hochzeit­stanz … . Die Biogra-phien sind lang und voller musikalis­ch­er Erin­nerun­gen. Wer­den sie wachgerufen, indem zum Beispiel gemein­sam gesun­gen wird, ist das für die Betrof­fe­nen ein großes Glück.
Hier einige Tipps zum Umgang mit Demenzkranken:
  • Erkundi­gen Sie sich, ob Ihre Ange-höri­gen ein Lieblingsinstrument/eine Lieblingsmusik hatten.
  • Suchen Sie Melo­di­en aus der Jugendzeit der an Demenz erkrank­ten Per­son heraus.
  • Schauen Sie sich gemein­sam Musik von früher an. Auch Filme (z.B. mit Heinz Rüh­mann oder Heinz Erhardt) rufen oft Erin­nerun­gen wach.
  • Sin­gen Sie gemein­sam Volk­slieder. Diese wer­den oft bis ins hohe Alter textsich­er beherrscht (zum Beispiel Kein schön­er Land, Der Mond ist aufge­gan­gen, Ein Jäger aus Kurpfalz, …).
  • Auch Babys lieben Musik
  • Dass Musik eingängig ist und sie sich sehr fest im Gedächt­nis ver­ankern kann, ist lange bekan­nt. Wann jedoch das musikalis­che Gedächt­nis geprägt wird, ist weniger erforscht. Klar ist: Babys reagieren bere­its im Mut­ter­leib auf Musik – mit Bewe­gung oder verän­dertem Herz­schlag. Außer­dem erken­nen Kinder von Geburt an die Stimme ihrer Mut­ter und kön­nen sog­ar Melo­di­en wieder­erken­nen, die sie zuvor im Mut­ter­leib gehört haben. Eine Spieluhr beispiel­sweise, die dem Kind schon im Bauch der Mut­ter „vorge­spielt“ wurde, kommt dem Baby nach der Geburt ver­traut und bekan­nt vor.
Während Musik in der Schmerzther­a­pie sehr erfol­gre­ich ablenk­end wirkt, ist sie für Eltern oft ein willkommenes Ein­schlafmit­tel. Ger­adezu beruhi­gend und ein­schläfer­nd wirkt es auf Kinder, wenn ihnen – qua­si als Rit­u­al – vorm Zubettge­hen noch etwas vorge­sun­gen wird. Selig schlum­mern die Kleinen ein, ein­gelullt von san­ften Tönen …
„Das Sin­gen ist die eigentliche Mut­ter­sprache aller Men­schen.“ (Yehu­di Menuhin)
Zwis­chen­töne bess­er verstehen
Kinder, die früh mit Musik in Kon­takt kom­men, kön­nen vor allem „Zwis­chen­töne“ in der Kom­mu­nika­tion bess­er erken­nen. Das haben jet­zt Forsch­er her­aus­ge­fun­den. Dabei spielt es keine Rolle, ob schon in Kinderta­gen ein Instru­ment erlernt wurde oder nur viel gemein­sam gesun­gen wurde. Durch die Musik scheinen Kinder nicht nur ihre eige­nen Emo­tio­nen bess­er erspüren zu kön­nen. Auch die See­len­lage ihrer Mit­men­schen kön­nen sie so sicher­er aus­machen. Allein am Stim­men­klang lässt sich dank musikalis­ch­er Vor­bil­dung able­sen, ob das Gegenüber gut oder schlecht drauf ist.
Immer schön im Takt: Helfen und Heilen
Die heilende Wirkung von Musik macht man sich heute bere­its in der Schmerzther­a­pie zunutze. Indem die Musik ablenkt vom Schmerz, kön­nen Medika­mente einges­part wer­den. Bei der Behand­lung von Depres­sio­nen kann Musik eben­falls hil­fre­ich sein, da sie aktivierend und stim­mungsaufhel­lend wirken kann. „Der enge Zusam­men­hang zwis­chen Rhyth­mus und Bewe­gung lässt sich zudem ther­a­peutisch nutzen“, erk­lärt Pro­fes­sor Alten­müller. „So kann sich bei einem Parkin­son-Patien­ten das Gang­bild deut­lich verbessern, wenn er dabei Musik mit klarem Rhyth­mus oder gle­ich­mäßiges Klatschen hört.“ Wird dieses Prinzip der rhyth­mis­chen Stim­u­la­tion regelmäßig ange­wandt, kann das enorm unter­stützen – auch nach einem Schla­gan­fall oder bei Mul­ti­pler Sklerose.
Anzeige
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Webinar
Meistgelesen
Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 5
Ausgabe
5.2021
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 5
Ausgabe
5.2021
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de