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Digi­tale Helfer auf dem Prüf­stand

Interview mit Professor Dr. Filip Mess, TU München
Digi­tale Helfer auf dem Prüf­stand

Professor Dr. Filip Mess Foto: © Andreas Heddergott / TU Muenchen
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Die digi­ta­len Gesund­heits­hel­fer sind in Deutsch­land auf dem Vormarsch. Wir spra­chen mit Sport- und Gesund­heits­wis­sen­schaft­ler Prof. Dr. Mess von der Tech­ni­schen Univer­si­tät München über den Nutzen und die Risi­ken von digi­ta­len Gesundheits-Tools für die betrieb­li­che Gesund­heits­för­de­rung.

Herr Profes­sor Mess, wer nutzt Weara­bles im tägli­chen Leben?

Mess: Zu den Ziel­grup­pen, die man zum Beispiel mit Fitness-Armbändern oder Smart­wat­ches erreicht, zählen eher gebil­dete, karrie­re­be­wusste und besser verdie­nende Perso­nen in Deutsch­land. Dies verdeut­li­chen erste Studien. Meist sind diese Perso­nen auch tech­no­lo­gie­af­fin. Die Ergeb­nisse einer aktu­el­len Verbrau­cher­be­fra­gung im Auftrag des Bundes­mi­nis­te­ri­ums zeigen, dass das Inter­esse für digi­tale Gesundheits-Tools zunimmt: 14 Prozent verwen­den Weara­bles, und knapp jeder fünfte Deut­sche nutzt Gesundheits-Apps.
Sind digi­tale Gesundheits-Tools fürdie Betrieb­li­che Gesund­heits­för­de­rung sinn­voll?
Mess: Auch wenn digi­tale Gesundheits-Tools auf dem Vormarsch sind, lässt derzeit die Quali­tät vieler Ange­bote noch zu wünschen übrig. Der Einsatz spezi­ell von Weara­bles kann — im Rahmen von Schritt­zäh­ler­wett­be­wer­ben in Abtei­lun­gen beispiels­weise — zur Gesund­heits­sen­si­bi­li­sie­rung und ‑moti­va­tion beitra­gen. Zu den vermeint­li­chen Vortei­len zählen die Stär­kung der Eigen­ver­ant­wor­tung, die flexi­ble, indi­vi­du­elle Nutzung, die hohe Attrak­ti­vi­tät digi­ta­ler Tools vor allem für junge Beschäf­tigte sowie die mögli­che Erreich­bar­keit auch von Außen­dienst­lern, Beschäf­tig­ten auf Reisen oder im Schicht­dienst. Der wissen­schaft­li­che Wirk­sam­keits­nach­weis vieler Maßnah­men mit Weara­bles steht jedoch noch aus. Über wissen­schaft­li­che Pilot­pro­jekte in Unter­neh­men versu­chen wir hier zumin­dest etwas Licht ins Dunkel zu brin­gen.
Wie beur­tei­len Sie das Thema Daten­schutz?
Mess: Der Daten­schutz ist im Hinblick auf die Akzep­tanz, Verbrei­tung und Nutzung im Kontext der Betrieb­li­chen Gesund­heits­för­de­rung der entschei­dende Faktor. Hier ist vieles noch nicht ausrei­chend geklärt. In vielen Unter­neh­men und Behör­den herrscht Angst vor der „Vermes­sung der Beschäf­tig­ten“. Angst davor, dass sensi­ble Gesund­heits­da­ten zu den Perso­nal­ver­ant­wort­li­chen oder Geschäfts­füh­rern gelan­gen und diese daraus Konse­quen­zen ablei­ten könn­ten. Einige Studien zeigen, dass vor allem die junge Genera­tion bereit ist, ihre Gesund­heits­da­ten preis­zu­ge­ben, so wie sie tagtäg­lich auch andere persön­li­che Daten weiter­gibt. Darin besteht natür­lich eine Gefahr.
Was raten Sie den Betei­lig­ten im Unter­neh­men?
Mess: Die Daten soll­ten auf jeden Fall nicht vom digi­ta­len Gesundheitsanbie-ter an Arbeit­ge­ber oder Kran­ken­kas­sen weiter­ge­reicht werden. In diesem Kontext können zum Beispiel Vertrau­lich­keits­er­klä­run­gen zwischen Anbie­ter und Unter­neh­men helfen, bei deren inhalt­li­cher Ausge­stal­tung der Betriebs­rat mitwirkt. Zudem soll­ten Auswer­tun­gen der erho­be­nen Daten stets in Grup­pen erfol­gen, so dass keine Rück­schlüsse auf einzelne Perso­nen zu ziehen sind. In unse­ren eige­nen Projek­ten mit Unter­neh­men haben wir so die Beden­ken seitens der Betriebs­räte stets ausräu­men können.
Kriti­ker behaup­ten, dass die Daten­schleu­dern den Nutzer schnell lang­wei­len. Wie schafft man es, den Nutzer länger bei der Stange zu halten?
Mess: Die Nutzungs­dauer und damit die Nach­hal­tig­keit digi­ta­ler Gesund­heits­hel­fer sind in der Tat ein entschei­dende Knack­punkte. Hier lassen sich Entwick­ler und Anbie­ter aber immer mehr einfal­len. Durch spie­le­ri­sche Elemente, Erfolgs­mel­dun­gen, Rang­lis­ten oder High­scores kann man Nutzer länger bei der Stange halten. Über­tra­gen auf den Unter­neh­mens­kon­text ist wich­tig, dass sich Unter­neh­men und Mitar­bei­ter mittel- und lang­fris­tige Ziele setzen. Aus der Moti­va­ti­ons­for­schung weiß man beispiels­weise, dass solche Ziele heraus­for­dern, jedoch nicht über- oder unter­for­dern soll­ten. Hier ist nicht nur Krea­ti­vi­tät seitens des Unter­neh­mens gefragt, sondern auch viel Know-how.
Oftmals wird die Mess­ge­nau­ig­keit kriti­siert. Was sind wich­tige Quali­täts­fak­to­ren von Weara­bles?
Mess: Die Mess­ge­nau­ig­keit wird meiner Ansicht nach zurecht kriti­siert — vor allem, wenn es darum geht, Aktivitäts- oder Schlaf­ver­hal­ten korrekt zu erfas­sen. Es ist bei vielen Ange­bo­ten eine höhere Profes­sio­na­li­tät und Quali­tät notwen­dig. Doch in der Weiter­ent­wick­lung von Weara­bles tut sich etwas, da immer mehr Hoch­tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men, aber auch Univer­si­tä­ten digi­tale Gesund­heits­lö­sun­gen entwi­ckeln. Zu den wich­tigs­ten Quali­täts­fak­to­ren von Weara­bles zählen beispiels­weise die GPS-Genauigkeit, die Befes­ti­gungs­qua­li­tät am Körper sowie die Stoß‑, Kratz- und Sturz­be­stän­dig­keit. Ein weite­res Krite­rium ist die Stör­si­cher­heit. Es sollte sicher­ge­stellt sein, dass Hoch­span­nungs­lei­tun­gen oder andere elek­tro­ni­sche Geräte keinen Einfluss auf die Messun­gen haben.
Was sind weitere Hemm­nisse bei der Nutzung digi­ta­ler Tools?
Mess: Wider­stände erge­ben sich ange­sichts der gerin­gen Quali­tät vieler digi­ta­ler Tools und der vermeint­li­chen Über­for­de­rung der Beschäf­tig­ten mit Tech­nik. Zudem ist der Einwand, ob wir wirk­lich stän­dig online sein müssen, abso­lut berech­tigt. Gerade den Wert des Offline-Gehens soll­ten wir mit Blick auf unsere psycho­so­ziale Gesund­heit nicht verges­sen. Nichtsdesto-trotz bieten Weara­bles, Gesundheits-Apps und Gesund­heit­s­por­tale bei entspre­chen­der Nutzung zahl­rei­che Chan­cen für die Betrieb­li­che Gesund­heits­för­de­rung und haben durch­aus ihre Berech­ti­gung im Maßnahmen-Mix. Die Bedeu­tung der digi­ta­len Gesund­heits­hel­fer wird weiter zuneh­men.
Vielen Dank für das Gespräch.
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