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Experten liefern neue Impulse für die Praxis

Tag der Ergonomie 2015
Experten liefern neue Impulse für die Praxis

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Wie wirken sich geset­zliche Verord­nun­gen auf die Inte­gra­tion von ergonomis­chen Erken­nt­nis­sen in die Arbeitswelt aus? Wie kann ein Unternehmen mit älter­er Belegschaft langfristig wet­tbe­werb­s­fähig bleiben? Und wie überzeugt man Führungskräfte und Beschäftigte davon, auch ein sen­si­bles The­ma wie psy­chis­che Belas­tun­gen in der Arbeitswelt aufzu­greifen? Fra­gen wie diese standen beim Tag der Ergonomie 2015 in Duis­burg im Mit­telpunkt. Bei der von den Fachzeitschriften Sicher­heitsin­ge­nieur und Sicher­heits­beauf­tragter in Koop­er­a­tion mit Fraun­hofer IAO, TU Dres­den und VDSI durchge­führten Ver­anstal­tung liefer­ten Experten die passenden Antworten.

Ergonomie, Arbeits­gestal­tung und Gesund­heit – das sind The­men, die sehr eng zusam­men­hän­gen und in Unternehmen immer wichtiger wer­den. Wie groß ihr Stel­len­wert ist, zeigte auch der „Tag der Ergonomie“ in Duis­burg: Rund 140 Teil­nehmer fol­gten den fundierten Vorträ­gen von Experten aus Wis­senschaft und Wirtschaft. Mit der nov­el­lierten Betrieb­ssicher­heitsverord­nung und durch die geplante Inte­gra­tion der Bild­schir­mar-beitsverord­nung in die Arbeitsstät­ten­verord­nung sind Aspek­te der Ergonomie inzwis­chen auch in geset­zlichen Verord­nun­gen ver­ankert. Konkrete Pflicht­en und Maß­nah­men, die langfristig die Gesund­heit von Beschäftigten erhal­ten, gehen daraus aber noch nicht hervor.

Ein Paten­trezept zur opti­malen Inte­gra-tion ergonomis­ch­er Konzepte in den Arbeit­sall­t­ag erhiel­ten Sicher­heitsin­geni-eure, Ergonomiebeauf­tragte und Gesund­heits­man­ag­er daher nicht. In der Prax­is ließe es sich ohne­hin kaum umset­zen. „Die Unternehmen müssen für sich indi­vidu­elle Lösun­gen find­en. Was in einem Betrieb opti­mal funk­tion­iert, kann in einem anderen ein völ­lig falsch­er Ansatz sein“, sagte Prof. Dr.-Ing. Mar­tin Schmaud­er, Inhab­er der Pro­fes­sur für Arbeitswis­senschaft an der TU Dresden.
Geschul­ten Blick entwickeln
Wertvolle Ein­blicke und hil­fre­iche Tipps aus der Prax­is liefer­ten die Ref­er­enten aber den­noch. So wie Dipl.-Ing. Klaus Dieter Wendt. Er leit­et den Bere­ich Ergonomie bei der Con­ti­nen­tal AG. Der Konz­ern aus der Auto­mo­bilzulief­ererbranche muss sich, wie viele Unternehmen heutzu­tage, Her­aus­forderun­gen wie dem demografis­chen Wan­del, der Fachkräfte-sicherung und Lean Pro­duc­tion stellen. Eine ergonomis­che und alter(n)sstabile Arbeits­gestal­tung ist daher ein wichtiger Baustein, um auch langfristig im inter­na­tionalen Wet­tbe­werb konkur­ren­zfähig bleiben zu kön­nen. Dabei rückt die Frage in den Fokus, ob eine wirtschaftliche Pro­duk­tion in Zukun­ft auch mit ein­er älteren Belegschaft möglich ist. Mit Schw­er­punk­ten wie diesen beschäftigt sich Wendt inzwis­chen seit zehn Jahren. „Es ist ein wichtiger Fak­tor, eine alters­gerechte Arbeit­splatzgestal­tung schon im Vor­feld mitzu­denken und auch entsprechend zu pla­nen. Das mussten wir zu Beginn noch ler­nen. Es ist ein müh­samer Weg, bis man einen geschul­ten Blick für ergonomis­che Prob­leme entwick­elt hat“, sagte der Fachmann.
Inzwis­chen hat die Con­ti­nen­tal AG ein Sys­tem zur Doku­men­ta­tion von Belas­tun­gen am Arbeit­splatz etabliert. Seit 2013 lassen sich damit alle Tätigkeit­en an einem typ­is­chen Acht-Stun­den-Tag detail­liert erfassen. Und das für jeden der ins­ge­samt 3.300 Arbeit­splätze, an denen fast 20.000 Mitar­beit­er im Ein­satz sind. Bere­its beste­hende Arbeit­splätze lassen sich dadurch hin­sichtlich ergonomis­ch­er Aspek­te opti­mieren. Neu geplante und erstellte Arbeit­splätze indes sollen gle­ich so gestal­tet wer­den, dass keine unzuläs­si-gen Belas­tun­gen mehr auftreten. Der Konz­ern will dadurch unter anderem die Zahl der arbeits­be­d­ingten Muskel-Ske-lett-Erkrankun­gen bis 2018 deut­lich ver­ringern. „Es ist schon jet­zt erkennbar, dass die physis­che Belas­tung gesunken ist“, stellte Wendt fest.
Das hängt aber nicht allein mit der Erhe­bung sta­tis­tis­ch­er Werte zusam­men, wie der Experte wusste: „Es ist notwendig, ein langfristiges Ver­ständ­nis zu entwick­eln. Dazu müssen wir weit­er­hin Aufk­lärungsar­beit leisten.“
Unter­forderung als Risiko für die Gesundheit
Ergonomie dient der Begren­zung und Reduzierung physis­ch­er Belas­tun­gen, um arbeits­be­d­ingte Erkrankun­gen des Bewe­gungsap­pa­rates zu ver­mei­den. Langfristig soll das zur Gesun­der­hal­tung von Beschäftigten beitra­gen – und dauer­haft ihre Leis­tungs­fähigkeit erhal­ten. Physis­che Unter­forderung hinge­gen kann ein Risiko für die Gesund­heit der Mitar­beit­er darstellen, ins­beson­dere im Muskel-Skelett-Bere­ich. Wer kör­per­lich zu wenig belastet wird, kann unter Verspan­nun­gen, verkürzter Musku­latur oder Rück­en­schmer-zen leiden.
Laut ein­er Studie der Tech­niker Krankenkasse zum Bewe­gungsver­hal­ten der Men­schen in Deutsch­land von 2013 treiben nur 46 Prozent der Bevölkerung Sport. Zum Ver­gle­ich: 2007 waren es noch 56 Prozent. „Wir sind auf dem Weg in die Bewe­gungslosigkeit“, warnte daher Dr. Man­fred Dan­gel­maier, Insti­tuts­di­rek­tor Engi­neer­ing-Sys­teme & Human Fac­tors Engi­neer­ing am Fraun­hofer IAO. „Daher ist ein Par­a­dig­men­wech­sel notwendig, hin zur Rück­gewin­nung physis­ch­er Bean-spruchung am Arbeit­splatz. Dabei müssen wir Möglichkeit­en find­en, die nicht schädi­gen und gle­ichzeit­ig fit hal­ten.“ Seine Erfahrun­gen zeigten: Für ein sepa-rates Train­ingsange­bot fehlt unter den Beschäftigten die Akzep­tanz. Daher zeigte Dan­gel­maier auf, wie sich Übun­gen stattdessen unkom­pliziert in den Arbeit­sall­t­ag inte­gri­eren lassen und welche Poten­ziale und Gren­zen für eine gesund­heits­fördernde Arbeits­gestal­tung beste-hen. Welche ein­fachen Möglichkeit­en es gibt, demon­stri­erte der Experte mit Beispie­len aus der Prax­is – vom Bus­fahrer bis zum Beschäftigten, der bei der Büroar­beit und auf Dien­streisen aktive Pausen in den All­t­ag inte­gri­ert. Aus­führun­gen wie jene von Dr. Man­fred Dan­gel­maier kamen bei den Teil­nehmerin­nen und Teil­nehmern gut an. „Auf Grund­lage ergonomis­ch­er Erken­nt­nisse ent­fall­en seit Jahren muskuläre Belas­tun­gen, den­noch entste­hen durch Muskel-Skelett-Erkrankun­gen höhere Aus­fal­lzeit­en. Man muss den Kör­p­er beanspruchen, damit er nicht verkümmert.
„Es ist inter­es­sant, dass dieses The­ma bei den Experten nun eben­falls auf der Tage­sor­d­nung ste­ht“, sagte beispiel­sweise Erich Butzengeiger, Ver­bandsin­ge­nieur beim Süd­west­met­all e.V. Beim weit­er­hin aktuellen The­ma „Gefährdungs­beurteilung psy­chis­che Belas­tung“ ste­ht dies jedoch bish­er weniger im Mit­telpunkt. „Daher müssen wir auf­passen, dass auch in diesem Bere­ich keine Unter­forderung der Mitar­beit­er entste­ht. Eine gute Bal­ance ist hier wichtig“, meinte Butzengeiger.
Ver­schiedene Per­spek­tiv­en, neue Blick­winkel – und eine grundle­gende Erken­nt­nis, die die Ref­er­enten in ihren Vorträ­gen trans­portierten: Um ergonomis­che Konzepte erfol­gre­ich umset­zen zu kön­nen, müssen sie von allen Beschäftigten getra­gen wer­den. Dass dies auch für andere Bere­iche gilt, wurde beim Vor­trag von Wil­fried Sil­ber­borth von der Air­bus Oper­a­tions GmbH deut­lich. Bei seinem Arbeit­ge­ber mussten zunächst Vor­be­halte von Mitar­beit­ern und Führungskräften abge­baut und eine Ver­trauens­ba­sis geschaf­fen wer­den, um auch ein sen­si­bles The­ma wie psy­chis­che Belas­tun­gen in die Gefährdungs­beurteilung inte­gri­eren zu kön­nen. „Wir haben den Prozess für alle trans­par­ent und nachvol­lziehbar gestal­tet. Dabei haben wir klar her­aus­gestellt, dass es eben nicht um die Iden­ti­fizierung von Kranken geht, son­dern um die Fest­stel­lung krankmachen­der Arbeits­be­din­gun­gen“, berichtete Sil­ber­borth. Mit Erfolg. Inzwis­chen wird dieser Schritt als nüt­zlich­es Mit­tel emp­fun­den, um die Bedin­gun­gen am Arbeit­splatz zu verbessern.
Viele pos­i­tive Eindrücke
Wer die Fach- und Praxiskon­ferenz im Ruhrge­bi­et besuchte, erhielt viele neue Impulse. „Die Ergonomie ist ein viel­seit­iges The­ma, für das es viele ver­schiedene Herange­hensweisen gibt“, sagte Uwe Geß­mann, Betrieb­sarzt bei der Siemens AG. „Es war hochin­ter­es­sant. Ich habe viele Anre­gun­gen erhal­ten und erfahren, an welchen Stellschrauben man zur Opti­mierung der Arbeit­splatzgestal­tung drehen kann.“ Mit dieser Mei­n­ung war er nicht allein. Die Qual­ität der Vorträge und deren the­ma­tis­che Auswahl lobten auch die übri­gen Teil­nehmer. Und auch Ref­er­enten wie Klaus Dieter Wendt nah­men pos­i­tive Ein­drücke aus Duis­burg mit: „Ich besuche Ver­anstal­tun­gen wie diese gerne. Es ist immer span­nend, welche Sichtweise andere Unternehmen und Experten auf das The­ma Ergonomie haben.“
Die Präsen­ta­tio­nen der Ref­er­enten find­en Sie unter: www.sicherheitsbeauftragter.de/aktuelles/meldungen/?aid=50922
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