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Fitness gegen Stol­pern

Projektstudie der HFUK Nord
Fitness gegen Stol­pern

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Im Geschäfts­ge­biet der Hansea­ti­schen Feuerwehr-Unfallkasse Nord (HFUK Nord) ist in den vergan­ge­nen Jahren nahezu jeder zweite Unfall auf Stol­pern, Rutschen oder Stür­zen (SRS) zurück­zu­füh­ren. Während andere Unfälle zurück­ge­hen, bleibt die Zahl der SRS-Unfälle seit Jahren unver­än­dert. Die HFUK Nord unter­suchte in einer Studie, inwie­weit sich durch ein Trai­nings­pro­gramm diese Unfälle vorbeu­gen lassen.

Hansea­ti­sche Feuerwehr-Unfallkasse Nord

Die Ursa­chen für SRS-Unfälle sind viel­fäl­tig und beru­hen stets auf dem komple­xen Zusam­men­wir­ken von perso­nen­ex­ter­nen (bspw. Umge­bung, Witte­rung) und ‑inter­nen Fakto­ren (bspw. Erfah­rung, körper­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit). Oft werden SRS-Unfälle baga­tel­li­siert, aller­dings können viele verschie­dene, zum Teil auch schwere Verlet­zun­gen die Folge sein. Sie reichen von leich­ten Prel­lun­gen über Verren­kun­gen bis hin zu Bänder­ris­sen oder Knochen­brü­chen insbe­son­dere in den gelenk­na­hen Regio­nen der oberen und unte­ren Extre­mi­tä­ten. Zudem kommt es häufig zu psychi­schen Folgen. Die oder der betrof­fene Feuerwehrange-hörige kann je nach Verlet­zung einen Schock erlei­den und in der Folge Angst vor ähnli­chen Unfäl­len und Verlet­zun­gen haben. Dies äußert sich dann in einer Einschrän­kung der körper­li­chen Mobi­li­tät und folg­lich in einer Verän­de­rung des gesam­ten Gang­ver­hal­tens.
Fitness trägt entschei­dend zur Unfall­ver­hü­tung bei
Verhält­nis­prä­ven­tive Maßnah­men tragen zur Entschär­fung der Unfall­ge­fahr durch SRS bei, sie wirken jedoch vermehrt auf der tech­ni­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen Ebene und setzen nicht unmit­tel­bar an den betrof­fe­nen Perso­nen (perso­nen­be­zo­gen) im Feuer­wehr­dienst an. Dabei spielt vor allem die persön­li­che Fitness bei der Verhü­tung von SRS-Unfällen eine entschei­dende Rolle. Denn bei mangeln­der körper­li­cher Leis­tungs­fä­hig­keit besteht eine erhöhte Unfall­ge­fahr, die Wahr­schein­lich­keit für einen SRS-Unfall steigt. Ein abwechs­lungs­rei­ches und geziel­tes Trai­ning zur Förde­rung der Kraft- und Koor­di­na­ti­ons­fä­hig­keit kann also bewir­ken, dass die SRS-Unfallhäufigkeit verrin­gert wird. Vor diesem Hinter­grund hat die HFUK Nord in Zusam­men­ar­beit mit dem Insti­tut für Sport­wis­sen­schaft der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Früh­jahr 2015 eine Projekt­stu­die entwi­ckelt, die sich mit der Frage beschäf­tigt, ob und inwie­fern gezielte Maßnah­men in Form eines „Anti-SRS-Trainings“ bei Feuer­wehr­ein­satz­kräf­ten die Körper­sta­bi­li­tät und das Gleich­ge­wicht verbes­sern, die Bewe­gungs­steue­rung opti­mie­ren und die Gefah­ren­wahr­neh­mung beein­flus­sen können.
Im Zeit­raum Septem­ber bis Okto­ber 2015 wurden moto­ri­sche Fähig­kei­ten und Fertig­kei­ten sowie das persön­li­che SRS-Unfallrisiko (Gefah­ren­ein­schät­zung) mehre­rer Grup­pen (einmal Trai­ning pro Woche [V1]/ zwei­mal Trai­ning pro Woche [V2]/ kein Trai­ning [V3]) vor einem funk­tio­nel­len Trai­ning mit denen nach einem funk­tio­nel­len Trai­ning vergli­chen. Hier­für wurden verschie­dene diagnos­ti­sche Instru­mente für objek­tive, moto­ri­sche Tests genutzt sowie ein Frage­bo­gen zur subjek­ti­ven Selbsteinschätzung/Gefahrenwahrnehmung im Rahmen der Studie verwen­det.
Kraft und Senso­mo­to­rik verbes­sert
Bei den objek­ti­ven Mess­wer­ten kam es in unter­schied­li­chen Berei­chen der moto­ri­schen Fähig­kei­ten zu Verbes­se­run­gen bezie­hungs­weise Verbes­se­rungs­ten­den­zen:
Die Maxi­mal­kraft im Ober­kör­per­be­reich konnte in beiden Trai­nings­grup­pen [V1, V2] nach dem Trai­ning signi­fi­kant verbes­sert werden. Das Trai­ning trägt inso­fern zur Ober­kör­per­sta­bi­li­sa­tion bei SRS-Gefahr bei (s. Grafik Seite 24).
Ebenso posi­tive Tenden­zen konnte das funk­tio­nelle Trai­ning hinsicht­lich der gesam­ten Körper­sta­bi­li­tät (bedingt durch die Halte­mus­ku­la­tur im Wirbelsäulen- und Gelenk­be­reich) sowie der Reak­ti­ons­fä­hig­keit bewir­ken. Bewe­gun­gen laufen dementspre­chend ökono­mi­scher ab und das Zusam­men­spiel zwischen Musku­la­tur und zentra­lem Nerven­sys­tem (Senso­mo­to­rik) wurde leicht verbes­sert. Diese Ergeb­nisse waren zwar nicht signi­fi­kant, stim­men jedoch größ­ten­teils mit den subjek­tiv gemes­se­nen Werten (über Frage­bö­gen ermit­telt) über­ein.
Fit heißt nicht unver­wund­bar
Die Mehr­zahl der Proban­den schätzt ihre körper­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit nach dem funk­tio­nel­len Trai­ning als über­wie­gend gut ein (vorher: 31 %, nach­her: 52 %). Zudem hat das funk­tio­nelle Trai­ning den Groß­teil der Proban­den dazu moti­viert, sowohl im Feuer­wehr­dienst als auch in der rest­li­chen Frei­zeit weiter­hin Sport zu trei­ben (V1: 88 %, V2: 90 %).
Kritisch muss in diesem Zusam­men­hang die Frage nach der subjek­ti­ven Einschät­zung des persön­li­chen SRS-Unfallrisikos (Gefah­ren­wahr­neh­mung) gese­hen werden. Durch das Trai­ning wurde vor allem in der Trai­nings­gruppe V1 das persön­li­che Unfall­ri­siko gerin­ger als vor dem Trai­ning einge­schätzt. Ähnli­che Tenden­zen wiesen spezi­elle Grup­pen (geord­net nach Alters­klas­sen sowie nach Bereits-SRS-Verunfallten) auf. Vor allem bei den 18- bis 30-Jährigen sinkt die Risi­ko­be­wer­tung der persön­li­chen SRS-Unfallgefahr nach den Trai­nings­ein­hei­ten, bei 31- bis 50-Jährigen bleibt die Risi­ko­be­wer­tung nahezu unver­än­dert. Dies liegt mögli­cher­weise an der größe­ren Erfah­rung und den damit zusam­men­hän­gen­den Kennt­nis­sen.
Ebenso schät­zen bis dato Nicht-SRS-Verunfallte nach der Trai­nings­pe­ri­ode das Risiko, an SRS zu verun­fal­len, gerin­ger ein als bereits SRS-Verunfallte. Diese Bewer­tung des SRS-Unfallrisikos zeigt eine deut­li­che Gefah­ren­un­ter­schät­zung bei eini­gen Proban­den, was in der Praxis bei Übun­gen oder im Einsatz unge­ahnte und schwer­wie­gende Folgen haben kann.
Zusam­men­fas­send zeigt die Studie viele posi­tive Ergeb­nis­ten­den­zen auf. Um die Effek­ti­vi­tät des funk­tio­nel­len Trai­nings voll­stän­dig nach­zu­wei­sen, ist es in jedem Fall empfeh­lens­wert, mögli­che Folge­stu­dien mit einem länge­ren Trai­nings­zeit­raum (mind. 10 bis 12 Wochen) sowie einer größe­ren Probanden­gruppe durch­zu­füh­ren.
Das funk­tio­nelle Trai­ning ist in jedem Fall als gezielte Maßnahme zur Redu­zie­rung von SRS-Unfällen geeig­net. Es sollte mit einem Schwer­punkt auf die Körper­mitte und dementspre­chen­den varia­blen Trai­nings­in­hal­ten zur dyna­mi­schen Körper­sta­bi­li­sa­tion und Kräf­ti­gung (Maximalkraft‑, Schnellkraft- und Koor­di­na­ti­ons­übun­gen) in das Dienst­sport­trai­ning der Frei­wil­li­gen Feuer­weh­ren inte­griert werden. Um einen Effekt bei den Trai­nie­ren­den zu erzie­len, wird empfoh­len, mindes­tens ein einma­li­ges Trai­ning pro Woche (60 bis 80 Min.) unter fach­li­cher Anlei­tung durch­zu­füh­ren. Der Trai­ner sollte gute Fach­kennt­nisse besit­zen, denn das Trai­ning (größ­ten­teils ohne Geräte) stellt einen hohen koor­di­na­ti­ven Anspruch an die Musku­la­tur dar, weshalb die tech­nisch einwand­freie Durch­füh­rung beson­ders wich­tig ist.
Fazit: Die körper­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit jeder und jedes Feuer­wehr­an­ge­hö­ri­gen kann die indi­vi­du­elle Unfall­ge­fahr entschei­dend beein­flus­sen und folg­lich zur Redu­zie­rung von SRS beitra­gen. Äußere Fakto­ren lassen sich hier­durch jedoch nicht verän­dern. Die subjek­tive Gefah­ren­wahr­neh­mung muss stets „scharf geschal­tet“ blei­ben, so dass Feuer­wehr­ein­satz­kräfte externe Unfall­quel­len nicht unter­schät­zen
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