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Digitale Gesundheits-Tools

Gefragt, aber umstrit­ten

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Mit Fitness­tra­ckern erhält die betrieb­li­che Gesund­heits­för­de­rung Einzug in den Alltag der Beschäf­tig­ten. Während die Befür­wor­ter den gesund­heits­för­der­li­chen Aspekt und die gute Erreich­bar­keit tech­ni­kaf­fi­ner Menschen beto­nen, warnen Kriti­ker vor Daten­miss­brauch und der Abkehr des Prin­zips einer soli­da­ri­schen Versi­che­rung. Hinzu kommt eine weitere Gefahr, gerade für junge Menschen: Perma­nen­tes Online‐Sein kann der Gesund­heit scha­den.

Annette Neumann

„Wir laufen virtu­ell von München nach Wien“ — so lautete das spie­le­ri­sche Ziel für die Mitar­bei­ter­teams der Sparda‐Bank in München. An dem Schritt­wett­be­werb hatte im Früh­jahr rund ein Drit­tel der Beleg­schaft — das waren 230 Mitar­bei­ter — frei­wil­lig teil­ge­nom­men. „Wir woll­ten unsere Mitar­bei­ter zu mehr Bewe­gung und gleich­zei­tig in Rich­tung Digi­ta­li­sie­rung ansto­ßen“, sagt Chris­tine Büeck, Refe­ren­tin für betrieb­li­ches Gesund­heits­ma­nage­ment. Ein Weara­ble als digi­ta­ler Schritt­zäh­ler passte gut zum zuvor defi­nier­ten Hand­lungs­feld, das den Namen „Die Sparda‐Bank bewegt sich“ trug. Die teil­neh­men­den Teams — hier hatten sich im Vorfeld junge und ältere Mitar­bei­ter, mitun­ter sport­li­che und weni­ger sport­li­che, zusam­men­ge­fun­den — erfass­ten ihre Schritte mit dem digi­ta­len Tool in einem vier­wö­chi­gen Akti­ons­zeit­raum. Büeck: „Der Wett­be­werb hat viele von ihnen dazu ange­spornt, nicht nur während der Arbeits­zeit, sondern auch vor oder nach der Arbeit zu laufen.“ Über eine Land­karte im Intra­net konn­ten sie verfol­gen, wie viele Schritte das jewei­lige Team täglich zurück­ge­legt hat und was noch vor ihnen lag: „Die Mitar­bei­ter haben sich gegen­sei­tig ange­sta­chelt. Kurze, im Intra­net veröf­fent­li­che Geschich­ten über die einzel­nen Teams trugen zusätz­lich zur Moti­va­tion bei.“
Kran­ken­kas­sen machen mit
Fitness­tra­cker im Rahmen von Schritt­wett­be­wer­ben werden in immer mehr Unter­neh­men zur Gesund­heits­för­de­rung einge­setzt. Vor allem junge Ziel­grup­pen können mithilfe der digi­ta­len Tools für gesund­heits­be­wuss­tes Verhal­ten sensi­bi­li­siert werden. Auch die Kran­ken­kas­sen haben diesen Trend erkannt. Gab es diese Ange­bote zunächst nur von priva­ten Versi­che­rern, allen voran Gene­rali, prüfen einige Kran­ken­kas­sen aktu­ell, ob sie digi­tale Ange­bote einfüh­ren sollen.
Die Idee ist: Die Versi­cher­ten sollen bei der Anschaf­fung von beispiels‐weise Smart­wat­ches und Fitness‐Apps Zuschüsse erhal­ten, und der Kauf soll mit Rabat­ten oder sogar Prämien belohnt werden. Während die Befür­wor­ter die sinn­volle Ergän­zung des digi­ta­len Zusatz­an­ge­bots und die Möglich­keit der Gesund­erhal­tung brei­ter Bevöl­ke­rungs­schich­ten beto­nen, warnen Kriti­ker vor der Gefähr­dung des Soli­dar­prin­zips bei gesetz­lich Versi­cher­ten. Ein weite­res wich­ti­ges Hemm­nis ist der Daten­schutz.
Die AXA‐Krankenversicherung bietet derzeit keine Lösun­gen an, in deren Zuge digi­tal erfasste Daten des Kunden, zum Beispiel über Fitness­tra­cker, an das Unter­neh­men flie­ßen und Bonus­zah­lun­gen bewir­ken: „Es wäre wenig demo­kra­tisch, wenn man die jungen, fitten Versi­cher­ten durch ein Bonus­pro­gramm bevor­zu­gen würde“, sagt André Büge von der Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­tion. Auch die IKK Südwest bezu­schusst keine Fitness­tra­cker: „Als Kran­ken­kasse, die Sozi­al­da­ten spei­chert, unter­lie­gen wir einer hohen Daten­schutz­ver­pflich­tung. Wir sind skep­tisch, ob die Daten unse­rer Versi­cher­ten bei Anbie­tern digi­ta­ler Lösun­gen wirk­lich sicher sind.“
„Die Daten werden viel­fach auf US‐amerikanischen Servern gehos­tet; deut­sche Anbie­ter sind noch verschwin­dend gering“, sagt Martin Reini­cke, Pres­se­spre­cher der IKK Südwest. Aus seiner Sicht sollte man gut abwä­gen, ob man seine persön­li­che Frei­heit zuguns­ten der Entschei­dung, ein paar Euro zu sparen, wirk­lich einschrän­ken möchte: „Im Kontext der betrieb­li­chen Gesundheitsvorsor‐ge haben Weara­bles durch­aus ihre Daseins­be­rech­ti­gung, aber aus Initia­tive der Mitar­bei­ter heraus und nicht getra­gen von den Kran­ken­kas­sen und damit zu Lasten des Soli­dar­sys­tems.“
Sind die Daten sicher?
Kai Vogel von der Verbrau­cher­zen­trale Bundes­ver­band e.V. kann zwar durch­aus den wett­be­werbs­för­dern­den Vorteil der Kran­ken­kas­sen durch digi­tale Ange­bote nach­voll­zie­hen, warnt aber davor, dass perso­na­li­sierte Fitness­da­ten von manchen Kran­ken­kas­sen nur deshalb erho­ben werden, um auf dieser Basis bestimmte Leis­tungs­an­ge­bote zu entwi­ckeln. Bei den Anbie­tern sei Vorsichtzu genie­ßen: „Fehlen Daten­schutz­er­klä­run­gen oder Infor­ma­tio­nen zum Anbie­ter in einem Impres­sum, würde ich davon abra­ten. Sicher­lich möchte niemand seine Gesund­heits­da­ten ohne es zu wissen in frem­den Händen wissen, da sie Aussa­gen zum eige­nen Gesund­heits­zu­stand zulas­sen.“
Vogel ist der Ansicht, dass derzeit noch Marke­tingas­pekte bei den Ange­bo­ten der Kran­ken­kas­sen über­wie­gen, die auch mit Blick auf ihre Sinn­haf­tig­keit kritisch zu bewer­ten sind. Beispiele wären reine finan­zi­elle Zuschüsse für Weara­bles oder Fitness­tra­cker. Im Verhält­nis zu den anfal­len­den Kosten sei der Zuschuss gering und auch der Nutzen sei bislang durch Studien nicht ausrei­chend belegt: Der Wett­be­werb um eine verbes­serte sowie quali­täts­ge­si­cherte Versor­gung müsse im Mittel­punkt stehen und nicht die Beloh­nung von jungen und gesun­den Versi­cher­ten.
Gute Reso­nanz bei tech­ni­kaf­fi­nen Perso­nen
Die AOK Nord­ost ist nicht der Meinung, dass digi­tale Gesund­heits­an­ge­bote den Druck auf Versi­cherte erhö­hen, künf­tig Gesund­heits­da­ten preis­ge­ben zu müssen: „Gesetz­li­che Kran­ken­kas­sen dürfen seit langem soge­nannte Prämi­en­pro­gramme anbie­ten, die Versi­cherte mit einem finan­zi­el­len Anreiz zu einem gesund­heits­be­wuss­ten Lebens­stil moti­vie­ren sollen“, sagt AOK‐Pressesprecherin Gabriele Rähse. So sei die Teil­nahme an Gesund­heits­an­ge­bo­ten wie zum Beispiel dem AOK‐Gesundheitskonto eine frei­wil­lige Entschei­dung. Bei diesem Ange­bot können sich Versi­cherte einmal in zwei Jahren maxi­mal 50 Euro beim Kauf eines Weara­bles erstat­ten lassen. Der Zuschuss gilt für sämt­li­che Geräte, die unter ande­rem Herz­fre­quenz, Stre­cken­länge oder Kalo­ri­en­ver­brauch doku­men­tie­ren. Spre­che­rin Rähse ist von dem Nutzen der digi­ta­len Gesund­heits­hel­fer über­zeugt: „Vor dem Hinter­grund zuneh­men­der Akzep­tanz wollen wir sinn­volle Ange­bote aktiv mitge­stal­ten. Insbe­son­dere für die tech­ni­kaf­fi­nen Versi­cher­ten, die man mit ande­ren Gesund­heits­an­ge­bo­ten viel­leicht nicht so gut erreicht, wollen wir einen Anreiz schaf­fen.“ Die AOK Nord­ost garan­tiert, dass sie keinen Zugriff auf die Fitness­da­ten ihrer Versi­cher­ten hat.
Im Team moti­viert
Die digi­ta­len Ange­bote eignen sich insbe­son­dere für dieje­ni­gen, die aufgrund unre­gel­mä­ßi­ger Arbeits­zei­ten weni­ger Möglich­kei­ten haben, an Offline‐ ange­bo­ten teil­zu­neh­men. Davon ist Prof. Dr. Filip Mess, Sport‐ und Gesund­heits­wis­sen­schaft­ler an der TU München, über­zeugt. Auch können dieje­ni­gen erreicht werden, die betrieb­li­chen Gesund­heits­an­ge­bo­ten weni­ger zuge­neigt sind. Diese Erfah­rung hat auch die Genos­sen­schafts­bank gemacht. „Die Teil­neh­mer bilde­ten einen Quer­schnitt der Beleg­schaft. Es gab einen regen Austausch über den Wett­be­werb und einen posi­ti­ven Team­druck, ohne dabei den Einzel­nen bei einer vergleichs­weise schlech­te­ren Schritt­zahl an den Pran­ger zu stel­len. Der Spaß stand im Vorder­grund, und das Mehr an Bewe­gung war der gewünschte Effekt für unser BGM“, sagt die Refe­ren­tin für Betrieb­li­ches Gesundheits‐ manage­ment (BGM) Büeck und freut sich über die gute Reso­nanz: „Nach der feier­li­chen Preis­ver­lei­hung in Wien stand für die Beschäf­tig­ten fest, dass diesem Wett‐ bewerb weitere folgen sollen.“ Gewünscht ist, dass die Beschäf­tig­ten ihre Weara­bles dauer­haft nutzen. Daher durfte jeder Teil­neh­mer den digi­ta­len Gesund­heits­hel­fer gegen eine frei­wil­lige Spende für soziale Zwecke behal­ten.
Lesen Sie auf den folgen­den Seiten ein Inter­view mit Prof. Dr. Mess über Nutzen und Risi­ken digi­ta­ler Gesundheits‐Tools für die betrieb­li­che Gesund­heits­för­de­rung.
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