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Schim­mel­pilz­ge­fahr bei der Gebäu­de­sa­nie­rung

Gesundheitliche Risiken nicht unterschätzen
Schim­mel­pilz­ge­fahr bei der Gebäu­de­sa­nie­rung

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Während viele Medi­zi­ner und sogar die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO) vor den Risi­ken einer Schimmelpilz-Exposition eindring­lich warnen, steht das Thema Schim­mel­pilz­be­kämp­fung im Arbeits­schutz nicht gerade an obers­ter Stelle der Prio­ri­tä­ten­liste. Warum das so ist und wie die Pilz­ge­fahr am Arbeits­platz im Rahmen der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung einge­schätzt werden kann, erläu­tert dieser Arti­kel. Der größ­ten Gefahr ausge­setzt sind die Bauar­bei­ter bei der Gebäu­de­sa­nie­rung.

Jeder kennt es aus der eige­nen Wohnung: Hat der Herbst mit seiner kühlen und feuch­ten Witte­rung begon­nen, so steigt die Gefahr, dass sich Schim­mel­pilz an den Stel­len ausbrei­tet, an denen die beheizte Raum­luft auf kühle Stel­len trifft und dabei konden­siert. Solche Berei­che können dann Para­diese für Schim­mel­spo­ren werden. Beson­ders gefähr­det sind Häuser, die mangel­haft gedämmt sind und nur wenig gelüf­tet werden. Das trifft leider auch immer noch auf viele Arbeits­stät­ten zu, insbe­son­dere natür­lich solche, die vor den neun­zi­ger Jahren gebaut worden sind und wo aufgrund der Arbeit und der Rück­sicht­nahme auf Kolle­gen nicht dauernd die Fens­ter zum Lüften aufge­macht werden können. Insbe­son­dere Türrah­men, Türen und die Wände in der Nähe von Fens­tern und schlecht belüf­te­ten Toilet­ten und Wasch­räu­men bieten dem Schim­mel beste Wuchs­be­din­gun­gen. Für die Beschäf­tig­ten können die gifti­gen Ausdüns­tun­gen durch Myko­to­xine auf Dauer zu aller­gi­schen Reak­tio­nen und in Folge davon zu Atem­wegs­be­schwer­den und Asth­ma­an­fäl­len führen, meint unter ande­rem die Baubio­lo­gin Ulrike Rolle-Kampczyk vom Helmholtz-Institut für Umwelt­for­schung in Leip­zig. „Wir haben fest­ge­stellt, dass eine perma­nente Belas­tung mit klei­nen Konzen­tra­tio­nen dauer­haft zu soge­nann­ten model­lie­ren­den Stoff­wech­sel­ver­än­de­run­gen führen kann. Das können bioche­mi­sche Verän­de­run­gen, aber auch immu­no­lo­gi­sche Verän­de­run­gen sein.“ Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO) berech­net eine Stei­ge­rung des Risi­kos an Atem­wegs­er­kran­kun­gen und Asthma zu erkran­ken um bis zu 75 Prozent, wenn ein Mensch sich dauer­haft in Räumen mit Schim­mel­be­fall aufhält.

Geringe Beach­tung im Arbeits­schutz
Diese drama­ti­sche Einschät­zung findet im Regel­werk des deut­schen Arbeits­schut­zes nicht unbe­dingt einen entspre­chen­den Wider­hall. Ein Grund dafür: Bei Schim­mel­be­fall in Häusern in Mittel­eu­ropa treten fast nur solche Pilze auf, die ledig­lich für Perso­nen mit einer Immun­schwä­che unmit­tel­bar und kurz­fris­tig gefähr­lich werden können, nicht aber für Menschen mit einem stabi­len Immun­sys­tem. Auch für gesunde Menschen können aller­dings die Pilz­ar­ten Asper­g­il­lus fumi­ga­tus und Asper­g­il­lus flavus eine Gefähr­dung darstel­len, beide, vor allem der Asper­g­il­lus flavus, treten aber nur sehr selten in Mittel­eu­ropa auf. Die Schim­mel­pilze werden wie alle ande­ren biolo­gi­schen Arbeits­stoffe hinsicht­lich ihres jewei­li­gen Infek­ti­ons­ri­si­kos in vier Risi­ko­grup­pen einge­teilt, denen jeweils notwen­dige Arbeits­schutz­maß­nah­men zuge­ord­net sind.
Wie erwähnt gehö­ren nahezu alle in Mittel­eu­ropa vorkom­men­den Schim­mel­pilze der nied­rigs­ten Risi­ko­gruppe, der Risi­ko­gruppe 1, an. Asper­g­il­lus fumi­ga­tus und flavus sind in der Risi­ko­gruppe 2 zu finden. Diesen Risi­ko­grup­pen werden entspre­chend Schutz­stu­fen für Tätig­kei­ten mit den in der jewei­li­gen Risi­ko­gruppe einge­ord­ne­ten biolo­gi­schen Gefahr­stof­fen zuge­ord­net, das heißt, Tätig­kei­ten mit biolo­gi­schen Gefahr­stof­fen der Risi­ko­gruppe 3 sind der Schutz­stufe 3 zuge­ord­net.
Keine Grenz­werte
Der ange­sichts der Meinun­gen vieler ande­rer Medi­zi­ner rela­tiv „entspannte“ Umgang der Arbeits­me­di­zi­ner mit dem Schim­mel­pilz hat aber auch noch einen ande­ren Grund. Die gesund­heits­schäd­li­che Wirkung von Schim­mel­pil­zen erfolgt mittels einer Infek­tion, bei der vor allem Myko­to­xine in das Atmungs­sys­tem des Menschen eindrin­gen. Aber ab welcher Konzen­tra­tion von Schim­mel­pilz­spo­ren in der Raum­luft die Gefahr einer Infek­tion wahr­schein­lich ist, darüber gibt es bislang immer noch keine gesi­cher­ten und allge­mein aner­kann­ten Erkennt­nisse. Und so exis­tiert bislang nur ein gemein­sa­mer Nenner in der Medi­zin, der besagt, dass mit stei­gen­der Konzen­tra­tion auch die Wahr­schein­lich­keit einer Infek­tion steigt und dass ab einer kriti­schen Auswei­tung der vom Schim­mel­pilz befal­le­nen Stel­len bezie­hungs­weise Räum­lich­kei­ten saniert werden sollte. Aktu­ell bestehen daher weder in Deutsch­land noch inter­na­tio­nal gültige Grenz­werte für Schim­mel­pilze in der Raum­luft, ledig­lich Richt­werte diver­ser Orga­ni­sa­tio­nen, die auf Erfah­rungs­wer­ten beru­hen.
Tech­ni­scher Kontroll­wert (TKW)
Laut BioStoffV § 19 Abs. 4 können Werte für einen Arbeits­be­reich, eine maschi­nelle Anlage oder ein Arbeits­ver­fah­ren durch den soge­nann­ten „Tech­ni­schen Kontroll­wert“ fest­ge­legt werden. Dieser beschreibt die nach Stand der Tech­nik erreich­bare Konzen­tra­tion der Biostoffe in der Luft. Dieser fest­ge­legte Wert muss für die Wirk­sam­keits­über­prü­fung der tech­ni­schen Schutz­maß­nah­men heran­ge­zo­gen werden.
Und noch ein drit­ter Aspekt ist zu berück­sich­ti­gen: Da Schim­mel­pilze keine Luft­ver­schmut­zun­gen oder Gifte sind, sondern natür­li­che Bestand­teile der Umwelt des Menschen, können sie auch nicht wie giftige Emis­sio­nen der Indus­trie durch die Gesetz­ge­bung oder durch Regel­werke regu­liert und vermin­dert werden. Vor diesem Hinter­grund bestand für die Arbeits­me­di­zin und den Gesetz­ge­ber kein so großer Druck, so schnell wie möglich zu handeln und Grenz­werte allge­mein­ver­bind­lich fest­zu­le­gen wie es im Fall von Indus­trie­emis­sio­nen der Fall gewe­sen ist. Und so ist zu vermu­ten, dass auch in Zukunft nur den wirk­lich gefähr­li­che­ren Schim­mel­pil­zen Grenz­werte zuge­ord­net werden. Ob sich der Druck Grenz­werte zu etablie­ren infolge des Klima­wan­dels und dem dadurch beding­ten Eindrin­gen gefähr­li­che­rer Schim­mel­pilze erhöht, ist zumin­dest aber nicht unwahr­schein­lich.
BioStoffV und Sanie­rungs­ar­bei­ten
So ist nach der heuti­gen Auffas­sung der Arbeits­me­di­zin die Gefahr für den „gesun­den“ Arbeit­neh­mer rela­tiv gering, durch Schim­mel­pilz zu erkran­ken, zumin­dest wenn er nicht stän­dig und über längere Zeit dem Schim­mel­pilz ausge­setzt ist (Expo­si­tion). Anders dage­gen verhält es sich für dieje­ni­gen Perso­nen, deren Job es ist, jeden Tag direkt mit dem Schim­mel­pilz umzu­ge­hen: die Arbei­ter bei Aufräum‑, Abbruch- und Sanie­rungs­ar­bei­ten von und in Gebäu­den (in Folge nur Sanie­rungs­ar­bei­ten bzw. Gebäu­de­sa­nie­rung genannt). Denn wo diese Gebäu­de­sa­nie­rungs­ar­bei­ter aktiv sind, werden konti­nu­ier­lich Staub und Sporen aufge­wir­belt und die Konzen­tra­tion der Schim­mel­pilz­spo­ren steigt im Regel­fall beträcht­lich an. Für diese Arbei­ten gilt als wich­tigs­tes Regel­werk die Biostoff­ver­ord­nung (BioStoffV). Diese unter­schei­det zwischen geziel­ten und nicht geziel­ten Tätig­kei­ten (§2 Abs. 4 und 5). Mit geziel­ten Tätig­kei­ten sind unter ande­rem Arbei­ten gemeint, bei denen Mikro­or­ga­nis­men als Arbeits­mit­tel einge­setzt werden, zum Beispiel bei Züch­tun­gen dieser Mikro­or­ga­nis­men im Labor. Ist das Ziel der Arbeit nicht auf Mikro­or­ga­nis­men ausge­rich­tet oder ist die Belas­tung nicht hinrei­chend bekannt, dann handelt es sich um eine nicht gezielte Tätig­keit. Zu diesen Tätig­kei­ten zählen alle Sanie­rungs­ar­bei­ten bei Schimmel- und Bakte­ri­en­schä­den.
Feuch­tig­keit fördert Schim­mel
Welche für das Wachs­tum von Schim­mel­pil­zen beson­ders verant­wort­li­chen Fakto­ren machen den Arbeits­platz von Bauar­bei­tern bei Sanie­rungs­ar­bei­ten nun so gefähr­lich? Es gibt für den Schim­mel­pilz genauso wie für alle ande­ren Pilz- oder Bakte­ri­en­ar­ten neben dem Vorhan­den­sein von genü­gend Sauer­stoff und ausrei­chend Nähr­stof­fen wie Zellu­lose (vor allem in Tape­ten, Tape­ten­kleis­ter, Span­plat­ten) oder Kunst­stof­fen insbe­son­dere drei entschei­dende Wachs­tums­be­din­gun­gen: Tempe­ra­tur, pH-Wert und Feuch­tig­keit.
Tempe­ra­tur: Es gibt für jede Pilz- und Bakte­ri­en­art eine opti­male Wachs­tums­tem­pe­ra­tur. Aller­dings ist es bei länger andau­ern­den Feuch­tig­keits­schä­den in der Regel nicht von Bedeu­tung, ob die Pilze und Bakte­rien schnel­ler oder lang­sa­mer wach­sen. Somit kann in kühlen Berei­chen genauso Schim­mel­pilz auftre­ten wie in warmen Berei­chen. Die Tempe­ra­tur beein­flusst ledig­lich, welche Art von Pilz oder Bakte­rien an dieser Stelle gedei­hen.
PH-Wert: Die meis­ten Schim­mel­pilze wach­sen im neutra­len bis leicht sauren Milieu, das heißt, bei pH-Werten zwischen 5 und 7. Einige Bakte­rien wach­sen in leicht alka­li­schen Berei­chen bei pH-Werten von 7 bis 10. In Bauma­te­ria­lien mit sehr nied­ri­gem oder sehr hohem pH-Wert werden daher selte­ner Mikro­or­ga­nis­men nach­ge­wie­sen als in Mate­ria­lien mit einem pH-Wert im neutra­len Bereich.
Feuch­tig­keit: Mikro­or­ga­nis­men benö­ti­gen kein flüs­si­ges Wasser zum Gedei­hen, sondern ledig­lich erhöhte Feuch­tig­keit. Da Feuch­tig­keit aber nicht gefühlt werden kann, gilt es durch Messen fest­zu­stel­len, ob ein Mate­rial für das Wachs­tum von Pilzen und Bakte­rien feucht genug ist. Sehr gute Wachs­tums­be­din­gun­gen für Schim­mel­pilze liegen vor, wenn der soge­nannte Wasser­ak­ti­vi­täts­wert zwischen 0,9 und 0,98 liegt (analog zu einer Ausgleichs­feuchte von 90 und 98 Prozent). Diese Feuch­tig­keit ist meist auf bauli­che Mängel (z. B. Wärme­brü­cken), Scha­dens­er­eig­nisse, falsches Lüftungs­ver­hal­ten oder Hygie­ne­män­gel in Räumen zurück­zu­füh­ren.
Entschei­dende Fakto­ren bei der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung
Um die Gefähr­dung der Beschäf­tig­ten bei Sanie­rungs­tä­tig­kei­ten eini­ger­ma­ßen genau zu beur­tei­len, müssen folgende Fakto­ren im Vorfeld der Arbei­ten bestimmt werden: Expo­si­ti­ons­größe bezie­hungs­weise ‑höhe, Sporen-Konzentration in der Raum­luft, Dauer des Befalls vor Ort bei Aufnahme der Arbei­ten sowie der Grad der Staub- und Sporen­auf­wir­be­lung des für die Sanie­rung des vorlie­gen­den Schim­mel­be­falls in der Regel übli­chen Arbeits­ver­fah­rens. Dabei werden diese Werte nicht streng vonein­an­der ermit­telt und analy­siert, sondern müssen in Wech­sel­be­zie­hung zuein­an­der betrach­tet werden.
Ziel der Berech­nun­gen ist es, aufgrund der Ausgangs­be­din­gun­gen zu entschei­den, ob das geplante Sanie­rungs­ver­fah­ren in einer möglichst nied­ri­gen der vier Gefähr­dungs­klas­sen (0 bis 3) ange­sie­delt ist und damit den möglichst gerings­ten Gefähr­dungs­grad für die Bauar­bei­ter bedeu­tet. Wenn dem nicht so ist, muss das Sanie­rungs­ver­fah­ren so ange­passt oder geän­dert bezie­hungs­weise es müssen solche Schutz­maß­nah­men ergrif­fen werden, die gewähr­leis­ten, dass die Arbei­ter möglichst weni­gen poten­zi­el­len Gefähr­dun­gen ausge­setzt sind und das Arbeits­ver­fah­ren somit in einer möglichst nied­ri­gen Gefähr­dungs­klasse ange­sie­delt ist.
Dabei kann man aber nicht gene­rell sagen, dass je größer alle Werte für die Indi­ka­to­ren sind, dementspre­chend auch die Gefähr­dung für den Menschen steigt. So ist es durch­aus möglich, dass bei Tätig­kei­ten mit wenig Staub­auf­wir­be­lung auch bei groß­flä­chi­gem (also hohem) Schim­mel­pilz­be­fall nur geringe Mengen an Sporen frei­ge­setzt werden, während bei ande­ren Tätig­kei­ten durch starke Staub­bil­dung bereits bei gering ausge­brei­te­tem Befall eine sehr hohe Schim­mel­pilz­ex­po­si­tion vorhan­den sein kann. Da eine mögli­che Korre­la­tion zwischen Staub- und Schim­mel­pilz­spo­ren­kon­zen­tra­tion für Sanie­rungs­ar­bei­ten weiter­hin nicht hinrei­chend unter­sucht wurde, kann die Unter­schrei­tung des Staub­grenz­wer­tes nicht zwangs­läu­fig auch mit einer gerin­gen Sporen­kon­zen­tra­tion gleich­ge­setzt werden und umge­kehrt.
Das sind nicht die einzi­gen Unsi­cher­hei­ten bei der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung von Sanie­rungs­ar­bei­ten. Bis heute liegen für diese Arbei­ten allge­mein keine eige­nen arbeits­schutz­fach­li­chen Unter­su­chun­gen vor, die zumin­dest bran­chen­spe­zi­fi­sche „Erfah­rungs­werte“ vermit­teln könn­ten. So wird zwar bei einem Expo­si­ti­ons­wert mit einem Tech­ni­schen Kontroll­wert (TKW) von weni­ger als 50.000 „Kolo­nien bilden­den Einhei­ten“ (KBE) Schim­mel­spo­ren pro Kubik­me­ter keiner­lei Gefähr­dung der Beschäf­tig­ten ange­nom­men, und zwar unab­hän­gig von der Dauer der Tätig­keit. Dieser Wert beruht aber allein auf Erfah­run­gen aus der Abfall­wirt­schaft.
Nichts­des­to­trotz bleibt die Berech­nung der oben genann­ten Haupt­ein­fluss­fak­to­ren die beste Orien­tie­rungs­mög­lich­keit, um für den Arbeits­schutz die anfal­len­den Arbei­ten im Rahmen einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung in Gefähr­dungs­klas­sen einzu­ord­nen. Dabei können die Werte und deren Auswer­tung für die meis­ten Fakto­ren vor Ort ermit­telt werden.
Anders dage­gen die Messung der Pilz­kon­zen­tra­tion in der Luft. Sie ist ein natur­wis­sen­schaft­li­cher Mess­vor­gang, dessen Auswer­tung nur im Labor statt­fin­den kann. In der Regel wird dabei das Filtra­ti­ons­ver­fah­ren ange­wen­det. Bei diesem Verfah­ren werden Schim­mel­pilz­be­stand­teile (Sporen oder Myzel­frag­mente) auf einem Membran­fil­ter abge­schie­den und mit diesen Proben die Konzen­tra­tion an vermeh­rungs­fä­hi­gen Schim­mel­pil­zen durch Kulti­vie­rung unter Labor­be­din­gun­gen gemit­telt. Als Ergeb­nis der Unter­su­chun­gen wird, wie oben schon erwähnt, die Anzahl Kolo­nie bilden­der Einhei­ten (KBE) von Schim­mel­pil­zen pro Kubik­me­ter Luft bestimmt.
Aber auch die ande­ren, voll­stän­dig vor Ort durch­zu­füh­ren­den Unter­su­chun­gen sind durch­aus komplex. Denn auch sie müssen alle vor Ort ermit­tel­ten Werte und die durch das Arbeits­ver­fah­ren gege­be­nen orga­ni­sa­to­ri­schen Ausgangs­be­din­gun­gen (Dauer der Arbei­ten, voraus­sicht­li­che Wahl des Arbeits­ver­fah­rens) in ihren jewei­li­gen Wech­sel­be­zie­hun­gen und Inter­de­pen­den­zen betrach­ten. Bei der Einstu­fung der zu erwar­ten­den Expo­si­ti­ons­höhe müssen zum Beispiel folgende Fakto­ren und ihr Zusam­men­spiel unter­ein­an­der berück­sich­tigt werden:
  • Größe der befal­le­nen Fläche,
  • Art und Feuchte des befal­le­nen Mate­ri­als (auch der tiefer­lie­gen­den Schich­ten),
  • Zeit­punkt des Scha­dens­ein­tritts (also Dauer des Schim­mel­be­falls bis zum Beginn der Arbei­ten),
  • Dauer der Expo­si­tion (also zu erwar­tende Dauer der Sanie­rungs­ar­bei­ten vor Ort)
  • Das für diese Sanie­rungs­ar­bei­ten in der Regel anzu­wen­dende tech­ni­sche Verfah­ren (bestimmte Sanie­rungs­ver­fah­ren lösen eine höhere oder weni­ger hohe Staub- und Sporen­auf­wir­be­lung aus).
Schutz­maß­nah­men bei Sanie­rung

Wenn das Gefähr­dungs­po­ten­zial ermit­telt worden ist, müssen die passen­den Schutz­maß­nah­men ausge­sucht werden. Wie in ande­ren Arbeits­schutz­be­rei­chen gilt auch in diesem Fall die TOP-Regel, also dass tech­ni­sche Lösun­gen und Maßnah­men Vorrang vor den orga­ni­sa­to­ri­schen und persön­li­chen bekom­men. Denn am einfachs­ten ist es, mit tech­ni­schen Mitteln die Gefahr bereits im Vorfeld der eigent­li­chen Arbei­ten zu verhin­dern oder zumin­dest zu mini­mie­ren. Erst danach wird die tech­nisch nicht vermeid­bare Expo­si­tion durch orga­ni­sa­to­ri­sche Maßnah­men wie die Kontakt­ver­mei­dung (z. B. getrennte Aufbe­wah­rung der konta­mi­nier­ten Arbeits­klei­dung) oder den möglichst kurzen Aufent­halt im Gefah­ren­be­reich redu­ziert und zum Schluss durch den Einsatz der Persön­li­chen Schutz­aus­rüs­tung weiter verrin­gert.

Eine umfas­sende Auflis­tung aller TOP-Schutzmaßnahmen für Sanie­rungs­ar­bei­ten wie für alle Arbei­ten mit biolo­gi­schen Gefahr­stof­fen gibt die TRBA/TRGS 406 „Sensi­bi­li­sie­rende Stoffe für die Atem­wege“. Daher soll an dieser Stelle nur kurz auf die Tech­ni­schen Maßnah­men einge­gan­gen werden. Zu ihnen gehö­ren vor allem Maßnah­men der Staub­ab­sau­gung bei erhöh­ter Staub­ent­wick­lung, Staub­mi­ni­mie­rung durch Binde­mit­tel oder Befeuch­ten (dies aber nur über eine kurze Zeit­phase, denn bei Lang­zeit­be­feuch­tung droht erneut Schim­mel­ver­meh­rung), Abde­cken und Abkle­ben schim­mel­be­fal­le­ner Mate­ria­lien sowie staub­arme Arbeits­tech­ni­ken. Im moder­nen Gebäu­de­sa­nie­rungs­we­sen werden vorran­gig Unter­druck­ge­räte (zum Beispiel D‑MIR-Verfahren) einge­setzt. Die Raum­luft aus dem Sanie­rungs­be­reich wird mittels eines Venti­la­tors abge­saugt und über einen HEPA-Filter mit Schläu­chen abtrans­por­tiert. Auf diese Weise wird zum einen der Sanie­rungs­be­reich belüf­tet, zum ande­ren wird ein Unter­druck erzeugt, der verhin­dert, dass bei Lecka­gen im Abschot­tungs­be­reich oder durch das Öffnen der Staub­schutz­tür die belas­tete Luft in den Arbeits­be­reich, den soge­nann­ten Weiß­be­reich bei Sanie­rungs­ar­bei­ten, gelan­gen kann.

Verschie­dene Arbeits­ver­fah­ren und Gefähr­dungs­klas­sen
Beispiel für Gefähr­dungs­grade bei Arbeits­ver­fah­ren der Schim­mel­pilz­be­kämp­fung in der Gebäu­de­sa­nie­rung – Wand­putz und Tape­ten von Innen­räu­men (vgl. Lorenz 2012)

Wand­putz:
Neuer Putz mit hohem Zement­an­teil und wenig Poren wird von Schim­mel­pilz nicht leicht besie­delt. Anders verhält es sich bei älte­ren Putzen, die bei lang anhal­ten­der Befeuch­tung fast immer massiv besie­delt sind. Lehm­putz enthält auch ohne schad­hafte mikro­bielle Besied­lung einen rela­tiv hohen Anteil an Pilz­spo­ren.
Arbeits­ver­fah­ren und AS-Gefährdungsklassen:

  • Putz mit dem D‑MIR-Verfahren (Indus­trie­sau­ger) oder mittels Sprüh­ex­trak­tion abtra­gen: Gefähr­dungs­klasse 0.
  • Putz mit Fräse mit inte­grier­ter Absau­gung antra­gen: Gefähr­dungs­klasse 1 oder 2.
  • Putz mit elek­tri­schem Gerät oder per Hand ohne Absau­gung entfer­nen: Gefähr­dungs­klasse 3.
  • Abfläm­men des Putzes: Gefähr­dungs­klasse 1 oder 2. Dabei stets Schutz­brille tragen und Gasfla­schen nach der Arbeit in gut durch­lüf­te­ten Räumen lagern.

Tape­ten:
Papier­ta­pe­ten werden bei anhal­tend erhöh­ter Feuch­tig­keit nahezu ausnahms­los mikro­biell besie­delt, auch durch Schim­mel­pilz­spo­ren. Entschei­dend für die Gefähr­dung beim Ablö­sen der Tape­ten ist, ob die Tape­ten nass oder trocken abge­löst werden, leicht oder schwer abzu­lö­sen sind und ob die frei­wer­den­den Parti­kel abge­saugt werden oder nicht.
Arbeits­ver­fah­ren und AS-Gefährdungsklassen:

  • Bei staub­ar­mem Entfer­nen nasser und leicht abzu­lö­sen­der Tape­ten: Gefähr­dungs­klasse 0.
  • Bei schwer zu entfer­nen­den Tape­ten mit gleich­zei­ti­ger Absau­gung der frei­wer­den­den Parti­kel: Gefähr­dungs­klasse 1 oder 2.
  • Bei schwer abzu­lö­sen­den Tape­ten ohne Absau­gung der frei werden­den Parti­kel: Gefähr­dungs­klasse 3.

Leit­fä­den, Infor­ma­tio­nen, Lite­ra­tur
  • Innenraumlufthygiene-Kommission des Umwelt­bun­des­am­tes (UBA): Leit­fa­den zur Vorbeu­gung, Unter­su­chung, Bewer­tung und Sanie­rung von Schim­mel­pilz­wachs­tum in Innen­räu­men“, 2002.
  • TRBA/TRGS 406 „Sensi­bi­li­sie­rende Stoffe für die Atem­wege“.
  • Berufs­ge­nos­sen­schaft­li­che Infor­ma­tio­nen (BGI) 858: „Hand­lungs­an­lei­tung Gesund­heits­ge­fähr­dun­gen durch biolo­gi­sche Arbeits­stoffe bei der Gebäu­de­sa­nie­rung“
  • Wolf­gang Lorenz: Hand­buch Schim­mel­pilz­schä­den. Diagnose und Sanie­rung, 2012.

Dr. Joerg Hensiek, Michael Kolbitsch
B|A|U|M – Bera­tung | Arbeits­si­cher­heit | Umwelt­schutz | Manage­ment­sys­teme
Tel.: 0228 – 92989292
michael.kolbitsch@baum-kolbitsch.com
www.baum-kolbitsch.com
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