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Mitarbeiter mit Behinderung als Sibe

Inklusion
Mitarbeiter mit Behinderung als Sibe

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Ob Roll­stuhlfahrer, Sehbeein­trächtigter oder Mitar­beit­er mit geistiger Behin­derung – Men­schen, die ein Hand­i­cap haben, nehmen ihre Umwelt anders wahr. Für sie sind manche Dinge Stolper­steine, die den anderen Kol­le­gen gar nicht auf­fall­en. Dieser etwas andere Blick kann ein Gewinn sein, wenn es um die Sicher­heit am Arbeit­splatz und den Arbeitss­chutz geht.

Bet­ti­na Brucker

Car­la M. ist 35 Jahre alt. Sie ist geistig behin­dert und arbeit­et seit vie­len Jahren in ein­er Behin­derten­werk­stätte mit 100 Mitar­beit­ern. Sie ist bei ihren Kol­le­gen sehr beliebt und kommt mit ihren Vorge­set­zten bestens aus. Trotz ihrer Behin­derung weiß Car­la sehr genau, was sie will. Vor allem will sie einen ordentlichen Arbeit­splatz. Sie mag es, wenn die Dinge an ihrem Platz liegen. Wäre sie eine geeignete Sicher­heits­beauf­tragte? Das sagen die geset­zlichen Vor­gaben zu Sicher­heits­beauf­tragten in Unternehmen: Laut § 22 SGB VII muss jedes Unternehmen mit regelmäßig mehr als 20 Beschäftigten einen Sicher­heits­beauf­tragten bestellen. Der Sicher­heits­beauf­tragte kommt aus dem Kreis der Mitar­beit­er und unter­stützt Vorge­set­zte beziehungsweise den Unternehmer dabei, Maß­nah­men zur Ver­hü­tung von Arbeit­sun­fällen und Beruf­skrankheit­en durchzuführen. Er fungiert also als Rat­ge­ber und Helfer. Er ist jedoch nicht berechtigt seinen Kol­le­gen verbindliche Anweisun­gen zu geben, da er nicht Vorge­set­zter im rechtlichen Sinne ist. Der Sicher­heits­beauf­tragte macht seine Kol­le­gen auf Unfall- und Gesund­heits­ge­fahren aufmerk­sam. Er weist darauf hin, wenn die vorgeschriebe­nen Schutzein­rich­tun­gen oder per­sön­lichen Schutzaus­rüs­tun­gen (PSA) fehlen oder wenn diese beschädigt sind. Fall­en dem Sicher­heits­beauf­tragten im Betrieb sicher­heit­stech­nis­che Män­gel auf oder erhält er von seinen Kol­le­gen Hin­weise, meldet er diese dem zuständi­gen Vorge­set­zten. Auch an den Betrieb­s­besich­ti­gun­gen der tech­nis­chen Auf­sichts­beamten nimmt er teil. Außer­dem wird er bei Unfal­lun­ter­suchun­gen hinzuge­zo­gen und ist bei den Tre­f­fen des Arbeitss­chutzauss­chuss­es (ASA) dabei.
Der Sicher­heits­beauf­tragte führt seine Auf­gaben ehre­namtlich und ohne Ver­ant­wor­tung in sein­er Arbeit­szeit durch. Auf seine Auf­gaben wird er in Sem­i­naren der Beruf­sgenossen­schaft aus- und fortge-bildet.
Die per­sön­liche Voraus­set­zung, um Sicher­heits­beauf­tragter zu wer­den wird mit „für die Auf­gabe geeignet“ beschrieben. Gemeint ist damit, dass der Mitar­beit­er motiviert ist, diese Auf­gabe frei­willig zu übernehmen und zur Verbesserung der Arbeitssicher­heit beizu­tra­gen. Außer­dem sollte er schon einige Jahre Beruf­ser­fahrung an seinem Arbeit­splatz mitbringen.
Warum Behin­derte als Sicher­heits­beauf­tragte geeignet sind
Bei den Vor­gaben, wer als Sicher­heits­beauf­tragter geeignet ist, gibt es keine Ein­schränkun­gen hin­sichtlich der kör­per­lichen oder geisti­gen Fähigkeit. Von daher erfüllt Car­la M. dur­chaus wichtige Auswahlkri­te­rien: Sie ist schon lange in den Werk­stät­ten tätig, sie kann sich durch­set­zen, die Vorge­set­zten und Kol­le­gen brin­gen ihr Ver­trauen ent­ge­gen und sie legt Wert auf Ordnung.
Auch Ste­fan T. kön­nte dur­chaus ein geeigneter Mitar­beit­er für das Amt des Sicher­heits­beauf­tragten sein. Er ist 46 Jahre alt und hat seit Geburt Konzen­tra­tions- und Lern­schwierigkeit­en sowie eine kör­per­liche Ein­schränkung. Er kann nicht gut gehen und Trep­pen­steigen fällt ihm schw­er. Er arbeit­et in der Post­stelle ein­er Behörde. Er ist stolz auf seine Arbeit und führt sie gewis­senhaft aus. Alle schätzen ihn als zuver­läs­si­gen Mitarbeiter.
Inklu­sion bedeutet in alle Prozesse einbinden
Car­la M. und Ste­fan T. sind in die Arbeitswelt einge­bun­den. Sie sind qual­i­fizierte und hoch motivierte Arbeit­skräfte und leis­ten ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg ihrer Unternehmen. Doch Inklu­sion bedeutet nicht nur, Men­schen mit Behin­derun­gen in den Arbeit­sprozess einzu­binden, son­dern auch in alle anderen Bere­iche wie zum Beispiel die Tätigkeit als Sicher­heits­beauf­tragter. So beteili­gen sie sich aktiv am Arbeitss­chutz und wer­den in die betriebliche Arbeitss­chut­zor­gan­i­sa­tion eingebunden.
Es sind oft kleine Dinge, die im Arbeit­sall­t­ag kaum auf­fall­en, aber den­noch gefährlich sein kön­nen, wie Scheren oder Mess­er, die herum­liegen, Kabel, die Stolper­stellen darstellen. Doch geht es um die Sicher­heit, kann es passieren, dass man mit der Zeit „betrieb­s­blind“ wird. Eine andere Per­spek­tive kann solche „blind­en Fleck­en“ aufdeck­en. Das trägt zur Verbesserung des Arbeitss­chutzes bei. Men­schen mit Behin­derung fall­en in ihrer Arbeit­splatzumge­bung und bei den Arbeitsabläufen andere Dinge auf. Beson­ders in Behin­derten­werk­stät­ten sind Sicher­heits­beauf­tragte aus den Rei­hen der behin­derten Mitar­beit­er wichtig.
Men­schen mit ein­er Behin­derung haben oft eine beson­dere Affinität für andere, ihre Umwelt und für sichere Arbeits­be­din­gun­gen. Es ist ihnen wichtig, dass beste­hende Sicher­heits­maß­nah­men einge­hal­ten wer­den. Auf Missstände machen sie offen­siv und behar­rlich aufmerk­sam. Dieses Ver­hal­ten kann dazu beitra­gen, dass sich die Arbeitss­chutzkul­tur im Unternehmen verbessert.
Beschäftigte mit ein­er Behin­derung sind gegenüber dem Arbeits- und Gesund­heitss­chutz oft unvor­ein­genom­men. Und sie sind in der Fest­stel­lung von Män­geln und der Umset­zung von Verbesserungsmöglichkeit­en häu­fig kon­se­quenter als das Fach­per­son­al. Dadurch steigt das Arbeitsschutzniveau.
Bei­de Seit­en profitieren
Auch die, die sich zum Sicher­heits­beauf­tragten aus­bilden lassen, prof­i­tieren davon. Ihr Gefühl für betriebliche Ver­ant­wor­tung, Qual­ität und Iden­ti­fika­tion wird gefördert. Außer­dem trägt das Amt des Sicher­heits­beauf­tragten zu Wertschätzung, Anerken­nung und zu Erfol­gser­leb­nis­sen bei. Solche Erfol­gser­leb­nisse machen stolz und fördern Schlüs­selqual­i­fika­tio­nen wie Fach- und Sozialkom­pe­tenz. Und die Beteili­gung der Beschäftigten an der Arbeitss­chut­zor­gan­i­sa­tion bedeutet nicht zulet­zt einen wesentlichen Beitrag zur Teil­habe und Gle­ich­stel­lung. Betreuer und als Sicher­heits­beauf­tragter qual­i­fizierte Betreute begeg­nen sich beim The­ma Arbeits- und Gesund­heitss­chutz auf Augenhöhe.
Mögliche Prob­leme
Wenn wir von Aus- und Weit­er­bil­dung sprechen, meinen wir meist eine Form des Unter­richts, wie wir sie aus der Schule ken­nen. Das bedeutet unter anderem Lesen und Schreiben. Das Unter­richts­ma­te­r­i­al beste­ht aus Büch­ern, Tex­tauszü­gen, text­lasti­gen Folien­vorträ­gen. Die Arbeit­saufträge sind häu­fig schriftlich auszuführen. Der Prax­is­teil bein­hal­tet Auf­gaben, die ein Roll­stuhlfahrer oder ein Men­sch mit spastis­ch­er Läh­mung nicht bewälti­gen kann.
Ein Prob­lem bei der Schu­lung von Men­schen mit geistiger Behin­derung beste­ht manch­es Mal darin, dass sie nicht lesen oder keine abstrak­ten Sym­bole wie zum Beispiel Gefahren­ze­ichen inter­pretieren können.
Doch noch ein­mal zurück zur Geset­zesvor­lage. Hier ist an kein­er Stelle die Rede davon, dass ein Sicher­heits­beauf­tragter Lesen oder Schreiben kön­nen muss oder Gehen, Sehen oder Hören. Mitar­beit­er mit Behin­derun­gen, egal welch­er Form, die im Arbeit­sleben ste­hen, wis­sen meist sehr gut mit ihrem Hand­i­cap umzuge­hen. Und auch die Vorge­set­zten und Kol­le­gen ler­nen schnell, wo sie eventuell Rück­sicht nehmen oder Hil­fe anbi­eten müssen. Eine Behin­derung an sich stellt schon bald kein Prob­lem am Arbeit­splatz mehr dar.
Wie aus Behin­derten engagierte Sicher­heits­beauf­tragte werden
Die Qual­i­fizierung der Sicher­heits­beauf­tragten erfol­gt in The­o­rie und Prax­is. Dabei muss die Schu­lung für die ver­schiede­nen Hand­i­caps konzip­iert sein. Als Grund­lage zur Schu­lung von Men­schen mit Behin­derun­gen zum Sicher­heits­beauf­tragten kann zum Beispiel ein speziell entwick­eltes Konzept der Beruf­sgenossen­schaft für Gesund­heits­di­enst und Wohlfahrt­spflege (BGW) herange­zo­gen wer­den. Voraus­set­zung für die Teil­nahme an der Schu­lung ist, dass der Teil­nehmer in der Lage ist, dem Unter­richt ganztägig zu fol­gen. Lesen und Schreiben muss er nicht können.
Die Auf­gaben und Arbeitsweise des Sicher­heits­beauf­tragten für den Arbeits- und Gesund­heitss­chutz wer­den in der Aus­bil­dung in ein­fach­er Sprache, in kurzen Sätzen und ein­fachen Wörtern erk­lärt. Außer­dem helfen Bilder und Sym­bole, die Texte bess­er zu ver­ste­hen. Beschrei­bun­gen von Gefahren und Schutz­maß­nah­men wer­den dabei zum Beispiel als Grafiken, also in Bild­sprache vermittelt.
Zur Schu­lung bietet sich zusät­zlich der Film „Nils erk­lärt den Arbeitss­chutz“ an. Darin erk­lärt der Sicher­heits­beauf­tragte Nils seinem neuen Kol­le­gen Simon, weshalb Arbeitss­chutz so wichtig ist. Dabei lernt Simon ver­schiedene Arbeits­bere­iche in ein­er Behin­derten­werk­statt ken­nen. Er erfährt auch, welche Auf­gaben ein Betrieb­sarzt und die Fachkraft für Arbeitssicher­heit haben. Auch auf die vie­len Sicher­heit­shin­weise im Betrieb wird einge­gan­gen, die für jeden am Anfang eine große Her­aus­forderung sind.
Neben der Ver­mit­tlung von fach­lichem Wis­sen ist es ein Ziel des Aus­bil­dungssem­i­nars, die ange­hen­den Sicher­heits­beauf­tragten zu befähi­gen, diplo­ma­tisch auf Sicher­heitsverge­hen hinzuweisen und Män­gel an einen Vorge­set­zten weit­erzumelden. Denn als Ansprech­part­ner für die Kol­le­gen sollen sie nicht zur „Sicher­heit­spolizei“ wer­den, son­dern helfen, die Sicher­heit zu verbessern.
Sen­si­bil­isierte und gut qual­i­fizierte behin­derte Beschäftigte sor­gen als Sicher­heits­beauf­tragte in ihren Grup­pen für gesunde und sichere Arbeits­be­din­gun­gen. Außer­dem motivieren sie ihre Kol­le­gen durch ihr vor­bildlich­es Ver­hal­ten zum Mitmachen.
Sicher­heits­beauf­tragte aus der Gruppe der Beschäftigten mit Behin­derung ent­las­ten die Sicher­heits­beauf­tragten des Fach­per­son­als und die Fachkraft für Arbeitssicher­heit bei der Wahrnehmung ihres Arbeitss­chutza­uf­trages deut­lich, wie sich in der Prax­is gezeigt hat. Allerd­ings dür­fen Sicher­heits­beauf­tragte aus der Gruppe der behin­derten Beschäftigten keinen aus der Gruppe des Fach­per­son­als ersetzen.
Nach dem Aus­bil­dungssem­i­nar kön­nen die Teil­nehmer als Sicher­heits­beauf­tragte bestellt wer­den. Sie sind langfristig in die betriebliche Arbeitss­chut­zor­gan­i­sa­tion zu inte­gri­eren. Das bedeutet auch, dass sie sich an Sitzun­gen des Arbeitss­chutzauss­chuss­es und bei Bege­hun­gen in ihrem Arbeits­bere­ich angemessen beteili­gen können.
Weit­ere Infor­ma­tio­nen bietet zum Beispiel die Beruf­sgenossen­schaft für Gesund­heits­di­enst und Wohlfahrt­spflege (BGW) auf ihrer Inter­net­seite unter „Sicher­heits-Beauf­tragte im Betrieb – Erk­lärt in Leichter Sprache“:
www.bgw-online.de (unter Medi­en-Ser­vice — Medien-Center)
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