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Problemlöser und Problem zugleich

Ergebnisse des ARBOUW/BG BAU-Epoxidharzprojekts
Problemlöser und Problem zugleich

Abb. 1: Bestätigte epoxidharzverursachte Erkrankungen bei den BGen Grafik: BG BAU
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„Epox­id­harze sind Hochtech­nolo­gie-Chemikalien mit her­vor­ra­gen­den tech­nis­chen Eigen­schaften. Mit immer neuen Zusam­menset­zun­gen erobern sie sich Ein­satzbere­iche in fast allen Branchen – natür­lich auch in der Bauwirtschaft. Lei­der gibt es bei so viel Licht auch Schat­ten. Epox­id­harze kön­nen sehr schnell zu Hau­tal­lergien führen. Seit der flächen­deck­enden Ver­wen­dung chro­matarmer Zemente und dem starken Rück­gang der Mau­r­erkrätze-Erkrankun­gen sind Epox­id­harze der häu­fig­ste Aus­lös­er aller­gis­ch­er Hauterkrankun­gen in der Bauwirtschaft. Auf­grund ihrer her­vor­ra­gen­den tech­nis­chen Eigen­schaften ist der Königsweg des Arbeitss­chutzes, die Sub­sti­tu­tion, nur in ganz weni­gen Fällen möglich. Mir ist wichtig zu beto­nen, dass wir diese weni­gen Fälle aber auch ein­fordern“, erk­lärte Dieter Lasar, Vor­standsvor­sitzen­der der BG BAU, anlässlich der Bekan­nt­gabe der Ergeb­nisse des ARBOUW/BG BAU-Epox­id­harzpro­jek­tes Mitte April in Köln.

Dr. Rein­hold Rühl, Dr. Klaus Kersting

Während der Ver­anstal­tung wur­den die vielfälti­gen tech­nis­chen Eigen­schaften von Epox­id­harzen immer wieder the­ma­tisiert. Das mag zwar ungewöhn­lich sein für eine Ver­anstal­tung der Beruf­sgenossen­schaft, somit eine Arbeitss­chutzver­anstal­tung, machte aber das Arbeitss­chutzprob­lem umso deut­lich­er. Weil Epox­id­harze in der Regel eben nicht zu erset­zen sind, muss der Arbeitss­chutz andere Wege gehen. Ger­ade da die Eigen­schaften so vielfältig sind und die Epox­id­harze so uni­versell einge­set­zt wer­den, sind für diejeni­gen, die eine Epox­id­harza­l­lergie haben, sehr viele Berufe in der Bauwirtschaft, in der Met­allindus­trie, in der Elek­troin­dus­trie und der chemis­chen Indus­trie ver­schlossen. „Daher sind nicht die Kosten, die die Beruf­sgenossen­schaften für die Erkrankun­gen auf­brin­gen müssen, das Prob­lem, son­dern das Schick­sal der Betrof­fe­nen, die oft umgeschult wer­den müssen, was den Ver­lust des Berufes bedeutet, für den sie aus­ge­bildet wur­den“ so Han­sjörg Schmidt-Krae­pelin, Mit­glied der Geschäfts­führung der BG BAU.
André Große-Jäger, Leit­er des Refer­ates III b 3 „Gefahrstoffe – Chemikalien­sicher­heit – Bio- und Gen­tech­nik – Betriebs- und Anla­gen­sicher­heit“ im Bun­desmin­is­teri­um für Arbeit und Soziales, mod­erierte fachkundig die Ver­anstal­tung. Er ist nicht nur für die Gefahrstof­fver-ord­nung ver­ant­wortlich, son­dern begleit­et als INQA-Zuständi­ger seit vie­len Jahren auch die Arbeit­en des Arbeit­skreis­es INQA-Epoxidbewertung.
Arbeitss­chutz-Aktiv­itäten zu Epoxidharzen
Prof. Dr. med. Johannes Geier vom Infor­ma­tionsver­bund der­ma­tol­o­gis­ch­er Kliniken (IVDK) an der Uniklinik in Göt­tin­gen stellte die vie­len Aktiv­itäten zum sicheren Umgang mit Epox­id­harzen vor. Im IVDK fließen die Ergeb­nisse von Epiku­tan­tests an 56 der­ma­tol­o­gis­chen Abteilun­gen in Deutsch­land, Öster­re­ich und der Schweiz zusam­men. Mit Epiku-tan­tests wer­den die Stoffe ermit­telt, auf die Per­so­n­en mit Haut­prob­le­men aller­gisch reagieren. Aus den Dat­en des IVDK kann auf bis zu 200.000 Per­so­n­en mit Epox­id­harz-Allergie in Deutsch­land geschlossen wer­den. Allerd­ings beklagte Prof. Geier, dass auf­grund ein­er EU-Regelung in Deutsch­land die Weit­er­en­twick­lung von Epiku­tan­tests block­iert wird. Fol­glich wer­den Allergi­etests mit Epox­id­harz-Bestandteilen durchge­führt, die vor zehn Jahren aktuell waren. Für die neuen Epox­id­harz-Bestandteile gibt es zurzeit keine Tests. Auch deshalb bleiben viele Allergien unerkannt.
Schon seit über zehn Jahren arbeit­et der Arbeit­skreis INQA-Epox­ibew­er­tung unter Fed­er­führung der BG BAU gemein­sam mit Her­stellern, ver­ar­bei­t­en­den Branchen, zuständi­gen Gew­erkschaften und Arbeitss­chützern aus vie­len Län­dern an Verbesserun­gen beim Umgang mit Epox­id­harzen. Ger­ade die Her­steller sind sehr daran inter­essiert, dass ihre Pro­duk­te sich­er ver­ar­beit­et wer­den und nicht in Verbindung mit Erkrankun­gen genan­nt wer­den. Um nicht in jedem europäis­chen Land eine andere Vorge­hensweise unter­stützen zu müssen, arbeit­en in diesem Arbeit­skreis u.a. der europäis­che Ver­band der Rohstoffher­steller für Epox­id­harze, die all­ge­meine Unfal­lver­sicherung aus Öster­re­ich AUVA, die Stiftung ARBOUW aus den Nieder­lan­den oder die schweiz­erische Unfal­lver­sicherung SUVA mit.
In den ver­gan­genen Jahren wur­den mit den Her­stellern gute Infor­ma­tio­nen definiert, d.h. Infor­ma­tio­nen, die ver­ständlich über die Gefahren aufk­lären und in denen nicht mit Bildern gewor­ben wird, auf denen die Beschäftigten keine Hand­schuhe ver­wen­den. Die Her­steller bieten ihren Kun­den Schu­lun­gen an, auf denen der tech­nisch richtige Ein­satz gezeigt und bei denen auch über die notwendi­gen Arbeitss­chutz­maß­nah­men aufgek­lärt wird. Die Her­steller haben Gebinde opti­miert, so dass ein Hautkon­takt zwar nicht aus­geschlossen ist, aber doch die Gefahr eines Hautkon­tak­tes min­imiert wird.
Der Arbeit­skreis „INQA-Epox­ibew­er­tung“ hat die geeigneten Schutzhand­schuhe ermit­telt. Schließlich haben die Unfal­lver­sicherungsträger mit ein­er Studie ein Rank­ing der Inhaltsstoffe von Epox­id­harzen hin­sichtlich ihrer sen­si­bil­isieren­den Potenz ermöglicht. Damit haben die Her­steller die Möglichkeit, bei der Entwick­lung von Epox­id­harz-Sys­te­men auf möglichst wenig sen­si­bil­isierende Stoffe zurück­zu­greifen. Die Lis­ten der geeigneten Schutzhand­schuhe sowie die Stu­di­energeb­nisse zum Rank­ing der Inhaltsstoffe sind unter www.bgbau.de/gisbau/fachthemen/epoxi zu finden.
Da die Erkrankungszahlen noch nicht zurück­ge­gan­gen sind (siehe Abb. 1), bemüht sich der Arbeit­skreis INQA-Epox­ibew­er­tung weit­er um Verbesserun­gen. In ein­er großen Studie haben die nieder-ländis­che ARBOUW (Wis­sens- und Dien­stleis­tungsin­sti­tut für Arbeits­be­din­gun­gen im Bauwe­sen in den Nieder­lan­den) und die BG BAU mehrere hun­dert Beschäftigte über ihren Umgang mit Epox­id­harzen befragt. Mit dieser Befra­gung sollte das Opti­mierungspoten­zial der Schutz­maß­nah­men in den epox­id-harzver­ar­bei­t­en­den Betrieben ermit­telt wer­den. Die Bekan­nt­gabe der Ergeb­nisse dieser Studie war Anlass für die Fach­ta­gung der BG BAU am 17. April in Köln.
Das ARBOUW/BG BAU Epoxidharz-Projekt
Zwis­chen den Jahren 2011 und 2014 wur­den Beschäftigte anhand umfan­gre­ich­er Frage­bö­gen zum Umgang mit Epox­id­harzen befragt. Mehr als 60 Fra­gen waren von Epox­id­harz-Allergik­ern sowie von Kol­le­gen, die mit Epox­id­harzen umge­hen, aber nicht erkrankt sind, zu beant­worten. Darüber hin­aus kon­nten die Erkrank­ten in einem aufwendig gestal­teten Frage­bo­gen (Abb. 2) den Zus­tand ihrer Hände Allergie-Erschei­n­un­gen zuord­nen. Die Befragten wur­den durch Tele­fo­nan­rufe motiviert, die Frage­bö­gen auszufüllen.
Ins­ge­samt wur­den 527 Per­so­n­en angeschrieben, die sich zwis­chen 2004 und 2012 in Betrieben der Bauwirtschaft eine Epox­id­harz-Allergie zuge­zo­gen haben, sowie 828 Kol­le­gen, die mit Epox­id­harz umge­hen, aber nicht erkrankt waren. 185 Erkrank­te (35%) und 242 Kon­trollen (29%) sandten die Frage­bö­gen aus­ge­füllt zurück.
Dr. Klaus Ker­st­ing, BG BAU, kon­nte zeigen, dass das Kollek­tiv der Erkrank­ten, die geant­wortet haben, bezüglich Geschlecht (weit über­wiegend Män­ner), Altersverteilung und Verteilung der Schwere der Hauterkrankung ver­gle­ich­bar ist mit allen 2004 bis 2012 an Epox­id­harz-Allergien Erkrank­ten bei der BG BAU. Er berichtete auch, dass die tele­fonis­che Kon­tak­tauf­nahme der Befragten ein großes Inter­esse an der The­matik gezeigt hat. 80% der Erkrank­ten und 60 % der Kon­trollen wollen über das Ergeb­nis der Studie informiert werden.
Dr. Ton Spee, der bei ARBOUW fed­er­führend für die Studie war, stellte die Auswer­tung der Frage­bö­gen vor. Diese erfol­gte am Insti­tut IRAS der Uni­ver­sität Utrecht, das große Erfahrung mit der Auswer­tung arbeitss­chutzspez­i­fis­ch­er Frage­bö­gen hat. Das IRAS ermit­telte, dass die Gruppe der Erkrank­ten und der Kon­trollen hin­sichtlich Alter und der kumu­la­tiv­er Expo­si­tion (Jahre mal Stun­den pro Woche) ver­gle­ich­bar sind. Die in Tabelle 1 dargestell­ten Fak­toren zeigen eine Assozi­a­tion zum Risiko, an ein­er Epox­id­harz-Allergie zu erkranken.
Disku­tiert wurde, dass „Duschen“ nach der Arbeit ein Fak­tor ist, der zu weniger Erkrankun­gen führt. Dies ist vor allem auf den mit dem Duschen ver­bun­de­nen Klei­der­wech­sel zurück­zuführen. Denn beim Umgang mit Epox­id­harzen ist beson­ders darauf zu acht­en, dass die Arbeit­sklei­dung nach Arbeit­sende aus­ge­zo­gen wird. Auf keinen Fall darf Klei­dung, die eventuell mit Epox­id­harz ver­schmutzt ist, nach Arbeit­sende, z.B. auf dem Nach­hauseweg, weit­er getra­gen werden.
Auch damit macht laut Dr. Spee die Studie noch ein­mal deut­lich, dass ohne Unter­weisung und Schu­lung alle anderen Schutz­maß­nah­men wirkungs­los bleiben. Gebinde, die helfen, den Hautkon­takt zu ver­mei­den, sind nur dann nüt­zlich, wenn sie richtig einge­set­zt wer­den. Chemikalien-Schutzhand­schuhe müssen richtig ver­wen­det wer­den (d.h. sie müssen auch ohne sich zu ver­schmutzen wieder aus­ge­zo­gen wer­den). Und es sind milde Hautreini­gungsmit­tel einzuset­zen, wenn doch ein­mal etwas auf die Haut gelangt ist. Schließlich sollte Hautpflege der Stan­dard sein.
„Unsere Studie macht den hohen Stel­len­wert eines pro­fes­sionellen Umgangs mit Epox­id­harzen deut­lich“, betonte dann auch Herr Schmidt-Krae­pelin von der Geschäfts­führung der BG BAU bei der sehr gut besucht­en Pressekon­ferenz. Mit Blick auf diese Schutz­maß­nah­men wurde auf die in Gefahren durch die in Baumärk­ten und sog­ar bei Disk­oun­tern ange­bote­nen Epox­id­harze ver­wiesen. Viele dieser Pro­duk­te wer­den mit Bildern und Videos bewor­ben, auf denen ohne Hand­schuhe gear­beit­et wird. In ihren Sicher­heits­daten­blät­tern wer­den allerd­ings Hand­schuhe gefordert. Meist kosten dieses Schutzhand­schuhe deut­lich mehr als die Epox­id­harz-Pro­duk­te. „Im pri­vat­en Bere­ich haben Epox­id­harze daher nichts zu suchen“, forderte Dr. Rein­hold Rühl von der BG BAU. „Denn Epox­id­harze sind hochreak­tive Chemikalien, für deren Umgang Fachken­nt­nisse notwendig sind.“
ARBOUW/BG BAU Epoxidharz-Erklärung
Herr Frank Wern­er, stel­lvertre­tender Leit­er der Präven­tion der BG BAU, stellte die ARBOUW/BG BAU-Epox­id­harz-Erk­lärung vor. Darin beto­nen die bei­den Insti­tu­tio­nen die her­vor­ra­gen­den tech­nis­chen Eigen­schaften der Epox­id­harze und die damit ver­bun­dene Schwierigkeit, sie zu erset­zen. Sie weisen darauf hin, dass Epox­id­harze als anspruchsvolle Hochtech­nolo­gie-Chemikalien fachgerecht ver­ar­beit­et wer­den müssen, damit ihre Qual­itäten zur Gel­tung kom­men. Schließlich fordern ARBOUW und BG BAU, Epox­id­harze nur noch von Fach­be­triebe einzuset­zen, um so das hohe Sen­si­bil­isierungspoten­zial dieser Chemikalien in den Griff zu bekommen.
Übri­gens hat­te der Fachver­band Fliesen und Naturstein bere­its 2009 anlässlich der Vorstel­lung des INQA-Epox­i­harz-Bew­er­tungssys­tems seine Mit­glieder aufge­fordert, Epox­id­harz-Pro­duk­te zu bevorzu­gen, die von INQA pos­i­tiv bew­ertet werden.
Herr Jan Warn­ing, Direk­tor von ARBOUW, schloss die Fach­ta­gung. Er wies darauf hin, dass, von speziellen Anwen­dun­gen abge­se­hen, in den Nieder­lan­den die gle­ichen Anwen­dun­gen, aber auch die gle­ichen Prob­leme mit Epox­id­harzen beste­hen. Schließlich wer­den in den Nieder­lan­den in der Regel die gle­ichen Pro­duk­te, oft unter dem gle­ichen Namen verkauft, wie in Deutsch­land. Er betonte: „Durch die gemein­same Arbeit im Arbeit­skreis INQA-Epoxi-bew­er­tung wurde viel erre­icht. Die Her­steller liefern gute Infor­ma­tio­nen zum sicheren Umgang mit Epox­id­harzen, sie opti­mieren die Gebinde und in Zukun­ft set­zen sie hof­fentlich möglichst wenig sen­si­bil­isierende Inhaltsstoffe ein.
Trotz all dieser Vorar­beit­en durch die Her­steller müssen let­zten Endes die Betriebe mit sen­si­bil­isieren­den Epox­id-harzen umge­hen. Sie müssen diese Arbeit ernst nehmen, sie müssen sich der Allergie-Gefahr bewusst sein und die Beschäftigten müssen die notwendi­gen Schutz­maß­nah­men ergreifen. Hier helfen uns die Ergeb­nisse unseres Epox­id­harz-Pro­jek­tes weit­er. Fachar­beit lohnt sich, ins­beson­dere beim Ein­satz von Epox­id­harzen. Für die Betriebe, die ein gutes Epox­id­harz-Pro­dukt abliefern und für die Beschäftigten, die gesund bleiben. Daher ver­weise auch ich auf unsere gemein­same Epoxidharz-Erklärung.“
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