Startseite » Sicherheit » Elektrosicherheit »

Risi­ko­be­ur­tei­lung mit HaRMONY

Maschinensicherheit
Risi­ko­be­ur­tei­lung mit HaRMONY

Anzeige
Die euro­päi­sche Maschi­nen­richt­li­nie sowie deren natio­nale Umset­zun­gen (in Deutsch­land ProdSG und 9. ProdSV) fordern vom Herstel­ler von Maschi­nen als Teil des Konstruk­ti­ons­pro­zes­ses die Durch­füh­rung einer Risi­ko­be­ur­tei­lung. Gege­be­nen­falls erst nach hinrei­chen­den Maßnah­men zur Risi­ko­min­de­rung dürfen nur sichere Maschi­nen in Europa in Verkehr gebracht werden. Dieser Beitrag zeigt bekannte Verfah­ren zur Risi­ko­be­ur­tei­lung auf und stellt diese dem neuen Verfah­ren HaRMONY gegen­über.

Dr. Volker Rohbeck
Safety Consul­tant
Leuze elec­tro­nic GmbH + Co. KG

Betrei­ber von Maschi­nen­an­la­gen werden durch die deut­sche Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung dazu verpflich­tet, eine regel­mä­ßig zu wieder­ho­lende Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung durch­zu­füh­ren. Ziel ist es, gege­be­nen­falls durch Nach­rüs­ten von Sicher­heits­tech­nik, das Bedien- und Instandhaltungs-Personal von Produk­ti­ons­an­la­gen nach dem jewei­li­gen Stand der Tech­nik zu schüt­zen.
Sowohl die Risi­ko­be­ur­tei­lung als auch die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung beinhal­ten als wesent­li­che Schritte
  • eine Gefähr­dungs­ana­lyse: Auflis­tung aller rele­van­ten Gefähr­dun­gen, also poten­zi­el­ler Möglich­kei­ten der Schä­di­gung von Perso­nen in jeder Lebens- und Betriebs­phase der Maschine(n) wie etwa Auto­ma­tik­be­trieb, Kali­brie­ren, Reini­gen, Repa­rie­ren etc.
  • eine Risi­ko­ein­schät­zung: Abschät­zen des Risi­ko­grads einzeln für jede Gefähr­dung. Das ist die Kombi-nation aus Schwere einer mögli­chen Perso­nen­schä­di­gung und Wahrschein-lichkeit des Eintre­tens dieser Schä­di­gung, die zum Beispiel als erforder-licher Safety Perfor­mance Level PLr oder erfor­der­li­cher Safety Inte­grity Level SILCL für steue­rungs­tech­ni­sche Maßnah­men ausge­drückt werden kann.
Die Grund­norm ISO 12100:2010 beschreibt das itera­tive Vorge­hen zur Minde­rung von Risi­ken. Sie schreibt auch die Reihen­folge der Maßnah­men zur Mini­mie­rung der Risi­ken folgen­der­ma­ßen vor:
  • Konstruk­tive Maßnah­men: Zunächst sind alle Möglich­kei­ten zur Ände­rung der Konstruk­tion einer Maschi­nen oder des Prozess­ab­laufs auszu­schöp­fen, um Risi­ken gar nicht erst entste­hen zu lassen.
  • Tech­ni­sche Maßnah­men: Erst wenn alle Möglich­kei­ten der Verän­de­rung der Konstruk­tion oder des Produk­ti­ons­flus­ses ausge­schöpft sind, kommen tech­ni­sche Maßnah­men zum Einsatz. Neben konstruktiv-technischen Maßnah­men wie Schutz­zäu­nen, Klap­pen, Hauben etc. können das auch steue­rungs­tech­ni­sche Maßnah­men wie der Einsatz opti­scher Schutz­ein­rich­tun­gen sein.
  • Orga­ni­sa­to­ri­sche Maßnah­men: Blei­ben auch nach dem erschöp­fen­den Einsatz von Schutz­ein­rich­tun­gen noch Rest­ri­si­ken oder gibt es am Markt keine geeig­nete Sicher­heits­tech­nik, müssen Warn­hin­weise und gege­be­nen­falls Markie­run­gen an der Maschine ange­bracht werden. Herstel­ler müssen in ihren Unter­la­gen zur Maschine auf diese Risi­ken aufmerk­sam machen und können damit die Betrei­ber der Maschine zur Anwen­dung perso­nen­ge­bun­de­ner Maßnah­men verpflich­ten.
  • Perso­nen­ge­bun­dene Maßnah­men: Sind durch Betrei­ber von Maschi­nen umzu­set­zen und umfas­sen zum Beispiel Gehör­schutz, Schutz­helm, Schutz­brille, Hand­schuhe etc.
Für jede Gefähr­dung muss das Risiko jeweils vor und nach Maßnah­men einge­schätzt und doku­men­tiert werden, um die Wirk­sam­keit der gewähl­ten Maßnah­men nach­zu­wei­sen. Dabei genügt es nicht, die Erfül­lung der Anfor­de­run­gen an die oben ange­führ­ten PLr bezie­hungs­weise SILCL von steue­rungs­tech­ni­schen Maßnah­men mit geeig­ne­ten Tools (z.B. SISTEMA) nach­zu­wei­sen, denn konstruk­tiv­tech­ni­sche, orga­ni­sa­to­ri­sche und perso­nen­ge­bun­dene Maßnah­men haben keinen PL oder SIL.
In der Regel müssen verschie­dene Verfah­ren zur Bewer­tung des Risi­kos von Gefähr­dun­gen und zur Ermitt­lung der erfor­der­li­chen steue­rungs­tech­ni­schen Kenn­werte ange­wandt werden. Keines dieser Verfah­ren ist dabei durch die Maschi­nen­richt­li­nie, die Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung oder durch eine Norm vorge­schrie­ben – sowohl bei der Auswahl des Verfah­rens als auch bei der Einschät­zung der jewei­li­gen Risi­ko­pa­ra­me­ter hat der Anwen­der die Qual der Wahl – und das macht es nicht einfa­cher.
Das Risiko einer Gefähr­dung kann aus folgen­den Risi­ko­pa­ra­me­tern ermit­telt werden, deren Kombi­na­tion den Risi­ko­grad bestimmt:
  • S (Severity):Schadensausmaß bei Eintritt einer Schä­di­gung
  • F (Frequency) oder E (Expo­si­tion): Häufig­keit und Dauer der Anwe­sen­heit von Perso­nen
  • O (Occur­rence): Wahr­schein­lich­keit des Auftre­tens der Gefähr­dung
  • P (Probablity) oder A (Avoidance):Möglichkeit der Vermei­dung oder Minde­rung einer Schä­di­gung
Mögli­che Verfah­ren zur Risi­ko­ein­schät­zung sind neben einfa­chen tabel­la­ri­schen Verfah­ren wie etwa das Verfah­ren nach Nohl unter ande­rem
  • das graphi­sche Verfah­ren nach ISO 13849–1, Anhang A
  • das rech­ne­ri­sche Verfah­ren nach IEC 62061, Anhang A
  • und (weni­ger bekannt) das rech­ne­ri­sche Verfah­ren HRN (Hazard Rating Numbers)
die nach­fol­gend kurz vorge­stellt werden.

Das Verfah­ren nach ISO 13849–1

Abbil­dung 1 zeigt den in ISO 13849–1:2015 Anhang A verwen­de­ten Risi­ko­gra­phen. Als Ergeb­nis wird jeweils pro Sicher­heits­funk­tion der erfor­der­li­che Safety Perfor­mance Level PLr für steue­rungs­tech­ni­sche Maßnah­men ermit­telt. Der Ansatz erscheint zunächst über­sicht­lich und einfach. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass wenig geübte Perso­nen mangels konkre­ter Werte­be­reichs­vor­ga­ben für die Risi­ko­pa­ra­me­ter Probleme mit der Auswahl zwischen zwei Werten haben und sicher­heits­hal­ber zu den höhe­ren Werte x2 tendie­ren – das kann die Sicher­heits­tech­nik teurer als nötig machen.
Die Bewer­tung ande­rer als steue­rungs­tech­ni­scher Maßnah­men ist hier nicht vorge­se­hen, ebenso wenig wie der Nach­weis eines nach Maßnah­men hinrei­chend gemin­der­ten Risi­kos zur Been­di­gung des itera­ti­ven Verfah­rens nach ISO 12100 – als Ergeb­nis kommt immer ein PLr heraus; das heißt es ist noch etwas zu tun.

Das Verfah­ren nach IEC 62061

Im Anhang A dieser Norm wird ein rech­ne­ri­sches Verfah­ren empfoh­len, deren Risi­ko­pa­ra­me­ter in Abbil­dung 2 aufge­lis­tet sind. Statt aus nur zwei mögli­chen Werten auswäh­len zu müssen wie im graphi­schen Verfah­ren nach ISO 13849–1 stehen hier bis zu fünf Werte pro Para­me­ter zur Verfü­gung. Vorteil­haft ist auch die Vorgabe konkre­ter Werte für den Para­me­ter „Häufig­keit“.
Abb. 2: Risi­ko­pa­ra­me­ter nach IEC 62061, Anhang A
Aus der Addi­tion der einzel­nen Risiko-parameter ergibt sich zunächst die Risi­koklasse K:
K = F + P + O
Zusam­men mit der Schwere (S) der mögli­chen Schä­di­gung wird, wie in Abbil­dung 3 gezeigt, der erfor­der­li­che SILCL einer Sicher­heits­funk­tion ermit­telt. Auch mit diesem Verfah­ren kann der Prozess der Risi­ko­min­de­rung rech­ne­risch nach­weis­bar nicht in jedem Fall been­det werden. Andere als steue­rungs­tech­ni­sche Maßnah­men werden nicht betrach­tet.

Hazard Rating Numbers (HRN)

Im rech­ne­ri­schen HRN-Verfahren werden vergleichs­weise viele Bewer­tun­gen pro Para­me­ter vorge­ge­ben. Zum Teil werden auch Werte­be­rei­che für die einzel­nen Para­me­ter ange­ge­ben – der Wert kann also vom Anwen­der leicht vari­iert werden. Der Para­me­ter P bezie­hungs­weise A für die Möglich­keit der Scha­dens­ver­mei­dung ist nicht vorge­se­hen. Statt­des­sen können Auswir­kun­gen auf mehr als eine Person über den Para­me­ter N berück­sich­tigt werden. Das ist im Bereich Maschi­nen­si­cher­heit mit der still­schwei­gen­den Annahme von einer oder maxi­mal zwei geschä­dig­ten Perso­nen meist nicht nötig, kann in der Prozess- oder Verkehrs­si­cher­heits­tech­nik aber wirk­sam verwen­det werden kann. F bewer­tet nur die Häufig­keit, nicht aber die Dauer der Gefährdungs-Exposition (siehe Abb. 4).

Abb. 3: Risi­ko­grad als SILCL aus Risi­koklasse K und Scha­dens­aus­maß S nach IEC

Abb. 4: Risi­ko­pa­ra­me­ter des HRN-Verfahrens

Der Risi­ko­grad R einer Gefähr­dung wird nun durch Multi­pli­ka­tion der Risikopara-meter ermit­telt und anschlie­ßend bewer­tet (siehe Abb. 5):
R = S x N x F x O
Ein großer Vorteil der Multi­pli­ka­tion ist, dass der Risi­ko­grad auch dann klein wird, wenn nur einer der unab­hän­gi­gen Risi­ko­pa­ra­me­ter sehr klein wird. Das ist v.a. für die Risi­ko­ein­schät­zung nach Maßnahme(n) nütz­lich, wenn durch die Maßnahme(n) nur einer der Para­me­ter, zum Beispiel die Wahr­schein­lich­keit des Eintritts einer Gefähr­dung, stark redu­ziert wird. Für die Bewer­tung steue­rungs­tech­ni­scher Maßnah­men fehlt im HRN-Verfahren aller­dings die Ablei­tung eines PLr bezie­hungs­weise SILCL aus dem Risi­ko­grad. Darüber hinaus kann nicht jeder Risi­ko­pa­ra­me­ter als vernach­läs­sig­bar und damit mit quasi Null bewer­tet werden, um das Rest­ri­siko nach Maßnah­men als hinrei­chend klein bewer­ten zu können. Genau das war Anlass für die Weiter­ent­wick­lung dieses Verfah­rens zu HaRMONY.
Abb. 5: Risi­ko­ein­schät­zung nach HRN

Das Verfah­ren HaRMONY

Die zuvor beschrie­be­nen Verfah­ren zur Risi­ko­ein­schät­zung im Rahmen der Risi­ko­be­ur­tei­lung von Maschi­nen­her­stel­lern bezie­hungs­weise der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung von Maschi­nen­be­trei­bern sind für ihren jewei­li­gen Zweck, der Ermitt­lung der erfor­der­li­chen sicher­heits­tech­ni­schen Kenn­grö­ßen PLr bezie­hungs­weise SILCL für steue­rungs­tech­ni­sche Maßnah­men, gut geeig­net, zeigen aber Schwä­chen bei der Anwen­dung für den gesam­ten Prozess der Risi­ko­min­de­rung nach ISO 12100. Das HRN-Verfahren (Hazard Rating Numbers) erscheint für diesen über­ge­ord­ne­ten Prozess geeig­ne­ter, liefert aber nicht diese wich­ti­gen steue­rungs­tech­ni­schen Kenn­grö­ßen. Darüber hinaus ist HRN nicht hinrei­chend für die Beschrei­bung der Wirkung aller sicher­heits­tech­ni­schen Maßnah­men. Genau das ist der Anspruch des Verfah­rens HaRMONY (Hazard Rating for Machinery and prOcess iNdus­trY).
Es basiert auf dem rech­ne­ri­schen Ansatz des HRN-Verfahrens, enthält aber folgende Ergän­zun­gen:
  • Einbe­zie­hen des Risi­ko­pa­ra­me­ters A (Avoid­ance)
  • Bewer­tung von Häufig­keit und Dauer der Gefährdungs-Exposition
  • Ergän­zen eines Wertes (0,01) für die Bewer­tung von Para­me­tern nach Maßnahme(n)
  • Defi­nie­ren von Anfor­de­run­gen an steue­rungs­tech­ni­sche Sicher­heits­funk­tio­nen: PLr und SILCL
  • Anpas­sung der Risi­ko­be­wer­tung und der Werte­be­rei­che der Risi­ko­pa­ra­me­ter an die Para­me­ter der Normen ISO 13849–1 und IEC 62061
HaRMONY verwen­det die folgen­den Risi­ko­pa­ra­me­ter:
  • S (Seve­rity) – Scha­dens­aus­maß, Schwere der mögli­chen Verlet­zung (siehe Abb. 6)
  • Die Bewer­tung 0,01 kann zur Been­di­gung des Risi­ko­min­de­rungs­pro­zes­ses nach ISO 12100 verwen­det werden, beispiel­weise wenn durch geeig­nete Maßnah­men eine gefähr­li­che Bewe­gung recht­zei­tig zum Still­stand kommt und deshalb keine Schä­di­gung mehr auftre­ten kann.
  • E (Expo­si­tion) – Häufig­keit und Dauer der Gefährdungs-Exposition (siehe Abb. 7)

Abb. 6: S (Seve­rity) – Scha­dens­aus­maß, Schwere der mögli­chen Verlet­zung; Quelle: Leuze elec­tro­nic

Abb. 7: E (Expo­si­tion) – Häufig­keit und Dauer der Gefährdungs-Exposition; Quelle: Leuze elec­tro­nic

Para­me­ter E erfasst neben der Häufig­keit des Aufent­halts von Perso­nen im Gefahr­be­reich auch deren Aufent­halts­dauer. Die in der rech­ten Tabelle von Abbil­dung 7 ange­ge­be­nen 3 Grenz­werte unter­tei­len die Dauer in der zuge­hö­ri­gen Zeile in 4 Berei­che – sie reprä­sen­tie­ren die Schräg­stri­che in der Spalte „Bewer­tung“. So wird etwa für den stünd­lich wieder­keh­ren­den Aufent­halt zwischen 3 und 15 Minu­ten der Wert 8 benutzt, für eine deut­lich längere Dauer der Wert 12. Es steht dem Benut­zer prin­zi­pi­ell frei, von den Bewer­tun­gen im Rahmen des Zeit­be­reichs etwas abzu­wei­chen. So könnte ein stünd­lich wieder­keh­ren­der Aufent­halt von 20 Minu­ten Dauer auch mit 9 bewer­tet werden.

Die Werte auf der linken Seite (0,02…0,5) sind ausschließ­lich für leicht vermeid­bare Gefähr­dun­gen an Bestands­an­la­gen in Verbin­dung mit sub-optimalen Schutz­ein­rich­tun­gen vorge­se­hen, in deren Nähe sich norma­ler­weise kein Arbeits­platz befin­det. So könnte zum Beispiel das Quet­schen und Sche­ren der oberen Glied­ma­ßen an Rollen­bah­nen durch eine nach­träg­lich instal­lierte opti­sche Schutz­ein­rich­tung als Zugangs­si­che­rung weit­ge­hend verhin­dert werden, auch wenn aufgrund der bauli­chen Gege­ben­hei­ten der norma­tiv vorge­schrie­bene Mindest­ab­stand nicht einge­hal­ten werden kann. Denn die Expo­si­ti­ons­dauer verkürzt sich ja durch diese Maßnahme von „perma­nent“ auf „wenige (Milli-)Sekunden“. Diese Werte dürfen bei nicht vermeid­ba­ren Gefähr­dun­gen, etwa durch Bewe­gun­gen an Pres­sen oder Robo­tern, nicht verwen­det werden.
Die Bewer­tung 0,01 kann den Risi­ko­min­de­rungs­pro­zess nach ISO 12100 been­den, wenn das Errei­chen einer Gefahr­stelle wirk­sam verhin­dert wird – beispiel­weise durch einen Schutz­zaun, der eine Gefährdungs-Exposition nicht mehr zulässt.
Abb. 8: O (Occur­rence) – Wahr­schein­lich­keit des Auftre­tens der Gefähr­dung; Quelle: Leuze elec­tro­nic
O (Occur­rence) – Wahr­schein­lich­keit des Auftre­tens der Gefähr­dung (siehe Abb. 8)
Die Abschät­zung der Eintritts­wahr­schein­lich­keit von Gefähr­dun­gen nach textu­el­ler Beschrei­bung ist manch­mal schwie­rig. Deshalb werden ergän­zende Prozent­werte ange­ge­ben, die sich zum Beispiel auf den Zeit­an­teil bezie­hen können, in dem mit der Gefähr­dung gerech­net werden muss. Im Bereich Maschi­nen­si­cher­heit kann bei mechani-schen und elek­tri­schen Gefähr­dun­gen oft von den Extrem­wer­ten ausge­gan­gen werden – also tritt „sicher“ oder „sehr wahr­schein­lich“ auf oder „norma­ler­weise unmög­lich“ nach Maßnah­men. Die Bewer­tung 0,01 kann zum Beispiel dann verge­ben werden, wenn die betrach­tete Gefähr­dung durch konstruk­tive Maßnah-men oder Ände­run­gen im Prozess­ab­lauf nicht mehr entsteht.
Abb. 9: A (Avoid­ance) – Möglich­keit der Gefähr­dung auszu­wei­chen oder deren Wirkung zu begren­zen; Quelle: Leuze elec­tro­nic
A (Avoid­ance) – Möglich­keit der Gefähr­dung auszu­wei­chen oder deren Wirkung zu begren­zen (siehe Abb. 9)
Die Bewer­tung 1 kann zum Beispiel dann verwen­det werden, wenn eine Bewe­gung mit sicher redu­zier­ter Geschwin­dig­keit oder im Schritt­be­trieb mit Zustimm­schal­ter gesteu­ert werden kann. Die Rate 0,1 ermög­licht es, den Einfluss orga­ni­sa­to­ri­scher Maßnah­men zu bewer­ten. Da eine orga­ni­sa­to­ri­sche und damit willens­ab­hän­gige Maßnahme nicht gleich­wer­tig mit einer unab­hän­gig vom Willen wirk­sa­men Schutz­ein­rich­tung ist, wird hier nur eine Bewer­tung von 0,1 statt 0,01 wie unter S, E und O verwen­det. Zu beach­ten ist, dass orga­ni­sa­to­ri­sche Maßnah­men erst nach erschöp­fen­der Anwen­dung von konstruk­ti­ven und tech­ni­schen Schutz­maß­nah­men einge­setzt und mit 0,1 bewer­tet werden dürfen. „Die Mitar­bei­ter wurden belehrt und deshalb ist keine Sicher­heits­tech­nik nötig“ entspricht nicht der Heran­ge­hens­weise der ISO 12100!
Abb. 10: N (Number) – Anzahl gleich­zei­tig betrof­fe­ner Perso­nen; Quelle: Leuze elec­tro­nic
N (Number) – Anzahl gleich­zei­tig betrof­fe­ner Perso­nen (siehe Abb. 10)
N ist in der Maschi­nen­si­cher­heit meist 1. In der Prozess­si­cher­heit und der Verkehrs­si­cher­heit können auch mehrere bis viele Menschen von einer Gefähr­dung betrof­fen sein – zum Beispiel bei Explo­si­ons­ge­fahr oder einem Zugun­glück. Dementspre­chend höher ist das Risiko und dementspre­chend hoch­wer­ti­ger müssen sicher­heits­tech­ni­sche Maßnah­men ausge­legt werden. Die Bewer­tung 0 kann beispiels­weise dann verge­ben werden, wenn durch Ände­run­gen des Produk-tionsprozesses (Maßnahme) keine Bedien­per­son mehr benö­tigt wird und damit niemand mehr von der betrachte-ten Gefähr­dung geschä­digt werden kann. Das drückt sich aber gleich­zei­tig in den Para­me­tern S und E aus.
Der Risi­ko­grad R errech­net sich schließ­lich durch Multi­pli­ka­tion der Risi­ko­pa­ra­me­ter:
Einfa­cher zu merken ist viel­leicht die Reihen­folge
R = E x A x S x O x N
weil sich das Wort „reason“ (engl. für Grund, Begrün­dung, Ursa­che) ergibt.
Abb. 11: Berech­nung des Risi­ko­grads; Quelle: Leuze elec­tro­nic
Wie der Risi­ko­grad bewer­tet wird, zeigt Abbil­dung 11.
Anfor­de­run­gen an steue­rungs­tech­ni­sche Maßnah­men sind ebenso enthal­ten wie der nume­ri­sche Risi­ko­grad zur Bewer­tung von nicht-steuerungstechnischen Maßnah­men. Safety Perfor­mance Level PL a nach ISO 13849–1 hat keine Entspre­chung als SIL und wird von HaRMONY nicht verwen­det.
SIL 4 wird nicht durch IEC 62061, aber durch die Grund­norm IEC 61508 defi­niert.
HaRMONY unter­stützt somit die Risi­ko­ein­schät­zung während des gesam­ten itera­ti­ven Prozes­ses der Risi­ko­min­de­rung nach ISO 12100, sowohl vor als auch nach Maßnah­men. Dies soll an einem Beispiel im Folgen­den demons­triert werden:
An einer Gesenk­bie­ge­presse (umgangs­prach­lich Abkant­presse) besteht bei unge­schütz­tem Arbei­ten die Gefahr des Abtren­nens mehre­rer Finger beim Aufset­zen des Ober­werk­zeugs auf das Werk­stück. Ohne bezie­hungs­weise vor Schutz­maß­nah­men kann sich dadurch folgende Einschät­zung des Risi­kos mit HaRMONY erge­ben:
  • S = 15; Seve­rity: Verlust von 2 oder mehr Glied­ma­ßen
  • E = 20; Expo­si­tion: Perma­nent, da der Bedie­ner stän­dig an der Presse arbei­tet
  • O = 15; Occu­rence: Gefähr­dung tritt sicher bei jeder Abwärts­be­we­gung auf
  • A = 5; Avoid­ance: Auswei­chen vor der Gefähr­dung ist unmög­lich
  • N = 1; Number: Einer, max. zwei Bedie­ner arbei­ten an der Presse
Daraus ergibt sich ein Risi­ko­grad vor Maßnah­men von
R = 15 x 20 x 15 x 5 x 1 = 22.500
- PLr = PL e, SILCL = SIL3
Mögli­che Schutz­maß­nah­men sind:
  • Licht­vor­hang mit Ausblen­dung oder redu­zier­ter Auflö­sung, falls größere Bleche gebo­gen werden
  • Spezi­elle Schutz­sys­teme für Gesenk­bie­ge­pres­sen wie z.B. AKAS von Fa. Fiess­ler oder Schutz­ein­rich­tun­gen von Fa. Lazer­Safe, die bei korrek­ter Anwen­dung die gefähr­li­che Bewe­gung bei Unter­bre­chung des Schutz­felds recht­zei­tig stop­pen.
Nach Anwen­dung einer dieser Maßnah­men erge­ben sich folgende Risi­ko­pa­ra­me­ter:
  • S = 0,01; Seve­rity: Norma­ler­weise keine Schä­di­gung, Bewe­gung gestoppt
  • E = 20; Expo­si­tion: Perma­nent, da der Bedie­ner stän­dig an der Presse arbei­tet
  • O = 0,01; Occu­rence: Keine Gefähr­dung mehr – Bewe­gung gestoppt
  • A = 5; Avoid­ance: Vermei­den der poten­zi­el­len Gefähr­dung bleibt unmög­lich
  • N = 1; Number: Einer, max. zwei Bedie­ner arbei­ten an der Presse
Nach dieser wirk­sa­men Maßnahme ergibt sich deshalb ein Risi­ko­grad von
R = 0,01 x 20 x 0,01 x 5 x 1 = 0,01
(Risiko hinrei­chend gemin­dert)
Fazit
Mit HaRMONY ist es möglich, den gesam­ten Prozess der Risi­ko­min­de­rung nach ISO 12100 fein­tei­lig zu quan­ti­fi­zie­ren. Vorteil­haft an diesem multi­pli­ka­ti­ven Verfah­ren ist, dass der Prozess über jeden der verwen­de­ten Risi­ko­pa­ra­me­ter been­det werden kann.
Anzeige
News­let­ter

Jetzt unse­ren News­let­ter abon­nie­ren

Meistgelesen

Jobs
Sicher­heits­be­auf­trag­ter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 8
Ausgabe
8.2020
ABO
Sicher­heits­in­ge­nieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 7
Ausgabe
7.2020
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de