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Zur Psychologie der Gefahrenwahrnehmung

Warum Sicherheit manchmal gefährlich ist
Zur Psychologie der Gefahrenwahrnehmung

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Betra­chtet man die Unfal­lzahlen, so lässt sich fes­thal­ten, dass Fliegen und auf der Auto­bahn Fahren deut­lich unge­fährlich­er sind als Aut­o­fahren auf der Land­straße. Viele Men­schen denken aber genau das Gegen­teil. Wie kommt es zu dieser Ein­schätzung und welche Kon­se­quen­zen hat dies für unser Ver­hal­ten? Mit diesen Fra­gen beschäftigt sich die Psy­cholo­gie der Gefahren­wahrnehmung.

Dr. Hiltraut Pari­don

Die Gefahren­wahrnehmung (auch: Gefahrenkog­ni­tion, Gefahrenein­schätzung) ist die gedachte, sub­jek­tive Gefährlichkeit eines Ereigniss­es oder ein­er Tätigkeit, bei dem es zu ein­er Schädi­gung oder Beein­träch­ti­gung von Per­so­n­en kom­men kann. Es geht also um die Frage: Für wie gefährlich halte ich etwas? Die sub­jek­tive Ein­schätzung lässt sich der tat­säch­lichen Gefahr gegenüber­stellen. Ins­ge­samt gibt es drei Möglichkeit­en:
  • Die sub­jek­tive Gefährlichkeit und die objek­tive Gefahr stim­men übere­in. Wir hal­ten eine Tätigkeit oder ein Ereig­nis also für so gefährlich wie es tat­säch­lich ist – hier spricht man von real­is­tis­ch­er Gefahren­wahrnehmung.
  • Die sub­jek­tive Gefährlichkeit ist größer als die objek­tive Gefahr. Wir hal­ten eine Tätigkeit oder ein Ereig­nis also für gefährlich­er als es tat­säch­lich ist – wir über­schätzen die Gefahr.
  • Die sub­jek­tive Gefährlichkeit ist geringer als die objek­tive Gefahr. Wir hal­ten eine Tätigkeit oder ein Ereig­nis also für weniger gefährlich als es tat­säch­lich ist – wir unter­schätzen die Gefahr.
Prob­lema­tisch ist es, wenn man die Gefahr unter­schätzt: Hier fühlen wir uns sicher­er als wir tat­säch­lich sind.
 
Ver­schiedene Unter­suchun­gen haben gezeigt, dass die meis­ten Tätigkeit­en von den Per­so­n­en, die die Tätigkeit­en aus­führen, richtig eingeschätzt wer­den. Dies ist erwartungs­gemäß und auch gut so, da es bedeutet, dass die meis­ten Tätigkeit­en real­is­tisch betra­chtet wer­den.
 
Ein Teil der Tätigkeit­en wird jedoch falsch eingeschätzt. Fasst man mehrere Unter­suchun­gen zusam­men, so zeigt sich, dass cir­ca 70 Prozent der Tätigkeit­en real­is­tisch eingeschätzt wer­den und jew­eils cir­ca 15 Prozent über- bzw. unter­schätzt wer­den.
 
Betra­chtet man nun, wie viele Unfälle auf diese Tätigkeit­en ent­fall­en, so zeigt sich fol­gen­des Bild: Etwa die Hälfte der Unfälle ent­fällt auf die real­is­tisch eingeschätzten Tätigkeit­en und weniger als zehn Prozent der Unfälle ent­fall­en auf die über­schätzten Tätigkeit­en. Auf die unter­schätzten Tätigkeit­en ent­fall­en hinge­gen über 40 Prozent der Unfälle. Ger­ade bei den Tätigkeit­en, die wir für unge­fährlich hal­ten, passiert also beson­ders viel. Dieses Ergeb­nis ist in Abbil­dung 1 dargestellt. Wie kommt es hierzu?

Erfahrungen spielen eine Rolle

Unsere Gefahrenein­schätzung wird wesentlich durch unsere Erfahrun­gen und durch Lern­vorgänge bes­timmt. Hier­bei spie­len vor allem die Kon­se­quen­zen unseres Ver­hal­tens eine Rolle. Wenn etwas Pos­i­tives passiert, wir also zum Beispiel für eine Arbeit gelobt wer­den, ist es wahrschein­lich, dass wir das Ver­hal­ten wieder zeigen. Wenn etwas Neg­a­tives passiert, steigt die Wahrschein­lichkeit, dass wir das Ver­hal­ten nicht mehr zeigen. Dies scheint klar zu sein.
 
Was aber passiert, wenn wir etwas Pos­i­tives nicht bekom­men, obwohl wir es erwartet haben oder etwas Neg­a­tives nicht bekom­men, obwohl wir damit hät­ten rech­nen müssen? Im ersten Fall sinkt die Wahrschein­lichkeit für unser Ver­hal­ten: Wir haben uns zum Beispiel für eine Arbeit angestrengt und erwarten ein Lob hier­für – es bleibt aber aus. Wir wer­den uns beim näch­sten Mal eher nicht mehr so sehr anstren­gen.
 
Im zweit­en Fall steigt die Wahrschein­lichkeit für unser Ver­hal­ten: Wir haben gegen eine Sicher­heit­sregel ver­stoßen – sind zum Beispiel zu schnell gefahren oder haben ohne PSA (Per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung) gear­beit­et. Eigentlich hät­ten wir hier­für eine Strafe erhal­ten müssen – sie bleibt aber aus. Wir wer­den beim näch­sten Mal eher wieder zu schnell fahren oder ohne PSA arbeit­en. Der zulet­zt beschriebene Fall passiert sehr häu­fig beim The­ma Sicher­heit: Wir ver­stoßen gegen eine Sicher­heit­sregel, es passiert aber nichts Neg­a­tives, son­dern unser Ver­hal­ten ist erfol­gre­ich. Dies „ver­stärkt“ unser Ver­hal­ten, so dass wir es beim näch­sten Mal genau­so hand­haben und beim übernäch­sten Mal und beim überübernäch­sten …
 
Let­zten Endes führt dies dazu, dass wir die Sit­u­a­tion beziehungsweise Tätigkeit für unge­fährlich hal­ten und wir begin­nen, uns weniger zu schützen und der Tätigkeit weniger Aufmerk­samkeit zuzuwen­den. Dies ist ein natür­lich­er Prozess, der vor allem bei häu­fig aus­ge­führten Tätigkeit­en, bei denen wir viel Rou­tine entwick­eln, stat­tfind­et und der eigentlich nüt­zlich ist: Bei unge­fährlichen Din­gen benöti­gen wir weniger Aufmerk­samkeit als bei gefährlichen.
 
Das Prob­lem: Die Tätigkeit ist in Wirk­lichkeit nicht unge­fährlich, son­dern wir wiegen uns – auf­grund unser­er Erfahrun­gen – in falsch­er Sicher­heit. Und genau dann passiert es: Es kracht. Die falschen Kon­se­quen­zen sicher­heitswidri­gen Ver­hal­tens – also das Aus­bleiben eines neg­a­tiv­en Ereigniss­es – ver­stärken das sicher­heitswidrige Ver­hal­ten und sta­bil­isieren es so.

Aufklärung ist wichtig

Es stellt sich natür­lich die Frage, was man tun kann. Zum einen ist es wichtig, die dargestell­ten Zusam­men­hänge zwis­chen
  • Rou­tine,
  • fehlen­den neg­a­tiv­en Kon­se­quen­zen,
  • sub­jek­tiv­er Gefährlichkeit und
  • unserem Ver­hal­ten
den Beschäftigten zu verdeut­lichen. Dass dem Ver­hal­ten, das immer gut geht und irgend­wann zur Rou­tine wird, weniger Aufmerk­samkeit zuteil wird, ist ein natür­lich­er Prozess unseres Gehirns – wenn es um Sicher­heit geht, ist dies aber manch­mal fatal. Und deshalb ist es umso wichtiger falsche Ver­hal­tenskon­se­quen­zen aufzudeck­en und durch
  • tech­nis­che,
  • organ­isatorische und
  • per­so­n­en­be­zo­gene
Maß­nah­men zu ändern. Hierzu gehört beispiel­sweise, dass nicht stillschweigend geduldet wird, wenn eine Per­son gegen Sicher­heit­sregeln ver­stößt oder der­jenige wom­öglich noch bewun­dert wird, der sich möglichst riskant ver­hält.
 
Schu­lun­gen und Aufk­lärung sind also ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu sicherem Ver­hal­ten. Eines sollte aber klar sein: Ver­hal­ten von Per­so­n­en zu verän­dern ist kaum kurzfristig möglich, son­dern erfordert beständi­ge (Sicherheits-)Arbeit.
 
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