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Psychische Belastungen in der Arbeitswelt

Welche Folgen sind möglich?

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Über psychi­sche Belas­tun­gen bei der Arbeit wurde bereits viel disku­tiert und geschrie­ben. Ob psychi­sche Belas­tun­gen für Fach­leute im Bereich Sicher­heit und Gesund­heit tatsäch­lich wich­tig sind, hängt natür­lich davon ab, welche Folgen sie für die Sicher­heit und Gesund­heit von Beschäf­tig­ten haben können. Betrach­tet man die Bericht­erstat­tung in den öffent­li­chen Medien, entsteht leicht der Eindruck, dass psychi­sche Belas­tun­gen unwei­ger­lich zu psychi­schen Erkran­kun­gen führen und dass psychi­sche Erkran­kun­gen die einzige Folge psychi­scher Belas­tun­gen sind. Doch was sagt die Wissen­schaft hierzu? Dieser Frage ist die Initia­tive Gesund­heit und Arbeit (iga) in einer Lite­ra­tur­ana­lyse nach­ge­gan­gen.

Dr. Hiltraut Pari­don

Zunächst noch einmal zu den Begrif­fen: In der Diskus­sion um das Thema „Psyche und Gesund­heit am Arbeits­platz“ finden sich immer wieder drei Begriffe und zwar „Psychi­sche Belas­tung“, „Psychi­sche Bean­spru­chung“ und „Psychi­sche Erkran­kung“.
Psychi­sche Belas­tung wird in der Norm EN ISO 10075–1:2000 „Ergo­no­mi­sche Grund­la­gen bezüg­lich psychi­scher Arbeits­be­las­tung“ defi­niert. Psychi­sche Belas­tung ist demnach „die Gesamt­heit aller erfass­ba­ren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukom­men und psychisch auf ihn einwir­ken.“ Es geht also um die Anfor­de­run­gen oder Merk­male, die sich aus einer Arbeits­si­tua­tion erge­ben. Der Begriff wird in der Norm – im Gegen­satz zur Alltags­spra­che – neutral verstan­den. Eine Belas­tung kann demnach also posi­tiv oder nega­tiv sein. Belas­tun­gen, die sich mit hoher Wahr­schein­lich­keit nega­tiv auswir­ken, bezeich­net man inzwi­schen häufig als „psychi­sche Fehl­be­las­tun­gen“.
Fach­leute haben sich mitt­ler­weile darauf verstän­digt, dass vor allem vier Kate­go­rien psychi­scher Belas­tun­gen bei der Arbeit rele­vant sind. Hier­bei handelt es sich um
  • die Arbeits­auf­gabe bzw. den Arbeits­in­halt
  • die Arbeits­or­ga­ni­sa­tion bzw. den Arbeits­ab­lauf
  • die Arbeits­um­ge­bung und die Arbeits­mit­tel und
  • die sozia­len Bezie­hun­gen.
In verschie­de­nen Tätig­keits­be­rei­chen kann noch eine weitere Kate­go­rie hinzu­kom­men. „Neue Arbeits­for­men“ können für die Belas­tungs­si­tua­tion der Beschäf­tig­ten eine Rolle spie­len (z.B. räum­li­che Mobi­li­tät, zeit­li­che Flexi­bi­li­sie­rung). Die fünf Kate­go­rien benennt auch die Gemein­same Deut­sche Arbeits­schutz­stra­te­gie (GDA) als Quelle psychi­scher Belas­tung. Sie soll­ten in der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tung betrach­tet werden.
Psychi­sche Bean­spru­chung wird eben­falls in der Norm defi­niert. Sie ist „die unmit­tel­bare (nicht die lang­fris­tige!) Auswir­kung der psychi­schen Belas­tung im Indi­vi­duum in Abhän­gig­keit von seinen jewei­li­gen über­dau­ern­den und augen­blick­li­chen Voraus­set­zun­gen, einschließ­lich der indi­vi­du­el­len Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien.“ Bei der Bean­spru­chung handelt es sich also um die Reak­tion der Person auf die Belas­tung – sie kann laut Belastungs-Beanspruchungs-Modell eben­falls posi­tiv (z. B. Freude) oder nega­tiv (z. B. Ärger) sein.
Psychi­sche Erkran­kun­gen sind krank­hafte Beein­träch­ti­gun­gen der Wahr­neh­mung, des Denkens, des Fühlens, des Verhal­tens oder der sozia­len Bezie­hun­gen, so dass ein Funk­ti­ons­be­reich (wie z.B. die Arbeit) deut­lich einge­schränkt ist. Es handelt sich dabei nicht um momen­tane Befin­dens­be­ein­träch­ti­gun­gen, sondern um länger anhal­tende Erkran­kun­gen.

Liter­ar­tur­ana­lyse

Zurück zur Lite­ra­tur­ana­lyse: Es ist leicht vorstell­bar, dass sich psychi­sche Belas­tun­gen auf unter­schied­li­che Aspekte auswir­ken, wie zum Beispiel die Moti­va­tion, die Leis­tung und Produk­ti­vi­tät oder auch das Sicher­heits­ver­hal­ten am Arbeits­platz. Welche Aspekte über­haupt unter­sucht werden und was bei diesen Unter­su­chun­gen raus­ge­kom­men ist, war Gegen­stand der vorlie­gen­den Analyse. Dabei ging es um nega­tive Auswir­kun­gen von psychi­schen Belas­tun­gen, da diese nega­ti­ven Auswir­kun­gen Anlass zu präven­ti­vem Handeln sind.
Das bedeu­tet aber nicht, dass sich Arbeit grund­sätz­lich nega­tiv auswirkt. Gut gestal­tete Arbeit kann helfen, uns gesund zu erhal­ten. Beispiels­weise struk­tu­riert sie unse­ren Tag und ermög­licht uns Sozi­al­kon­takte und das Gefühl, etwas Nütz­li­ches zu leis­ten. Schlecht gestal­tete Arbeit hinge­gen birgt Fehl­be­las­tun­gen mit mögli­chen nega­ti­ven Effek­ten.
Die Lite­ra­tur­re­cher­che führte zu knapp hundert Arti­keln, die sich den folgen­den neun Ober­ka­te­go­rien zuord­nen ließen:
  • Körper­li­che Erkran­kun­gen und Beschwer­den, z. B. muskulo-skelettale Beschwer­den, Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Psychi­sche Erkran­kun­gen und Beschwer­den, z.B. Depres­sion, Burnout
  • Moti­va­tion und Affekt, z.B. gene­rel­les psychi­sches Wohl­be­fin­den, Arbeits­zu­frie­den­heit
  • Gesund­heits­ver­hal­ten, z.B. körper­li­che Akti­vi­tät in der Frei­zeit, Schlaf
  • Beruf­li­che Perfor­mance, z.B. Leis­tung, Krea­ti­vi­tät und Inno­va­tion
  • Fami­lie und Frei­zeit, z.B. Auswir­kun­gen auf Ehepart­ner und Kinder
  • Arbeits­aus­fall, z.B. Fehl­zei­ten, Fluk­tua­tion
  • Sicher­heit am Arbeits­platz, z.B. Arbeits­un­fälle, Sicher­heits­klima
  • Sozia­les Verhal­ten am Arbeits­platz, z.B. Aggres­sio­nen am Arbeits­platz, Grup­pen­zu­sam­men­halt

Ursa­che oder Begleit­erschei­nung?

Bei der Analyse der Arti­kel ging es immer um die Frage, wie sicher die Forschungs­er­kennt­nisse bereits sind. Können wir also sagen, dass eine bestimmte Fehl­be­las­tung tatsäch­lich die Ursa­che für eine bestimmte Folge ist oder ob es sich eher um eine Begleit­erschei­nung handelt. Ein Beispiel kann den Unter­schied verdeut­li­chen: Wenn man fest­stellt, dass Perso­nen, die in Nacht­schich­ten arbei­ten, eher Über­ge­wicht haben, so könnte es sein, dass die Nacht­ar­beit die direkte Ursa­che für das Über­ge­wicht ist – das hieße Nacht­ar­beit führt zu Über­ge­wicht (auch wenn man sich gesund ernährt). Es kann aber auch sein, dass die Perso­nen sich unge­sün­der ernäh­ren, weil nachts keine Kantine mehr aufhat und sie deshalb über­ge­wich­tig werden. Dann ist nicht die Nacht­ar­beit die direkte Ursa­che für das Über­ge­wicht, sondern die falsche Ernäh­rung. Man könnte nun sagen, dass es doch egal ist, was letzt­end­lich zum Über­ge­wicht führt, Haupt­sa­che man tut etwas dage­gen. Die wirk­li­chen Ursa­chen für Wirkun­gen zu finden ist aber wich­tig, weil die Präven­ti­ons­ar­beit nur dann an den rich­ti­gen Stel­len anset­zen kann. In dem genann­ten Beispiel würde Präven­tion bedeu­ten, dass ein Betrieb den Perso­nen, die nachts arbei­ten, gesun­des Essen anbie­tet.

Ergeb­nisse der Analyse

Bei eini­gen unter­such­ten Folgen zeigt sich bereits deut­lich, dass sie durch psychi­sche Fehl­be­las­tun­gen bei der Arbeit mitver­ur­sacht werden. Hierzu gehö­ren
  • muskulo-skelettale Beschwer­den,
  • Depres­sion,
  • Angst und
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Das heißt, dass beispiels­weise Muskel-Skelett-Beschwerden nicht nur durch körper­li­che Belas­tun­gen entste­hen können, sondern auch durch psychi­sche. Es kann auch sein, dass psychi­sche Fehl­be­las­tun­gen bereits bestehende Beschwer­den in diesem Bereich verstär­ken.
Bei folgen­den Folgen ist es eben­falls wahr­schein­lich, dass sie durch ungüns­tige Arbeits­be­din­gun­gen mitver­ur­sacht werden:
  • ein schlech­te­res Immun­sys­tem
  • schlech­te­rer Schlaf
  • weni­ger körper­li­che Akti­vi­tät (Sport)
  • ein schlech­te­res allge­mei­nes Wohl­be­fin­den.
Bei den ande­ren recher­chier­ten Aspek­ten fanden sich meis­tens Zusam­men­hänge (Korre­la­tio­nen) mit psychi­schen Fehl­be­las­tun­gen. Sie sind also zunächst Begleit­erschei­nun­gen psychi­scher Belas­tun­gen in der Arbeits­welt.
Hierzu gehö­ren beispiels­weise
  • eine abneh­mende Arbeits­leis­tung
  • vermehrt sicher­heits­wid­ri­ges Verhal­ten
  • Moti­va­ti­ons­ver­lust oder eine stär­kere Kündi­gungs­ab­sicht.
Inwie­fern es sich hier­bei tatsäch­lich um direkte Folgen handelt, wird mögli­cher­weise die zukünf­tige Forschung zeigen.

Fazit

Insge­samt zeigt die Lite­ra­tur­ana­lyse, dass mögli­che Folgen psychi­scher Belas­tun­gen bei der Arbeit viel­fäl­ti­ger Natur sein können. Sie soll­ten also nicht auf psychi­sche Erkran­kun­gen redu­ziert werden. Auf jeden Fall soll­ten sich die Betriebe mit dem Thema „Psychi­sche Belas­tun­gen“ ausein­an­der­set­zen. Dies ist auch aus wirt­schaft­li­cher Erwä­gung sinn­voll, da Fehl­be­las­tun­gen auch mit Moti­va­ti­ons­ver­lus­ten und Leis­tungs­ein­bu­ßen einher­ge­hen können. Das bekannte Zitat von Werner von Siemens gilt wohl auch für die Gestal­tung gesund­heits­ge­rech­ter Arbeits­be­din­gun­gen. Er hat bereits 1880 gesagt: „Das Verhü­ten von Unfäl­len darf nicht als eine Vorschrift des Geset­zes aufge­fasst werden, sondern als ein Gebot mensch­li­cher Verpflich­tung und wirt­schaft­li­cher Vernunft.“ Darum ist es auch so wich­tig, die psychi­schen Belas­tun­gen in die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung einzu­be­zie­hen.
Die gesam­ten Ergeb­nisse der Lite­ra­tur­re­cher­che wurden in einem iga.Report veröf­fent­licht (www.iga-info.de)

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