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Arbeitsschutzmanagementsysteme Teil 1

Wie sie die gesamte Unter­neh­mens­kul­tur verän­dern

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Die Einfüh­rung von Arbeits­schutz­ma­nage­ment­sys­te­men (AMS) in Unter­neh­men ist keine gesetz­li­che Verpflich­tung. Dennoch nimmt ihre Bedeu­tung in der Unter­neh­mens­land­schaft stetig zu. Grund genug, um in einer Arti­kel­reihe die wich­tigs­ten Aspekte der AMS vorzu­stel­len. In dieser ersten Folge geht es um die Grund­la­gen: Was sind die Kompo­nen­ten eines AMS, welche Auswir­kun­gen verzeich­nen Unter­neh­men nach Imple­men­tie­rung eines AMS in ihren Betrie­ben, was sind die derzeit am meis­ten genutz­ten Systeme und gibt es Systeme, die sich in bereits bestehende Quali­täts­ma­nage­ment­sys­teme inte­grie­ren lassen?

Dr. Joerg Hensiek, Michael Kolbitsch

Charak­te­ris­tisch für das deut­sche Arbeits­schutz­sys­tem ist die zentrale Verant­wor­tung des Arbeit­ge­bers, die sich aus den §§ 3 und 13 des Arbeits­schutz­ge­set­zes (ArbSchG) ergibt. Dieser hat auch die Kosten des Arbeits­schut­zes zu tragen. Dass der Unter­neh­mer ange­sichts der viel­fäl­ti­gen Vorschrif­ten und des sich weiter entwi­ckeln­den arbeits­me­di­zi­ni­schen und sicher­heits­tech­ni­schen Wissens seinen Arbeits­schutz im eige­nen Betrieb nicht unsys­te­ma­tisch, sondern mit System orga­ni­sie­ren sollte, liegt auf der Hand. Zeit­lich paral­lel zu der Entwick­lung der Normen für das betrieb­li­che Quali­täts­ma­nage­ment und das Umwelt­schutz­ma­nage­ment gab es Über­le­gun­gen, auch ein Arbeits­schutz­ma­nage­ment­sys­tem (AMS) zur Verfü­gung zu stel­len. Dieses AMS sollte aller­dings nicht recht­lich verpflich­tend sein, sondern ledig­lich einen Rahmen­plan darstel­len, wie der Arbeits­schutz in der betrieb­li­chen Praxis besser umzu­set­zen ist (Arbeitsschutzorganisa-tion mit System).
Ob ein solches System eines Tages recht­lich verbind­lich sein sollte oder nicht, darüber gingen die Meinun­gen in den neun­zi­ger Jahren sehr ausein­an­der – und sind es bis heute auch geblie­ben. Von Anfang an stand aber fest, dass AMSe nach dem soge­nann­ten PDCA-Prinzip (Deming­kreis) aufge­baut werden soll­ten, wie es auch in klas­si­schen Qualitätsmanage-mentsystemen ange­wen­det wird. Dieser beschreibt einen itera­ti­ven, vier­stu­fi­gen Problem­lö­sungs­pro­zess, wie er auch bei Konti­nu­ier­li­chen Verbesserungsprozes-sen bzw. beim Kaizen verwen­det wird. Die Vorge­hens­weise beinhal­tet folgende Hand­lungs­schritte:
  • Planen – Tun – Über­prü­fen – Umset­zen oder
  • Planen – Umset­zen – Über­prü­fen – Handeln
(Beide Über­set­zun­gen sind gebräuch­lich)
Darauf aufbau­end soll ein AMS aus folgen­den Grund­ele­men­ten bestehen:
  • Ein Arbeitsschutz-Leitbild bzw. eine Arbeits- und Gesund­heits­schutz­po­li­tik
  • Mess­bare Arbeits­schutz­ziele, die im Betrieb verein­bart werden müssen und von der Geschäfts­füh­rung bis zur unters­ten Entschei­dungs­ebene herun­ter­ge­bro­chen werden können.
  • Ausrich­tung der Entschei­dung und ein struk­tu­rier­tes Handeln aller am Prozess betei­lig­ten Perso­nen gemäß den verein­bar­ten Zielen.
  • Fest­le­gung einer Verantwortungs- und Zustän­dig­keits­hier­ar­chie (Aufbau­or­ga­ni­sa­tion).
  • Eine stan­dar­di­sierte Ablauf­or­ga­ni­sa­tion von Arbeits­ver­fah­ren, Informations- und Entschei­dungs­pro­zes­sen.
Aus diesen Elemen­ten konsti­tu­iert sich auch die gene­relle Vorge­hens­weise bei der Imple­men­ta­tion von AMS:
  • Stra­te­gie: Ein gemein­sam verein­bar­tes Leit­bild zum Arbeits­schutz gibt allen Beschäf­tig­ten klare Ziele und einen eindeu­ti­gen Hand­lungs­rah­men vor.
  • Orga­ni­sa­tion und Verpflich­tun­gen: Durch AMS werden die notwen­di­gen Ressour­cen mobi­li­siert, Struk­tu­ren geschaf­fen und Prozesse defi­niert, die zur Errei­chung des Leit­bil­des dienen.
  • Planung und Umset­zung: Mittels des AMS werden Maßnah­men geplant und umge­setzt, die das Leit­bild in der Praxis umset­zen sollen.
  • Leis­tungs­mes­sung und Kontrolle der Maßnah­men: Konti­nu­ier­lich werden die Maßnah­men hinsicht­lich ihrer Ziel­er­rei­chung über­prüft, bewer­tet und entspre­chend verän­dert und ange­passt.
  • System­au­dit: Objek­tive Bewer­tung, in welchem Maße die fest­ge­leg­ten Ziele des Leit­bil­des durch die AMS-Organisation erfüllt werden (inter­nes bzw. exter­nes Audit)
  • Compliance-Audit: Objek­tive Bewer­tung, in welchem Maße die fest­ge­leg­ten Ziele des Leit­bil­des durch die durch die AMS-Organisation vorge­ge­be­nen Verpflich­tun­gen in der Praxis einge­hal­ten werden. Zudem wird die Einhal­tung recht­li­cher Vorga­ben geprüft.
Durch­set­zung auch ohne Rechts­ver­bind­lich­keit
  • Weder der Gesetz­ge­ber noch eine Unfall­ver­si­che­rung bezie­hungs­weise Berufsgenossenschaf-ten fordern bis heute expli­zit die Umset­zung eines AMS in Deutsch­lands Unter­neh­men. Aus den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen an den betrieb­li­chen Arbeits­schutz ergibt sich aber, dass ein Unter­neh­men ohne die Imple­men­tie­rung eines AMS den recht­li­chen Ansprü­chen gar nicht mehr genü­gen kann. Dies vor allem aufgrund der folgen­den drei Punkte:
  • In § 5 Arbeits­schutz­ge­setz (ArbSchG) wird ein zeit­ge­mä­ßes und präven­ti­ves Arbeits­schutz­ver­ständ­nis verlangt.
  • § 3 Abs. 1 ArbSchG fordert den Arbeit­ge­ber auf, Arbeits­schutz­maß­nah­men zu planen, umzu­set­zen und sie nach Über­prü­fung notfalls zu verbes­sern.
  • § 3 Abs. 2 ArbSchG verlangt vom Unter­neh­mer, eine „geeig­nete Orga­ni­sa­tion“ aufzu­bauen, die „notwen­di­gen Mittel“ bereit­zu­stel­len und die Themen Arbeits- und Gesund­heits­schutz zu Ange­le­gen­hei­ten der Geschäfts­lei­tung zu machen.
2002 hat ein Gremium bestehend aus dem Bundes­ver­band Media­tion in Wirt­schaft und Arbeits­welt, den obers­ten Arbeits­schutz­be­hör­den der Bundes­län­der, den Trägern der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung und den Sozi­al­part­nern einen „Natio­na­len Leit­fa­den“ für AMS entwor­fen, der 2003 veröf­fent­licht wurde. Dieser lehnte sich inhalt­lich stark an den inter­na­tio­na­len Leit­fa­den an, der von der Inter­na­tio­nal Labour Orga­ni­za­tion (ILO) 2001 vorge­stellt wurde. Dieser natio­nale Bezugs­stan­dard besitzt einen star­ken norma­ti­ven Charak­ter inso­fern, als dass er eine Empfeh­lung der für die Recht- und Stan­dard­set­zung im Arbeits­schutz wich­tigs­ten Akteure, nämlich Gesetz­ge­ber und Unfall­ver­si­che­rer, darstellt. Hinzu kommt, dass viele, vor allem große Unter­neh­men von ihren Auftrag­neh­mern bzw. Kontrak­to­ren einen nach­weis­bar wirk­sa­men Arbeits­schutz und damit auch ein einwand­frei wirk­sa­mes Arbeits­schutz­ma­nage­ment­sys­tem fordern. Diesen Erwar­tun­gen können die Unter­neh­men nur entspre­chen, wenn sie hohe Sicher­heits­stan­dards in ihren Unter­neh­men etablie­ren, die sich in erster Linie an den ambi­tio­nier­ten inter­na­tio­na­len ASM-Standards „Sicher­heits Certi­fi­kat Contrac­to­ren“ (SSC) und „Occupa­tio­nal Health and Safety Assess­ment Series“ (OHSAS) orien­tie­ren.
Orga­ni­sa­ti­ons­op­ti­mie­rung
Zum Thema AMS und deren Auswir­kun­gen auf die Orga­ni­sa­ti­ons­kul­tur hat die Deut­sche Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung (DGUV) eine Umfrage bei 300 zumeist großen Unter­neh­men Deutsch­lands und ihren Beschäf­tig­ten durch­ge­führt und die Ergeb­nisse 2013 veröf­fent­licht. Dabei hat sich vor allem gezeigt, dass die für den Arbeits­schutz rele­van­ten Prozesse und Verant­wort­lich­kei­ten – insbe­son­dere bei so wich­ti­gen Themen wie Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung und Führungs­kräf­te­ver­ant­wor­tung (Dele­ga­tion und Beschrei­bung von Unter­neh­mer­pflich­ten) – nach Einfüh­rung eines AMS viel inten­si­ver (auch eindeu­ti­ger und rechts­si­che­rer) in das betrieb­li­che Gesche­hen einge­bun­den sind und wesent­lich verbes­sert ablau­fen.
Durch das AMS wird der Arbeits­schutz in alle Unternehmens- und Manage­ment­be­rei­che und deren Prozesse inte­griert, zum Beispiel im Leit­bild, der Unternehmens- bzw. Quali­täts­po­li­tik, dem Kenn­zah­len­sys­tem und in den Arbeits­ab­läu­fen. Der Arbeits­schutz wird dadurch auch viel häufi­ger von den Beschäf­tig­ten thema­ti­siert und respek­tiert, weil sie nun viel eher und trans­pa­ren­ter erken­nen, wie wich­tig das Thema ist. Die Umfrage der DGUV zeigt darüber hinaus, dass ein AMS den „gewöhn­li­chen Betriebs­ab­lauf“ nicht nur nicht stört, sondern ihn sogar posi­tiv unter­stützt, Verbesserungspoten-tial aufzeigt, Arbeits­ab­läufe opti­miert uvm. Wich­tige Aufga­ben wie Beschaf­fung und Prüfung von Arbeits­mit­teln oder Dienst­leis­tun­gen werden deut­lich besser umge­setzt als zuvor. Durch ein AMS sind die Beschäf­tig­ten besser in die Prozess­ab­läufe einge­bun­den, zum Beispiel bei der Erstel­lung der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen oder bei der Umset­zung und vor allem auch Einhal­tung von Arbeits­schutz­maß­nah­men.
Arbeits­schutz­kom­pe­tenz der Führungs­kräfte
Hier fragte die DGUV nach der regel­mä­ßi­gen Durch­füh­rung von Unter­wei­sun­gen und Wirk­sam­keits­kon­trol­len durch Führungs­kräfte, sowie ob Führungs­kräfte durch ihr Verhal­ten den Beschäf­tig­ten als Vorbild für den rich­ti­gen Umgang mit Arbeits­schutz­an­for­de­run­gen im Betrieb dienen. Die Unter­neh­men antwor­te­ten, dass durch ein AMS Verant­wort­lich­kei­ten deut­li­cher fest­ge­legt werden, was sich posi­tiv auf das Arbeits­schutz­be­wusst­sein, die Akzep­tanz und die Arbeits­schutz­kom­pe­tenz im gesam­ten Unter­neh­men auswirkt. Die Führungs­kräfte werden hinsicht­lich ihrer Fürsor­ge­pflicht gegen­über den Beschäf­tig­ten beson­ders sensi­bi­li­siert. So ergrei­fen sie eher Maßnah­men im Falle von erkann­ten Mängeln und ermun­tern die Beschäftig-ten, Verbes­se­rungs­vor­schläge zum Arbeits­schutz zu machen. Die Rück­fra­gen bei den Beschäf­tig­ten bestä­tig­ten diese Anga­ben der Unter­neh­mens­lei­tun­gen. Es wurde von den Beschäf­tig­ten weiter­hin ange­ge­ben, dass ihre Arbeit durch die Vorge­setz­ten mehr wert­ge­schätzt wird und dass siche­res Verhal­ten bei der Beur­tei­lung ihrer Arbeits­leis­tung stär­ker berück­sich­tigt wird.
Arbeits­zu­frie­den­heit der Beschäf­tig­ten
Auch beim Faktor Arbeits­zu­frie­den­heit haben AMS posi­tive Verän­de­run­gen erbracht. Zum einen werden Beschäf­tigte direk­ter in Entschei­dun­gen zum Arbeits­schutz einbe­zo­gen, zum Beispiel bei der Berück­sich­ti­gung von Verbes­se­rungs­hin­wei­sen. Darüber hinaus werden sie besser zu Belan­gen des Arbeits­schut­zes infor­miert, zum Beispiel durch regel­mä­ßi­gere Unter­wei­sun­gen bzw. Mitarbeiter- und team-Gespräche und die Durch­füh­rung von arbeits­me­di­zi­ni­schen Vorsor­ge­leis­tun­gen. Die Anzahl der Verbes­se­rungs­vor­schläge durch die Beschäf­tig­ten hat sich nach Aussage der befrag­ten Unter­neh­men durch die Einfüh­rung eines AMS deut­lich gestei­gert. Die befrag­ten Beschäf­tig­ten bestä­tig­ten die Aussa­gen der Geschäfts­lei­tun­gen zu Arbeits­zu­frie­den­heit und Moti­va­tion in allen Punk­ten. Die Beschäf­tig­ten fühlen sich mit ihren Hinwei­sen zu Sicher­heit und Gesund­heits­schutz viel mehr ernst genom­men. Ein beson­ders erfreu­li­cher Effekt: In allen befrag­ten Unter­neh­men hat sich der Kran­ken­stand seit Einfüh­rung des AMS signi­fi­kant verrin­gert.
Mehr Rechts­si­cher­heit
Durch die Einfüh­rung eines AMS konnte nach Anga­ben der befrag­ten Unter­neh­men auch die voll­stän­dige Inte­gra­tion des Arbeits­schut­zes in dieje­ni­gen neuen Tech­no­lo­gien sicher­ge­stellt werden, für die es noch keinen allge­mein­gül­ti­gen Stand der Tech­nik und, falls über­haupt, nur sehr unspe­zi­fi­sche Arbeits­schutz­vor­schrif­ten gibt. Weitere Gesichts­punkte, die sich mit Blick auf die Rechts­si­cher­heit durch das AMS verbes­sern, sind zum Beispiel die Regel­mä­ßig­keit von Unter­wei­sun­gen und die Kontrolle von Sicher­heits­an­for­de­run­gen durch die Führungs­kräfte.
Vertrau­ens­zu­nahme bei Kunden und Part­nern
Befragt wurden die Unter­neh­men zu Auswir­kun­gen des AMS auf den Gewinn neuer Kunden, auf die Anzahl der Kunden, die von den Unter­neh­men, um mit ihnen Geschäfte zu machen, das Vorhan­den­sein eines AMS verlan­gen sowie, inwie­fern sich das Unter­neh­men­si­mage durch die Einfüh­rung eines AMS verbes­sert habe. Hier stellte sich heraus, dass die Imple­men­tie­rung eines AMS im Vergleich zu den oben behan­del­ten Themen­fel­dern der Umfrage die wenigs­ten Auswir­kun­gen hatte. Doch auch in diesem Bereich konn­ten einige posi­tive Trends fest­ge­stellt werden: Die Reak­tion der Kunden auf die erfolg­rei­che Einfüh­rung eines AMS war bei den befrag­ten Unter­neh­men gene­rell sehr posi­tiv. Einige Unter­neh­men gaben auch an, dass sie einige Aufträge von solchen Kunden­un­ter­neh­men hinzu­ge­won­nen hatten, die prin­zi­pi­ell ein AMS von ihren Part­ner­un­ter­neh­men als Grund­vor­aus­set­zung für geschäft­li­che Bezie­hun­gen verlan­gen. Auch die Anzahl der Bean­stan­dun­gen bezüg­lich des Arbeits­schut­zes durch Geschäfts­part­ner und Über­wa­chungs­be­hör­den hatte sich in den befrag­ten Unter­neh­men auf einem sehr nied­ri­gen Niveau gehal­ten.
Die domi­nan­ten Systeme: OHSAS 18001 und SCC, MAAS-BGW
Welche AMSe haben sich gegen­wär­tig in Deutsch­land beson­ders durch­ge­setzt? Die AMS-Landschaft ist (noch) sehr hete­ro­gen, es gibt eine ganze Reihe von länder- und bran­chen­spe­zi­fi­schen Lösun­gen. Die bislang weiteste Verbrei­tung aber haben dieje­ni­gen AMS gefun­den, die auch inter­na­tio­nal die größte Rele­vanz besit­zen: OHSAS 18001 und das SCC-System.
Das OHSAS-System (Occupa­tio­nal Health and Safety Assess­ment Series) ist der bedeu­tendste inter­na­tio­nale Stan­dard (Leit­fa­den) zur Gestal­tung und zum Aufbau eines unter­neh­mens­spe­zi­fi­schen AMS. Es handelt sich aber in Deutsch­land nicht um eine Norm, während in Groß­bri­tan­nien und ande­ren Staa­ten auf Basis von OHSAS bereits Normen formu­liert wurden. Aktu­ell wird OHSAS bereits in über 80 Ländern ange­wen­det, auch in Deutsch­land wächst die Zahl derje­ni­gen Unter­neh­men, die sich nach diesem Stan­dard zerti­fi­zie­ren lassen, stän­dig an.
Auslö­ser für die Entwick­lung von OHSAS 18001 waren das Schei­tern der Entwick­lung einer inter­na­tio­na­len Norm für AMS sowie der Wunsch inter­na­tio­nal operie­ren­der Unter­neh­men nach einem inter­na­tio­nal aner­kann­ten AMS, das die Viel­zahl natio­na­ler und bran­chen­be­zo­ge­ner Stan­dards erset­zen sollte. Im Jahr 1999 veröf­fent­lichte das Briti­sche Normungs­in­sti­tut (BSI) OHSAS als Vorschlag für einen inter­na­tio­nal gelten­den Stan­dard. Die Entwick­lung dieses Stan­dards sollte auch als Auffor­de­rung an die „Inter­na­tio­nal Orga­ni­za­tion for Stan­dar­di­za­tion“ (ISO) verstan­den werden, auf Basis von OHSAS eine inter­na­tio­nale AMS-Norm vorzu­le­gen. Seit 2005 wurde OHSAS über­ar­bei­tet und liegt mitt­ler­weile in der Version 18001:2007 als ein Konzept vor, das zwar nicht mehr den Anspruch erhebt, ein inter­na­tio­nal gülti­ger Stan­dard zu sein, aber immer­hin als eine Grund­lage für die Formu­lie­rung natio­na­ler Normen dienen könnte.
Wie bereits erwähnt, wurden in Groß­bri­tan­nien (BS OHSAS 18001:2007) und ande­ren euro­päi­schen Staa­ten bereits Normen auf Basis von OHSAS veröf­fent­licht. Doch auch inter­na­tio­nal kommt für OHSAS nun der Durch­bruch: Die Inter­na­tio­nale Orga­ni­sa­tion für Normung (ISO) beschloss im Juni 2013 auf Grund­lage von OHSAS einen entspre­chen­den ISO-Standard zu entwi­ckeln, der dieses oder kommen­des Jahr veröf­fent­licht werden soll. Es wurde ange­regt, ähnlich wie bei der ISO 14001 – Anhang A eine Anlei­tung zur Anwen­dung dieser inter­na­tio­na­len Norm zu erstel­len. Da die Benen­nung „18001“ bereits für eine IT-Norm für Radio­fre­quen­zen verge­ben wurde, wird der neue Stan­dard für Arbeits- und Gesund­heits­schutz die Bezeich­nung ISO 45001 Occupa­tio­nal Health and Safety Manage­ment Systems erhal­ten. In seiner Struk­tur lehnt sich OHSAS stark an die ISO 9001 im Quali­täts­ma­nage­ment und ISO 14001 im Umwelt­schutz­ma­nage­ment an. Das System ist vor allem dazu konzi­piert, Unter­neh­men einen praxis­taug­li­chen Leit­fa­den für den Aufbau eines AMS zu bieten sowie den Erfolg des AMS durch ein inter­nes Audit über­prüf­bar zu machen.
Das Sicherheits-Ceritifikat-Contractoren (SCC) ist streng genom­men kein AMS-System, sondern ein Zerti­fi­zie­rungs­sys­tem für den Arbeits­schutz. Es wurde 1989 in den Nieder­lan­den entwi­ckelt und 1994 vom dorti­gen Zerti­fi­zie­rungs­rat zuge­las­sen. Der Anlass hier­für war, dass die großen Mine­ral­öl­fir­men wie Shell aufgrund der hohen Unfall­rate in der Bran­che zuneh­mend auf einen umfas­sen­den und guten Arbeits­schutz Wert legten und somit auch ihre Auftrag­neh­mer bezie­hungs­weise Kontrak­to­ren auf einen solchen verpflich­ten woll­ten. Da sich in der Praxis aber verschie­dene AMS-Systeme bilde­ten, Arbeits­schutz­be­din­gun­gen daher nicht voll­stän­dig vergleich­bar und Einzel­prü­fun­gen mit einem hohen Kosten­auf­wand verbun­den waren, entstand der Wunsch nach einheit­li­chen, vor allem von Mine­ral­öl­fir­men akzep­tier­ten Verfah­ren und Zerti­fi­ka­ten. Das daraus entstan­dene SCC-System wurde 1996 auch in Deutsch­land einge­führt.
Schon seit länge­rem findet es bran­chen­über­grei­fend Anwen­dung und ist in zwei Indus­trie­be­rei­che unter­teilt: zum einen für Kontrak­to­ren und das produ­zie­rende Gewerbe (SCC), zum ande­ren für Perso­nal­dienst­leis­ter (SCP). Die Zerti­fi­zie­rung erfolgt durch akkre­di­tierte SCC/SCP-Zertifizierer. Nach der Über­prü­fung der durch ein Unter­neh­men vorge­leg­ten Doku­men­ta­tion (Stufe 1) erfolgt die Audi­tie­rung (Stufe 2). Die Bewer­tung des Audi­tors erfolgt anhand der Krite­rien der SCC-Checklisten. Das in Doku­men­ten geglie­derte Regel­werk enthält die Fragen und Anfor­de­run­gen, die für die Zerti­fi­zie­rung zu erbrin­gen sind. Für die Zerti­fi­zie­rung müssen die Unter­neh­men 37 Pflicht­fra­gen und weitere zehn Ergän­zungs­fra­gen beant­wor­ten. Um das unein­ge­schränkte SCC-Zertifikat zu erlan­gen, müssen alle 37 Pflicht­fra­gen sowie mindes­tens fünf der Zusatz­fra­gen posi­tiv beant­wor­tet sein. Zur Erlan­gung des einge­schränk­ten SCC-Zertifikats reicht eine posi­tive Beant­wor­tung von 27 der Pflicht­fra­gen. Die Zerti­fi­zie­rungs­ent­schei­dung erfolgt durch die Zerti­fi­zie­rungs­stelle. Diese ist an die Empfeh­lung des Audi­tors nicht gebun­den, folgt aber in der Regel dieser.
Einbin­dung in das Quali­täts­ma­nage­ment­sys­tem
Ein in den vergan­ge­nen Jahren zuneh­mend popu­lä­res AMS ist qu.int.as. Dieses System inte­griert den Arbeits­schutz in ein bereits bestehen­des Qualitätsmanage-mentsystem nach DIN EN ISO 9001, was viele zusätz­li­che Vorteile mit sich bringt. Die Berufs­ge­nos­sen­schaft für Gesund­heits­dienst und Wohl­fahrts­pflege (BGW) hat dieses System unter dem Produkt­na­men MAAS-BGW für ihre Bran­che frucht­bar gemacht und es als Ergän­zung zur DIN EN ISO 9001 erar­bei­tet. Die fest­ge­leg­ten Manage­ment­an­for­de­run­gen von MAAS-BGW lassen sich aus diesem Grunde nur erfül­len, wenn auch die Anfor­de­run­gen an ein Qualitätsmanage-mentsystem nach DIN EN ISO 9001 bereits erfüllt sind. Dieses AMS ist in seiner Struk­tur analog zur DIN EN ISO 9001 geglie­dert und lehnt sich begriff­lich eng an die Quali­täts­norm an.
Nach einer „Bran­chen­öff­nung“ dieses ehemals nur für spezi­elle Bran­chen zuge­las­se­nen Regel­wer­kes werden in Kombi­na­tion mit einer ISO 9001-Zertifizierung weitere arbeits­schutz­spe­zi­fi­sche Voraus­set­zun­gen der MAAS-BGW auf Umset­zung geprüft. Das betrifft unter ande­rem die Arbeits­me­di­zi­ni­sche Vorsorge, die Beur­tei­lung von Arbeits­be­din­gun­gen, den Umgang mit Gefahr­stof­fen sowie das Notfall-Management. Viele im „Zerti­fi­zie­rungs­ge­schäft“ wirken­den Akteure und auch Unter­neh­men blicken gespannt darauf, welche Auswir­kun­gen die Bran­chen­öff­nung der MAAS-BGW auf die AMS-Landschaft haben wird. Die Voraus­set­zun­gen, dass sich MAAS-BGW über­grei­fend in allen Bran­chen zu einem aner­kann­ten und weit verbrei­te­ten AMS entwi­ckeln wird, sind durch dieses intel­li­gente und nütz­li­che System jeden­falls gege­ben. Arbeits­schutz, Unfall­ver­hü­tung und quali­ta­tive Aspekte in den Unter­neh­mens­pro­zes­sen rücken ange­sichts sich rasch wandeln­der, komple­xe­rer und neuer Arbeits­ver­fah­ren sowie verän­der­ter Belas­tungs­struk­tu­ren immer mehr in den Fokus einer verant­wort­li­chen und gewinn­brin­gen­den Unter­neh­mens­füh­rung. Was liegt also näher als beide Systeme inein­an­der­zu­fü­gen?
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