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André Wiersig

Nachgefragt bei
André Wiersig

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Der Ärmelka­nal war nur der Auf­takt: Nach­dem André Wier­sig die Meerenge zwis­chen Eng­land und Frankre­ich im Sep­tem­ber 2014 in ein­er respek­tablen Zeit durch­schwom­men hat­te, wandte er sich den Ocean’s Sev­en zu – einem Wet­tbe­werb, der 2009 von Steven Muna­tones als Äquiv­a­lent zu den Sev­en Sum­mits ins Leben gerufen wurde. Als erster Deutsch­er schaffte der Extrem­sportler die sieben Langstreck­en weltweit – und zwar alle­samt im ersten Anlauf.

Herr Wier­sig, welch­er der sieben Meereskanäle hat Ihnen am meis­ten abver­langt? Ver­mut­lich ist dies nicht nur eine Frage der Streck­en­länge, die zwis­chen 14,4 und 44 Kilo­me­tern variiert …

Nein, zumal sich diese Angaben auf die Luftlin­ie beziehen. Man schwimmt aber immer deut­lich länger, weil man von der Strö­mung abgetrieben wird. Also beim Klas­sik­er, dem Ärmelka­nal mit 34 Kilo­me­tern Bre­ite, bin ich ins­ge­samt 48 Kilo­me­ter geschwom­men. Auf Hawaii war ich dann ein­mal über fünf Stun­den in ein­er Strö­mung gefan­gen. Obwohl ich voll geschwom­men bin, kam ich nicht von der Stelle. Dabei schaffe ich im Durch­schnitt vier Kilo­me­ter pro Stunde. Das muss man dann erst­mal men­tal weg­steck­en. Ins­ge­samt habe ich über 18 Stun­den gebraucht… Beim Start weiß man nie, was auf einen zukommt. So ein Ozean lässt sich nicht kon­trol­lieren, der macht ein­fach, was er will. Deswe­gen tut man gut daran, die eige­nen Erwartun­gen an den Tag, das Unter­fan­gen und das Ziel abzule­gen und vol­lkom­men im Moment zu sein. Über viele Stun­den, zum Teil unter extremen Bedin­gun­gen, ganz bei sich zu sein – das liebe ich am Ozean­schwim­men. Ganz ohne Ablenkung, du siehst nichts, kannst dich mit nie­mand unter­hal­ten. Genau das fällt uns in der heuti­gen Zeit und Gesellschaft ja so schw­er. Es ist allerd­ings nicht ein­fach und ein langer Prozess, mit sich selb­st gut auszukommen.

Braucht es nicht vor allem eine immense Kör­perkraft, um diese Streck­en zu meis­tern? Zum Teil unter widri­gen Bedin­gun­gen: hoher See­gang, riskante Begeg­nun­gen mit Tieren, Schif­f­en, Müll….

Der Kör­p­er ist tat­säch­lich neben­säch­lich. Wenn du mit­ten in der Nacht an einem wilden Küsten­ab­schnitt am Atlantik oder Paz­i­fik, wo es wirk­lich ein paar tausend Meter tief runter geht, ins offene Meer rauss­chwimmst, musst du men­tal dafür aufgestellt sein. Na klar musst du auch schwim­men kön­nen, das ist schon eine gute Sache, aber zuallererst musst du die richtige Kopfe­in­stel­lung haben. Es gibt viele Leute, die deut­lich bess­er schwim­men als ich. Aber die haben nicht die Ner­ven, um so etwas zu machen.

Wirk­lich sehr her­aus­fordernd war der North Chan­nel zwis­chen Nordir­land und Schot­t­land. Das Wass­er dort ist mit 12 Grad extrem kalt. Da war ich stark unterkühlt und völ­lig von Quallen zer­stochen, also fast lebens­ge­fährlich ver­let­zt. In Hawaii, zwis­chen den zwei Inseln Moloka‘i und O’ahu, hat­te ich mit Wahnsinnswellen und ein­er Hai-Begeg­nung zu tun, mit­ten in der Nacht. Auch hier kamen Quallen hinzu, diese por­tugiesis­chen Galeeren, die Men­schen töten kön­nen. Davon habe ich etwa zehn Stück kassiert und wäre fast ohn­mächtig gewor­den vor Schmerz. Natür­lich habe ich auch oft ans Aufgeben gedacht, ger­ade in solchen Sit­u­a­tio­nen. Aber dann habe ich mir gesagt, wenn du jet­zt an Bord des Begleit­bootes gehst, sind die Schmerzen immer noch da. Da kannst du auch gle­ich weiterschwimmen.

Wichtig ist die richtige Ein­stel­lung zur Natur: Quallen gehören zum Ozean dazu, die sind da seit Mil­liar­den von Jahren zuhause. Ich hinge­gen bin dort nur zu Gast, in ihrem Leben­sraum, und zwar frei­willig. Ich habe deshalb nie auf Quallen oder Haie geschimpft und bin von den Meer­estieren im All­ge­meinen auch gut behan­delt wor­den. Es gab ja auch ganz tolle Begeg­nun­gen, zum Beispiel mit Seelöwen. Die haben mich für eine Weile in ihre Gemein­schaft aufgenom­men, sind ein Stück mit mir geschwommen.

Trotz­dem: Wie schafft es der Kör­p­er diese Stra­pazen zu über­ste­hen, pausen­los schwim­men, im Salzwass­er, nur in Badehose…

Du bist ein­fach so entkräftet, dass du schon wieder kräftig bist. Du bist über alle Lim­its kom­plett drüber. Ich bin über 18 Stun­den rumgeschwom­men auf Hawaii und habe nicht mal einen Son­nen­brand gekriegt, auch keinen Muskelkater. Der men­schliche Kör­p­er schal­tet ab einem gewis­sen Punkt um und funk­tion­iert ein­fach nur noch. Der hat dann keine Zeit mehr für Son­nen­brand oder Muskelkater (lacht). Klar set­zt einem das Salzwass­er zu, man sieht ganz fürchter­lich aus. Die Schleimhäute auf der Zunge sind völ­lig aufge­quollen und du hast tage­lang keinen Geschmack mehr. Wenn das Wass­er nur zwölf Grad hat, stirbt dir zudem alles ab, Hände, Füße, alles tot.

Die Nahrung wird dir zuge­wor­fen, hochkalorische Flüssig­nahrung, weil selb­st die Kiefer­musku­latur einge­froren ist. Mit der Nahrung muss man vorher viel exper­i­men­tieren, denn die muss man auch zwis­chen vier, fünf Meter hohen Wellen noch gut ver­stof­fwech­seln kön­nen. Auch als Schwim­mer kann man seekrank wer­den! Aber fes­thal­ten und aus­ruhen ist halt nicht, du muss immer durch­ballern. Volles Pro­gramm. Wenn du dann an Land kommst, bist du von Demut erfüllt. Man reißt auch nicht die Arme hoch wie zum Beispiel beim Marathon. Du empfind­est schlicht und ergreifend tiefe Dankbarkeit und Demut. Das schwingt bei mir bis heute nach.

Kein Wun­der, dass Sie sich für die Deutsche Meer­ess­tiftung engagieren! Sie betreiben zudem ein Pro­jekt zur Schwimm­förderung von Kindern. Was hat es damit auf sich?

Ich will vor allem für die The­matik sen­si­bil­isieren. Kann ein Kind nicht beson­ders gut tanzen oder spielt es kein Klavier, ist das allen­falls bedauer­lich. Aber wenn ein Kind nicht schwim­men kann, ist das lebens­ge­fährlich. Eigentlich müssen die Eltern dafür sor­gen, dass ihre Kinder schwim­men ler­nen. Sie sind dafür ver­ant­wortlich, nicht die Kita oder Schule. Aber viele Eltern kön­nen ihrer Ver­ant­wor­tung aus diversen Grün­den nicht nachkom­men. Deshalb organ­isieren wir Schwimmkurse mit allem Drum und Dran. Das geht manch­mal so weit, dass wir Teil­nehmer mit dem Taxi zum Kur­sus abholen. Lei­der kön­nen wir dies nur rel­a­tiv weni­gen Kindern ermöglichen. Es ist mir aber wichtig, diesen Impuls zu set­zen. Kinder müssen schwim­men kön­nen. Punkt.


Steckbrief

  • geboren 1972 in Bochum
  • Ver­trieb­sleit­er in der IT-Branche
  • Ozean­schwim­mer und Sprecher
  • durch­schwamm als erster Deutsch­er und ins­ge­samt 16. Men­sch weltweit sieben Meereskanäle, die Ocean’s Seven
  • ist offizieller Botschafter der Deutschen Meeresstiftung
  • real­isiert und begleit­et mit dem Pro­jekt „Ich kann schwim­men!“ Schwim­munter­richt für Kinder
  • hat seine Erleb­nisse im Buch „Nachts allein im Ozean“ und in der Audio-Edi­tion „Ein Mann des Meeres“ festgehalten
  • hält Vorträge in Fir­men, Unis und Schulen
  • plant als näch­stes ein Helgoland-Projekt
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